Wieder mal Weizen-Wahn

27.02.2018

Neben den Krankheitsbildern Zöliakie und Weizenallergie gibt es immer mehr Daten, die auf eine weitere Erkrankung in diesem Kontext hindeuten – die sogenannte Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität. Bislang konnte zwar noch kein eindeutiger Auslöser identifiziert werden, doch die Amylase-Trypsin-Inhibitoren stehen zunehmend im Fokus der Diskussion. Wo sind sie drin?

Neben den beiden bekannten Krankheitsbildern Zöliakie und Weizenallergie gibt es zunehmend experimentelle und klinische Beobachtungen, die auf einen weiteren Symptomkomplex im Zusammenhang mit Weizen und Gluten hinweisen. Dabei handelt es sich um das Konzept der sogenannten Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität (NZWS). Während für die Zöliakie und die Weizenallergie jedoch präzise diagnostische und klinische Kriterien existieren, ist das Krankheitsbild dieser Weizensensitivität umstritten.

Da neben der Frage nach der eigentlichen Existenz dieser Erkrankung auch die pathophysiologischen Zusammenhänge ungeklärt bzw. strittig sind, kursieren verschiedene Begriffe, die teilweise synonym gebraucht werden, so zum Beispiel „Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität“, „Glutensensitivität“, „Weizensensitivität“ oder „glutensensitive Diarrhö“. Im englischsprachigen Bereich dominiert die Bezeichnung „non-celiac gluten sensitivity“ (NCGS).


An dieser Stelle soll es jedoch nicht um all die Diskussionen und Hypothesen rund um die Weizensensitivität gehen. Da in diesem Kontext sehr häufig die Frage nach dem Gehalt von sogenannten Amylase-Trypsin-Inhibitoren in Lebensmitteln gestellt wird, soll hier vielmehr eine erste Übersicht aufgrund neuester Forschungsergebnisse zur Verfügung gestellt werden. Möglicherweise spielt auch das sog. D-Genom moderner Weizenarten eine maßgebliche Rolle.

Mögliche Auslöser der Weizensensitivität

Es gibt zahlreiche Hypothesen dazu, welcher Inhaltsstoff von Lebensmitteln der Auslöser von Weizensensitivität sein könnte. Diskutiert werden unter anderem das Lektin Weizenkeim-Agglutinin (wheat germ agglutinin, WGA), Gluten (in einem Zöliakie-unabhängigen Mechanismus), Fruktane und Amylase-Trypsin-Inhibitoren.

Daneben spielen vermutlich auch Faktoren wie die individuelle Veranlagung, der Immunstatus, die Zusammensetzung des intestinalen Mikrobioms und die Verarbeitung des Lebensmittels eine relevante Rolle. Einfache, eindimensionale Vorstellungen zur Krankheitsentstehung treffen vermutlich nicht zu.

Sind es die Amylase-Trypsin-Inhibitoren?

Die größte Aufmerksamkeit zur Entstehung der NZWS gilt zurzeit den Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI): Hierbei handelt es sich um eine Gruppe von Proteinen, die in Weizen und verwandten Getreidearten vorkommen. Ihre natürliche Funktion besteht unter anderem in der Hemmung des Eiweißabbaus im Getreidekorn und in der Abwehr von Parasiten. ATIs sind bei Aufnahme mit der Nahrung sehr resistent gegenüber der Proteinverdauung im Darm. Bekannt sind sie auch als ein ursächliches Allergen der Mehlstauballergie, auch „Bäckerasthma“ genannt.

Im Labor konnte gezeigt werden, dass ATIs das angeborene Immunsystem über den Toll-like Rezeptor 4 (TLR4) aktivieren; das könnte auch die bei NZWS beschriebenen Symptome außerhalb des Darmtraktes (Gliederschmerzen, Müdigkeit usw.) erklären.

ATIs aktivieren dendritische Zellen, Makrophagen und Monozyten
. Außerdem gibt es aus präklinischen Untersuchungen Hinweise 
darauf, dass die ATIs in Weizen und anderen glutenhaltigen Getreidearten stärkere
 Entzündungsreaktionen im Darm hervorrufen als ATIs in glutenfreien Lebensmitteln.

Eine Ursache für das vermehrte Auftreten von NZWS könnte die züchtungsbedingte Zunahme von ATIs in den modernen Hochleistungsweizensorten sein. Andererseits gibt es aber auch alte Weizensorten, die hohe Konzentrationen an ATIs aufweisen. Daneben gibt es Einkorn-Sorten, die praktisch ATI-frei sind, während umgekehrt Dinkel nicht automatisch ATI-arm ist, sondern es auch hier sorten- und anbauspezifische Unterschiede gibt.

Amylase-Trypsin-Inhibitoren in Lebensmitteln

Bislang gibt es – anders als für Gluten, Fructose, Lactose usw. – keine umfassenden Listen, aus denen man den ATI-Gehalt von Lebensmitteln entnehmen könnte. Basierend auf bislang kaum bekannten Forschungsergebnissen wird hier eine erste Übersicht zur ATI-Aktivität in verschiedenen Pflanzenarten zur Verfügung gestellt. Detailliertere Angaben folgen in Kürze.

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Amylase-Trypsin-Inhibitoren in unverarbeiteten Pflanzenarten. Die relativen Angaben der immunologischen ATI-Bioaktivität beziehen sich auf die Bioaktivität aus handelsüblichem Weizenmehl (100 %), bestimmt als IL-8-Freisetzung aus THP-1-Zellen. Tabelle aus: M. Smollich (MMP 2018; 41(2): 73 – 79), modifiziert nach Zevallos et al. 2017.

 

Bei Nutzung der Tabelle muss jedoch beachtet werden: Zum Vorgehen bei einer ATI-armen Ernährung gibt es bislang keinerlei ernährungstherapeutische Empfehlungen, da sich sämtliche Forschungen hierzu noch im experimentellen Stadium befinden. Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass der ernährungstherapeutische Ansatz einer ATI-armen Ernährung zur Behandlung einer Weizensensitivität bislang weder hinsichtlich seiner Wirksamkeit evaluiert noch wissenschaftlich überprüft ist. Wie für die FODMAP-arme Diät fehlen auch für die ATI-arme Ernährung Erkenntnisse zur langfristigen Sicherheit bei einer Dauerernährung.

 

Bildquelle: Andrew Nash, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 06.03.2018.

57 Wertungen (4.07 ø)
17509 Aufrufe
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Was ich sagen wollte bezüglich der FODMAPs ist was soll dieser Zusammenhanglose Satz am Ende des Artikels. Nirgends werden die FODMAPs als solches erwähnt und nicht nur die Fruktane sind FODMAPS sondern auch Laktose, Fructose, Galactane und Polyole wie z.B. das Insektizid Erythrit ;-). Ich finde es immer wieder spannend die Leute anzuschauen wenn ich Ihnen sage oh du nutzt ein Insektizid als Süßstoff.
#5 am 07.03.2018 von Dr. Andreas Breß (Biologe)
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Gast
Der Titel suggeriert, dass es die NCGS gibt, was nicht belegt ist und eher unwahrscheinlich ist. Wieso geht man hier in vermeintliche Details, wenn die grundlegende Frage noch garnicht geklärt ist. Der Trend zur NCGS zeigt eher gegen eine NCGS als eigenständige Erkrankung (1). Wenn ich dann noch Artikel (2) finde, die etwas in der Überschrift bestätigen haben anstatt wie in der Wissenschaft üblich zu falsifizieren dann muss ich mich ganz grundlegend fragen ob man bei so einer diffusen Symptomatik, die zusätzlich extrem durch viele nicht einfach kontrollierbare Faktoren beeinflusst wird, überhaupt in irgendwelche Details wie Blutanalysen gehen sollte. Solche grundlegenden Informationen sind aber wichtig um alle weiteren Ausführungen entsprechend zu beurteilen. Also bitte schreibt zunächst darüber und verlinkt es dann. Wieso werden die FODMAPs nicht "erwähnt". Fazit: Schlechter Artikel, den man sich sparen kann. 1: doi:10.1016/j.cgh.2015.01.029. 2: doi:10.1016/j.cgh.2016.08.007.
#4 am 07.03.2018 (editiert) von Gast
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Arzt
@Gast#1 - dann bitte auch den folgenden Artikel dazu lesen: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5705608/
#3 am 07.03.2018 von Arzt (Gast)
  0
Gast
Wie sieht das eigentlich mit den Zuschlägen im Mehl aus? Diese werden ja gar nicht deklariert und haben Einfluss auf das Lebensmittel. Bestimmte Bleichmittel im Mehl wurden ja schonmal verboten. Diese führten bei damit gefütterten Nutztieren zum Tode. Heutzutage sind die Mehle fast immer mit Zuschlägen versehen, diese werden nicht einmal deklariert. Im Deutschen Zusatzstoffmuseum in Hamburg findet man einiges an Informationen zu diesem Thema. Vielleicht hat man auch den Falschen im Verdacht.
#2 am 07.03.2018 von Gast
  2
Gast
Alles sehr interessant. Aber warum gar keine Erwähnung vom Herbizid Glyphosat (Roundup)? Mal nachlesen: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3945755/
#1 am 06.03.2018 (editiert) von Gast
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