Auf ein Wort, Herr Spahn

14.03.2018
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Das Ressort des Gesundheitsministeriums ist spannend wie selten vorher. Der neue Minister gilt als ambitioniert, ehrgeizig. Viele sehen ihn als eine wichtige zukünftige Führungsperson in seiner Partei. Aber nun sitzt er zwischen vielen Stühlen und kann Großes schaffen oder sich die Finger verbrennen. Ein offener Brief.

Sehr geehrter Herr Spahn,

nun sind die Hürden genommen und Sie sind unser neuer Gesundheitsminister. Ich möchte nicht darüber spekulieren, ob dieses Ressort zum jetzigen Zeitpunkt für Sie persönlich eine Chance oder ein Risiko darstellt. Es wird sich in den kommenden Jahren zeigen, ob die Regierung mit Ihnen als Minister die multiplen und divergierenden Interessen und Aufgaben erkennen und lösen kann.

Ich frage mich, wird es weiterhin nur neue Flicken im Teppich des deutschen Gesundheitssystems geben oder gewinnt womöglich sogar die einflussreichste Lobby?

Zu Beginn und am Ende aller Fragen in diesem Bereich sollte stets der Patient stehen. Seine Gesundheit zu erhalten und wiederherzustellen, ist die Aufgabe der Leistungserbringer – finanziert durch Beiträge und Steuern. Die Politik muss steuern und regulieren. Klingt einfach, ist über die Jahre aber immer komplizierter geworden. Sie sitzen zwischen vielen Stühlen.

Die Bevölkerung: Wie begegnen wir der alternden Bevölkerung?

Über den angeblich steigenden Anspruch der Menschen in Bezug auf die Bereitstellung medizinischer Versorgung möchte ich an dieser Stelle nicht sprechen. Auch wenn man sich schon fragen kann, warum es in Deutschland derart viele Arztbesuche pro Person und Jahr im Vergleich zu anderen Industriestaaten gibt.

Viel wichtiger finde ich es aber, einen Blick auf die derzeitige und vor allem zukünftige Versorgung unter Beachtung unserer Alterspyramide zu werfen. Laut statistischem Bundesamt liegt der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre im Jahre 2018 bei 22 Prozent. Im Jahr 2030 werden die sogenannten Babyboomer aus der Arbeitswelt ausscheiden, der „Pillenknick“ wird übernehmen und schon einen Anteil von 28 Prozent über 65-Jährigen finanzieren und medizinisch versorgen müssen.

2050 werden es 32 Prozent sein. Es ist allgemein bekannt, dass die die Kosten für die Versorgung im Alter zunehmen: mehr Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte, behandlungsbedürftige Krankheiten, Medikamente, Alten- und Gesundheitspflege.

Wir benötigen also nicht nur mehr Arbeitskräfte im Gesundheitssystem, sondern auch mehr Geld für Personalkosten, Einrichtungen und Behandlungen, Krankentransporte etc.

Ärzte und Pflegekräfte: Schaffen Sie attraktive Arbeitsbedingungen

Wenn sich dieses Land auf motivierte und gut ausgebildete Ärzte und Pfleger verlassen möchte, sollte wir nach den Ursachen der derzeitigen Unzufriedenheit suchen. Schaffen Sie, Herr Spahn, Bedingungen, damit junge Menschen diesen Beruf gerne erlernen und auch ausüben wollen. Dazu gehört Geld, aber auch eine gute Qualifikation, angenehme Arbeitsumfelder, weniger Bürokratie, mehr Personal und vor allem eine Würdigung dieser ganz besonderen Art der Arbeit am Menschen. Wir brauchen die Besten.

Apotheken und Industrie: Wo geht die Reise hin?

Überlassen wir nicht den anderen Länder zu forschen und zu erfinden. Lassen wir es nicht zu, dass dann unter zweifelhaften Bedingungen und kritischer Qualität irgendwo in der Welt produziert wird. Das wäre billig, nicht preiswert. In Deutschland sollte weiter pharmakologisch geforscht und auf weltweit höchstem Standard produziert werden. Aber schaffen wir Transparenz und verhindern wir unangemessen Einfluss der Industrie auf die Ämter und Politik. Das gilt nicht nur für die Pharmaindustrie, sondern auch für die Produzenten entsprechender Medizingeräte.

Außerdem ist da die Frage, die vielen unter den Nägeln brennt: Welche Rolle kann die Apotheke vor Ort in der Zukunft spielen? Sie ist mehr als eine Verteilstation für Medikamente und sollte diese Rolle auch wahrnehmen. Welche Vorteile bietet sie gegenüber der Versandapotheke?

Versicherungen: Bezahlung nach erbrachter Leistung

Die Lobby der Krankenkassen ist in Deutschland sehr aktiv. Medial präsentiert sie sich professionell, sie haben großen Einfluss in Berlin. Brauchen wir einen Wettbewerb zwischen den vielen Krankenkassen zur Kostenreduktion im Verwaltungsbereich? Brauchen wir sinnlose Therapien und Bonusprogramme zur Kundengewinnung?

Als Gesundheitsminister sollten Sie eine gerechte Honorierung der Leistung schaffen. Egal, ob gesetzlich oder privat versichert. Ich bin gespannt, ob Sie bei den Budgets und Quartalspauschalen der gesetzlich Versicherten bleiben oder ob bald gerecht und tatsächlich nach erbrachter Leistung bezahlt wird?

Digitalisierung: Wo stehen wir und wo wollen wir hin?

Der Begriff der Digitalisierung wird inflationär verwendet. Aber welche Rolle kann die Digitalisierung in der Medizin wirklich einnehmen? Wie können wir dabei sicherstellen, dass Datenschutz und Qualität nicht vernachlässigt werden?

Die Telematikinfrastruktur, die derzeit durch die Praxen geistert, produziert bisher nur Verwirrung und Kosten, die am Ende nicht wie geplant ausschließlich von den Krankenkassen, sondern wieder einmal auch von den Praxen bezahlt werden. Der einzige Gewinner ist bisher die Industrie, die mit einem Gesetz im Rücken höchst lukrative Verträge vergibt.

Politik und Medien: Wir brauchen eine saubere Berichterstattung

Herr Spahn, lassen Sie sich von denjenigen vor den Karren spannen, die mit unangemessener Kritik am System und Sozialneid aus rein parteipolitischen Kalkül Stimmung machen! Sind Sie in der Lage diese hervorragende wahrscheinlich weltbeste medizinische Versorgung in Deutschland zukunftssicher zu machen?

Können Sie es mit den Medien zusammen schaffen, auf wirkliche Probleme in Deutschland hinzuweisen, auch im Gesundheitswesen? Oder liefern sich die Medien weiterhin einen erbitterten Kampf, wenn es darum geht, wer die schlechteste Stimmung verbreiten kann? Vielen Medien geht es nur darum, Auflagen, Klicks oder Einschaltquoten zu erzielen, viele Politiker versuchen durch das Schüren von Ängsten Stimmen für die nächste Wahl zu gewinnen. Das muss sich ändern!

Auf gehts, an die Arbeit!

Trauen Sie sich! Trauen Sie sich, ein Diener des Volkes zu sein! Das Richtige zu machen und nicht das Lukrativste. Trauen Sie sich, langfristig zu denken, nicht nur bis zur nächsten Wahl! Trauen Sie sich, sich von der lautstarken Lobby informieren, aber nicht beeinflussen zu lassen!

Wenn Ihnen dieser Spagat gelingt, gewinnen Sie mit Sicherheit einige Gegner mehr, aber auch die Menschen in Deutschland. Vielleicht schaffen Sie es sogar, das Vertrauen in die Politik, das nicht nur nach dieser Regierungsbildung arg ramponiert ist, wiederherzustellen.

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr 5- Foraminologe

 

Bildquelle: Heinrich-Böll-Stiftung, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.03.2018.

48 Wertungen (4.77 ø)
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Gast
Wie vereinbart sich die 'christlich konservative"Partei,der Sie angehören mit einer Mann Mann Beziehung,die Sie führen. Ich will Sie nicht verurteilen,auch Frau Weidel ist ein Negativbeispiel. Ich frag mich nur,ist das jetzt" hipp" unter Homosexuellen in die Politik zu gehen und damit die Gesellschaft auf Homo,Multikulti Bunt vorzubereiten?
#11 vor 32 Tagen von Gast (Heilpraktiker)
  5
Gast
Volle Zustimmung Herr Dettmann!!!!
#10 vor 32 Tagen von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
  0
@#6: Korrekt! Und nun bin ich kein Freund von "Hart aber Fair". Jedoch hatte sich dieser 1980er-Spät-Yuppie Spahn mehrfach selbst diskreditiert. Vor allem wie er naseweiß und arrogant, wie von den verstaubten Mitspielern der ewigen Berliner Politbande gar nicht anders zu erwarten, immerzu den erwachsenen und wissenschaftlich tätigen Experten erklären wollte, dass die PKV genau wie die GKV auf einem Solidarsystem beruht und er sich einfach nicht eines besseren belehren lassen wollte, dass die PKV das eben nicht ist und auf das individuell-egoistische Prinzip des Spiels mit dem Risiko basiert. Wie arrogant er sein verschrobenes und wohl nur sehr kleines Weltbild fast schon trotzig-infantil vertrat, war einfach nur unerträglich. Na ja, enttäuscht war ich nun auch nicht, weil einfach nur das bestätigt wurde, was mit dieser Personalie einfach nur zu erwarten war. Wieder vier Jahre für die Zukunft vergeudet - In allen Bereichen...
#9 vor 32 Tagen von Robert Dettmann (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Patienten mit eine seltene Erkrankung sind sie Waisen der Medizin und der Gesellschaft. Die Gesetzgebung würdigt unzureichend die Belangen der betroffenen. Hier sollte auch etwas getan werden.
#8 vor 34 Tagen von Jean-Jacques Sarton (Nichtmedizinische Berufe)
  1
Gast
Dringend notwendiger Schritt aus der Bevormundung, Gängelung etc. und 2-Klassen-Medizin ist die Abschaffung des Sachleistungsprinzips. Umgehend ist die Budgetierung - oder wie auch immer die euphemistisch benannt wird - abzuschaffen oder dort hinzuverlagern, wo sie hingehört: zum Patienten nicht zum Arzt.
#7 vor 34 Tagen von Gast (Zahnarzt)
  0
Kritiker
Mit Verlaub, bei der Besetzung von Ministerstellen ist nicht Fachkompetenz gefragt sondern Parteizugehörigkeit und die Fähigkeit Luftnummern zu produzieren. Oder weiß schon jemand, wie der liebe Herr Spahn die Wartezeiten Kasse- Privat angleichen will? Außer der Absicht habe ich noch nichts vernommen. Ich bin überzeugt, wenn z.B. Herr Dr. Schätzler Gesundheitsminister wäre, würde sich etwas zum Positiven wenden.
#6 vor 34 Tagen von Kritiker (Medizinphysiker)
  2
Gast
Apotheken: Kann man die Versandapotheken nicht mal in Ruhe lassen? Ich bin da gerne Kunde und hoch zufrieden.
#5 vor 37 Tagen von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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@#3: Sozialpolitik ist mit Gesundheitspolitik in diesem europaweit nur noch einzigartigen dualen System eng miteinander verwoben. Im Beitrag #2 wurde daher zurecht auf die ungenügende Sensibilität und damit auch einer sozialen Inkompetenz sehr richtig hingewiesen. Jedem Bürger in nicht selbstständigen Arbeitsverhältnissen droht bei den Wechsefällen des Lebens der ungebremste soziale Abstieg. Jedem Bürger, egal ob arm oder reich, muss den Pflegenotstand etwas angehen. Diese Aufgabe muss der Staat übernehmen und dies Wissenschaftler so empfehlen und fordern. Wissenschaftlich bewiesen ist auch, dass die Agenda 2010 unseres Gazprom-Ex-Kanzlers, keinerlei Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung hatte...
#4 vor 40 Tagen von Robert Dettmann (Nichtmedizinische Berufe)
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Gratulation an "5-Foraminologe". Sie haben die wesentlichen Punkte hervorragend aufgearbeitet. Wenn ich allerdings hier im Forum schon wieder lese wie auf Herrn Spahn eingedroschen wird, frage ich mich ob die eigentliche Botschaft verstanden wurde. Lassen wir doch diesen Mann erst mal seine Arbeit tun. Und die ALG2/Hartz4 Problematik ist viel zu komplex, als dass man sie unqualifiziert auf Einzelfälle beschränken darf. Ideologische Geisterfahrten werden dem Grundproblem bestimmt nicht gerecht.
#3 vor 40 Tagen von Helmut K Heckele (Medizintechniker)
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Diesen Offenen Brief an Jens Spahn kann ich unterschreiben. Der Bundesgesundheitsminister, Ex-MdB, Ex-Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Ex-Bankkaufmann, Bachelor in Politikwissenschaft hat sich selbst demontiert. Sein Ausspruch zu Hartz IV im Zusammenhang mit den "Tafeln" wurde auf Twitter kommentiert: Antwort an @BILD "Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist die Antwort unserer Solidargemeinschaft auf Armut" (J.Spahn) bedeutet Hybris, Arroganz, Abgehobenheit, Haarspalterei: Keine ministrable Antwort auf Krankheiten, Behinderungen, Nöte, Verzweiflung, Armut, Mangelernährung! Antwort an @zeitonline Dann zeugt der Spruch des "Gesundheitsministers in spe" von ziemlich unerträglicher, diskriminierender Hybris, Arroganz, Abgehobenheit, Haarspalterei! Ist das etwa eine ministrable Antwort... Der Minister hat vergessen, dass Menschen mit ALG-2 wie z.B. Alleinerziehende mit Kindern auf die „Tafeln“ angewiesen sind, um z.B. ihrer wesentlich höheren Krankheitslast zu entgehen!
#2 vor 40 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Ich habe Herrn Minister Spahn darauf aufmerksam gemacht, dass die Gesundheitsorganisation der BRD verfassungswidrig ist. Die in der Mediathek einsehbaren journalistischen Arbeiten "Die Macht der Krankenhäuser" und "Operieren und kassieren" beweisen das. Die ökonomisch bedingte Führung z.B. von Kliniken verstoßen durch ihre medizinischen Nachteile für die Patienten gegen Artikel 1, und die Gewinnsucht privater Investoren gegen Artikel 74 Abs. 16.
#1 vor 40 Tagen von Werner krause (Nichtmedizinische Berufe)
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