Ein Katheter ist ein Implantat

01.02.2018

Ist ein Katheter ein Implantat? An dieser Frage verdeutlicht sich, dass die Juristerei und die Medizin zwei ganz unterschiedliche Baustellen sind. Zum Sachverhalt: Ein Patient kommt mit einem liegenden Katheter ins Krankenhaus und hat bzw. bekommt einen Harnwegsinfekt.

Die Ärzte stellten die Diagnose T83.5: Infektion und entzündliche Reaktion durch Prothese, Implantat oder Transplantat im Harntrakt. Infektion stimmt zumindest schon einmal. Da sind sich auch alle einig. Das Problem liegt nun beim Wie und Woher. Der aufmerksame Leser wird sich nämlich fragen: Implantat? Prothese? Transplantat? Da passt etwas nicht. Aber es wurde trotzdem so kodiert. Warum?

Zum einen ist immer so spezifisch wie möglich zu kodieren. Und ich denke, wir sind uns alle einig, dass lediglich die Angabe eines Harnwegsinfektes nicht spezifisch genug ist. Ein liegender Harnwegskatheter dürfte nach meiner Auffassung ein Faktor sein, den jeder Arzt in irgendeiner Weise bei einem vorhandenen Harnwegsinfekt berücksichtigen wird. Also muss diese Tatsache in der Kodierung auch irgendwie abgebildet werden.

Ja, nein, vielleicht: Was ist denn nun richtig?

Zum anderen steht die Diagnose T83.5 in dem Kapitel: „Komplikationen bei chirurgischen Eingriffen und medizinischer Behandlung, anderenorts nicht klassifiziert; Komplikationen durch Prothesen, Implantate oder Transplantate im Urogenitaltrakt“.

Die Diagnosen im erwähnten Kapitel beziehen teilweise auch den Harnwegskatheter ausdrücklich mit ein, zum Beispiel: „T83.0: Mechanische Komplikation durch einen Harnwegskatheter (Verweilkatheter)“.

Da könnte man auf die Idee kommen, den Harnwegsinfekt als eine Komplikation infolge oder in Zusammenhang mit dem liegenden Katheter zu sehen, eben als Folge des Implantats sozusagen. Da „nur“ der Harnwegsinfekt den Fall nicht ausreichend beschreibt. Lange Rede kurzer Sinn: Einige sagen, ja, die T83.5 ist an dieser Stelle zu kodieren, andere sagen nein.

Schlussendlich liegt der Sachverhalt nun zur Beurteilung beim Bundessozialgericht, allerdings nur als Nichtzulassungsbeschwerde.

Sachsen sagt ja, Berlin sagt nein

Unbefriedigend in der Sache ist in erster Linie, dass das Landessozialgericht Sachsen die T83.5 für zutreffend beurteilt und Berlin/Brandenburg das nicht tut. In Sachsen kann man also die T83.5 in der beschriebenen Angelegenheit kodieren – in Berlin/Brandenburg nicht. Mittlerweile liegt der Sachverhalt auch in Thüringen bei Gericht, also werden wir sehen, wohin uns die Reise führt.

Ach so, Folgendes habe ich vergessen zu erwähnen: Eine solche Diagnose macht jeweils etwa 1.000 Euro Erlösunterschied pro Fall aus. Dieser Umstand sei natürlich nur nebenbei erwähnt.

 

Nachtrag:

LSG Sachsen, L 1 KR 252/13, Urteil vom 27.10.2017

LSG Berlin-Brandenburg, L 1 KR 238/15, Urteil vom 14.09.2017

Bildquelle: eliola, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 27.02.2018.

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Gast
Können Sie bitte die Quellenangabe / Aktenzeichen der LSG - Urteile nennen? Vielen Dank.
#9 am 24.02.2018 von Gast
  0
Der letzte Satz ist der wichtigste: Welche Codierung führt zu welchem Erlös? Aus rein medizinischer Sicht muss zunächst hinterfragt werden, ob überhaupt eine Harnwegsinfektion vorlag. Vermutlich hat es sich lediglich um eine asymptomatische Bakteriurie gehandelt, wie sie bei jedem Katheterträger vorliegt. Diese ist nicht behandlungsbedürftig. Leider bekommt ein Großteil dieser Patienten im Krankenhaus unter der falschen Diagnose "Harnwegsinfektion" immer wieder ein Breitbandantibiotikum.
#8 am 23.02.2018 von 0 Dietrich Schreyer (Arzt)
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@6 So will ich das mal nicht stehen lassen. Uns wurden erst heute die Casemix Zahlen unserer Klinik präsentiert und ich wette das schon längst hinter den Kulissen die Chefärzte instruiert wurden ein gewisses Augenmerk auf die Kodierung und Anordnug von so mancherlei ein gewisses Augenmerk zu legen. Es ist doch so der Assistenzarzt in einem Krankenhaus ist der letzte in der Nahrungskette und muss gefallen. Stimmen die Zahlen freut sich der Chef auf seinen Boni und der Assistent auf einen entspanteren Chef.
#7 am 22.02.2018 von Benjamin Marciniak (Rettungsassistent)
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Gast
@2 Ich schließe mich #5 an und füge hinzu: Der Arzt der einen Katheter verordnet interessiert es nen scheiß wie viel das Krankenhaus abrechnen kann. Der bekommt sein Gehalt nach Arbeitszeit nicht nachdem was kodiert wird.
#6 am 22.02.2018 von Gast
  6
#2 Oh Mann, das haben wir davon dass die Bildzeitung mit der Bevölkerung Gehirnwäsche betreibt: Da wird ein Sachverhalt wie oben, bei dem es darum geht dass ein im Körperinneren einliegender Fremdkörper IMMER ein höheres Infektionsrisiko darstellt, sofort als Kunstfehler und Pfusch interpretiert und sofort mit der Frage verknüpft wieviel Schadenersatz man einklagen kann. Mein lieber Pat. der Urologie: Mit keinem Wort ist in dem obigen Artikel die Rede davon dass hier irgendjemand irgendetwas falsch gemacht hat. Und jetzt fragen Sie sich bitte, was an Ihrer Wahrnehmung nicht mehr stimmt, dass Sie da Dinge lesen die gar nicht da sind.
#5 am 22.02.2018 von Robin Engert (Arzt)
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Ich bin jetzt im 11. Jahr in der Praxis und hatte die ersten von der Krankenhausverwaltung aufgezwungenen "Kodierfortbildungen" in meiner Assistenzzeit - also vor 2004. Damals wurde schon expressis verbis klar gemacht, dass die Patienten "hochcodiert" werden müssen um den case mix index zu verbessern und im Einzelfall höhere DRG Pauschalen zu bekommen. Ein Antrag auf ein diesbezügliches Stipendiat für 3 Monate in Australien (da kommt der Quark nämlich letztlich her) wurde leider seinerzeit negativ beschieden.
#4 am 22.02.2018 von Dr. med. Michael Schmiedle (Arzt)
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Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ein schönes Beispiel, daß die ganze Codiererei mit ärztlicher Behandlung relativ wenig zu tun hat.
#3 am 22.02.2018 von Michael Rost (Arzt)
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Pat. der Urologie
Alles klärchen, Gummibärchen! Also +1.000.- für den Doc, wenn er einen Kunstfehler richtig codiert. Die Frage ist doch, welchen Schadensersatz der betroffene Pat. einklagen kann, wenn das ein Implantat sein soll und gepfuscht wurde. Ich bitte die Rechtshüter von Doccheck diesbezüglich um Aufklärung.
#2 am 22.02.2018 von Pat. der Urologie (Gast)
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psychiatrietogo
Danke für diesen Post, ich hatte ihn mir ja gewünscht… Liebe Grüße, Dein Psychiatrietogo!
#1 am 01.02.2018 von psychiatrietogo (Gast)
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