Allein unter Zahnspangen III

04.03.2018

Als die Vorlesungen beginnen, verändert sich die Atmosphäre. Zumindest ein wenig. Alle sind gespannt darauf, was sie in den kommenden Wochen erwartet. Über dem Campus-Tor hängt immer noch das Banner, dass alle Studierenden willkommen heißt.

Ich war immer ein großer Freund von Genderkritik, freue mich also über die Formulierung. Ich stelle allerdings fest, dass es im Verhalten der Studenten und Studentinnen Unterschiede gibt. Die Studentinnen scheinen mir etwas angespannter zu sein. Mit ihnen rede ich deutlich häufiger über Noten. Einer der Sätze, der mich schon nach wenigen Tagen chronisch nervt ist: „Ich habe noch kaum für dieses-und-jenes gelernt“. Nach. Nur. Einer. Woche.

Er kommt häufig von den Personen, die schon innerhalb kurzer Zeit kleine medizinische Monster sind, die einen wahlweise mit ihrem Wissen bereichern oder beschämen können. Eine Freundin, die bereits Ärztin ist, meinte mal zu mir, dass dies wohl das Opfer einer halben Emanzipation sei: „Frauen können in unserer Gesellschaft heute alles werden. Nur müssen sie besser und schneller sein als ihre männlichen Kollegen. Sie können Ärztin sein, Mutter, Wohnraumdesignerin, Topmodel und Hygge-Expertin. Alles gleichzeitig. Vielleicht sollten wir mal als Nächstes dafür sorgen, dass sein können nicht sein müssen heißt.“

Ich fand das damals schon gut analysiert und heute glaube ich zu wissen, wo sie ihre Erkenntnisse gesammelt hat.

Manchmal ist die Anspannung regelrecht fühlbar. Insbesondere bei langatmigen Vorlesungen merkt man manchmal, dass sich die ein oder andere Person um etwas betrogen fühlt: Lebenszeit, potenziellen Wissenszuwachs, Lebensfreude, whatever. Diese Anspannung wird dann in Unruhe umgesetzt. Das geschieht dann übrigens wieder absolut geschlechtsunabhängig. Irgendwo starten leise Gespräche, die dann wellenförmig durch den Hörsaal ziehen. Über unsere Vorlesungsmoral bin ich tatsächlich etwas entsetzt.

In einer Veranstaltung der Medizinsoziologen haben wir gelernt, dass Patienten immer mehr zum Konsum von Gesundheitsleistungen neigen, anstatt sie einfach bei wirklichem Bedarf in Anspruch zu nehmen. Konsumerismus heißt die Haltung, bei der das eigene Handeln immer darauf ausgerichtet ist, das Bedürfnis nach Konsumgütern zu befriedigen. Dasselbe meine ich bei uns Studierenden zu beobachten. Wir konsumieren Bildung. Wenn das Konsumgut, also die Vorlesung, uns nicht zusagt, wird dies mit Lautstärke quittiert. Irgendwann fühlte sich ein mutiger Student dazu berufen, das einmal vor dem Jahrgang anzumahnen. Ein Privileg sei es, dass wir Medizin studieren dürften. Es war wichtig, aber gebracht hat es nicht viel. Links rein, rechts raus.

Eine Journalistin erzählte mir vor kurzem, sie habe den Eindruck, dass Studenten inzwischen viel seltener lange und vor allem ernste Texte lesen und mehr auf Berichte im Buzzfeed-Format stehen würden. Vielleicht muss man da also einfach etwas mit der Zeit gehen, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen.

10 Gründe, an denen du erkennst, dass du in einer Vorlesung nervst

Seien wir mal ehrlich: Der mutige Student hatte Recht

Ein Medizinstudium ist ein Privileg. Viele wollen studieren, nur wenige werden angenommen. Medizin ist der teuerste aller Studiengänge. Je nach Quelle schlagen dafür 150.000–250.000 Euro pro Studierendem zu Buche. Das zahlt alles die Gemeinschaft. Da Medizinstudierende überwiegend aus bessergestellten Familien kommen, kann man ganz ketzerisch sogar sagen, dass hier Umverteilung von unten nach oben geschieht. Eine Verpflichtung danach als Arzt zu arbeiten, Kassenpatienten zu behandelt oder in Deutschland zu bleiben, gibt es nicht. Wenn man nicht will, muss man der Gesellschaft nichts zurückgeben. Man muss nicht in Regelstudienzeit abschließen, man hat in der derzeitigen Lage eine Jobgarantie und die Arbeitsbedingungen sind in den letzten Jahren deutlich besser geworden.

250.000 Euro. Dafür kann man doch erwarten, dass man es hinbekommt, für 90 Minuten einer langweiligen Vorlesung sein Ego zurückzustellen und vom „Ich-bin-ein-Star-holt-mich-hier-raus-Modus“ in den „Wir-schaffen-das-Zustand“ überzuwechseln. Oder aber, dass man eben einfach nicht hingeht. Das ist okay. Wir leben im einem reichen Land. Wir brauchen keine soldatischen Tugenden bei unseren Studierenden. Sie können sich mal gehen lassen, das ist echt okay.  Aber seine Kommilitonen mit nem Hyperaktivitäts-Anfall zu nerven, ist buchstäblich asoziales Verhalten.

Langsam kommt man in den Fluss

Es gibt aber auch unzählige schöne Momente. Ich kann zunehmend differenzieren, welche Vorurteile vom ersten Unitag zutreffen und welche ich wohl endgültig begraben muss. Viele der Menschen hier sind erwachsender, als ich es erwartet hatte und viel erwachsener, als ich es in ihrem Alter war – vielleicht sogar als ich es jetzt bin. Von meiner Seminargruppe bin ich begeistert und auch mit dem Präptisch hatte ich viel Glück. Ich hatte etwas Sorge, dass es dort zu merkwürdigen Momenten oder unangemessenem Verhalten kommen könnte. All das war nicht der Fall. Ich habe junge Menschen erlebt, die pietätvoll sind und sich Mühe bei der Arbeit geben.

Die Tage vergehen. Wir lernen viel und kommen immer mehr an der Uni an. So langsam ist einem der Campus vertraut, man kennt die Wege auf dem Klinikgelände und hört erste Gerüchte über die Professoren, Klinikleitungen und Chefärzte. Die Masse an Stoff zu bewältigen ist eine Herausforderung und manchmal nervt mich die Effizienz, die man sich selbst auferlegen muss. Bei den meisten Themen würde ich gerne tiefer gehen. Sie wirklich verstehen. Aber dafür ist die Zeit zu knapp. Wir müssen uns also mit viel Halbwissen und einer Achterbahnfahrt durch den Bewegungsapparat begnügen. Es könnte trotzdem schlechter laufen. Ich darf Medizin studieren. Und ich habe mir mal sagen lassen, dass das ein Privileg sei.

 

Dies ist die Fortsetzung von Allein unter Zahnspangen I und Allein unter Zahnspangen II.

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 07.03.2018.

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Studium, Humanmedizin
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Gast
Vorlesungen sind eh mehr so Unterhaltungsveranstaltungen ;)
#7 am 15.03.2018 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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Wenn man den Studierenden schon von "klein auf" beibringt, dass Patienten eigentlich gar nicht krank sind, sondern nur Gesundheitsleistungen konsumieren, wundert mich das Verhalten mancher junger Ärzte gar nicht mehr.
#6 am 10.03.2018 von Claudia Kern (Medizinische Dokumentarin)
  10
Was hat der ganze Sermon denn mit Zahnspangen zu tun? Unter Studenten dürfte der Anteil (noch) kieferorthopädisch Behandelter gering sein. Also ist die Überschrift zum Artikel bereits falsch. Sofern kieferorthopädische Behandlungen tatsächlich noch im Erwachsenenalter stattfinden, liegen in der Regel auch besondere medizinische Indikationen hierfür vor. Dies ist genauso wenig belustigend, wie Gehhilfen bei Beinverletzungen. Offensichtlich fehlt dem Autor die erforderliche (fachliche) Reife, wenn er "Zahnspangen" hier als Metapher für Puerilismus bemüht. Im Übrigen weist das höchstwahrscheinlich zufällig ausgewählte klinische Foto schwerwiegende Okklusionsabweichungen auf, welche aus fachlicher Sicht gar keinen Anlass zum Belächeln geben.
#5 am 10.03.2018 von Dr. med. dent. Hartmut Schäfer (Zahnarzt)
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Die Beobachtungen werden immer besser - freue mich schon auf Weiteres. Dass der Arztberuf irgendwie erblich ist, ist mir auch schon aufgefallen. Die Arztkinder unter den FreundInnen meiner Töchter studieren Medizin - nicht immer alle Geschwister, jedoch zumindest einer. An was kann das liegen? Vater/Mutter können den Numerus Clausus ja nicht übergehen , da fällt Protektion schon aus. In anderen Ländern - ich nehme jetzt Südamerika, weil ich das kenne - besteht solch eine Korrelation nicht.
#4 am 09.03.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Als ich Mitte/Ende der 80er studierte, gab es noch stillende Mütter und klackernde Stricknadeln in der Vorlesung, wenn auch mehr in der Germanistik als später in der Medizin ;-)
#3 am 07.03.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
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Gast
Es stimmt schon, einige nehmen die VL nicht ernst und lenken sich (und andere) durch gequatsche ab. Wenn einem eine VL nix bringt, okay, dann sollte man aber spätestens zur nächsten nicht hin gehen und den Stoff zuhause erabeiten. Das gleiche Gefühl habe ich in der Bibliothek, es herrscht oftmals eine eher unruhige Atmosphäre. Mich persönlich betrifft das wenig, weil ich zuhause lernen kann, aber andere sind auf das Lernen in der Bib angewiesen. Teilweise wird sehr wenig Rücksicht darauf genommen. Sei’s drum, ich denke jede Generation hat seine Querrulanten, sehr viele Studierende sind aber auch vorbildlich, die die sich daneben benehmen, fallen nur halt mehr auf.
#2 am 07.03.2018 (editiert) von Gast
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Sehr gut gefällt mir vor allem die Zusammenfassung der Vorlesungsdisziplin... wenn ich nur an das Geräusch eines rücksichtslos laut runtergeklappten Tisches denke, schwillt mir der Kamm!
#1 am 07.03.2018 von Johannes Hubert (Student der Humanmedizin)
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