Sie machen ja hier Zwei- Klassen- Medizin

07.02.2018
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Einige Politiker haben seit Monaten unser Gesundheitssystem im Visier. Obwohl unser GKV- System wohl den höchsten medizinischen Standard in der Welt hat, kann man es doch mal aus politischem Kalkül schlecht reden, Ängste schüren und davon dann profitieren. Einige Medien lassen sich vor den Karren spannen. Und die Auswirkungen auf die Praxis?

Der Januar ist vorbei, aber die eigentliche Grippewelle ist wohl noch nicht durch. In meiner kleinen HNO- Praxis am Rande der Großstadt ist so viel los wie selten. Entzündungen der Ohren, Nebenhöhlen, Mandeln und Kehlkopf haben deutlich zugenommen gegenüber dem Herbst. Wir arbeiten bis zum Anschlag, die Helferinnen machen, oft selbst nicht ganz fit, Überstunden und meine Familie sieht mich noch weniger als sonst. 60 Wochenstunden? Keine Seltenheit.

Wird es einem gedankt?

Wie gehen wir in dieser Gesellschaft eigentlich miteinander um? Welche Stimmung herrscht? Natürlich bin ich realistisch und erwarte nicht von jedem Patienten Kniefall und Dankes- Gesänge, aber merkt denn auch mal jemand, was wir leisten?

Ein Patient verläßt den Raum und bevor ich den nächsten auf meiner nicht enden wollenden Liste hereinrufe, gehe ich schnell nach vorne, um ein Dauerrezept zu unterschreiben.

Vor der Ecke mache ich Halt.

"Ich habe Halsschmerzen!", brüllt ein wohl nicht ganz wohl erzogener Mann meine Helferin an. "Ich kann nicht bis zu Ihrer Notfallsprechstunde warten. Das tut weh und ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen!"

"Aber Herr Wohlklang, ich gebe ihnen doch einen Termin für heute Mittag. Das ist in zwei Stunden." Wie kann sie da so ruhig anworten? Bewunderung!

"Zwei Stunden? Wie soll ich das aushalten?"

Die anderen Patienten nehmen Abstand. Mir fällt als alter Notfallmediziner sofort auf, dass die Atmung zumindest gut funktioniert. Für diese Lautstärke braucht er viel Luft!

Negativ- Motivation

Und dann kommt er wieder! Dieser so unheimlich motivierende Satz, den man so gerne hört, wenn man selbst Überstunden macht, höchste Leistung und Motivation bringt, den Helferinnen die Überstunden bezahlt und dieses Quartal nicht nur wie üblich 30% über dem Budget liegt sondern mehr:

"Wenn ich ein Privatpatient wäre, könnte ich bestimmt sofort drankommen. Typische Zwei- Klassen- Medizin! Pfui!"

Vielen Dank Politik

Abends sitzen wir noch kurz zusammen, meine Helferinnen mit Tränen in den Augen. Sie hätten in den letzten Monaten oft darüber nachgedacht, sich einen ruhigeren Job zu suchen. Einfach mal nicht angeschrien und beschimpft zu werden. Respekt und Würdigung der Arbeit sind oft genannte Stichworte.

Aber spiegelt das nicht die Stimmung im Lande wieder? Ist es nicht Plan einiger Politker, Ängste, Neid und Klassenkampf zu schüren, um selbst politisch erfolgreicher zu sein? Wissen die Gesossen, was sie damit den rechtschaffenden und fleißigen, den unbestechlichen und ethisch richtig handelnden Leistungserbringern antun?

Artikel letztmalig aktualisiert am 07.02.2018.

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Gast
Dieser Herr hätte einfach in die Apotheke nebenan gehen können, ein paar Halsschmerztabletten lutschen, sich im Zweifelsfall vom Hausarzt krankschreiben lassen und zu Hause auskurieren. Aber nein, dieser Herr schildert seine Symptome so, als sei er gerade dabei zu Vierlinge auf die Welt zu bringen. Solch besonders aufdringlich und fordernden Persönlichkeiten kann man es nie Recht tun.
#3 vor 6 Tagen von Gast
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Gast
Das Problem sind nicht die Wartezeiten oder Terminvergabe (ok, die manchmal schon) sondern die Erwartungshaltung der Patienten. "Mir tut was weh und du, Arzt, musst mir jetzt sofort helfen. Warum soll ich mit Schmerzen warten? Ich zahle doch schließlich Krankenkassenbeiträge und lebe in einem der reichsten Länder der Welt. Da wird es doch möglich sein das man mir auch umgehend hilft." Ich weis nicht mehr wie oft ich in den Wartezimmern und im Empfangsbereich verschiedener Ärzte solche Szenen miterlebt habe. Manche Menschen sind so Ich-zentriert das es dem Beobachter schon fast weh tut. Da fehlen nicht nur Anstand, Empathie und die Fähigkeit die Schwere der eigenen Beschwerden richtig einzuschätzen, da hakts noch wo ganz anders.
#2 vor 7 Tagen von Gast
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Gast
Ich muss auch sagen, als Kassenpatient bin ich bisher immer gut gefahren. Ja, mit ner Lapalie wartet man halt mal 1 Stunde oder so. Und wenn die Praxis halt gerade keine Notfallsprechstunde hat, dann wartet man halt. Vielleicht ist es Erziehung, vielleicht ist es dass ich selbst im Gesundheitswesen bin aber ich glaube dass viele Leute echt eine falsche Vorstellung von Medizin haben (und wie verdammt gut es uns in Deutschland geht). Nur nicht entmutigen lassen! (Und ich seh das auch so dass viel Meinungsmache betrieben wird. Privatpatienten bekommen keine andere Medizin und schnellere Termine ist auch eher 70% Gerüchte.)
#1 vor 8 Tagen von Gast
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