Manuel Neuer zur WM dank Eigenbluttherapie?

06.03.2018

Wurde der Nationaltorhüter wirklich mit Alternativmedizin geheilt? Die Medienberichte zeigen: Es gibt ein Begriffsproblem. Mitte Februar meldete die Bild-Zeitung auf der Titelseite, dass die Heilung von Manuel Neuers Haarriss im Mittelfußknochen dank „Eigenblut-Spritzen“ so gute Fortschritte mache, dass er zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 wieder einsatzfähig sei.

Vielleicht ist es dem enormen Tempo der Nachrichtenwelt geschuldet – jedenfalls ist die Zahl der Fehlinformationen und Ungenauigkeiten im Zusammenhang mit diesem Bericht beeindruckend. Hier soll versucht werden, kurz faktenbasiert zu informieren. 
 
Die „Eigenbluttherapie“, der sich Neuer laut der Bild im November und Dezember letzten Jahres unterzogen hat, war dem Bericht zufolge vermutlich eine Therapie mit sogenanntem „autologem konditioniertem Plasma“ (ACP). Falls dem so ist, handelt es sich jedoch nicht um eine klassische Eigenbluttherapie aus dem Bereich der Alternativmedizin, wie verschiedentlich berichtet wurde. Bei der alternativmedizinischen Eigenbluttherapie wird eigenes Vollblut in die Muskulatur gespritzt, um das Immunsystem anzuregen, beispielsweise bei Infektionen. Unabhängig vom wissenschaftlich zweifelhaften Fundament dieser Anwendung: Eine heilungsfördernde Wirkung wird nicht behauptet.
 
Die vermutlich bei Neuer angewandte Therapie läuft völlig anders ab und beruht auf einem völlig anderen Wirkprinzip: Hier wird das eigene Blut aufbereitet, um körpereigene Wachstumsfaktoren und Zytokine anzureichern. Das so erhaltene Produkt wird an die zu behandelnde Stelle injiziert, damit diese Botenstoffe dort wirken können. Während viele Ärzte, die solche Therapien anwenden, sie ihren Patienten gegenüber ebenfalls als Eigenbluttherapie bezeichnen, versuchen andere, zu differenzieren und sprechen stattdessen von autologen Blutprodukten – eine durchaus hilfreiche Unterscheidung.
 
Therapie mit autologen Blutprodukten
 
Bei der Gruppe der autologen Blutprodukte wie autologem konditionierten Plasma (ACP) oder autologem konditionierten Serum (ACS) lässt sich die gewünschte Wirkung anhand der enthaltenen Moleküle recht gut erklären. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Verfahren zur Gewinnung autologer Blutprodukte wiederum erklären, warum sich die jeweiligen Anwendungsgebiete zwar überschneiden, aber nicht deckungsgleich sind. Diese Unterschiede sollen im Folgenden kurz skizziert werden.
 
Autologes konditioniertes Plasma
 
Zur Herstellung eines autologen konditionierten Plasmas – auch plättchenreiches Plasma (PRP) oder Thrombozytenkonzentrat genannt – wird die Blutprobe in ein spezielles Röhrchen abgenommen (z. B. RegenKit®, Hersteller Regenlab), in dem sich Gerinnungshemmer und zum Teil weitere Zusätze befinden.
 
Erythrozyten und Leukozyten werden in einer Zentrifuge abgetrennt; übrig bleibt das Blutplasma, einschließlich der Thrombozyten (Blutplättchen, liebe Journalisten, nicht Blutblättchen). Dieses Plasma wird sofort injiziert, eine Lagerung ist nicht möglich. Nach der Injektion sollen die Thrombozyten vor Ort Wachstumsfaktoren wie VEGF, PDGF, TGF, IGF und EGF produzieren und so die Heilung fördern.
 
Autologes konditioniertes Serum
 
Zur Herstellung eines autologen konditionierten Serums wird die Blutprobe ebenfalls in ein spezielles Röhrchen abgenommen (z. B. EOT®II, Hersteller Orthogen), in dem sich in diesem Fall oberflächenbehandelte Glasperlen befinden. Während einer mehrstündigen Lagerung des gefüllten Röhrchens bei Körpertemperatur soll die durch die Glasperlen stark erhöhte Oberfläche die Blutzellen zur Produktion von Wachstumsfaktoren und entzündungshemmenden Zytokinen wie IL-1Ra (Interleukin-1-Rezeptor-Antagonist) anregen.
 
Gleichzeitig gerinnt das Blut. Anschließend werden die geronnenen Bestandteile und alle Blutzellen in einer Zentrifuge abgetrennt; übrig bleibt das mit Wachstumsfaktoren und Zytokinen angereicherte Serum. Das ACS wird portioniert abgenommen und kann in dieser Form eingefroren gelagert werden. Behandlungen bestehen meist aus drei bis sechs Injektionen im Abstand von jeweils wenigen Tagen.
 
Vergleich ACP/PRP und ACS
 
Der wichtigste Faktor bei der Entscheidung für eine geeignete Therapie ist natürlich das jeweilige Beschwerdebild: Bei entzündlichen Prozessen wie Arthrose oder Nervenwurzelentzündungen ist der hohe Gehalt an entzündungshemmenden Zytokinen ein Argument für ACS. Zudem können sowohl die Gerinnungsfaktoren als auch die Thrombozyten im ACP/PRP eine entzündungsfördernde und knorpelschädigende Wirkung haben.
 
In Situationen, in welchen die Muskel- oder Knochenregeneration das primäre Ziel ist, kann eine aktivierte Entzündungsreaktion dagegen unter Umständen sogar erwünscht sein. Bei ACS ist der Einsatz eines Sterilfilters bei der Injektion möglich, bei ACP/PRP würde ein Filter wegen der enthaltenen Thrombozyten verstopfen. Eine ACS-Therapie besteht in der Regel aus mehreren Injektionen, bei der ACP/PRP-Therapie wird oft nur eine einzige Injektion vorgenommen. Im Endeffekt gilt immer: Ob eine solche Behandlung angewendet wird – und wenn ja, welche – werden Arzt und Patient unter Berücksichtigung der individuellen Situation gemeinsam entscheiden.
 
Fazit
 
Die wenigen Informationen, die zu Manuel Neuers „Eigenbluttherapie“ bekannt sind, deuten an, dass sein Fußbruch nicht mit einer alternativmedizinischen Eigenbluttherapie behandelt wurde, sondern mit einem sogenannten autologen Blutprodukt. Eine heilungsfördernde Wirkung dieser Behandlung lässt sich wissenschaftlich erklären. Und wenn man den Presseberichten Glauben schenkt, scheint sie bei Neuer gut angeschlagen zu haben.

Quellen:
http://flexikon.doccheck.com/de/Eigenbluttherapie

Artikel letztmalig aktualisiert am 09.03.2018.

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Medizin, Allgemeinmedizin
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