MenB-Impfung: Mehr als abwägen geht nicht

08.02.2018

Im südhessischen Lindenfels ist unlängst ein Kind an einer Meningokokken-B-Sepsis verstorben. Wie ist das eigentlich mit der generellen Impfempfehlung gegen dieses Bakterium? Was sagt die STIKO?

Davor haben wir Kinderärzte alle, alle, alle Angst: Im hessischen Lindenfels ist in dieser Woche ein Kindergartenkind an einer Meningokokken-B-Infektion gestorben.
Dies soll der traurige Anlass sein, nochmal etwas über die mögliche Impfung gegen diese Bakterien zu schreiben:

Meningokokken B werden von Mensch zu Mensch übertragen, als typische Tröpfcheninfektion, sie können ohne großartige Symptome abgewehrt werden, verlaufen aber auch nicht selten fulminant. Im Gegensatz zu anderen Meningokokkenstämme (z.B. MenC, die in Deutschland häufiger vorkommt und wogegen ja auch seit Jahren im Alter von einem Lebensjahr geimpft wird), können sie zu schwersten Hautblutungen führen und leider oft auch zum Tode.

Bei Infektionsverdacht kommt es auf jede Minute an

Kommt es zu einem bekannten Fall in einer Einrichtung, werden alle Kontaktpersonen vom Gesundheitsamt identifiziert und in aller Regel prophylaktisch mit einem Antibiotikum behandelt (Rifampicin, macht schönen roten Urin), damit lassen sich Ausbrüche recht schnell eindämmen. Ich selbst habe einen Fall als junger Assistenzarzt erlebt, auch als behandelnder Arzt muss man diese Prozedur über sich ergehen lassen. Und beim Erkrankten gilt: Alleine die frühzeitige Behandlung mit einem Antibiotikum kann den letalen Verlauf verhindern.

Kinderklinikambulanzen, auch wir Kinderärzte, bevorraten das empfohlene Notfallantibiotikum Cefotaxim iv. Sobald der Verdacht besteht, könnte ich es also sofort verabreichen. Mitunter ist sonst sogar die Zeit, die bis zur Sicherung der Diagnose vergeht (Fahrt in die Klinik, Aufnahme, Lumbalpunktion), zu lang.

Einen Impfstoff gibt es, aber keine Empfehlung

Seit 2013 gibt es Impfstoffe gegen die Meningokokken B. Warum gibt es aber bisher keine generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO), allen Kinder diese Impfung zu geben?

Man versucht Krankheiten ja bekanntlich aus verschiedenen Gründen durch Impfungen einzudämmen:

Diese Gründe treffen auf viele Erkrankungen und deren Impfungen zu, bei manchen überschneiden sich die Gründe, bei manchen sind es solitäre Gründe.

Bei Meningokokken B wäre der häufig fulminant-letale Verlauf („invasive Meningokokken-Erkrankung“ = IME) ein guter Grund, die Impfung zu empfehlen. Viele Ärzte können eine Geschichte dazu erzählen, viele Ärzte empfehlen aufgrund des aktuellen Ereignisses die Impfung, niemand sollte das erleben. Vielleicht ist es auch ein Prinzip ärztlichen Handels, grundsätzlich eine Impfung zu empfehlen, die eine Erkrankung verhindern kann uns ein Leiden so vorbeugend zu verhindern.

Wie argumentiert die STIKO?

Die STIKO ist sich des tragischen Verlaufes vieler Meningokokken-B-Erkrankungen klar bewusst, dennoch gibt sie weiter keine generelle Impfempfehlung. Sie argumentiert, dass die Krankheitshäufigkeit in Deutschland auch ohne Impfung abgenommen habe. Seit Einführung der Meldepflicht 2001 erlebt Deutschland derzeit das niedrigste Niveau an IME. Dies ist als Argument insofern interessant, weil viele Impfgegner eben jenes Argument anbringen, wenn es um andere Erkrankunegn geht: Viele Erkrankungen seien bereits vor der Einführung einer generellen Impfung rückläufig gewesen.

Ein zweiter Aspekt, der laut STIKO gegen eine grundsätzliche Impfempfehlung spricht, ist die Tatsache, dass in Deutschland die Meningokokken-B-Infektion im Vergleich zu anderen Ländern eher selten vorkommt. Im Jahr 2015 gab es beispielsweise in England 21,8 Erkrankte pro 100.000 Einwohner, während es in Deutschland 6,0/100.000 Einwohner waren.

Die STIKO bleibt bei ihrer Empfehlung

Außerdem legt die STIKO in ihrem neuesten Bulletin sehr ausführlich die Impfergebnisse aus anderen Ländern dar, diskutiert die Verträglichkeit des Impfstoffes (nicht so gut), die mögliche Implementierung in den aktuellen Impfkalender (kompliziert) und die Immunogenität der auf dem Markt befindlichen Impfstoffe (geht so). Sehr ausführlich, sehr detailliert. Dennoch bleibt die STIKO nach der erstmaligen Empfehlung der Impfung für Risikopatienten (z.B. mit Immundefekten oder Asplenikern) von 2014 auch dieses Jahr bei der Haltung gegen eine grundsätzliche Impfung.

Die Impfkommission zeigt im Fall der Meningokokken-B-Impfung Zurückhaltung und begründet diese gut, so schwer der Einzelfall einer IME auch sein mag, so selten kommt die Erkrankung letztendlich vor. Ob eine Senkung der Erregerlast in der Gesamtbevölkerung durch eine generelle Impfung erreicht werden kann, müssen Studien aus England zeigen, wo die Empfehlung für eine generelle Impfung existiert.

Wie machen wir in der Praxis das?

Wenn Eltern in meiner Praxis nach der Impfung fragen, versuche ich, genau diese Haltung zu vermitteln: Die Erkrankung an Meningokokken B kann sehr schlimm verlaufen, aber sie ist eher selten im Vergleich zu anderen Infektionen. Das Nebenwirkungsprofil der Impfstoffe ist bei der Entscheidung für oder gegen eine Impfung nicht zu vernachlässigen. Ob die Impfung letztendlich vor dem gerade zirkulierenden MenB-Stamm schützt, ist zudem nicht sicher, die STIKO spricht von einer Abdeckung von 82 %. Wer die Impfung für sein Kind wünscht, der bekommt sie aber; Kosten ca. 300 Euro, wird nicht von allen Kassen übernommen und ist immer erst einmal eine Privatleistung.

Ich versuche, meine eigene Erfahrung im Kopf zu behalten und hätte auch Angst vor einer Infektion unter meinen Patienten, vertraue aber der Weitsicht und dem epidemiologischen Sachverstand der STIKO. Als einzelner Arzt wäre es vermessen, die Wirkung oder Nichtwirkung der MenB-Impfung abzuschätzen. Einzelerlebnisse waren noch nie gute Entscheidungshilfen und sind in der Regel eher ein Instrument der Impfgegner. Nur die genaue Betrachtung der Epidemiologie in unserem Land kann eine generelle Empfehlung bringen oder eben nicht. Diese werde ich dann auch entsprechend in der Praxis umsetzen.

 

STIKO-Bulletin vom 18.1.2018 zu diesem Thema

Ursprünglich hier.

Bildquelle: geralt, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.02.2018.

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Medizin, Pädiatrie
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Gast
STIKO / SIKO: Interessant ist ja schon, daß die beiden Kommissionen sich z.T. doch in ihren Empfehlungen unterscheiden. Und warum beharrt Sachsen überhaupt auf seinem Sonderweg? Hat der Freistaat denn nix besseres zu tun? @ Sylvia: Duuuu bist ja ein niedlicher kleiner Troll - trotzdem: Laß mal die Großen hier diskutieren, troll' dich und geh' woanders spielen!
#13 am 15.02.2018 von Gast
  10
Sylvia
Es gibt deutlich mehr intrinsisch verursachte Todesfälle durch Übertherapien. Man sollte lieber einmal darüber sprechen. Im Übrigen ist dieses Quentchen Wahrheit innerhalb einer Riesen-Impfpropaganda genau das derzeit typische politische Vorgehen. Dann weiss nämlich wirklich keiner mehr, was eigentlich gespielt wird.
#12 am 15.02.2018 von Sylvia (Gast)
  20
Mumps mach nicht Impotenz sondern UNFRUCHTBARKEIT durch Hodenentzündung mit nachfolgender Störung der Samenproduktion und zudem auch Meningitis. Die Gehirnentzündungen nach Masern sollten hier nicht unerwähnt bleiben
#11 am 15.02.2018 von Ernst Mönter (Arzt)
  1
Gast
Ich erinnere mich an ein Interview eines STIKO-Mitgliedes, der meinte, aufgrund der Seltenheit und des zweifelhaften Herdenschutztes könne zwar keine STIKO Empfehlung befürwortet werden, wenn er aber als Großvater gefragt würde ob die eigenen Enkelkinder geimpft werden sollen, würde er die Impfung schon empfehlen…. Ich habe also nicht lange darüber nachgedacht, meine 2-jährige gegen diese oft lebensbedrohliche Infektion zu impfen. Auf jeden Fall sollte immer gut aufgeklärt werden, betroffenen Eltern die potentielle Gefahr der Infektion klar sein (inklusive des seltenen Auftretens) und es wäre wünschenswert, wenn es nicht an den für manche Familien doch sehr hohen Kosten für eine eventuelle 3-fach Impfung scheitern müsste. Und falls es an der Implementierung in den Impfkalender scheitern sollte, könnte man ja darüber nachdenken, etwas potentiell weniger dramatisches nach hinten zu verlagern (wie viele Babies und Kleinkinder erkranken denn tatsächlich an HepB?)
#10 am 15.02.2018 von Gast
  4
Für mich ist die fehlende Stiko-Empfehlung eines zugelassenen Impfstoffs gegen Men.B unsozial und benachteiligt die gesetzlich Versicherten und darunter besonders die Armen, die nicht mindestens 300 Euro (je nach Alter 2-4 Injektionen) pro Kind (!) aufbringen können. Ich kläre jeden auf, empfehle die Schutzimpfung gegen MenB, gebe die Impfaufklärung des „Grünen Kreuzes“ mit und habe meine Kinder geimpft. Es sollte sich niemand des Geldes wegen dagegen entscheiden müssen.
#9 am 15.02.2018 von Dr. med. Miriam Le Goff (Ärztin)
  8
Robert-Koch-Institut, Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für das Jahr 2016: Gesamtzahl gemeldeter invasiver Meningokokkeninfektionen 280, davon 58% MenB, 21%Men C, 11% MenY, 9,3%MenW, 0,7% MenA, 0,4%MenE. (S.164) Es gab keinen Impfdurchbruch. Der Rückgang der gemeldeten MenC-Erkrankungen ist seit Einführung der MenC-Impfung 2006 „ deutlich ausgeprägter“ als der Rückgang der Erkrankungen durch Men. B.
#8 am 15.02.2018 von Dr. med. Miriam Le Goff (Ärztin)
  0
Zuzana K.
“MenC, die in Deutschland häufiger vorkommt und wogegen ja auch seit Jahren..." Eigentlich ist es umgekehrt, Miningokken Typ B sind die (deutlich) häufigeren, die Zahlen bewegen sich um 80% der durch Meningokokken verursachten Meningitiden, glaube ich.
#7 am 14.02.2018 von Zuzana K. (Gast)
  1
Gast
Vielen Dank für den sachlichen Artikel. Als Heilpraktikerin werde ich oft nach dem Thema Impfen gefragt und es wird in 90% der Fälle erwartet, dass ich große Reden gegen das Impfen schwinge, was ich aber nicht tue... Da Heilpraktiker nicht impfen dürfen, sollten sie dahingehend auch nicht beraten, so meine meinung, auch wenn ich damit keine Beliebtheitspunkte bei einigen Patienten sammle. Ich finde es immer sehr schwer eine Entscheidung für oder gegen einzelne Impfungen zu fällen, für meine eigenen 3 Kinder! Gerade fragte meine Kinderärztin wieder ob wir nicht noch gegen Meningokokken B impfen wollen, sie fragt jedes Mal obwohl es familiär gehäuft bei fast jeder Impfung zu Nebenwirkungen kam und ich das auch so formuliert habe und deshalb die Impferei auf das allernötigste reduziert habe. Da finde ich die klare Empfehlung bzw. nicht-Empfehlung der STIKO sehr hilfreich, auch wenn es mir irgendwielieber wäre wenn gerade dieser Impfstoff besser verträglich wäre.
#6 am 14.02.2018 von Gast
  3
Gast
"...der überdies schön zeigt, daß die STIKO doch deutlich besser ist, als ihr Ruf ..." Das war auch mein Gedanke, als ich den Artikel las. Ich bin kein Impfgegner, aber durchaus impfkritisch und hatte in den letzten Jahren schon das Gefühl, dass heutzutage alles weggeimpft werden muss. Und in den Impfempfehlungen für die Laien wird auch nie darauf hingewiesen, dass die Impfung auch mal nicht wirken könnte. Insofern bin ich jetzt wieder etwas beruhigt. Es wäre schön, wenn man die Fälle mit Komplikationen vorhersehen und dann gezielt impfen könnte...
#5 am 14.02.2018 von Gast
  6
Super. Sehr gute Darstellung der Problematik
#4 am 14.02.2018 von Dr. med. Claus-Dietmar Richter (Arzt)
  1
Gast
siehe Sächsische Impfempfehlungen !
#3 am 14.02.2018 von Gast
  2
Gast
Kann mich lebhaft an einen Fall aus der M-und-M-Konferenz vor einigen Jahren erinnern. Kind mit unspezifischer Symptomatik in ZNA, wird wieder nach Haus entlassen, einige Stunden später trägt die Mutter den im sterbenden liegenden Säugling wieder über die Schwelle. Selten habe ich es erlebt, daß nach der Schilderung des pädiatrichen OAs es so still im Raum war, wie damals. Ist uns allen sehr nahe gegangen. Den verantwortlichen Kollegen war kein Vorwurf zu machen, denn es sprach nichts für eine Meningitis, geschweige denn für MenB. Also: Danke für den ausgewogenen und wichtigen Artikel, der überdies schön zeigt, daß die STIKO doch deutlich besser ist, als ihr Ruf bei Impfgegnern.
#2 am 09.02.2018 von Gast
  1
Gast
Sehr schöner Artikel. Ich bin auch auf die Zahlen in England gespannt. Ich hatte einmal einen Meng-B-Fall miterlebt und das war wirklich hochdramatisch... aber wie gesagt bislang nur einen. Impfung bei Risikopatienten ist sehr sinnvoll, eine flächendeckende Impfung dagegen halte ich auch für vielleicht sinnvoll aber nur schwer umsetzbar. (Mich würde mal interessieren warum die Meng-B in England aber so viel häufiger vorkommt? Klima? Lebensstil? Zufall?) Jedenfalls wird die Zukunft spannend.
#1 am 09.02.2018 von Gast
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