Gespenstische Studie

05.09.2012
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Nach einer Niederländischen Studie sollen 20 Prozent aller Rezepte, die Hausärzte ihren Patienten über 65 Jahren verschreiben, für Senioren ungeeignet sein. Die Forscher vermuten Hoch-Risiko-Medikamente in einem systematischen Review (PLoS ONE 2012; 7: e43617). Was ist geschehen?

 

Hier wurde eine regelrechte Geisterbeschwörung publiziert: "We systematically searched Ovid-Medline and Ovid-EMBASE from 1950 and 1980 respectively to March 2012" (wir untersuchten systematisch Ovid-Medline und Ovid-EMBASE von 1950 bzw. 1980 bis März 2012). Eine allein literaturgestützte, weltweite Datenauswertung nach passend scheinender Stichworteingabe ist aber keine kreative, metaanalytisch wissenschaftliche Leistung.

 

Wie stark hier neben der Spur wissenschaftlicher Erkenntnis der letzten 62 Jahre gearbeitet und fehlbeurteilt wurde, wird klar, wenn die Autoren schreiben: "Medications with largest median rate of inappropriate medication prescriptions were propoxyphene 4.52(0.10–23.30)%, doxazosin 3.96 (0.32 15.70)%, diphenhydramine 3.30(0.02–4.40)% and amitriptiline 3.20 (0.05–20.5)% ...".

 

Propoxyphen findet man in der aktuellen Roten Liste nicht mal unter Wirkstoffen - so mausetot ist diese Wirksubstanz alleine in Deutschland! Ohne entsprechende Literaturrecherche konnten die Studienautoren auch nicht herausfinden, dass in den USA lt. einem FDA NEWS RELEASE vom 19.11.2010 die Firma Xanodyne gedrängt wurde, ihre Propoxyphene-Präparate Darvon® und Darvocet® ultimativ vom Markt zu nehmen. Seit 1978 hatte die FDA nach eigenen Angaben schon zwei Aufforderungen zur Marktrücknahme bekommen. Vgl.

 

http://www.fda.gov/NewsEvents/Newsroom/PressAnnouncements/ucm234350.htm

 

Bei der zweiten inkriminierten Substanz Doxazosin handelt es sich um einen urologisch verwendeten Alpha-Blocker, der männliche Miktionsprobleme lösen soll. Was die Lebens- und Gefährdungssituation älterer Männer verbessern soll, wenn sie nicht mehr richtig 'pinkeln' können, blieb den Studienautoren wohl verborgen.

 

Die dritte beanstandete Substanz, das Sedativum Diphenhydramin, ist für Deutschland in der Tat ein Skandal. Diese tatsächlich für Ältere gefährliche Substanz wird hierzulande o h n e ärztliche Kontrollmöglichkeit oder Rezeptpflicht in Apotheken frei und unbekümmert abgegeben: Unter den wohlklingenden Namen "Vivinox sleep®"stark 50 mg, 20 St. für 7,15 € oder "Halbmond®" 50 mg, 20 St. für 7,08 €. Die Wirksubstanz steht natürlich auf der 'Priscus-Liste' der für Senioren potentiell gefährlichen Substanzen! Aber die Zuständigen im BfArM, die Marktrücknahmen oder Rp.-Pflicht erwirken könnten, schlafen offensichtlich den Schlaf des Gerechten unter dem Halbmond?

 

Amitriptylin ist in der differenzierten Schmerztherapie bei Senioren niedrig dosiert durchaus angemessen. Insbesondere bei chronischen, nur konservativ beherrschbaren Schmerzzuständen mit neuropathischen und "mixed-pain" Anteilen gibt es kaum besser verträgliche Optionen, was Sturzgefährdung und kognitive Einschränkungen angeht. 

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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