Jedem Tierchen sein Delirchen

31.01.2018

Über die richtige Behandlung des Delirs gibt es zum einen sehr unterschiedliche Meinungen, zum anderen herrscht viel Unsicherheit. Das liegt auch daran, dass unterschiedliche Delirursachen bei unterschiedlichen Patienten ganz unterschiedlich behandelt werden müssen.

Hierbei spielt es eine Rolle, ob ein hypoaktives oder ein hyperaktives Delir vorliegt. Auch das Alter des Patienten spielt eine große Rolle. Hierauf möchte ich in diesem Artikel eingehen und beschreiben, wie sich die Therapie eines jungen Patienten im Alkoholentzugsdelir von der Therapie eines älteren Menschen im hypoaktiven Delir unterscheidet.

Unterschiedliche Delirursachen

Es gibt sehr unterschiedliche Delirursachen.

Auch die Erscheinungsformen des Delirs sind unterschiedlich. Für gewöhnlich wird zwischen dem hypoaktiven und dem hyperaktiven Delir unterschieden, je nachdem, welche psychomotorische Aktivität vorliegt.

Therapiegrundsätze

Beim Delir gibt man immer ein Neuroleptikum, um das Delir ursächlich zu behandeln. Traditionell wird Haloperidol eingesetzt, damit liegen auch die mit Abstand meisten Erfahrungen vor. Alternativ kann man auch Risperidon oder ein anderes atypisches Neuroleptikum geben. Der klinischen Erfahrung nach funktioniert Risperidon gut. Randomisierte Vergleichsstudien zwischen Haloperidol und Risperidon gibt es aber nicht. Es wird wohl auch nie welche geben, denn Patienten im Delir sind nicht fähig, einer Studie zuzustimmen. Insofern müsste man also nicht-randomisierte Beobachtungsstudien durchführen.

Das Alkoholentzugsdelir des jungen Menschen

Junge Menschen im Alkoholentzugsdelir vertragen Haloperidol oft ganz gut. In den hier üblichen Dosierungen von 3-0-3-0 mg bis 5-0-5-0 mg pro Tag trifft eine schnelle und verlässliche Wirkung zumeist auf eine akzeptable Verträglichkeit.

Zusätzlich gibt man in der Regel Clomethiazol (z.B. DistraNeurin®) nach Bedarf. Alternativ kann man Diazepam, Lorazepam oder Clonazepam geben. 

Beispielmedikation Junger Patient im Alkoholentzugsdelir:


Das hypoaktive Delir unterschiedlicher Ursachen des älteren Patienten

Für ältere Patienten wären die oben genannte Dosierungen sicher zu hoch, man würde eher 2-0-2-0 mg Haloperidol pro Tag geben. Aber gerade in der Gerontopsychiatrie bietet es sich an, nicht Haloperidol, sondern ein verträglicheres atypisches Neuroleptikum wie Risperidon 0,5-0-0,5-0 mg pro Tag oder Ziprasidon in einer angemessenen Dosis zu geben. Clozapin, Olanzapin oder Quetiapin sind wegen ihrer anticholinergen Komponenten nicht gut geeignet.

Auch die Rolle der Benzodiazepine ist in der Behandlung älterer Menschen anders zu bewerten. Im hyperaktiven Delir bei Alkoholentzug, aber auch beim hypoaktiven Delir des jungen Menschen haben Clomethiazol und Benzodiazepine, auch das Diazepam, einen festen Stellenwert und sind im Wesentlichen unumstritten. Anders in der Gerontopsychiatrie: Hier tritt ohnehin zumeist das hypoaktive Delir auf, das per se weniger Sedierung oder Benzodiazepine erforderlich macht. Diazepam hat eine gewisse anticholinerge Komponente, die man im Delir des älteren Menschen meiden muss. Daher ist Lorazepam in einer niedrigen Dosis, zum Beispiel 0,5-0-0,5-0,5 mg pro Tag, zu bevorzugen.

Beispielmedikation Älterer Patient im hypoaktiven Delir:


Wie geht ihr vor?

Das Delir wird oft nach persönlichen Präferenzen behandelt, ohne dass man immer sagen kann, welche Überlegung nun der Therapieentscheidung zu Grunde liegt. Daher möchte ich gerne wissen, welchen Algorithmus ihr im Kopf habt, wenn ihr die Medikation bei einem Delir auswählt. Berichtet gerne in den Kommentare, wie ihr vorgeht.

 

Bildquelle: Patrice Puig, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 01.02.2018.

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Medizin, Psychiatrie
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Beim Risperidon an Parkinson-ähnliche Symtomatik als häufige Nebenwirkung (inkl. erhöhter Sturzgefahr!) denken! War bei meinem dementen Großvater extrem ausgeprägt und musste leider wieder abgesetzt werden :-/
#3 am 03.02.2018 von Nicola Ohlmann (Tierärztin)
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Gast X
Bitte keinesfalls die Zusatzmedikation vergessen! Beispielsweise Thiamin bei Alkoholikern um nur eines von vielen zu nennen...
#2 am 02.02.2018 von Gast X (Gast)
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Beim hypoaktiven Delir des Älteren find' ich Lorazepam 3 x 0,5 mg eher etwas hoch dosiert, es sei denn, dass Angst den Affekt beherrscht. Risperidon ist geeignet. Haldol genauso, wobei Haldol oft eine nicht überzeugend sedierende Wirkung zugesprochen wird (beim hyperaktiven Delir). Quetiapin ist trotzdem gut z.B. beim deliranten Parkinson-Patienten. Ich würde nicht sagen, dass Neuroleptika das Delir "ursächlich" behandeln. Zusätzlich sollten auch nicht-medikamentöse Maßnahmen ergriffen werden. Evtl. müssen auch 87jährige demente Patineten nicht unbedingt einen neue Hüfte erhalten.
#1 am 01.02.2018 von Dr. med. Matthias Rohde (Arzt)
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