Wenn der böse Wolf hin und wieder kommt

21.01.2018

Kaum ein Thema erhitzt die Gemüter so sehr, wie sexuelle oder auch sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Die Psychologin und Sprachwissenschaftlerin Monika Gerstendörfer forderte in ihrem schon etwas älterem Buch „Der verlorene Kampf um die Wörter“, dass wir als Gesellschaft unsere Art über Gewalt zu sprechen verändern sollten.

So sollten wir uns um eine opfergerechtere Art der Kommunikation bemühen. Sexuelle Gewalt habe nichts Einvernehmliches und sei wohl kaum vergleichbar mit dem „Sexuellen“, das Menschen normalerweise unter diesem Begriff verstehen würden. Gerstendörfer schlug hier den Begriff der „sexualisierte Gewalt“ vor. Dieser Vorschlag ist sicher einer der extremeren und man kann über die Herleitung trefflich diskutieren. Dennoch versuche ich mich an den ein oder anderen ihrer Ratschläge zu halten. Sie folgt damit recht konsequent der sogenannten Sapir-Whorf-Hypothese, die auf den Linguisten Benjamin Whorf zurückgeht. Kurz gefasst besagt das Konzept, dass wir durch unsere Sprache unser Denken formen würden. Man könnte etwas platt sagen: "Die Sprache formt das Bewusstsein." In Gerstendörfers Buch setzt sie sich intensiv mit verschiedensten Begriffen und sprachlichen Handlungen auseinander. Mein liebstes Beispiel ist die recht radikale Aussage: „Es gibt keine Kinderschänder!“
Natürlich negiert die Autorin nicht, dass es Menschen gibt, die Kindern unermessliche Gewalt antun. Aber sie bestreitet, dass es diesen Menschen möglich ist, die Kinder zu „schänden“. Schande bringt über sich höchstens der Täter selbst, nie aber das Opfer. Auch könne man ein Kind nicht „missbrauchen“, da man es auch nicht „gebrauchen“ könne. Was dem einen scheint, wie bloße Spielerei mit Worten, offenbart dem Anderen neue Perspektiven auf unsere alltäglichen Erzählungen.

Wir reden zuviel über Täter und zuwenig über Opfer

Aber das ist die qualitative Ebene der Sprache. Eigentlich wollte ich auf die quantitative Seite unserer gesellschaftlichen Narrative hinaus. Schaut man in die Presse, wird dort häufig über Täter gesprochen. Ganze Gerichtsprozesse werden beobachtet und dokumentiert. Hintergründe werden recherchiert, Angehörige interviewt und Sonderbeilagen veröffentlicht. Über die Opfer hingegen liest man selten. Das dies nicht einzig auf die Opfer sexualisierter Gewalt zutrifft, macht folgendes Beispiel recht klar:
Wer kennt den Namen İsmail Yaşar? Wohl die wenigsten...
Wer hingegen kennt den Namen Uwe Mundlos? Vermutlich mehr als die Hälfte meiner Leser. Yaşar war das sechste Opfer des NSU, getötet von Mundlos und seinem Komplizen Böhnhardt.
Auf der anderen Seite ist Schweigen über Täter sicherlich auch keine angemessene Reaktion. Eine Gesellschaft hat nunmal ein gewisses Recht auf Verurteilung, selbst wenn sie nur moralisch ist.
Sinn macht es in jedem Fall, dort über Täter zu sprechen, wo es noch kein Verbrechen gab, also präventive Ansätze zu finden.

Das Böse ist manchmal banal

Täter faszinieren uns. Vielleicht weil uns die „Banalität des Bösen“ so irritiert. Hannah Arendt glaubte sie in ihrem Bericht über Adolf Eichmanns Prozess festzustellen:

„In diesen letzten Minuten war es, als zöge Eichmann selbst das Fazit der langen Lektion in Sachen menschlicher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten – das Fazit von der furchtbaren »Banalität des Bösen«, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert.“

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht sind wir auch einfach sensationslüstig. Vielleicht ist auch Wut auf einen Täter leichter, als sich mit dem Leid des Opfers auseinanderzusetzen. Ich weiß es nicht...

Aber ich begreife diesen Umstand als Problem und versuche mich im Alltag an den Vorsatz zu halten, mehr über Opfer als über Täter zu sprechen. Manchmal ist mir das, so wie heute, allerdings leider nicht möglich.
Arendts Prozessbericht hat weltweit die Geister geschieden und insbesondere in Israel auf heftige Kritik gestoßen ist. Ich kann dem Konzept aber vieles abgewinnen. Eingangs erwähnte Gewalt gegen Kinder ist hierfür wohl eines der prominentesten Beispiele. Im Regelfall sind die Täter nämlich nicht Teil einer anonymen Bande, die in Kleintransportern umherfährt und auf Kindersuche ist, sondern es sind die Menschen, die den Kindern am nächsten stehen. Sie trinken morgens Orangensaft, gehen mittags in die Kantine, haben nachmittags Besprechungen und begehen am Abend ein grausames Verbrechen. Deutlicher könnte der Begriff der „Banalität“ für mich kaum zum Vorschein kommen. Genau diese Menschen an ihren Taten zu hindern, ist für unsere Gesellschaft wichtig.

Übergriffe auf Kinder sind häufig

Laut dem Sicherheitsbericht der Bundesregierung sind die Täter in 95% der Fälle Männer aus Lebensumfeld der Kinder. Mädchen sind drei- bis viermal häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als Jungs. Die Hauptalterspräferenz der Täter liegt zwischen 4 und 14 Jahren und es lassen sich zwei Gipfel ausmachen: 5-6 Jahre und 11-12 Jahre. Etwa 50.000 Fälle werden pro Kalenderjahr erfasst, wobei von einer ungemein hohen Dunkelziffer ausgegangen wird. Es ist davon auszugehen, das eine große Anzahl häuslicher Taten unaufgeklärt bleibt, während Übergriffe durch Täter von Außerhalb fast immer zur Anzeige gebracht werden.

Über die Anzahl von Pädophilen in der Gesellschaft kann nur gemutmaßt werden. Internationale Schätzungen gehen von einer Prävalenz von 1% der männlichen Bevölkerung aus. Andere Arbeiten deuten aber auf niedrigere Zahlen hin. Wichtig zu verstehen ist, dass Pädophilie nicht per se mit „Täter“ gleichzusetzen sind. Diese “Spitzfindigkeit“ führt, egal wo man sie erwähnt, natürlich zu heftigen Diskussionen. Emotional ist das nicht nur nachvollziehbar, sondern in meinen Augen sogar ersteinmal gerechtfertigt. Ich bin selbst Vater und als solcher über dieses Thema differenziert zu schreiben, ist nicht unbedingt leicht für mich. Dennoch halte ich es für notwendig.
Für eben jene Pädophile, die keine Täter sind und auch keine werden wollen bietet das Projekt "Kein Täter werden" eine Möglichkeit zur Therapie. Sie ist voll und ganz darauf ausgerichtet, den Leidensdruck bei der potentiellen Tätergruppe -als das muss man sie wohl bezeichnen- zu senken und so zukünftige Taten unwahrscheinlicher zu machen. Für mich ist dies, neben einer konsequenten Anwendung juristischer Mittel, die einzige Möglichkeit, mit diesem Problem umzugehen. Grade den innerfamiliären Übergriffen kann einfach nicht anders vorgebeugt werden. Zusätzlich müssen die Hilfsangebote für Opfer ausgebaut und die öffentlichen Zuwendungen an sie gestärkt werden. Die kann nur einhergehen mit einem klaren Bekenntnis zum Sozialstaat und der gegenseitigen und solidarischen Verantwortungsübernahme in unserer Gesellschaft.

Polen auf Abwegen

Einen ganz anderen Weg geht unser Nachbarland Polen, das für mich sonst einer der schönsten Fleckchen Europas ist. Nachdem vor einigen Jahren die chemische Zwangskastration für verurteilte Sexualstraftäter eingeführt wurde, wurde in diesem Jahr eine Sexualstraftäterdatenbank nach amerikanischem Vorbild eingeführt. Jeder kann nun auf die Namen, die persönlichen Daten, die Fotos und die Wohnorte der Täter zugreifen. Erste Gruppen „besorgter Eltern“ haben schon angekündigt, sich um die Betreffenden „kümmern“ zu wollen. Es wird vermutlich nicht mehr lange dauern, bis es zu ersten Übergriffen kommen wird.

Man kann nun  über Menschenrechte oder Humanismus reden. Man kann fragen, inwieweit das Interesse der Öffentlichkeit zum Schutze der Kinder Vorrang vor dem Recht der Täter auf ein sicheres Leben hat. Man kann sich fragen, ob jemand, der eine solche Tat begangen hat, nicht vielleicht selbst mal ein Opfer gewesen ist und so kaum eine Chance im Leben hatte. Man kann fragen, bei wem Macht und Gewalt in einem Rechtsstaat liegen sollten. Diese Debatte ist mir aber zu müßig. Zumal mir, so sehr ich mich auch darum bemühe, oftmals das Mitgefühl mit den Tätern fehlt. Mein Mitgefühl braucht es übrigens theoretisch in unserem System nicht. Im Idealfall sichert es jedem Menschen univerelle Rechte zu, ganz unabhängig davon, was die Bevölkerung denkt. Trotzdem muss jedem klar sein, dass es keinerlei Sinn macht ein ganzes Prozent der männlichen Bevölkerung einfach nur zu hassen. Das löst ja nun kein einziges der Probleme und dafür ist die Gruppe zu groß, als dass dies eine sinnvolle Strategie wäre.
In meinen Augen, wird die Behandlung potentieller Täter, so wie die Charité, das UKE, die Uni Regensburg und viele andere sie durchführen, durch solche politisch motivierte Schachzüge, sogar noch verkompliziert bis unmöglich gemacht. Welcher Pädophile, der noch keinen Übergriff begangen hat, würde denn in einer solchen Situation noch freiwillig Kontakt zu einer Therapiestelle aufnehmen? Niemand, der klar bei Verstand wäre. Das kommt davon, wenn man Symbolpolitik macht, anstatt nach Lösungen zu suchen.

Dabei wäre grade die Therapie von Jugendlichen und noch-nicht straffällig gewordenen Personen besonders bedeutsam. Sexualmediziner gehen davon aus, dass die Sexualpräferenz nach Abschluss der Pubertät nicht mehr beeinflusst werden kann und die kriminal-psychiatrische Forschung deutet darauf hin, dass jede Ersttat die Hemmschwelle für weitere Taten senkt und sie so wahrscheinlicher macht.

Für jedes Opfer, das durch eine Therapie potentieller Täter hätte verhindert werden können, trägt eine solche Politik und der wütende Mob immer eine Mitverantwortung. Das müssen wir bedenken. Denn einfache Lösungen für komplexe Probleme gibt es nicht.

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.01.2018.

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Gast
Über den Umgang mit Pädokriminellen braucht man nicht lange zu diskutieren...
#1 am 22.01.2018 von Gast
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