Nachtdienst: Zwischen Melatonin und Adrenalin

05.02.2018
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Im Nachtdienst passiert entweder absolut gar nichts oder es ist die Hölle los. Neulich habe ich beides erlebt. In einer Nacht. Nach Stunden des Zeitschriften-Blätterns und Energy-Drink-Schlürfens verflüchtigt sich plötzlich die Gelassenheit. Das Telefon klingelt.

Wäre ich esoterisch, würde ich sagen, der Supermond sei daran schuld. Bin ich aber nicht. Vielleicht liegt es nur an der besonderen Nachtstimmung, vielleicht aber auch nicht. Mir kommt es auf jeden Fall vor, als wären Nachtdienste entweder easy und chillig, oder verrückt. Während manchen Nächten blicke ich mehrmals auf das Telefon, um den Akku zu checken, weil es nie klingelt.

Verdächtige Ruhe

So war es auch letzte Woche. Der Spätdienst hatte absolut nichts zu übergeben. Die Station sei ruhig, keine Katastrophen. Auf der Notaufnahme läge auch kein chirurgischer Patient, der noch angeschaut werden muss. Nein, und angemeldet sei auch nichts. Hm, na gut. Ich schlürfe meinen Energydrink gemütlich im Büro, löffle einen Joghurt, drehe Paul Anka leise auf und widme mich den chirurgischen Zeitschriften, die andauernd in die Wohnung flattern. Mein Oberarzt meldet sich ab, er gehe nach Hause, ich solle mich melden bei Problemen. Ich genieße die Stille.

Fünf Minuten später läutet es. Das Telefon. Ich, noch die Ruhe in Person, nehme gelassen ab. Die Gelassenheit verflüchtigt sich in der Sekunde, in der mir der Oberarzt der Notaufnahme in mein Ohr brüllt: IN EIN PAAR MINUTEN LANDET DER HELIKOPTER, INTRAABDOMINELLE BLUTUNG, STURZ, UNTER OAK, INR MINDESTENS TAUSEND! Mein Puls liegt nun nicht mehr bei 60, sondern wahrscheinlich eher bei 90. Wobei, was stresse ich mich jetzt, der Heli landet in ein paar Minuten, so lange brauche ich nicht in den Schockraum. Den Oberarzt zurück in das Haus holend, spaziere ich telefonierend Richtung Schockraum.

Bloß nicht stressen lassen

Ein CT gäbe es schon vom zuweisenden Krankenhaus. Wird freigeschalten, dauere leider ein paar Minuten, heißt es von der Radiologin. Hmpf. Das CT ist dann schon zu sehen, noch bevor der Patient landet. Viel freie Flüssigkeit. Mesenteriale Blutung. Hmpf. Unter OAK bei St. n. Pulmonalembolie und DES. Mein Oberarzt hastet in den Schockraum, wenige Sekunden später trudeln die Männer in Rot mit dem bleich aussehenden Patienten ein.

Der Druck sinkt, der Patient kotzt, der Bauch ist zum platzen gespannt. Praktischerweise hat sich jemand bei der Konstruktion des Hauses etwas gedacht und den Operationssaal in die Nähe des Schockraumes platziert. Anstatt den Patienten im Schockraum also umzukabeln, werden auf dem Weg direkt in den OP viele Infusionen in den Menschen reingedrückt. Ab in den Saal, intubiert, Messer, Bauch offen. Und das innerhalb wenigster Minuten. Es kann so schnell und einfach gehen!

 

Bildquelle: Diricia De Wet, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.02.2018.

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Gast
Selten etwas so irrelevantes gelesenen
#7 vor 5 Tagen von Gast
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Gast
Es sind nicht die Esoteriker, die an den Supermond bzw. Vollmond glauben, sondern es sind die Menschen, die beides spüren können, und es hat auch nichts mit Glauben zu tun. Wer das nicht spürt, wird es niemals glauben, weil man es ihm nicht erklären kann und es sich somit nicht verifizieren lässt.
#6 vor 7 Tagen von Gast
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Gast
an #3: Danke für die Komplettierung! Gut gemacht! Chirurgen sind halt doch die Coolsten ;-)!
#5 vor 7 Tagen von Gast
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Gast
Guter Artikel , nur fehlt da das wichtigste: Das Pflegeperonal ! Ohne gutes funktionierendes geht nichts! Da kann man noch so entspannt sein als Arzt , die ( Pflege ) rettet meistens einem den Dienst !
#4 vor 7 Tagen von Gast
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Lieber Gast - die Frage haben wir uns auch gestellt! Angeblich wegen fehlendem Platz auf der ICU. Auch die noch nicht erfolgte Intubation war mMn nicht korrekt. Als wir die Anmeldung bekamen, war der Patient schon im Heli. Es gab trotzdem ein Happy End - der Patient entwickelte überraschenderweise keine Aspirationspneumonie und ging am 10. postoperativen Tag nachhause!
#3 vor 8 Tagen von Dr. med. Menschen Handwerkerin (Studentin der Humanmedizin)
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Gast
Ich habe den Text nun mehrfach gelesen. Eine Frage geht mir nicht aus dem Kopf: Warum wurde der Patient nicht in dem Krankenhaus operiert, in dem das CT gemacht wurde? Ich möchte behaupten, daß doch eigentlich jedes Krankenhaus eine Abteilung für Chirurgie hat - zumindest jedes, in dem nachts ein CT laufen kann. Zumindest hätte der Patient für den Transport im RTH intubiert werden können. Das Erbrechen (mit möglicher Aspirationvon Mageninhalt) war m.E. vermeidbar. Oder besteht das verlegende Krankenhaus nur aus einer Abteilung für Radiologie? Ich bin zwar "nur" Internist, habe aber viel notfall- und intensivmedizinische Erfahrung. Diese Aspekte nicht zu thematisieren, kratzt an der Glaubwürdigkeit des ansonsten extrem realistischen und (gleichwohl) spannenden Artikels.
#2 vor 8 Tagen von Gast
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Es bewahrheitet sich immer wieder: Koordination rettet Leben!
#1 vor 8 Tagen von Annika Diederichs (Tierärztin)
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