Postkoitalpille: Die Rache der Frauenärzte

12.03.2018

Seit drei Jahren ist die „Pille danach“ ohne Rezept erhältlich. Gynäkologen kritisieren: Frauen würden in der Apotheke nur unzureichend beraten und deshalb das Medikament falsch einnehmen. Dies führe letztlich zu mehr Schwangerschaftsabbrüchen. Was sagen die Zahlen?

Seit Jahren erhalten Frauen in etlichen europäische Staaten die „Pille danach“ als OTC. Dazu gehören beispielsweise Norwegen und Portugal (rezeptfrei seit 2000), Belgien, Dänemark, Großbritannien und Schweden (2001), Finnland (2002) oder Lettland (2003). Frankreich und Großbritannien gehen sogar noch einen Schritt weiter: Mädchen erhalten die „morning-after pill“ sogar in der Schule. Nur in Deutschland war die Sache nicht so einfach. 

Beraten nur Frauenärzte gut?

Der Möglichkeit, die Pille danach hierzulande rezeptfrei zu erhalten, gingen auf politischer Ebene jahrelange Debatten zuvor. Mitte 2013 schickten der Berufsverband der Frauenärzte sowie die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) ein Schreiben an den Gesundheitsausschuss im Bundestag. Im Pamphlet hieß es, beide Fachgesellschaften hielten es für „zwingend notwendig, den Antrag von SPD und DIE LINKE zur Freigabe von Levonorgestrel (LNG) als ‚Pille danach‘ negativ zu bescheiden“. Dabei vermischen sie in gefährlicher Weise medizinisch-pharmazeutische Fakten und Vermutungen. Unbestritten ist:

Danach wird die Sache deutlich fragwürdiger:

Beraten im Minutentakt

Aus ihrem Katalog an Kritikpunkten leitet die DGGG ab, dass eine rezeptfreie Abgabe der Pille für Mädchen und Frauen riskant sei. Auch im Bundestag regte sich Widerstand. Dass es doch noch zum OTC-Switch gekommen ist, hatte politische Gründe: Anfang 2015 entschied die EU-Kommission, ein UPA-haltiges Notfallkontrazeptivum verschreibungsfrei zu stellen. Deutschland beugte sich und entließ LNG ebenfalls aus der Rezeptpflicht. Zeitgleich erschienen Leitlinien der Bundesapothekerkammer. Mittlerweile gibt es eine aktualisierte Version, Stand Februar 2018.

„Missbrauch nicht beobachtet“

Drei Jahre nach dem OTC-Switch zieht Ursula Funke, Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen, folgendes Resümee: „Einen Missbrauch der ‚Pille danach‘, der anfangs immer wieder thematisiert wurde, haben wir nicht beobachtet. Im Gegenteil: Die meisten Frauen gehen sehr verantwortungsbewusst mit dem Thema Verhütung um."

Gynäkologen ließen so leicht aber nicht locker. Sie griffen eine Meldung des Statistischen Bundesamts (DESTATIS) auf. Demnach ist die Zahl an Schwangerschaftsabbrüchen in 2017 um 2,5 Prozent angestiegen, verglichen mit dem Vorjahr. Insgesamt gab es in dem Jahr 101.209 Eingriffe. Wohlgemerkt: Warum sich Frauen für einen Abort entschieden hatten, wurde im Detail nicht abgefragt.

Dr. Christian Albring hat trotzdem keine Zweifel. Es liege nahe, so der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, hier einen Zusammenhang mit zwei wichtigen Ereignissen aus dem Jahr 2015 herzustellen:

„Wir haben von Anfang an darauf hingewiesen, dass die Apotheker durch ihre eigene Standesorganisation ungenügend auf diese anspruchsvolle Beratung vorbereitet wurden, und das zu einer Zunahme unerwünschter Schwangerschaften führen könnte“, so Albring weiter. Hätte er nur in Epidemiologie-Vorlesungen besser aufgepasst.

Assoziation nicht gleich Kausalität

Das zugrundeliegende Dilemma kennen Medizin- oder Pharmaziestudierende aus den ersten Semestern. Hier wird allenfalls eine Assoziation sichtbar, aber keine Kausalität. Albring bleibt nicht nur jeden Beweis schuldig, warum Apotheker schlechter als Ärzte beraten. Er erklärt auch nicht im geringsten, wieso der OTC-Switch zu mehr Abtreibungen führen soll.

Ein Blick in die Geschichte führt Albrings vermeintliche Zusammenhänge ohnehin ad absurdum: Laut DESTATIS lag die Zahl an Schwangerschaftsabbrüchen im Jahr 2010 bei 110.431 und damit deutlich über dem aktuellen Wert (2017: 101.209).

Bildquelle: claus_indesign, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.03.2018.

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Also weder müssen in der Apotheke öffentlliche Angaben zum Geschlechtsverkehr selber gemacht werden und schon gar nicht für jedermann hörbar. Lediglich die Frage was die NK Ihrer Meinung nach nötig macht, wird abh. v. Beispielen gestellt und ja,bereits da kann man so einiges ausschließen.Die Beratungsdauer richtet sich einfach danach wie aufgeklärt die Kundin ist (die meisten wissen nichtmal wie die Pille wirkt),geschweige denn wann sie ihre letzte Blutung hatte.Die Fragen dienen ausschließlich dazu festzustellen ob die NK notwendig ist und welcher der beiden Wirkstoffe hier,geeigneter Weise,angezeigt ist ober ob doch zwingend ein FA von nöten ist.Niemand interessiert sich für die sexuellen Vorlieben des Gegenübers,sehr wohl kommt es aber vor dass die Information zur nächsten Pathologie dankenkd angenommen wird.Man muss halt auch mal an andere und um die Ecke denken anstatt nur an sich selber. Sind die 15-30min Beratung zu lange,setzen sie sich gerne 2 Stunden ins Wartezimmer des FA
#13 am 26.03.2018 von J. Kögler (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
  19
@10 Ihre Darlegungen legen bei mir die Vermutung nahe, dass Sie noch keine Pille danach in einer öffentlichen Apotheke gekauft haben. Schauen Sie sich in Ihrer Apotheke mal um oder fragen Sie. Jede Apotheke braucht mindestens eine Beratungsecke, wo bei gedämpfter Stimme durchaus Vertraulichkeit gewährleistet ist. Was die Daten betrifft: lediglich das Alter (ohne konkretes Datum) könnte einen Rückschluss auf Ihre Person zulassen. Alle anderen Antworten können auf viele Frauen zutreffen und werden ohnehin anonymisiert aufgenommen. Wenn nicht, sollten Sie die Apotheke wechseln. Und was wollen Sie mit einem Vorrat an Pidana? Verhütung sollte doch anders gehen und Wiederverkauf wäre illegal.
#12 am 26.03.2018 von Dipl-Pharm. Bert Napierkowski (Apotheker)
  23
Die Beratung ist nötig ! Wer glaubt, dass eine Beratung zur Notfallkontrazeption überflüssig oder gar lästig ist, hat leider immer noch nicht verstanden, dass er nicht beim Bäcker ist um Brot zu kauft. Es handelt sich um ein ARZNEIMITTEL und dazu noch um ein Hormonhaltiges mit all seinen Neben- und Wechselwirkungen. Zudem ist es, wie bereits gesagt, eine Voraussetzung für das Verlassen aus der Verschreibungspflicht. Die Fragen sind nicht zum gängeln der Patienten da, sondern um sie vor schwerwiegenden Problemen zu schützen. Längst nicht jede Frau weiß, was sie da nimmt und wie es genau wirkt, geschweige denn wie der eigene Körper funktioniert. Die Dokumentation dient dem Eigenschutz und nicht um später Werbung zu verschicken !
#11 am 26.03.2018 von Dipl. -Pharm Hannes Sartorius (Apotheker)
  21
Gast
30 Minuten Beratung ertragen und dann erheben Sie noch Daten über mich, die sie womöglich längere Zeit aufbewahren!? Beratungsraum? Wo soll der in meiner Apotheke sein? Im Keller? Da bringe ich mir lieber einen Vorrat der Pidana aus dem Ausland mit.
#10 am 26.03.2018 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
  21
@3 naja, Beratung geschieht im Beratungsraum, nicht einsehbar und auch nicht hörbar. Es gibt vieles was man abfragen muß, Eisprung ausrechnen, schauen welche Pille danach, Anwendung, mögliche Nebenwirkung und Dokumentation der Beratung. Das war ja "Auflage" für die Verschreibungsfreiheit.
#9 am 25.03.2018 von Sabine Freund (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
  25
Gast
Als registrierter Nutzer kann man zwischen einem namentlichen oder einem anonymen Beitrag wählen. Die Redaktion, weiß dann, wer postet. Wählt man den anonymen Modus, so kann man nur S*x schreiben. Benutzt man das e, wird der Beitrag zurückgewiesen.
#8 am 25.03.2018 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
  1
Natürlich darf man das Wort "Sex" schreiben. Und wieso sind wieder anonyme "Gäste" unterwegs, war das nicht abgeschafft worden?
#7 am 24.03.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
  36
Gast
Man darf hier das Wort S*x nicht schreiben, sonst wird der Post nicht angenommen. Betreibt die Website die kath. Kirche?
#6 am 24.03.2018 (editiert) von Gast
  11
Gast
@#4 Ich glaube ich würde unterschreiben, bevor ich "coram publico" in der Apotheke zum S*x der letzten Nacht befragt und belehrt werde. Apotheken sind kein Ort der Vertraulichkeit.
#5 am 24.03.2018 (editiert) von Gast
  21
Es handelt sich um einen Anstieg von 56 auf 58/10.000 Frauen über 2 Jahre! Damit erreicht man übrigens das Plateau von ~2010-2013. Ich finde es ein Armutszeugnis der Verantwortlichen, die diese Statistik als signifikanten Anstieg durch „falsche Beratung“ verteufeln; sowohl was das statistische Verständnis als auch das überzogene Ego angeht. @#3: das nennt sich Beratung, schließlich heißt es Rezeptfrei und nicht „frei verkäuflich“. Die müsste auch bei Abgabe über Rezept erfolgen, falls die Patientin nicht schon ärztlich über Art, Wirkung/Nichtwirkung/Unerwünschte Wirkung aufgeklärt wurde. Oder würden Sie eine ärztliche Aufklärung über z.B. eine OP in ähnlichem Umfang genauso bewerten? Theoretisch können Sie natürlich Beiden unterschreiben, dass Sie nicht aufgeklärt werden wollen und alle möglichen Folgen als Gottgegeben hinnehmen (Rechtsweg ausgeschlossen).
#4 am 24.03.2018 von Monika Lehner (Arzt)
  38
Gast
@#1 Man muss sich 30 Minuten vollquatschen lassen um diese Pille zu bekommen. Das grenzt an Körperverletzung. Woher die Steigerung von 2016 auf 2017 auch kommen könnte? Aus Ländern, die Abtreibungen stärker stigmatisieren. Polen, Ungarn........ .......alles Länder in denen die kath. Kirche noch echte Macht besitzt.
#3 am 24.03.2018 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
  23
So ein Blödsinn! Eine Schwankung von 2,5 % von einem auf das andere Jahr ist doch in einem völlig normalen Rahmen und bedeutet weder eine Steigerung noch ein Absinken. Schließlich wird es nicht in jedem Jahr genau die gleiche Stückzahl von z. B. 100.000 - und kein Fall mehr oder weniger - geben. Erst bei deutlich größeren Unterschieden oder einer längeren absteigenden oder aufsteigenden Linie wird man eine Aussage treffen können. Alles andere ist normale Schwankungsbreite und damit Zufall.
#2 am 23.03.2018 von Werner Wöhrle (Mitarbeiter Industrie)
  1
Bei mir dauert die Beratung ca 30 Min.....beim Frauenarzt gibts das Rezept von der MFA..... lächerlich
#1 am 23.03.2018 von Sabine Freund (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
  87
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