Fernbehandlung: Wie entscheidet der Ärztetag?

27.02.2018

Bislang tut sich die Digitalisierung in vielen Bereichen der Medizin schwer. Eines der Stiefkinder auf dem Gebiet ist die Telemedizin. Dies soll sich zukünftig ändern: Angeblich will die Bundesärztekammer das bisher hart verteidigte Fernbehandlungsverbot lockern.

Wie der „Spiegel“ jetzt aus internen Unterlagen erfahren hat, plant die Bundesärztekammer (BÄK), ihr Fernbehandlungssverbot zu lockern. Als neue Formulierung schlagen Standesvertreter vor: „Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über elektronische Kommunikationsmedien ist erlaubt, wenn dies im Einzelfall ärztlich vertretbar ist.“

Ärzte werden in die Pflicht genommen, Patienten aufzuklären und telemedizinische Sprechstunden akribisch zu dokumentieren. Wie es zum Paradigmenwechsel kam, ist unklar. Vielleicht liegt es am zunehmenden Ärztemangel in ländlichen Regionen, vielleicht aber auch am Druck junger Kollegen.

Persönliche Kontakte nicht ersetzbar

Über Jahre hinweg hatten Vertreter der Ärzteschaft am reinen Fernbehandlungsverbot festgehalten. Sie berufen sich auf ihre (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte. In § 7 (Behandlungsgrundsätze und Verhaltensregeln) heißt es etwa: „Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.“ Nicht allen Medizinern gefiel die restriktive Haltung.

Nur jeder Zweite weiß, was die ePA ist

Das zeigen aktuelle Zahlen aus dem DAK-Digitalisierungsreport. Die Krankenkasse hatte zusammen mit mehreren Partnern 1.147 Mediziner im gesamten Bundesgebiet befragt. Rund 80 Prozent halten Videosprechstunden und Online-Coachings für nützliche Ansätze. Vor allem jüngere Kollegen zeigten sich offen. Dabei gibt es noch eklatante Wissensdefizite. Von der elektronischen Patientenakte (ePA) hatte nur jeder zweite Befragte schon gehört.

„Andere Länder Europas sind im Bereich E-Health bereits viel weiter als wir“, kommentiert Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit. „Wenn wir nicht handeln, droht Deutschland zum digitalen Entwicklungsland zu werden.“ Storm geht es nicht nur um Innovationen, sondern auch um Maßnahmen gegen Versorgungsengpässe in ländlichen Regionen. Vielleicht sieht das die BÄK ja ähnlich.

Im Ländle ist man schon viel weiter

Storms Kritik trifft in der Form nicht auf alle Kammerbezirke zu. Baden-Württembergs Mediziner sind schon lange aufgewacht. Mitte 2016 haben sie ihre Berufsordnung geändert, um die ausschließliche ärztliche Fernbehandlung im Rahmen von Modellprojekten zu ermöglichen.

Arzt und Patient können sich am Telefon oder via Handy-App begegnen, und der Arzt darf eine individuelle Diagnose stellen und die Therapie einleiten. Beide Vorhaben werden wissenschaftlich begleitet, um die Behandlungsqualität zu evaluieren.

Ein Minister – zwei Meinungen

Derartige Tests stießen beim Noch-Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) auf Begeisterung. Überraschenderweise begegnete er dem Thema mit unterschiedlichen Ansätzen. Einerseits sollte sein E-Health-Gesetz längst überfällige Anwendungen beschleunigen. Die Telemedizin bezeichnete Gröhe mehrfach als „sinnvolle Anwendung“. Er wünschte sich nur, dass verschiedene Systeme besser vernetzt werden.

Andererseits hat der Christdemokrat mit seinem Vierten Gesetzes zur Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften

Online-Praxen jenseits deutscher Grenzen wie DrEd hinsichtlich ihrer Möglichkeiten eingeschränkt. Die Verantwortung übertrug er auf Apotheker: „Eine Abgabe von Arzneimitteln, die zur Anwendung bei Menschen bestimmt sind, darf nicht erfolgen, wenn vor der ärztlichen oder zahnärztlichen Verschreibung offenkundig kein direkter Kontakt zwischen dem Arzt oder Zahnarzt und der Person, für die das Arzneimittel verschrieben wird, stattgefunden hat (...).“ Deutsche Präsenz- oder Versandapotheken dürfen Rezepte reiner Online-Praxen nicht mehr beliefern. Momentan bleiben als Alternative EU-Versandapotheken jenseits unserer Grenzen. Diese Lücke könnte sich durch das im Koalitionsvertrag paraphierte Rx-Versandverbot vielleicht schon bald schließen.

Entschieden wird am Ärztetag

Jetzt werden die Karten vielleicht neu gemischt. Im Mai haben Delegierte beim Ärztetag das letzte Wort, ob sie ihre (Muster-)Berufsordnung ändern. Sollte das ausschließliche Fernbehandlungsverbot fallen, sind neue Diskussionen über Verordnungen von Online-Praxen zu erwarten.

Telemedizin Frage 1/1
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Soll das Fernbehandlungsverbot gelockert werden? (Einfachauswahl)

Bildquelle: Kaz, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.02.2018.

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Gast
Ich frage mich gerade was mit den Menschen ist, die keinen PC und kein Handy haben. Und so kann langsam wird der Mensch zum Computer herabgesetzt. Als hätten wir nur einen Körper mit Nerven Krankheit und das warst. Irre neue Welt. Ich hoffe auf einen totalen Stromausfall, dann geht gar nichts mehr. Kein Bankautomat, kein Handy wird mehr funktionieren und dann gilt wieder von Angesicht bzw von Mensch zu Mensch. Von der anderen Seite betrachtet käme man so schneller an ne AU-Bescheinigung ran, muss nur die Symptome einer Krankheit durchlesen
#7 am 28.02.2018 von Gast
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Gast vom Land
Lieber Gast #1: Ich wünsche Ihnen viel Glück und Erfolg. Vor Gericht und auf hoher See sind wir alle in Gottes Hand. - Aber es ist sehr interessant, wie unterschiedlich die einzelnen KVen agieren. Früher waren in meiner Gegend telefonische Beratungen auch bei fremden Pat. sehr "gewünscht", sie wurden auch bezahlt, aber bitte nicht mehr als zweimal pro Dienst. Über Fahreinsätze wurde dann in diesen Fällen abgelästert wie Geldschneiderei, der kriegt ja nie genug, verdient der in der Praxis nichts...Bis ich dann ein paar gravierende Fälle mit tel. Fehleinschätzungen bzw. -diagnosen gesammelt hatte und diese dann vorlegte. "Ja natürlich haben Sie da recht, es liegt ja auch in Ihrer Verantwortung, blablabla". - Das Wesen des Arztberufes war und bleibt für mich der direkte menschliche Kontakt und das Berühren des Patienten!
#6 am 28.02.2018 von Gast vom Land (Gast)
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Gast, Kennwort vergessen
Bei einer Erkältung stelle ich mir das dann so vor: Halten Sie Ihr Handy bitte doch einmal auf ihre Lunge, tief ein- und ausatmen, so jetzt noch bitte über Ihr Herz, dann machen Sie bitte ein Selfie mit weit offenen Mund und Blitz und schicken Sie mir dann das Foto zu. Die Medikament erhalten Sie dann morgen über die Versandapotheke Ihrer Wahl zugemailt.
#5 am 28.02.2018 von Gast, Kennwort vergessen (Gast)
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Gast, Kennwort vergessen
Eine Fernüberwachung ist keine Fernbehandlung! Es ist sicherlich nichts gegen eine Fernüberwachung bzw. auch Telebefundung von Röntgenbildern etc. einzuwenden. Aus meiner jahrzehntelangen KV-Diensttätigkeit weiß ich aber, dass telefonische Beratungen sehr heikel sein können, wobei oftmals Patienten, die nichts Gravierendes haben, übertreiben, und die Patienten, die gerade einen Herzinfarkt gehabt haben, meinen, es eile nicht so sehr, die Schmerzen sind schon besser geworden. Ich müsse auch nicht gleich kommen (konkreter Fall: Herzinfarkt auf dem Dorf), sie kämen gerne auch heute abend in die Praxis!! Glücklicherweise hatte ich so ein Bauchgefühl, Blaulichtfahrt, Stabilisierung, Abtransport mit Heli.
#4 am 28.02.2018 von Gast, Kennwort vergessen (Gast)
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Fernbehandlungen sind unumgänglich notwendig in unserer digitalisierten Gesellschaft. Nur dann hat man Zeit für die wichtigen Behandlungen.
#3 am 27.02.2018 von Dr. med. Manfred Doepp (Arzt)
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Fernbehandlung = Fernüberwachung. Bsp.: Fernüberwachung des Schlafes. In Frankreich längst üblich, normal; In Deutschland ist das eher unmöglich!?????! Wobei doch bekannt ist, das 40% der deutschen Bevölkerung an Schlafapnoe (OSAS/ZSA), damit an unbemerkbarem Hochleistungssport im Schlaf leidet. Was hoher Puls, hoher Blutdruck über die Gesamtzeit des Schlafes bedeuted! Was vom Betroffenen selbst nie festgestellt werden kann. Er/sie schläft doch, oder !?! Im Extremfall wird er/sie bis zu 100 mal pro Std. aus dem Ersticken im Schlaf, notgeweckt! Mehr? Kein Problem: flc@live.de;
#2 am 27.02.2018 von franz laudenbach (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
Morgen ist meine Verhandlung vor dem Sozialgericht Dortmund. Ich habe die KVWL auf Bezahlung der telephonischen Beratung von Patienten, die ich vorher nie sah, im Fahrdienst verklagt. Die KV sagt, es gibt keine Gleichheit im Unrecht. Die Fernbehandlung war immer verboten. Früher wurde sie bezahlt. Seit zwei Jahren wird sie von der KVWL nicht mehr bezahlt. Ich dürfe mich nicht auf das frühere verbotene Vorgehen berufen. - Aber mittlerweile hat die KVWL ihre Rechtsposition geändert. Es wird wieder bezahlt, sogar rückwirkend . Es gibt also eine Gleichheit im Unrecht oder eine Ungleichheit im Recht. Ich bin gespannt auf die morgendliche Urteilsbegründung. Die KV Rheinland hat übrigens durchgehend bezahlt. Obwohl beide KVen dasselbe Aufsichtsministerium in Düsseldorf haben.
#1 am 27.02.2018 (editiert) von Gast
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