Muss der Notarzt sein Equipment zahlen?

07.03.2018

Als ich letztens in einer anderen Klinik hospitierte, hörte ich ein Gespräch von zwei Männern in der Umkleide mit an. Einer berichtete von einem Notarzteinsatz, bei dem er dem sehr übergewichtigen Patienten nicht helfen konnte. Es fehlte das passende Equipment.

Treffen sich zwei Mitarbeiter in der OP-Umkleide.

A: „Man, ich war gestern als Notarzt hier im Nachbarort bei einem Patienten. Der hat geschätzt 130 kg gewogen, könnte auch mehr gewesen sein. Der war blitzeblau, als wir ankamen, Sättigung nicht messbar. War wohl vom Sofa geglitten und hing jetzt in seinem winzigen Wohnzimmerchen zwischen Sofa, Kacheltisch und der Schrankwand. Fraglicher Herdblick, ich hab vor Ort auf ne ICB [Hirnblutung] getippt.“

B: „Hab ich von gehört. Den haben die Neurochirurgen doch heute Nacht noch entdeckelt, oder? Wir haben ihn zusammen mit dem Team von der ITS mit sechs Leuten umlagern müssen, das war recht mühselig …“

A: „Ja, genau. Also – GCS 3 [bewusstlos], eindeutige Intubationspflichtigkeit.
Der Notfallsanitäter reicht mir also so ein Einweg-Laryngoskop und nen Standardtubus ohne Führungsstab. Der Typ sah schon nach C/L IV aus. Aspiriert hatte er auch noch, gab wohl Erbsen mit Möhren.“

B: „Verbessert die Sicht ja auch nicht gerade.“

A: Nee. Ich stell mir den also ein und sehe nichts. Großlumig abgesaugt, es war allerhöchstens der Rand der Epiglottis zu erahnen. Ich dachte wir hätten wenigstens  ein Videolaryngoskop auf dem NEF …“

B: „Nee, das war nur leihweise. Ist schon wieder runter.“

A: „Ja, hab ich dann gemerkt. Schöner Mist. Was haben wir denn an Möglichkeiten? Überlege mir das Videolaryngskop Superview2000 zu kaufen.“

B: „Ich war auf der Messe und habe dort als Angebot das Superview1000 gekauft. Für 900 Euro, statt 1.400 Euro. War ein Vorführmodell. Das hab ich jetzt immer in der Tasche dabei. Egal, wie die Lage vor Ort ist, habe ich ein Backup.“

Ich habe mal bewusst keine Firmennamen genannt, das ist hier auch nachrangig, es geht um etwas anderes. Ich war beeindruckt davon, dass diese Kollegen den Missstand nicht einfach so hinnahmen, sondern sogar durch den Einsatz eigenen Geldes ausgleichen wollten. Ich kann die Situation nur allzu gut verstehen. Es gibt nichts Ärgerlicheres als wegen schlechter oder fehlender Ausrüstung dem Patienten nicht richtig helfen zu können.

Es gibt Situationen in der Präklinik, in der Spezialausrüstung – wie ein intraossärer Bohrer oder ein Videolaryngoskop – vonnöten ist, um dem Patienten adäquat helfen oder überhaupt retten zu können.

In der Klinik, in der ich dieses Gespräch mitgehört habe, habe ich im Rahmen eines Workshops hospitiert. An unserer eigenen Klinik und in dem Rettungsdienst, in dem ich tätig bin, haben wir standardmäßig ein Videolaryngoskop im Einsatz, bodengebunden im NEF und auch auch im RTH. Aber auch hier hat es viel zu lange gedauert, bis sich dieses Equipment durchgesetzt hat.

Eine Frage an die Retter hier: Was fehlt auf eurem Auto/im Hubschrauber?
Gibt es Utensilien, bei denen ihr sogar schon mal überlegt habt, es euch privat zu kaufen, um es im Einsatz dabei zu haben?

Bildquelle: davidd, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.03.2018.

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"In der Medizin wird viel erwartet, was z.B. in der auto Industrie undenkbar wäre." So zitiere ich #4 Ich kann auch übergreifend allgemein bestätigen, dass ich eigenes, privates Werkzeug zum Einsatz zu bringen hatte.(Es war von der Firma her nicht immer verfügbar)Sollte aber nicht zum allzeit gängigen Normalfall geworden sein.
#7 am 20.03.2018 von Thomas Günther (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast, der sonst erkannt wird
Irgendwie sammelt sich im Laufe der Zeit ein eigener Gerätepark an. Durch die Betreuung einer Koronargruppe kam ich an einen Defi, den ich so ständig im Auto hatte. Die Praxisauflösung eines befreundeten Kollegen versorgte mich mit diversen Blutdruckmeßgeräten, Blutzuckermeßgeräten und Laryngoskop; HNO-, Augenspiegel und ein weiteres Laryngoskop hatte ich mir mal zum Geburtstag spendiert. Man gönnt sich ja sonst nichts... Ein Ultraschallgerät zum äußerst günstigen Preis schwatzte ich auf einem Kongreß einem Vertreter ab. Und so fühlte ich mich im KV-Dienst immer ganz gut ausgerüstet. - Gerätschaften über die Verwaltung anschaffen zu lassen, ist zumindest in meinem hauptberuflichen Bereich eine sehr langwierige Angelegenheit. Da kann die Anschaffung eines Kühlschrank-thermometers für die Medikamentenkühlung schon mal ein Jahr dauern (rd. 100 Euro!).
#6 am 19.03.2018 von Gast, der sonst erkannt wird (Arzt)
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Die Arbeit eines Notarztes oder -santäters ist bewundernswert und wohl auch nicht gerde üppig bezahlt. Umso wichtiger ist es, alle nötige Ausrüstung zu stellen und nicht zu erwarten, dass sie "privat" angeschafft wird. Der Job ist eben nicht privat. Beim Stethoskop oder dem Reflexhammer habe ich immer Ausnahmen gemacht, da brauche ich das, was ich gewohnt bin, wo ich mich eingehört habe, ohne diese weichen Ohrstöpsel, die bei mir immer zugehen, oder was eben gut in der Hand liegt. Dank an Pascal Fellinger für den Gender-Hinweis, ich bin auch für stolperfreie Lesbarkeit.
#5 am 18.03.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
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In der Medizin wird viel erwartet, was z.B. in der auto Industrie undenkbar wäre. Dazu gehören Besuch von Fortbildungen in der Freizeit oder die Arbeit mit schlechten oder unzureichenden Material. Ob Ärzte, Sanitäter und Pfleger es den Geschäftsführern immer so leicht machen sollten, in dem sie fehlendes Material oder Ausbildung durch Eigenmittel ersetzen, halte ich für einen fatalen weg. Besser wäre der Hinweis an die Geschäftsführung, dass eine rechtliche Verpflichtung besteht, alles zu tun, um leid von unseren Patienten abzuwenden. Meist wirken solche appelle in mit einem Hinweis auf CIRS fälle, durch Arbeitnehmervertretungen wunder. Natürlich gebe ich zu, das ich selbst ein SpO2 gerät privat angeschafft habe, um nicht das im EKG verbaute gerät benutzen zu müssen. Gender Hinweis: ich habe zur besseren Lesbarkeit hier immer die männliche Form verwendet. Meine aber selbstverständlich alle möglichen Geschlechtsformen.
#4 am 18.03.2018 von Pascal Fellinger (Rettungsassistent)
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Gibt schon eine Reihe von Hilfsmitteln die ich gut fände, ob wohl unser Notarztstandort bereits gut ausgerüstet ist. Sehr befürworten würde ich, wenn die Corpuls C3 auf unseren ganzen RTW standardmäßig mit einem Modul zur nichtinvasiven Blutdruckmessung ausgestattet wären. Die manuelle Blutdruckmessung zum Monitoring ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Was ich regelmäßig brauche und mir als persönliches Equipment gekauft habe, ist neben dem Stethoskop eine kleine Stirnlampe, die mir bei der Patientenversorgung in schlecht beleuchteten Wohnungen etc. erlaubt, den Patienten zu beurteilen, Viggos zu legen etc. ohne dass ich eine Lampe in der Hand halten muss. Eine bessere Lösung für dieses Lichtproblem mit einer im RTW/NEF vorhandenen Beleuchtungsmöglichkeit (Akku-betriebene LED-Lampe mit Standfuß und ausziehbarem Ständer oder so, am Rucksack angeklettet damit man sie nicht extra greifen muss wäre prima.
#3 am 17.03.2018 von Robin Engert (Arzt)
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Gast
Ganz ehrlich? Wo soll ich da anfangen? Auf unseren RTW´s wäre ich teilweise ja schon mit 12-Kanal EKG´s glücklich... Und wenn zumindest das NEF eine Kapno hätte, würden mehr Fehlintubationen auffallen... Von daher erlaube ich mir noch nicht mal zu träumen von Dingen wie einer Nicht-Invasiven-Beatmungsmöglichkeit, alternativen Atemwegen oder einfach nur nicht auseinanderfallende MPG´s... Ich persönlich habe nur ein eigenes Stethoskop (aber eher aus hygienischen Gründen leider...) und eine Pupillenleuchte, die ich regelmäßig auf der Neuro "re-beschaffe" Habe schließlich gelernt sehr minimalinvasiv zu arbeiten, und Menschen zu behandeln und keine Geräte (die ich ja meist nicht habe, oder die nicht funktionieren) Und das leider (oder gottseidank?) alles mitten in einer Stadt...
#2 am 16.03.2018 von Gast (Zahnarzthelferin)
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Ich erinnere mich noch an die Diskussionen um die - damals - neue Technologie der Pulsoxymetrie. Der Beschaffer so: „Kann man damit Leben retten?“ Wir so: „Ääähhh, nein, so direkt nicht...“ Diskussion beendet. Glücklicherweise hat sich dieses Gebaren der zuständigen Einkäufer mit Etablierung der ärztlichen Leiter Rettungsdienst nicht weiter fortgeführt. Diese spielen bei fehlender Ausrüstung eine entscheidende Rolle! Ich muss (und darf das hoffentlich auch mal) eine Lanze für meinen Kreis (Siegen-Wittgenstein) brechen. Wir haben zwei sehr engagierte ärztliche Leiter, die immer auf dem aktuellen Stand sind und sich nicht scheuen auch unpopuläres durchzusetzen und zu beschaffen! Insofern fehlt es in unseren RTW und NEF an nichts!
#1 am 16.03.2018 von Olaf Pohlmann (Rettungsassistent)
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