Wirken Antioxidantien gegen Muskelkater?

07.02.2018

Muskelkater ist im Allgemeinen wenig beliebt. Deshalb nehmen viele Profi- und Hobby-Sportler regelmäßig Antioxidantien ein oder essen gezielt Lebensmittel, die reich an Antioxidanzien sind – in der Hoffnung, damit den Muskelkater zu reduzieren. Kann das funktionieren? Ein aktuelles Cochrane Review liefert Antworten.

Wenn man in der Medizin nach guter Evidenz bei bester wissenschaftlicher Methodik sucht, wird man häufig in Cochrane Reviews fündig. So gibt es sehr gute Cochrane Reviews zur (unwirksamen) Krebsprävention mit Selen-Supplementen (Vinceti et al. 2018) oder zur (unwirksamen) Knochenbruch-Prävention mit Vitamin-D-Supplementen (Zhao et al. 2017). Nun wurde in einem Cochrane Review die Studienlage zu der Frage ausgewertet, ob Muskelkater durch Antioxidantien verhindert oder zumindest reduziert werden kann (Ranchordas et al. 2018).

Die eigentliche Ursache von Muskelkater ist nach wie vor unklar. Diskutiert werden unter anderem Faktoren wie eine erhöhte Lactat-Konzentration, Mikro-Muskelfaserrisse, ein intramuskulärer Temperaturanstieg und entzündungsähnliche Prozesse. Da im Rahmen dieser Gewebeschädigungen auch vermehrt freie Radikale entstehen, wird von Seiten der Supplement-Hersteller verbreitet, dass radikalfangende Antioxidantien einem Muskelkater vorbeugen könnten.

Antioxidantien aus Supplementen und Nahrung

In die Auswertung eingeschlossen waren 50 verschiedene Studien mit insgesamt 1.089 Teilnehmern. 90 Prozent der Teilnehmer waren männlich, die Altersspanne lag zwischen 16 und 55 Jahren. Sämtliche Studien waren placebokontrolliert und (quasi-)randomisiert. Erfasst wurden alle zugeführten Antioxidantien jenseits der üblichen Ernährung, und zwar sowohl in Form von Supplementen als auch über spezielle Lebensmittel.

Zu diesen Lebensmitteln, die aufgrund ihres Antioxidantiengehalts als relevant gewertet wurden, zählten die Studienautoren Zitrusfrüchte, dunkles Obst (Kirschen, Blaubeeren, Trauben), dunkles Gemüse, Nüsse, Tee (grün und schwarz) sowie Olivenöl. Von den Sportlern eingenommene Supplemente enthielten, einzeln oder in Kombination, Vitamin C, Vitamin E, Carotinoide, Polyphenole, Glutathion, Acetylcystein und Coenzym Q10.

Die Einnahme der Antioxidantien erfolgte entweder am Trainingstag selbst oder am Tag davor oder danach. Als muskelkaterauslösende Aktivitäten wurden – je nach Einzelstudie – entweder gerätebasiertes Krafttraining oder Ganzkörpertraining (Laufen, Radfahren, Step-Aerobic) angewendet. Der anschließend auftretende Muskelschmerz wurde in fast allen Studien mittels visueller Analogskala (VAS) erfasst. Um die Vergleichbarkeit sicherzustellen, wurden diese Werte von den Cochrane-Autoren auf eine 10cm-VAS reskaliert. Als klinisch relevant wurde dabei eine Schmerzreduktion definiert, die einer Skalenveränderung von mindestens 1,4 cm entsprach.

Vorteil für Antioxidantien?

Treten nach der Aufnahme von Antioxidantien nun also weniger Muskelschmerzen auf? Tatsächlich zeigte sich ein leichter Trend, der diesen Zusammenhang zu bestätigen scheint. Zu den Messzeitpunkten 6–96 Stunden nach der Trainingsbelastung war die Schmerzintensität bei den Antioxidantien-Anwendern minimal geringer als in der Placebogruppe. Doch kein Grund, jetzt direkt die nächste Großpackung Supplemente zu bestellen: Die Schmerzreduktion zeigte sich zwar anhand eines eindeutigen Trends, doch in keinem Fall war sie so ausgeprägt, dass man von einem „klinisch relevanten Effekt“ (mindestens 1,4 cm Skalenveränderung) sprechen könnte. So betrug die mittlere Schmerzreduktion der Antioxidantien-Gruppen gem. VAS-Werten im Vergleich zur Placebo-Gruppe zu den unterschiedlichen Messzeitpunkten -0,52 cm (6 h), -0,17 cm (24 h), -0,41 cm (48 h), -0,29 cm (72 h), -0,03 (96 h).

Die Evidenz dieser Ergebnisse ist aufgrund der sehr unterschiedlichen Studien und eines hohen Verzerrungsrisikos laut Cochrane-Autoren lediglich „gering bis mittel“. Nebenwirkungen (Durchfall) wurden vor allem für Supplemente mit Acetylcystein beschrieben.

Antioxidantien machen keinen relevanten Unterschied

So ist das Fazit der Autoren auch eindeutig: „Die festgestellten Unterschiede in der Schmerz-Intensität sind so gering, dass sie in der Praxis wahrscheinlich keinerlei Unterschied machen.“ Diese Aussage gilt selbst für die höchstdosierten Antioxidantien.

Und jetzt? Mal wieder gibt es einen guten Grund, Supplemente nicht einzunehmen. Also am besten Trainingsmethoden optimieren oder Schmerz aushalten. Oder antioxidantienreiches Obst und Gemüse essen – einfach, weil es gut schmeckt, auch ohne dass es Muskelkater reduziert.

 

Bildquelle: Marco Verch, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.02.2018.

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Wenn die Mikroverletzungen die Ursache für die Entstehung freier Radikale sind, können Antioxidantien diese zwar abfangen, aber die Schädigungen bleiben, und damit auch der Muskelkater. Insofern war das Ergebnis der Studie vorherzusehen, oder? Außerdem frage ich mich, ob bei den Studienteilnehmern auch der Trainingszustand berücksichtigt wurde.
#10 am 15.02.2018 von Alice Seibel (Apothekerin)
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@#8 Vielen Dank für diese zutreffende Ergänzung zur Pathophysiologie des Muskelkaters.
#9 am 09.02.2018 von Prof. Dr. Martin Smollich (Apotheker)
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Die Behauptung, dass die Ursache von Muskelkater ungeklärt sei, stimmt nicht. Er entsteht meistens nach Mikroverletzungen (Sarkomereinrisse) durch ungewohnte hohe Kräfte (z. B. Bremsen beim Bergablaufen oder Erlernen neuer Bewegungen). Eine seltenere Form mit Entzündungssymptomen entsteht nach langdauernden intensiven Belastungen wie Marathonläufen. In beiden Fällen ist die Milchsäurekonzentration niedrig. Die Idee mit dem Laktat ist reine Spekulation. Übersicht in: Böning D.:Muskelkater. Deutsches Ärzteblatt 99: A-372-375, B-297-300, C-280-283 (2002)
#8 am 09.02.2018 von Prof. Dr. Dieter Böning (Arzt)
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Die Studie klingt korrekt, aber ich habe bei mir persönlich andere Erfahrungen gemacht, vielleicht auch ein Placeboeffekt. Ich nehme was, also hilfts. Wenn ich beim Trainieren Krämpfe im Oberschenkel bekomme, weiß ich: Entweder geschwächte Rückenmuskulatur, oder Mg-Mangel. Wenn es nach Mg-Gabe weggeht, war es für mich Mg-Mangel (bedingt auch durch hohe Diuretikaeinnahme). Habe ich nach dem Training Muskelkater, freue ich mich erstens, weil der Muskel angeregt wurde, trinke dann Eiweiß-Shake mit Blaubeeren oder Cranberries, und der Muskelkater geht - bilde ich mir zumindest ein. Trinke ich nichts, bleibt er. Habe ich Rheumaschmerzen, nehme ich Vit. E, C, Arthrosekomplex - es hilft und erspart mir NSA. Vielleicht wirklich nur alles große Einbildung, Hauptsache es funktioniert und macht glücklich ;-)
#7 am 09.02.2018 von Alfred Geißler (Arzt)
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@#5: Ihre Antwort finden Sie beim aufmerksamen Lesen obigen Artikels. Zitat: "Sämtliche Studien waren placebokontrolliert...", d. h. eine Gruppe hat Antioxidanzien eingenommen, die Kontrollgruppe ein Placebo. Wenn Sie sich die Mühe machen, die Originalarbeit einzusehen (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD009789.pub2/full) können Sie auch erfahren, dass 12 der in die Metaanalyse eingegangenen Studien ein Cross-Over-Design aufweisen, d.h. Placebo- und Verumgruppe haben gewechselt. Damit dürften reine Placeboeffekte kein Thema sein - zumal die supplementierter Antioxidanzien ja ohnehin keine signifikante Wirkung entfaltet haben (insofern wäre es allenfalls ein "Noceboeffekt", also die Erwartung: "Antioxidanzien bringen eh nichts!")
#6 am 08.02.2018 von Dr. rer.nat. Stefan Graf (Biologe)
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Mir ist der Aufbau der Studie nicht so klar. Hat den die Gruppe ohne Antioxidantien denn Placebos bekommen. Ich denke wenn die einen etwas nehmen und die anderen gar nichts nehmen, könnte Wirkung auch einfach Placebo sein.
#5 am 08.02.2018 von Ärztegemeinschaft Amedis (Zahnarzt)
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...wie sollen Antioxidantien gegen eine falsche Trainingssteuerung wirken?!
#4 am 08.02.2018 von Dawid Wojtyna (Physiotherapeut)
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@#1 Lieber Gast, in Ihrem Beitrag "absolut hirnrissiger Test" kann ich kein wissenschaftlich fundiertes Argument erkennen, das die Aussage des Cochrane Reviews widerlegen würde. Und wenn Sie einmal in den Beitrag schauen, werden Sie im Fazit eine eindeutige und eigentlich ziemlich gut verwertbare Aussage finden: "Die festgestellten Unterschiede in der Schmerz-Intensität sind so gering, dass sie in der Praxis wahrscheinlich keinerlei Unterschied machen."
#3 am 08.02.2018 von Prof. Dr. Martin Smollich (Apotheker)
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Vielleicht sollte Gast #1 mal einen Blick in das Cochrane Review werfen, um festzustellen, ob es wirklich keine verwertbare Aussage gibt und wie die Autoren ihre Ergebnisse bewerten. Ich denke, daß in dieser Metaanalyse zumindest erkennbar ist, daß Antioxidantien gegen Muskelkater nur dem helfen, der sie verkauft, ansonsten wäre ein positiver Effekt aufgefallen!
#2 am 08.02.2018 von Dr. Karl-Norbert Klotz (Biochemiker)
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Gast
Wieder mal ein absolut hirnrissiger Test, ohne jede verwertbare Aussage. Wissenschaft geht anders.
#1 am 08.02.2018 von Gast
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