Wenn emotionaler Sondermüll überquillt

23.01.2018
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Stichwort Stress: Welchen Zustand bezeichnet man als gesund und welchen als krank? Um das herauszufinden, hilft es aus psychotherapeutischer Sicht, zu prüfen, ob eine Person situationsangemessen handeln und empfinden kann.

Aus Sicht eines Psychotherapeuten ist das somatische Krankheitsmodell nur begrenzt hilfreich. Vielmehr spielt die Abhängigkeit des Empfindens von Stress bzw. äußeren Ereignissen eine Rolle. Dabei ist man dann gesund, wenn man flexibel und situationsangmessen sich und seine Emotionen regulieren kann. Mir gefallen daher Beschreibungen zu den Begriffen von Gesundheit und Krankheit, die Johannes Drischel mal so ähnlich formulierte:

Gesundheit ist, wenn ich das, was ich jetzt gerade erlebe, ungestört von weiteren Innenwahrnehmungen, quasi automatisch in passende Gefühle umsetze. Gesundheit ist, wenn die Gefühle, die ich erlebe, in ihrer Art und in ihrer Intensität dem aktuellen Moment entsprechen und auch wieder abklingen können. Gesundheit ist, wenn meine Wahrnehmung und meine Gefühle und Empfindungen dauerhaft eine Einheit bilden und sich parallel zueinander verhalten. Gesundheit erkennt man häufig daran, dass man mitlachen oder -gähnen kann, wenn man in Gemeinschaft ist. Ein Zeichen, dass wir emotional mitschwingen.

Leben in einer Zwischenwelt

Gesundheit heißt aber auch, dass man durch Stressbelastungen und emotionalem Lärm um einen herum nicht aus der Form gerät. Dass man flexibel reagieren und sich nach Dienstschluss bis zum nächsten Tag oder nach dem Wochenende wieder erholen kann. Und nicht den emotionalen Sondermüll mit sich herumschleppt, den ich im Kontakt Kollegen fast zwangsläufig aufschnappe oder der mir im Gespräch mit Patienten „übergeben“ wird. 

Krankheit ist, wenn ich immer wieder irritiert werde, weil die Wahrnehmung dessen, was in mir und um mich herum passiert, und die Gefühle dazu, nicht zueinander zu passen scheinen. Krankheit ist, wenn es Gefühle gibt, die keine Wahrnehmungen zu haben scheinen und umgekehrt. Krankheit ist, wenn immer wieder Gefühle auftauchen, die derart intensiv sind, dass sie alles, was man im Augenblick wahrnimmt, überschreiben dürfen. Dadurch wird man ein stückweit aus seiner Gegenwart herausgerissen, das raubt kurzzeitig die Konzentration bzw. löst eine kurze Konfusion aus, die eine Neuorientierung bzw. einen Neustart erfordert. 

Manchmal lebt es sich dann wie in einer „Zwischenwelt“ zwischen der eigenen Wahrnehmung und dem „fast“ realen Gefühlsbild. 





Irgendwann ist einfach die Luft raus

Krankheit ist aber eben auch, dass es „Notfallmechanismen“ gibt, um die Leere oder das Überfluten von Wahrnehmungen und Gefühlen zu kanalisieren. Hierbei kann es sich um ursprünglich sehr nützliche, ja überlebenswichtige Strategien handeln, die uns als Kind oder in einer sehr belastenden Situation von einer emotionalen Überforderung schützen sollten.

Krankheit bedeutet also auch, dass man dauerhaft be-eindruckt ist und die eigenen Gefühle eben nicht mehr frei mitschwingen oder regulativ wirken können. Es ist vergleichbar mit einem Ball, der nach Druck von außen seine Form verliert und nicht wieder in seine ursprüngliche Form zurück kommt bzw. ist irgendwann einfach „die Luft raus“. Oder aber es ist wie bei einem Reglerpult, wenn ein Regler blockiert oder ein Knopf sich nicht mehr lösen lässt. Wichtig ist also, dass man nicht „einschnappt“ und bestimmte Gefühle nicht dauerhaft unsere Emotionssteuerung und unser Verhalten bestimmen.

 

Bildquelle: Môsieur J. [version 9.1], flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.01.2018.

38 Wertungen (4.34 ø)
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Medizin, Psychiatrie
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Och doch, lieber mehr oder weniger Psychiater Martin W.! Natürlich kann ich sowas besser, aber für eine detaillierte, stichfeste Widerlegung einer offensichtlich absurden, deutlich mehr esoterischen als wissenschaftlich begründeten These, ist mir meine Lebenszeit zu schade.^^ Daß Du jetzt wieder empfindlich reagierst, weil ich Deinen Geschäftspartner Drischel kritisiere, ändert daran nichts.
#5 vor 24 Tagen von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Seelbaumeln
Ein wunderbarer Artikel. Schön, wieder mal daran erinnert zu werden, dass es nicht immer gleich Psychopharmaka sein müssen. Ich hab´s mir grad ausgedruckt und überleg mir, ob ich es nicht in unsere "Gästemappen" lege. Viele unserer "Gäste" kommen für ein paar Tage zu uns zur Erholung - eigentlich suchen Sie nur eines: einen möglichst großen Mülleimer, in dem sie ihren emotionalen Sondermüll entsorgen können - einen Ort, der einfach nur Ruhe bietet, an dem man reden kann und jemand da ist, der einfach nur zuhören kann. Erst kürzlich hatte ich einen "Gast", der mich 4 Tage am Stück nur "zugemüllt" hat und mich dann bei seiner Abreise umarmt hat und meinte: keine Ahnung was Sie mit mir gemacht haben , aber ich fühl mich so gesund und stark wie schon lange nicht mehr. Und bei mir? Dieses wundervolle Kompliment - wohlgemerkt nur für´s Zuhören - hat den ganzen auf mir abgeladenen Sondermüll einfach in Luft aufgelöst. Der Regler am Reglerpult war bei "Gast" und Therapeut wieder frei.
#4 vor 24 Tagen von Seelbaumeln (Gast)
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Hm, weiß nicht, könnte sein, favorisiere und lebe aber einfache, praktische Modelle weniger zur Analyse anwendbar, denn mehr zur realen Assoziation geeignet, wie alle saluto-genetischen Ansätze als Teilmengen der Resilienz. Das tägliche Überfallkommando Krankheitsgefühl mit Echtheit dahinter, wie z.B. ein iatrogen verunglückter Hirnventrikelkatheter, der mit Herumrühren im Hippocampus mit einem unangenehmen Allerlei imponiert, ich möchte nun nicht mit weiterem langweilen, jedenfalls könnte ich es beklagen, passiert dann auch immer wieder so für mich, hilft nur nicht und daher komme ich autosuggestiv ohne Theorie wieder auf die Füße. Niemand soll es mir ansehen und so scherze und lache ich führend mit und jedes angenehme Feedback daraus führt mich weiter weg von der Realität bleibender Krankheit. Eine innere gar jeweils negierte Gefühlswelt bildet sich da nicht bei mir. Und auch wenn es hier nicht zutrifft, zitiere ich doch immer wieder unbeugsam: "Was kommt, das geht auch wieder"...
#3 vor 25 Tagen von Robert Dettmann (Nichtmedizinische Berufe)
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Och nee Frau mehr oder weniger Tierärztin #1. Nicht die gleiche pauschale Abwertung ohne inhaltliche Auseinandersetzung. Das können Sie besser. Viel besser. Hier geht es darum, Störungen regulationsdynamisch und dichtom zu beschreiben. Da nun Riverside als Gegenbeispiel zu nennen ist echt schwach und wenig sinnig.
#2 vor 25 Tagen von Dr Martin Winkler (Arzt)
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Och komm, nicht schon wieder der Drischel. Der hat nie eine entsprechende Ausbildung gemacht, was erklärt, warum da nur laienhafte Ansichten bei rauskommen. Das, was Du beschreibst, ist nur eine Sonderform von Krankheit. Man kann bspw. auch völlig adäquat auf eine belastende Situation reagieren und trotzdem bedingt durch die situative Belastung erkranken. Als krasses Beispiel möchte ich mal auf die Kinder aus dem aktuellen Mißbrauchsfall in Riverside hinweisen. Abgesehen davon ist es auch nicht immer automatisch richtig, alles nachzumachen - sowas spricht eher für mangelndes Selbstbewußtsein. Das könnte und müßte man jetzt noch weiter ausdifferenzieren, oder man beläßt es bei der Erkenntnis, daß derart einseitige, undifferenzierte Darstellungen wertlos sind.
#1 vor 25 Tagen von Annika Diederichs (Tierärztin)
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