Tausche Like gegen Leben

13.02.2018

Ich war gestern bei einem Unfall auf der Autobahn. Freie Sicht, 10 °C Außentemperatur und eine trockene Fahrbahn. Keine Baustelle, keine Hindernisse, eine freie gerade (!) Strecke, soweit man schauen kann. Du hängst in deinem zerknautschten roten Kleinwagen, der auf dem Dach liegt.

Du bist ohne Bremsspur in den Graben gerast, hast dich mehrfach überschlagen, die Autobahn ist übersät mit einem Gemisch aus Autoteilen, Trümmern der zerrissenen Leitplanke und jeder Menge hochgeschleuderter Erde.

Man fragt sich unweigerlich: Wie kann so was passieren? Mit dem Handy gespielt? Vielleicht. Es bleibt Spekulation.

Aus meiner subjektiven Perspektive stellt es sich so dar, als hätten derartige Unfälle seit der flächendeckenden Benutzung von Smartphones stark zugenommen. Es gibt LKW-Fahrer, die ungebremst in ein Stauende rasen. Hat es früher auch schon mal gegeben, aber gefühlt kommt das heutzutage sehr viel häufiger vor. Ich habe dafür keine Statistik, die ich vorlegen könnte, es entspricht nur meiner Wahrnehmung.

Tausende von Kanälen, die uns ablenken

Das obige Video ist sicher allen bekannt, oder? 
Es ist schwer zu ertragen. Die Geräusche und das Schreien der Verletzten tun weh und aus Erfahrung kann ich sagen, es ist genau so. Jeder Unfall brennt sich ein bisschen in die Seele ein. Für jede Feuerwehrfrau, für jeden Notarzt, für die Polizisten und die umstehenden unverletzten Unfallbeteiligten.

Das Video kommt aus einer Zeit, als man noch SMS schrieb und diese SMS auch noch Geld kosteten. Heute gibt es Facebook, Instagram, Twitter, iMessage, Whatsapp und noch 1.000 weiter Smartphone-Dienste und das mit einer Flatrate, außerdem muss man auch auf allen Kanälen up to date bleiben, weil sonst würde man ja verpassen, dass Michaela auf Bali gerade einen super leckeren Cocktail schlürft – inklusive Foto von dem Cocktail, nicht von Michaela. Dafür mit fancy Hashtags.

Kein Urlaub ohne Instagram

Michaela: Super lecker #bali #cocktail #timeforus #liveyourdream

Und natürlich kann sie sich auf ihren Freundeskreis verlassen, aus dem alle jetzt und sofort auf „Gefällt mir“ klicken. Michaela sitzt also auf Bali, schaut auf ihr Handy und wartet auf Rückmeldung.

DING!

Karsten: *Gefällt mir*

DING!

Carina: *Gefällt mir*

DING!

Jenny: „Sieht lecker aus!“

DING!

Antwort von Michaela: „Ja, köstlich!“

DING!

Steffi: *Gefällt mir*

DING! …

So weit, so belanglos. Sie könnte sich eigentlich auch mit ihrem Gegenüber unterhalten, aber der schickt „den Jungs“ gerade ein Foto von dem Flatrate-Sauf-Armband, umgehendes Feedback garantiert.

DING!

Andi: Gas geben! #ballern #fürlau #flatrate #urlaub #träumenichtdeinlebenlebedeinentraum

„Wolle, Marc und 21 anderen Personen gefällt das.“

DING! DING! DING! DING …

Was interessieren uns die Michaelas und Andis dieser Welt?

Man könnte jetzt meinen, das sei alles belanglos. Sollen Andi und Michaela doch ihre Nachrichten und Feedbacks in die Welt schicken, was geht mich das an?

Die Michaelas und Andis dieser Welt tun das nicht nur im Urlaub auf Bali. Sie chatten, texten und liken überall, auch im Auto, auch als Fahrer. Sie programmieren ihr Navi, machen ein Foto vom Kilometerstand (100.000 !!!) und checken das Make-Up per Selfie. Vielleicht suchen sie auch nur einen Burgerbrater entlang der Route und tippen dafür ein bisschen auf dem Glasdisplay rum.

Guckt nach vorne,

tippt,

tippt,

guckt,

tippt,

tippt,

aargh – vertippt, korrig…

UPS! Etwas nach links verzogen, aber hey, ist nichts passiert, linke Spur war ja zum Glück frei also, weiter gehts.

Nach vorne gucken,

tippen,

gucken …

Was tun gegen die ständige Ablenkung?

Wer so wie ich viel im Auto und auf Autobahnen unterwegs ist, sieht es jeden Tag. Autos, die bei Tempo 100 plötzlich vom Gas gehen und an Geschwindigkeit verlieren, dann wieder Gas geben und das ganze von vorne. Nur mal eben am Navi geguckt, ob es eine schnellere Route gibt. Oder Autos, die ganz langsam zu einer Seite abdriften und dann ruckartig wieder in die Spur zurückfinden.

Müde? Vielleicht. Abgelenkt? Schon eher. Es ist Spekulation, weil ein eindeutiger Nachweis ausbleibt, aber wenn in Europa die Anzahl der Verkehrstoten und der Verletzten im Mittel zunimmt, dann muss man schon nach den Ursachen fragen.

Die Franzosen haben das getan und die Geschwindigkeit auf Landstraßen gesenkt.
Weil alkoholisierte Autofahrer und der Gebrauch von Smartphones als Problem erkannt wurden, senkt man die zulässige Höchstgeschwindigkeit. Das finde ich in etwa so, wie wenn mein Kind ein Problem mit Alkohol hat und zu viel am Handy rumhängt und ich deshalb die tägliche Spielzeit an der Konsole von 3 auf 2,5 Stunden reduziere. Oder so.

Keine Kontrollen bringen auch nichts

In Deutschland kostet die Handynutzung am Steuer nur 100 Euro und die werden den wenigsten Autofahrern wirklich weh tun, den Punkt in Flensburg kann man auch verschmerzen. Die schönsten Strafen bringen aber sowieso nichts, wenn keine Kontrollen stattfinden. Kontrollen gegen eine unerlaubte Handynutzung am Steuer sind sehr selten, das Risiko erwischt zu werden, geht scheinbar gegen Null.

Deshalb sollte man sich selbst klarmachen: Kein Status-Update, kein Foto auf Instagram, kein Like oder Dislike, kein „Ich-komme-später“und kein „Holst-du-die-Kinder-ab“ ist ein Leben wert. Nicht das eigene und nicht das eines anderen Menschen.

Ich glaube ja, dass es erst wieder zu einem Rückgang der Unfallzahlen kommt, wenn selbstfahrende Autos zum Alltag gehören. Ob uns das passt oder nicht: Mit Vernunft ist da nichts zu machen. Da können die beeindruckesten Aufklärungskampagnen laufen, der Mensch wird immer wieder zum Handy greifen. Ist ja nur mal eben kurz.

Selbstfahrende Autos als Rettung?

Und wenn das Auto selber fahren kann, dürfen Michaela und Andi endlich liken und tippen bis zur Rhizarthrose. Bis diese Autos erschwinglich und eingebauter Standard sind, müssen sich die Michaelas und Andis dieser Welt zwischen dem Blick auf die Straße und dem Blick aufs Handy entscheiden.

Gruppe „Kindergarten Mitte“, 72 Teilnehmer

DING!

Michaela: „Andi hatte einen schweren Unfall, er liegt auf der Intensiv. Wir kommen heute nicht zum Elternabend.“

DING!

Karin: „Oh je, gute Besserung!“

DING!

Katja: „Alles Gute!“

DING!

Stefan: „Gute Besserung!“

DING!

Sven: „Ich hatte auch mal einen Unfall. Get well soon!“

DING!

Frank: „Gute Besserung!“


 

Bildquelle: Ksayer1, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.02.2018.

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Gast
Und wie soll das Handy wissen wer Fahrer und wer Beifahrer ist? Dann könnte der Beifahrer nicht das Navi bedienen, nicht nach der Nächsten Rastmöglichkeit suchen, nicht die Musik steuern...
#17 am 23.02.2018 von Gast
  0
Gast
Vielleicht könnte man die Handys so programmieren, dass sich immer, wenn sie beim Fahren benutzt werden automatisch und vom Nutzer unbeeinflussbar ein Video öffnet, auf dem eine Organtransplantation gezeigt wird. Darauf sollte groß und deutlich stehen: "Vielen Dank für Ihre Organspende!"
#16 am 20.02.2018 von Gast
  4
Gast
Auklörungskanpagnen nützen nicht nichts. Sie bringen nie 100%, aber sie nützen fast immer etwas. Das war bei AIDS so und wäre vermutlich auch hier so. Und es wäre bei der Organspendefrage so. Aber sie kosten Geld, besonders wenn sie gut sein sollen. Da liegt der Hase im Pfeffer, und das Smartphone bleibt in der Hand.
#15 am 20.02.2018 von Gast
  0
Unser Sohn hat kürzlich ein Jungfahrertraining beim ADAC gemacht. Dann bekamen wir eine kryptische Nachricht auf unsere Handys. Auf die Frage was das sollte erklärte er uns später, sie mussten den Hindernisparcours fahren und gleichzeitig was am Handy machen. Hat nicht besonders gut geklappt! Ich hoffe er merkt sich das.
#14 am 20.02.2018 von Dr. rer. nat. Dagmar Kemmling (Naturwissenschaftlerin)
  0
Diese ständige Handy-Guckerei ist ja schon bei Fußgängern in der Stadt gefährlich. Früher war es der Hans-guck-in-die-Luft im Struwwelpeter, gerade erst heute morgen war es ein junges Mädchen, tief in ihr Smartphone vertieft, Blick nach unten, das mir ohne auf die Straße zu schauen, beinahe ins Auto lief, als es die Straße überquerte - übrigens ca. 20 Meter vor der Fußgängerampel.
#13 am 19.02.2018 von Alfred Geißler (Arzt)
  0
Die meisten Kommentare hier haben wichtige Störfaktoren beim Autofahren ausgelassen. • Rauchen am Steuer • Essen und trinken am Steuer • Fahrer alleine mit unruhigen Kleinkindern unterwegs • Fahrer alleine mit größeren streitenden Kindern unterwegs • Fahrer allein mit Tiere lose auf dem Beifahrersitz • Das Telefonieren vom Auto aus ( ohne Siri-Funktion ) In meinem Beruf benutze ich täglich mein Händy nur via Freisprechanlage mit Lenkrattsteuerung wo grundsätzlich anonyme Telefonnummer nie beantwortet werden . Das vernünftige Nutzen ist größer als die Nachteile .
#12 am 17.02.2018 von Dr. med.vet. Öistein Gaarden (Tierarzt)
  1
MTRA
@#3: als MTRA mit Rufbereitschaft nutze ich mein Handy mit Freisprechanlage z.B. auf dem 40-minütigen Heimweg von der Klinik. Alle Handys und Freisprechanlagen zu verbieten bzw. lahmzulegen halte ich nicht für sinnvoll.
#11 am 16.02.2018 von MTRA (Gast)
  1
Gast
Sorry ,meinte Handymalerei!(Alter Apple)
#10 am 16.02.2018 von Gast
  0
Gast
Hasse die Handmalerei.Als naiver Hausarzt hatte ich mein Telefon immer eingeschaltet und wurde wegen Lappalien von der Frau Dr.runtergerufen,Und nun in Rente soll ich mich ohne Grund von dieser Unsitte malträtieren lassen.
#9 am 16.02.2018 von Gast
  0
Gast
Das mit dem Belohnungsaufschub ist so unglaublich wahr. Sehr lesenswert in diesem Zusammenhang: Mythos Überforderung und warum unsere Kinder Tyrannen werden.
#8 am 16.02.2018 von Gast
  0
Gast
Sehr guter Artikel. Aber ehrlich gesagt geht er mir nicht weit genug. Solche Menschen als unvernünftig zu bezeichnen und zu sagen dass kein Instagrameintrag es wert ist mit dem eigenen Leben zu spielen ist noch zu sehr verharmlost. Genau wie Leute die betrunken fahren oder Straßenrennen veranstalten gefährden diese rücksichtslosen Menschen das Leben und die Gesundheit anderer Unschuldiger. Und wofür? Das ist mehr als nur eine Leichtsinnigkeit! Das ist kriminell! Wer so mit dem Leben seiner Mitmenschen umgeht sollte weggesperrt werden.
#7 am 15.02.2018 von Gast
  2
Gast
Es ist gar nicht mal so sehr das eigentliche Gespräch, das ablenkt. Es sind vielmehr die visuellen Ablenkungen, die das Problem darstellen. Jeder Blick von der Fahrbahn stellt eine Gefahr dar. Egal ob ich auf das Handy schaue oder auf das Navi oder auf das Anwahlsystem im Auto mit Freisprechanlage oder Musik im Entertainmentsystem suche. Lieber Herr Narkosearzt, bitte schicken Sie Ihren Artikel an eine größere Zeitung. Er ist nett geschrieben und erzieherisch wertvoll. Es ist schwierig das Verhalten der Fahrer ausreichend zu reglemetieren aber Ihr Artikel ist tauglich ein wenig Erziehungsarbeit zu leisten.
#6 am 15.02.2018 von Gast
  0
Belohnungsaufschub ist nicht jedermanns Sache. Früher hat man erwartet, daß Kinder lernen, mit Frust und Wartezeiten klarzukommen und daß Erwachsene sowas können. Heutzutage wird Ungeduld als Tugend gesehen und die ständige Stimulation des dopaminergen Belohnungssystems mittels sozialer Medien gilt als fortschrittlich. Aus meiner Sicht ist diese permanente Suche nach Stimuli unreif und typisches Suchtverhalten.
#5 am 15.02.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  0
Gast
Richtig so, denke mir immer, gesund ankommen ist am aller wichtigsten.
#4 am 15.02.2018 von Gast
  1
Die einzige sinnvolle Automatik im Auto wäre die, die das Mobil vollständig abschaltet! Auch Gespräche mit Freisprecheinrichtung lenken ab.
#3 am 15.02.2018 von Rainer Quilitzsch (Arzt)
  3
Dieses britische Video (und weitere aus Frankreich) bekommen von mir alle Fahrschüler im Rahmen ihres Erste-Hilfe-Kurses gezeigt. Aber am ständig-am-Handy-präsent-sein-und-sein-ganzes-Leben-posten-Syndrom krankt unsere Gesellschaft. Da fällt mir gerade ein, dass ich mein Smartphone vor zwei Stunden angeschaltet habe und kurz darauf ein Ton eine eingehende Nachricht gemeldet hat - mal nachschauen wer da was will, ich bin schließlich nicht der Sklave der sofort aufspringt. Und im Auto liegt das Teil ausgeschaltet in der Handtasche auf dem Rücksitz. Vielleicht sollte unsere Gesellschaft mal etwas Entschleunigung lernen. (Was sehe ich da denn?? Rot unterstrichen??? Also das Textprogramm kennt das Wort Entschleunigung nicht??? Das sagt schon alles).
#2 am 15.02.2018 von Teresa Elaine Eigler (Rettungssanitäterin)
  0
Max Schlommski
Nach intensiven Nutzen und einer mal selbstauferlegten Abstinenz hab ich glatt vergessen das ich dach ja hätte wieder mitliken dürfte... Huch, ganz vergessen in die Sozialen Netzwerke zurück zu kehren... ja wofür brauchte ich die eigentlich mal ...???
#1 am 15.02.2018 von Max Schlommski (Gast)
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