„Will nur filmen, wie Sie meine Wunde nähen“

26.02.2018

Vor mir sitzt ein Jugendlicher mit seinem Smartphone. Seine letzten Social-Media-Posts zeigen vielleicht lachende Gesichter beim Diskobesuch. Vielleicht auch schon das abfotografierte Innere des Rettunsgwagens, der ihn in unsere Notaufnahme brachte.

Aktuell ist dort aber nun sicher der Blick auf seinen Unterarm zu sehen. Zahlreiche Schnittverletzungen und Schürfwunden zieren die Innenseite seines Unterarms. Als ich den Verband der Primärversorgung entferne, sehe ich, dass die Glassplitter der zersprungenen Bierflasche bereits größtenteils entfernt wurden.

Ich drehe mich um, um die Lokalanästhesie aufzuziehen und sehe, dass er aus allen Blickwinkeln seine Wunde fotografiert. Als ich mich steril anziehe und beginne, die Wunden zu säubern, hält er das Smartphone auf den Instrumententisch und mich. 

„Legen Sie bitte das Handy zur Seite. Keine Fotos!“

„Ich fotografiere Sie doch gar nicht. Ich möchte nur filmen, wie Sie alles wieder zunähen.“

„Kommt nicht in Frage. Lassen Sie das.“

„Warum denn? Das stört Sie doch gar nicht. Und das macht sich echt super auf meinem Youtube-Kanal. Die gehen voll darauf ab. Kommen Sie schon. Wir können auch noch ein gemeinsames Foto machen. So mit diesem Mundschutz und den Handschuhen und so. Ehrlich, da erkennt man Sie gar nicht wirklich.“

Auch wenn ich es kaum fassen kann, muss ich ihm eines lassen: Der Junge ist geschäftstüchtig. 

„Kein Problem. Dann zeigen Sie mir doch einfach die Genehmigung für Film- und Fotoaufnahmen, die Sie hierfür brauchen.“

Er grunzt und schiebt das Handy in die Tasche. Als ich zum Wundschutz eine Fettgaze auflegen möchte, versucht er es erneut. „Halt! Nichts darauf legen. Nicht zubinden. Zumindest einmal muss ich die genähten Wunden noch abfotografieren.“

Kein Problem. Ich wünsche dann viel Spaß beim ersten Verbandswechsel. Sicherlich live auf seinem Youtube-Kanal.

 

Bildquelle: Nikk, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.03.2018.

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Mit dem Smartphone zu filmen, anstatt die Situation einfach emotional auf sich wirken zu lassen und mit den Sinnen zu erfahren, führt dazu, dass ein Gefühl der Unwirklichkeit entsteht - ist das wirklich passiert? Das ist schade. Diese Abhängigkeit vom Smartphone führt zu skurrilen und tragischen Situationen, wie bei den Leuten, die in den Niagarafall stürzen, weil sie sich filmend zu weit vorlehnen, anstatt den Eindruck einfach aufmersam auf sich wirken zu lassen ...
#15 am 07.03.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
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Kranke Schwester
Eine Geburt "zur Erinnerung" zu filmen, finde ich - äh. Naja. Wer schaut sich das später ernsthaft nochmal an? Vielleicht sollte sich der Filmer lieber um die Frau kümmern...
#14 am 07.03.2018 von Kranke Schwester (Gast)
  0
Kranke Schwester
Heftig. Manche Menschen können sich anscheinend partout nicht vorstellen, dass es Situationen gibt, in denen das Smartphone bzw. dessen Bedienung tabu sein sollte. Als Kinderdoc berichtete, dass sogar während der Behandlung durch den Arzt telefoniert wurde, war ich echt baff. Manche Menschen haben da offenbar echt null Hemmungen bzw. Gespür dafür, wann das Smartphone echt unangebracht ist...
#13 am 07.03.2018 von Kranke Schwester (Gast)
  1
Übrigens hab ich mich mehrfach bei Geburten filmen lassen, in Ausübung und meiner Tätigkeit als Hebamme, und hatte damit nie ein Problem, schliesslich weiss ich was ich kann und was ich tue! Aber ich finde die heutige Zurschaustellung auch genauso widerlich wie der Autor! Eine Geburt zu filmen als Erinnerung ist was ganz anderes, als eine durch Blödheit mit besoffenen Kopp entstandene Bierflaschen-Scherben-Schnittwunde "stolz" auf YouTube zu posten! OMG! Hat der junge Mann nix lobenswerteres auf der Platte? Offenbar nicht!
#12 am 06.03.2018 von Hebamme Birgit Bauhaus (Hebamme)
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Haha....Nach guten (!) 5 J. in der Notfallaufnahme eines grossen, vielfrequentierten Kreiskrankenhauses mit Verletzungen aller Schweregrade (Autobahnunfälle, Industrie-Arbeitsunfälle etc.) vor meiner 3. Ausbildung zur Hebamme bin ich froh, dass damals die Zeiten der Handies noch nicht angebrochen waren! Und dem jungen Mann wünsche ich recht viel "Spass" beim versuchten fotografieren seines Verbandwechsels....Da wird Freude aufkommen! Gut kleb!....Aber "Strafe" muss sein! Sehr lehrreich!
#11 am 06.03.2018 von Hebamme Birgit Bauhaus (Hebamme)
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Gast
Normal ;-)
#10 am 02.03.2018 von Gast
  4
Gast
Ehrlich gesagt verstehe ich das Problem nicht. Warum soll er seinen Unterarm nicht filmen dürfen, wenn jemand daran herumarbeitet? Nur weil Sie als Behandler irgendwelche unbegründeten Vorbehalte haben? Oder waren Sie neidisch, weil er nicht Sie bei der Arbeit in Großaufnahme filmen wollte, sondern der Arm im Mittelpunkt stehen sollte? Suchen Sie bei Youtube mal Dr. Pimplepopper - SO geht man heutzutage mit Medien und Internet um.
#9 am 02.03.2018 von Gast
  132
Telemedizin
So etwas nenne ich Telemedizin..........beim nächsten Unfall kann jeder Laie den Arzt ersetzen.
#8 am 02.03.2018 von Telemedizin (Gast)
  7
Gast
Soll er filmen. Ich hätte dann extra schmerzhaft genäht. Macht sich bestimmt gut bei seinen Followern.
#7 am 02.03.2018 von Gast
  71
Gast, Kennwort vergessen
Hallo unfallchirurginundmutter: Ich habe Ihren Beitrag gerade bewertet, aber leider geht der Zähler nicht hoch.
#6 am 02.03.2018 von Gast, Kennwort vergessen (Gast)
  2
Gast, Kennwort vergessen
Hallo Gast #1: Danke für diese gute Idee. Ich gehe demnächst in Rente und überlege gerade, ob dies nicht ein prima Nebenjob wäre, so mit Filmerlaubnis, vielleicht noch eine selbstgeprägte Tapferkeitsmedaille und gruselige Folterinstrumente aus dem Museum ;-) Verlangen sie Lizenzgebühren?
#5 am 02.03.2018 von Gast, Kennwort vergessen (Gast)
  3
Solange er nur seinen Unterarm filmt, braucht er keine Drehgenehmigung. Da hätten Sie ruhig etwas entspannter reagieren können. Ich an ihrer Stelle hätte ihn machen lassen und dazu gleich noch ein bißchen erklärt, was ich da tue und warum, als Bonus für die Follower, die seine Erfahrung teilen wollen. Wenn jemand insgesamt gut kooperiert, sollte man im Gegenzug auch entgegenkommend sein.
#4 am 02.03.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  66
Auf den Gedanken, dass seine Wunde eventuell völlig uninteressant ist, kommt er gar nicht......
#3 am 02.03.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  9
Gast
... und der zukünftige Arbeitgeber wird sich über die Bewerbung dieses Jugendlichen mit dessen ausführlichem Lebenslauf einschließlich Bild- und Video-Dokumentation des Sauf-Abenteuers auf YouTube sicher sehr freuen... Da kann ich nur noch den Kopf schütteln!
#2 am 02.03.2018 von Gast
  3
Gast
Es ist ja auch manchmal zu ärgerlich, dass der gute alte Bader seine Dienste nicht mehr auf dem Marktplatz bei Wind und Wetter neben einem gut gefülltem Kübel heißem Öl anbietet. Neue Zeiten, neue Sitten. Schönes Wochenende!
#1 am 02.03.2018 von Gast
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