Zerbröselter Rücken: Ich darf nicht helfen

19.02.2018

03:30 Uhr. Es ist Nacht. Herr Binder ist von einer Hebebühne gefallen. Sein Körper ist ein einziger Berg an zerbröselten Knochen. Er muss operiert werden, aber wir dürfen nicht. Da der Unfall auf der Arbeit passiert ist, muss er verlegt werden. Das zuständige Krankenhaus hat kein Bett frei.

Es ist Nacht, alles schläft. Naja, fast. Ich nicht. Ich bin nämlich auf der Suche. Nach einem Krankenhaus für meinen Patienten Herrn Binder. Im nahe gelegenen Fabrikwerk ist er am späten Abend von einer Hebebühne gestürzt. Instabile Wirbelkörperfraktur im Bereich der Brustwirbelsäule. Die Fraktur muss zeitnah operiert werden. Er muss dorsal stabilisiert werden und er wird einen Wirbelkörperersatz brauchen. Ein einziger Berg zerbröselter Knochen. Bisher hatte er keine sensomotorischen Ausfälle, laut Übergabe um 20 Uhr.

Da das Ganze bei der Arbeit passiert ist, werden wir die Fraktur nicht versorgen dürfen. Aufgrund Bettenmangels ist die Verlegung in das BG-Unfallkrankenhaus aber erst für den morgigen – korrigiere, den heutigen – Tag um 07:30 Uhr geplant. 

Der Zustande des Patienten hat sich stark verschlechtert

Als ich jedoch um 03:30 Uhr auf die Intensivstation gerufen werde, ist nichts mehr wie zuvor. Herr Binder kann seine Beine nicht mehr bewegen. Der Blutdruck von Herrn Binder ist bei 180 mmHg systolisch. Entsprechende Medikamente zum Senken wurden verabreicht. Die Frequenz liegt immer noch bei 120 Schlägen/Minute. Sein Unterbauch ist prall gespannt, obwohl er wohl vor einer Stunde in die Urinflasche gepinkelt hat. Bei der Anlage eines Katheters entleeren sich 600 ml Urin, im Schwall.

Ich rufe meinen Oberarzt an. Herr Binder entwickelt eine beidseitige Paraparese. Der Patient muss auf den Tisch. Nach der Rücksprache soll ich den Patienten doch sofort verlegen. Mal eben so. Um 03:30 Uhr. Easy. Kein Problem.

Der diensthabende Arzt der BG-Unfallklinik ist begeistert. Er freut sich beinahe ausgelassen über meinen Anruf. Er versichert mir, seinen Oberarzt zu kontaktieren. Ich solle doch aber noch in der anderen Klinik mit Maximalversorgung anrufen und fragen, ob Herr Binder nicht dort unterkommen könne. Ich schicke beiden Kliniken per Teleradiologie die Röntgen- und CT-Bilder.

Hektisches Telefonieren, Gebrüll und Geduld

04:10 Uhr. Der Oberarzt aus der Klinik der Maximalversorgung brüllt mich am Telefon an. „Sind Sie absolut sicher? Wenn ich den Patienten jetzt bei uns auf den Tisch lege, falle ich für den weiteren Tag aus! Mein ganzes OP-Programm fällt auseinander! Und die BG-Unfallklinik? Warum übernehmen die denn nicht?“

Ich bitte ihn, diese Frage direkt mit der Unfallklinik zu klären.

04:50 Uhr. Ich werde nervös. Ich melde mich bei dem Arzt der Unfallklinik. Die Oberärzte der beiden Kliniken halten wohl gerade ein überaus nettes Gespräch miteinander, geprägt von außerordentlicher Freundlichkeit. Ich werde mich noch gedulden müssen. 

05:10 Uhr. Ich erhalte den Anruf des Oberarztes aus der BG-Klinik. „Schicken Sie ihn, sofort. Mit Notarzt und RTW.“

Um 05:25 Uhr startet der Transport. Ganze zwei Stunden vor der eigentlich geplanten Verlegungszeit.

 

Bildquelle: Jonathan Grado, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.02.2018.

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Ein RTH (Rettungshubschrauber) fliegt nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Rettungshubschrauber mit Nachtflugtauglichkeit und Pilot mit Instumentenflugberechtigung können auch nachts fliegen. Das tun sie auch, aber i.d.R. nur von Flugplatz zu Flugplatz, also von Heimatbasis zu abgebendem KH, von dort zu aufnehmendem KH, dann wieder heim. In unserem Gebiet wäre das der Christoph 23 (BwZK Koblenz) den wir schon nachts um drei zur Verlegung eines schwer Brandverletzten gerufen haben. Dauerte etwas länger als tagsüber, aber er kam. Ansonsten wie #12: Gleich die richtige Zielklink ansteuern, ggfs. hinfliegen lassen. http://www.christoph23.de/index.php
#25 am 14.03.2018 (editiert) von Oliver Ritzmann (Rettungssanitäter)
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Gast
Ähnliches Problem selbst schon öfter miterleben dürfen. Haus mit 350 Betten, eine Intensiv mit 17 Betten -voll belegt, Pat mit thrombektomiewürdigem Verschluss und voll ausgebildeter Hemiparese, Aphasie und zunehmender Vigilanzminderung. 65 Jahre alt, stand bisher mitten im Leben und war gesund. Schon während der Lysetherapie wurde ein geeignetes Haus zur thrombektomie gesucht. Die Suche im Umkreis von 300km verlief erfolglos da es Intensivbetten mangelte. Der Patient ist im Verlauf noch in der Notaufnahme verstorben. Mittlerweile trauriger Alltag in deutschen Krankenhäusern!
#24 am 25.02.2018 von Gast
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..... an mehreren Schnittstellen!
#23 am 23.02.2018 von Silke Schuster (Ärztin)
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Es ist eine Zumutung der nächtlichen Dienshabenden die Verlegung aufzubürden. Noch dazu ist in der Nacht nur die bodengebundene Verlegung möglich. Eine zeitnahe Verlegung, notfalls mit Anmeldung von OA zu OA , wäre die zweitbeste Lösung. Eine schnelle OP im richtigen Krankenhaus mit Rückverlegung bei fehlender Bettenkapazität die drittbeste Lösung. Den Patienen ins nahe kleinste Krankenhaus zu fahren und dort dann die weitere Triage der jüngsten Kollegin zu überlassen bezeugt Faulheit, Gewissenlosigkeit,mindestens aber üble Schlamperei!
#22 am 23.02.2018 von Silke Schuster (Ärztin)
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Der Patient gehört in eine BG-Klinik oder ein Haus der Maximalversorgung. Ist der Weg für den RTW zu weit wird insbesondere bei einem kreislaufstabilen Patienten ein höherwertiges Rettungsmittel,in diesem Fall der Hubschrauber, angefordert. Ein “Schockraum“ wird angefordert. Notarztbegleitung ist obligat! Der Maximalversorger darf nicht ablehnen! Nur bei akuter Lebensgefahr ( in diesem Fall nicht gegeben) ist das Ansteuern des nächsten Krankenhauses zur Primärversorgung die richtige Entscheidung.
#21 am 23.02.2018 von Silke Schuster (Ärztin)
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Da hat jemand keine Ahnung! Im Notfall darf jedes Krankenhaus BG Fälle und gerade VAV Fälle behandeln!!
#20 am 22.02.2018 von Sarah Rosa Gerigk (Studentin der Humanmedizin)
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Wie traurig für Patient und Arzt gleichermaßen. Wo Bürokratie auch Schaden entstehen lassen kann, sieht man dann. Ich hoffe und wünsche dass der Patient gut genesen konnte ohne bleibende Schäden durch zeitnahe, doch umständliche Versorgung. Ich hoffe auch, dass er dieses Trauma gut verarbeitet bekommt, ohne Narben zu hinterlassen. Der begleitenden Ärztin wünsche ich eine Fallbesprechnung und Reflektionsmöglichkeit nach Erlebtem. Ich finde jedoch, dass sie alles getan hat, was ihr möglich war und mehr.
#19 am 21.02.2018 von Tamara Flum (Kinderkrankenschwester)
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#15 wen würden Sie da verklagen? Würden Sie das als schwerverletzter Patient überhaupt mitbekommen, was da für Sie rumorganisiert wird? Was für einen Schaden würden Sie da geltend machen, wenn was wir hoffen, der Eingriff doch noch zu einem guten Erfolg geführt hat?
#18 am 21.02.2018 von Dr. Irmgard Roßnagel (Tierärztin)
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Gast
zu #14 Patienten kann man nach dem Bericht nur empfehlen, die eigenen Symptome immer schlimmer darzustellen, als sie tatsächlich sind. Wer sich zusammenreißt oder ehrlich ist, verliert, sieht man ja hier. Hätte der Patient gesagt, ich kann meine Beine nicht mehr spüren, hätte man ihn vielleicht gleich in die richtige Klinik gebracht.
#17 am 21.02.2018 von Gast
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wie ist es denn ausgegangen??
#16 am 21.02.2018 von Dr. Andreas Kannt (Medizinjournalist)
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Gast
Sollte ir mal so etwas passieren, als Patien, ist die Klage schneller auf dem Weg wie die Verlegung organisiert ist... Einen grösseren Unsinn und leichtfertigen Umgang mit Schwerverletzten hab ich noch nicht gesehen!
#15 am 20.02.2018 von Gast
  17
Gast
Es ist außerdem so dass der Patient am Anfang der Geschichte ja kein "akuter" Notfall war. Keine sensomotorischen Ausfälle bedeutet halt nur "zeitnah" und nicht "sofort" Er hat sich erst in der Nacht zum Notfall entwickelt und das ist leider der denkbar schlechteste Zeitpunkt. Denn ehe ein OP für so einen Eingriff zusammen getrommelt ist, das Personal da und eingewaschen und vorbereitet ist und alles... da vergeht auch Zeit. Ganz so einfach mit "warum operiert man nicht gleich???" ist es leider nicht. Aber ich stimme zu dass es unglaublich ärgerlich (und für den Patienten wahnsinnig gefährlich) war wie der Heckmeck zwischen BG und Maximalversorger abgelaufen ist. (Respekt dann an den Autor welcher es hinbekommen hat dass beide OAs dann miteinander redeten statte stille post über ihn weiter zu spielen)
#14 am 20.02.2018 von Gast
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Der Bemerkung von Frau Wolf ist nichts hinzu zu fügen, außer, wer viel fragt, bekommt viele Antworten. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!
#13 am 20.02.2018 von Robert Wagner (Heilpraktiker)
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Ja, der ganz normale Wahnsinn. Die BG wollen, dass nur Kliniken operieren, die darin viel Erfahrung haben. Das ist ja prinzipiell keine so schlechte Idee. Der Rettungsdienst versucht natürlich, Schwerverletzte/BG-Unfälle/usw jeweils in eine passende Klinik zu bringen. Aber zum einen geht es hier u.U. um eine Fahrt, die eine Stunde länger dauert (was bei einem kritischen Patienten fatal sein kann), zum anderen haben auch wir das Problem, dass der zuständige Aufnahmearzt erst mal ablehnt, weil kein Platz / gerade ein paar Notfälle gekriegt / was weiß ich... So landet der Patient erst mal in der nächsten Klinik zur Erstversorgung, worauf dann der oder die Zuständige das Problem hat, eine Klinik für die definitive Versorgung zu finden... siehe oben.
#12 am 20.02.2018 von Helmut A. Bender (Rettungsassistent)
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Notfallversorgung, Paragraphen, unterlassene Hilfeleistung, rechtfertigender Notstand....alles schöne Schlagwörter. In der Realität läuft es eben alles etwas anders und wurde sehr trefflich durch Jonathan Grado beschrieben! Am Ende wundern sich in den M+M-Konferenzen alle wie es dazu nur kommen konnte. Die Verantwortlichen haben dann dafür absurde Begründungen und noch absurderer Lösungsvorschläge. Danke, für den ehrlichen Bericht.
#11 am 20.02.2018 von Lars - Helge Giese (Student)
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Und täglich grüßt das Murmeltier! Der Klassiker, was für ein Déjà vu!
#10 am 20.02.2018 von Lars - Helge Giese (Student)
  0
Notfallversorgung darf meines Wissens bei Dringlichkeit in jeder Klinik gemacht werden, dann Verlegung. So machen wir das. Vllt nochmal den eigenen OA fragen, wieso nicht?
#9 am 20.02.2018 von Lydia Wolf (Ärztin)
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Emira Th., Krankenschwester
Erwähnenswert ist auch Paragraf 34 StGB -> Rechtfertigender Notstand.
#8 am 20.02.2018 von Emira Th., Krankenschwester (Gast)
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Gastritis
Da fällt mir spontan der § 323c ein: Unterlassene Hilfeleistung; Behinderung von hilfeleistenden Personen (1) Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will.
#7 am 20.02.2018 von Gastritis (Gast)
  2
Gast
Ein Patient darf nicht operiert werden, weil das eine BG-Klinik machen muss. Wer denkt sich sowas aus? Dann muss der Patient halt gleich ins richtige krankenhaus gebracht werden. Wen darf der Patient verklagen, wenn er jetzt bleibende Schäden davonträgt, die vielleicht hätten verhindert werden können: Krankenkasse, Politiker, Berufsgenossenschaft?
#6 am 20.02.2018 von Gast
  3
Gast
Warum operiert man in dieser Situation nicht sofort einfach selbst und regelt den 'Papierkram' später. Es steht Leib und Leben eines Menschen auf dem Spiel! Hippokratischer Eid und so ...
#5 am 20.02.2018 von Gast
  9
Gast
Wahnsinn. Hätte eigentlich das ganze schon in einem guten Zustand am Abend haben können. Sowohl beim Maximalversoger, als auch in der BG-Klinik. Nachts kannst nicht mal den Hubschrauber immer haben
#4 am 20.02.2018 von Gast
  1
Gast
Wie ist die Geschichte ausgegangen? Ich glaube, ich wäre geplatzt.
#3 am 20.02.2018 von Gast
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Der alltägliche Wahnsinn. Leider!
#2 am 20.02.2018 von Dr. med. Reiner Schenk (Arzt)
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Unglaublich! Wieso darf nicht operiert werden, wenn die zuständige BG-Klinik kein Bett frei hat, es aber notwendig ist? Was soll dieses bürokratische Gehabe? Der Leidtragende ist der Patient. Ich hoffe, es geht ihm inwischen wieder besser.
#1 am 20.02.2018 von Dipl. inform. Dieter Krogh (Medizininformatiker)
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