Nur mit Einverständniserklärung der Kinder

05.02.2018

Nach den Turbulenzen der Hauptstadt hat mich der Alltag der Praxis wieder feste im Griff, die Grippesaison ist nun da, so dass wir nicht mehr unterscheiden, ob Grippe oder grippig, krank sind sie alle. Aber wer will schon jammern? Zur Auflockerung ein Quickie von vorgestern:

Nachdem ich Joline-Marie fertig untersucht hatte, Vier-Jahres-Check, alles in Ordnung, bis auf die wiederholten „Steuer“-Versuche der jungen Dame, setzte ich mich an den Schreibtisch, die Mutter zog ihre Tochter an. Es entwickelte sich folgender Dialog:

Mutter: „Oh, Joline-Marie, jetzt haben wir die Strumpfhose vergessen. Naja, ist jetzt auch egal, oder?“

JM: „Mag keine Strumpfhose.“

Mutter: „Magst du keine Strumpfhose?“

JM: „Mag keine Strumpfhose.“

Mutter: „Aber draußen ist es kalt. Sollen wir dir noch die Strumpfhose anziehen?“

JM: „Nein!“

Mutter: „Wäre aber schon besser, oder?“

JM: „Keine Strumpfhose.“

Mutter: „Na, komm, wir ziehen sie schnell an, okay?“

JM: „Nein.“

Mutter: „Also gut. Dann eben nicht. Wir sind ja auch gleich am Auto. Dann lassen wir die Strumpfhose weg, oder?“

JM: „Strumpfhose anziehen!“

Woran mich das erinnert? An diesen Retro-Kinderdok-Klassiker:

 

Niemals Fragen fragen

Wichtigste Erziehungsregel: Stell deinem Kind keine Entscheidungsfragen.

„Na, Denni-Robin-Luca, sollen wir heute noch eine Impfung machen?“

„Komm, Rosa-Lisa-Susa, jetzt ziehen wir noch das T-Shirt aus, ja? Damit dich der Doktor untersuchen kann, okay?“

„Magst nicht Guten Tag sagen, Richard-Louis-Frank?“

„Gell, jetzt darf dich der Doktor anschauen, okee, Lilli-Maja-Suri?“

Never ever. Denn darauf gibt’s immer nur eine antwort: Nein.

Besser: „So, Denni-Robin-Luca, jetzt kommt noch die Impfung, kurzer Piekser, haben wir ja besprochen.“

„Okay, jetzt zieh ich dich kurz aus, damit der Doktor schauen kann, ob du auch gesund bist. Hose, Socken, T-Shirt, schwupps, siehste, Rosa-Lisa-Susa, fertig.“

usw. usf.

Manche Dinge brauchen nur Feststellungen, Erschaffen von Tatsachen, Herleiten von unumgänglichen Abläufen. Vorbereitung, ja. Aber wenn’s drauf ankommt, keine Fragen stellen. Ein Kind muss nicht andauernd um ein Einverständnis gebeten werden. Manchmal muss man als Elternteil zeigen, dass manche Dinge einfach so laufen, wie sie laufen und wie man sie als Elternteil vorgibt. Das schafft Sicherheit. Wer seinem Kind die Möglichkeit des Neins gibt, überträgt ihm auch ein Gefühl von Unsicherheit, dass mamapapa nicht wissen, was jetzt passieren soll.


ursprünglich hier

Bildquelle: Wellspring Community School, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.02.2018.

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Medizin, Pädiatrie
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Gast
Sehr gut und wichtig! Nicht fragen, wo es keine Wahlmöglichkeit gibt und auch kein Machtspiel, daß man nicht sicher gewinnen kann. Dr. Lang: nicht nur für Demente ist die Vorgehensweise gut. Meinen 2 jährigen Sohn hab ich immer gefragt: willst Du allein ins Auto einsteigen oder soll ich Dir helfen?
#17 am 09.02.2018 von Gast
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Gast
Treffender Artikel! Ich denke die Kunst ist, als Eltern (und Arzt/Therapeut) geistesgegenwärtig zu entscheiden wann einem Kind die Entscheidung überlassen wird, damit es aus seinen Entscheidungen lernen kann. Natürlich nicht bei Dingen die sowieso sein müssen oder deren Tragweite sie nicht erkennen können. Ich muss meinem Kind auch nicht ständig 10 Brotbeläge zum Abendbrot anbieten... (auch über solche "Nichtigkeiten" ständig entscheiden zu müssen kann für ein Kind durchaus belastend sein). Aber als mein Sohn mit 3 Jahren verkündete er würde heute auf keinen Fall mehr Schuhe anziehen, habe ich ihm die Entscheidung überlassen und wir sind auf Strümpfen im strömenden Regen nach Hause marschiert... (komischer Weise haben wir diese Diskussion nie wieder geführt ).
#16 am 07.02.2018 (editiert) von Gast
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Gast
Großartiger Beitrag! Viele Eltern sollten sich zu Herzen nehmen, dass wir hier nicht bei 'Wünsch Dir was' , sondern bei 'So isses' sind. Kids brauchen klare Regeln
#15 am 07.02.2018 von Gast
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Gast
Was für eine peinliche Diskussion. Man sagt dem Kind freundlich und bestimmt, was zu tun ist. Oder möchte man sich zum Vollhorst machen und in der Pubertät gänzlich untergehen?!
#14 am 07.02.2018 von Gast
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Gast
Klare Vorgaben, wo es erforderlich und unumgänglich ist, bei Entscheidungen, auf die es nicht sooo sehr ankommt, das Kind entscheiden lassden und - mit den Konsequenzen seiner Entscheidung konfrontieren, wenn da was herauskommt, das vielleicht vom Kind nicht so erwartet oder bedacht wurde. Dann lernt es im besten Fall, mit der Zeit besser vorauszudenken, was da sein könnte.
#13 am 06.02.2018 von Gast
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Gast
Zuviel Macht ohne Verantwortung macht die Kids völlig durcheinander
#12 am 06.02.2018 von Gast
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Dumm gelaufen ...;) Man sollte sich sicher sein, daß das Kind "Ja" sagen wird, bevor man fragt, ob man es abhören darf. Andernfalls wäre es besser, das KInd zur Kooperation einzuladen, bspw. mit den Worten: "Ich möchte Dich jetzt abhören, zieh bitte Dein Hemd hoch."
#11 am 06.02.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Gast
Tja, manchmal sind es aber auch genau wir Therapeuten, die fragen: Darf ich Sie/dich jetzt abhören? Klare Antwort: Nein, heute nicht ;-)
#10 am 06.02.2018 von Gast
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Wenn Mütter oder Väter uns bitten, einen Termin zur zahnärztlichen Kontrolle zu vereinbaren und dann mit dem Nachsatz kommen, "aber nur wenn mein Kind dann will", erkären wir, dass wir für solchen Spaß keine Zeit haben. Sie als Eltern sollten sich das vorher überlegen, und wenn ein Termin eingeplant werden soll, müsse das Kind dann auch drankommen und auch auf den Stuhl (nicht auf den Schoß),.... möglichst mit gebührendem Abstand der Eltern... Dann ist schon das meiste geschafft. Mein Argument zu diesen in der Erziehung so unsicheren Kandidaten: Selbst viele Jugendliche können offensichtlich noch nicht entscheiden, ob ein Zahnarztbesuch für sie gut ist. Wie soll das ein Kind leisten?
#9 am 06.02.2018 von Dr. Renate Schwarz (Zahnärztin)
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Gästin
" „Aber draußen ist es kalt. Sollen wir dir noch die Strumpfhose anziehen?“ Das ist eine rein rhetorische und keine Entscheidungsfrage. Der MUTTER ist es KALT.
#8 am 06.02.2018 von Gästin (Gast)
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Sehr gut auf den Punkt gebracht. Es geht um Klarheit. Klare Aussagen, klare Grenzen. Mutter, d7 möchtest, dass das Kind den Pulli anzieht? Mit dem Gehampel aufhört? usw ... Dann sag das auch so. Kein Fragen, wenn es keine Frage sein soll. Keine Ironie, kein Sarkasmus, keine Sticheleien. Das ist pures Gift für die Kinderseele.
#7 am 06.02.2018 von Silke Becker (Hebamme)
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Das ist eine Krankheit unserer Zeit und leitet sich aus umfangreichen Mißverständnissen bzgl. autoritativem Erziehungsstil ab. Früher war Erziehung meist autoritär (friß oder stirb) oder Laissez faire (alles egal) - beides Mist. Jetzt soll alles besser sein, man bezieht die Kinder überall mit ein, erklärt, was man möchte, sucht den Konsens etc., aber achtet schon darauf, das alles gut läuft, also mow Helikopter Eltern mit Spaß am debattieren. DAS ist schlimmer, als alle Erziehungsvarianten davor. Die Idee, Kinder würden selbständiger und selbstsicherer, wenn man Ihnen möglichst früh möglichst viel Mitspracherecht einräumt, ist völlig falsch. Kinder brauchen das Gefühl, daß Eltern immer wissen, was für sie gut ist und das auch konsequent umsetzen. Eltern, die ihre Kinder ständig fragen, was gemacht werden soll, vermitteln den Kindern den Eindruck, sie wüßten nicht weiter und würden die Verantwortung an ihre Kinder abgeben wollen. Sowas ist Streß pur, letztlich Gift für Kinder
#6 am 06.02.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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H.Düll
Warum soll ich immer entscheiden, was ich will, wo ich doch noch keine Kriterien habe? Eltern müssen Gründe liefern, an denen es nichts zu rütteln gibt. Wahlentscheidungen sind was anderes.
#5 am 06.02.2018 von H.Düll (Gast)
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Den dementen alten Mann, der voraussichtlich keinen Pullover anziehen will, kann ich aber fragen: Willst Du den roten oder den blauen Pullover anziehen? Ich lasse ihm eine gewisse Wahlfreiheit...
#4 am 06.02.2018 von Dr. med. Walter Lang (Arzt)
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Eltern sind halt Eltern und sollten sich anderswo die besten FreundInnen suchen. Elternaufgabe ist, Kindern zu erklären, wie die Welt funktioniert.
#3 am 06.02.2018 von Frauke Lippens (Hebamme)
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Gast
Bitte, fragt mich doch bitte, ob ich hier und jetzt einen Kaffee will....!
#2 am 06.02.2018 von Gast
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Gast
Sehr witzig mit den Kindern. Aber soetwas gilt für "Erwachsene" auch. Zu viel Entscheidungsfreiheit führt am Ende dazu dann gar nichts zu machen. Manchmal ist weniger Entscheidung doch besser. Auch für Erwachsene.
#1 am 06.02.2018 von Gast
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Impf-Befürworter fragen sich schon länger, warum die HPV-Impfung nur etwas für die Mädchen sei. Nun ist es aber mehr...
Wir haben in der Praxis auch schon etliche der Viecher entfernt, vor allem aus Ängstlichkeit der Eltern, weniger aus mehr...
Ich bin überzeugter Impfmediziner. Das sollte aus zahlreichen Artikeln hier im Blog bereits deutlich geworden sein. mehr...

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