An Hustenbonbon gestorben

21.01.2018
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Ein Diabetiker kauft in der Apotheke immer mal wieder Hustenbonbons. Dass er die aber gar nicht gegen Husten, sondern bei drohender Unterzuckerung nimmt, weiß die Apothekerin nicht. Im Nachhinein hätte sie ihm lieber Traubenzucker gegeben.

Das Beispiel des Notfalls im letzten Blogpost war eine Hypoglykämie: Eine Unterzuckerung, die ziemlich schnell, ziemlich gefährlich werden kann. Wer Medikamente gegen hohen Blutzucker nimmt (oder gar Insulin spritzt) muss sich vor Hypoglykämien in Acht nehmen. Die Patienten selbst – vor allem, wenn sie sich intensiv mit ihrem Diabetes beschäftigt haben – sollten die Warnzeichen kennen.

Wenn die Unterzuckerung naht

Eine Hypoglykämie ist definiert als ein Blutzuckerspiegel unter 2,8mmol/l (50mg/dl). In der Regel ist das begleitet von Symptomen wie Schwitzen, Herzklopfen, Heißhunger, Verwirrung, Sprach- und Sehstörungen, bis hin zu Krampfanfällen und Koma. Eine schwere Hypoglykämie kann aber auch ohne Vorwarnung auftreten. Wenn man Insulin spritzt, ist es wichtig, dass man relativ zeitnah etwas isst. Speziell bei den schnellwirkenden Insulinen kann sonst der Blutzucker rasch abfallen.

Wenn der Blutzucker abfällt, gilt es so rasch wie möglich einfache Kohlenhydrate zu nehmen, beispielsweise in Form von Traubenzucker oder Orangensaft. In dem Moment macht es auch nichts, wenn man einem Zuckerkranken Zucker gibt, denn ein niedriger Blutzucker ist viel schlimmer als ein momentan zu hoher.

Mit Hustenbonbons gegen Hypoglykämie

Soviel zur Vorabinfo. Vor ein paar Jahren gab es nämlich einen Blogpost im „Bestatterwebblog“ von Peter Willhelm, in dem er über seinen Diabetes schreibt – und darüber, wie ein Mann wohl wegen nicht erfolgter Beratung bei freiverkäuflichen Bonbons gestorben ist:

Ein (in der Apotheke bekannter) Diabetiker kauft in der Apotheke auch immer Hustenbonbons. Er nimmt sie allerdings nicht bei Husten, sondern wenn eine Unterzuckerung droht. Weil er aber eine neue zuckerfreie Sorte nimmt, helfen sie ihm nicht, als er tatsächlich eine Hypoglykämie bekommt. Er stirbt.

Das ist tragisch, schreibt der Bestatter. Ja, das ist es. Aber hat die Angestellte in der Apotheke wirklich gewusst, wofür er die Bonbons braucht? Hat er es beim Einkauf so gesagt? In meinen Augen nimmt man bei einer Unterzuckerung sowieso besser Traubenzucker – der löst sich viel schneller auf als so ein Bonbon. Die sollten schließlich in erster Linie wegen der halsberuhigenden Wirkung gekauft werden.

Dennoch: Der Mann könnte noch leben. Wenn er die richtigen Zuckerbonbons bekommen hätte. Wenn die Hypoglykämie rechtzeitig erkannt und behandelt worden wäre. Wenn …

Für uns in der Apotheke ist das vielleicht ein Denkanstoß, auch bei diesen einfachen Bestellungen genau hinzuhören. Und nachzufragen: „Für Sie selber?“, „Für was brauchen Sie es?“ …

Bildquelle: Cuyahoga jco, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.02.2018.

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Pharmazie
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ishinnediabetes
An einer Hypoglykämie zu sterben ist schier unmöglich, wenn 1. keine weiteren Medikamente im Spiel sind und 2. nicht zu viel Insulin inkl entsprechender weiterer Medikamente wie zB Muskelrelaxan im Kreislauf sind. Da regelt der Körper noch seeeehr gut, dank der Leber, gegen. Aber hey ... Hauptsache eine HYPO als "megaschlimm" hinstellen, wo hingegen eine HYPER weit aus schlimmer ist (zB "verzuckerung" der Kapilargefäße und Nervenenden....)
#19 vor 4 Tagen von ishinnediabetes (Gast)
  5
Bei dem Artikel fällt mir nix mehr ein...statt der Frage nach der Schuld der anderen drängt sich mir die Frage der Eigenverantwortung des Patienten auf und dazu gehört auch, dass die Informationen über die Erkrankung auch verinnerlicht werden und zu einer Veränderung der eigenen Gewohnheiten und Lebensweise führen müssen. Wir in der Apotheke sind Ansprechpartner, keine Missionare oder Kindermädchen!
#18 vor 14 Tagen von Petra Markus (Apothekerin)
  1
Gast
Schuster, bleib doch bitte bei deinem Leisten!
#17 vor 15 Tagen von Gast
  1
Gast
Frau Becker hat nicht unrecht Herr Kollege Felix M.! Ihr Kommentar kommt sehr arrogant rüber. Aber kenne ich auch nicht anders als PTA.
#16 vor 15 Tagen von Gast
  21
Dazu kommt noch, dass viele Diabetiker auf die Frage "mit oder ohne Zucker" lieber mit der Bemerkung "ich habe Zucker" die zuckerfreien Bonbons nehmen. Bei einer Hypoglykämie lebensbedrohlichen Ausmaßes wäre ein Bonbon sowieso komplett falsch, weil viel zu langsam zu lutschen. Und eine solche Hypo bekommt man nicht vom Metformin, sondern muss dazu schon Medikamente nehmen, die man in der Regel nicht ohne Schulung verschrieben bekommt. In der Schulung wird bestimmt nicht auf Bonbons als passendes Mittel bei Unterzuckerung verwiesen, sondern auf Traubenzucker oder zuckerhaltige Getränke. Insofern: Tragisch, aber eigene Schuld.
#15 vor 15 Tagen von Jörg Horlitz (Apotheker)
  0
Der Gesetzgeber bevormundet trotz grober Unkenntnis der Materie die Mitarbeiter im Gesundheitswesen, unterstellt quasi pauschal durch juristische Kleinkariertheit jedem Arzt Korruption und beschädigt das Vertrauen der Bevölkerung in unsere gute Medizin völlig unnötig. Wäre man in der Politik genauso kritisch wie bei den Ärzten müßte man hier den ganzen Bundestag wegen mutwilliger Körperverletzung aus niederen Beweggründen verurteilen.
#14 vor 15 Tagen von Mawe Budweg (Arzt)
  2
In Deutschland muß es juristisch vor allem im Gesundheitswesen für jeglichen Schaden immer einen Schuldigen geben den man bestrafen kann. Der Patient soll zwar mündig auf Augenhöhe an allen Entscheidungen mitbeteiligt sein, eine Eigenverantwortung für sein Handeln die logischerweise daraus resultiert gesteht man Ihm aber nicht zu. Das führt inzwischen zu völlig absurden Urteilen gegen Leistungserbringer im Gesundheitswesen. Die Dramatik liegt in der daraus resultierenden Sicherheitsmedizin die unnötige Kosten und Belastungen für Patienten verursacht. Die Ärzte befinden sich hier zunehmend zwischen Regress und Kadi. Eine sehr undankbare und mutwillig vom Gesetzgeber verschuldete Situation. Der Gesetzgeber hat hier meines Erachtens eine zunehmende echte Mitschuld an gesundheitlichen Schäden die aus dieser unglücklichen Lage resultieren.
#13 vor 15 Tagen von Mawe Budweg (Arzt)
  1
Felix M. (Apotheker)
#6 Silke Becker: Deswegen sind Sie ja Hebamme und nicht Apothekerin. Ich hätte da auch so manche Meinung zu Inhalten und Angeboten von Hebammen. Auch wenn Sie es sich nicht vorstellen können, es gibt Menschen mit Hautproblemen, die mit der speziellen medizinischen Kosmetik und niederschwelligen Beratung von Fachleuten etwas anfangen können. Waren Sie schon mal bei Hautarzt, der medizinische Kosmetik selbst vertreibt oder empfiehlt? Da kommen Sie unter ein paar Hundert Euro selten weg. Und die Pampe aus dem Drogeriemarkt kann sich ja jeder draufhauen, der es verträgt. Thema Bon-Bons: wer Halsschmerzen hat, muss nicht gleich Lidocain lutschen, da tut es auch mal ein Salbei-Bon-Bon. Soll ich den Kunden dann in das nächste Geschäft schicken? Oder lieber gleich die Brecher verkaufen, die medizinisch nicht notwendig gewesen wären? Wo ist die Grenze?
#12 vor 15 Tagen von Felix M. (Apotheker) (Gast)
  5
wenn eine ältere person statt der üblichen hundert euronen plötzlich und unüblicherweise eine große summe geld von ihrem konto abheben möchte... so finde ich es sehr gut, wenn die MITDENKENDE Kassendame/-herr sie unauffällig dazu befragt...
#11 vor 16 Tagen von Martina Grünwald (Nichtmedizinische Berufe)
  15
Gast
wir als Psychiater sehen immer mal wieder als letzten Versuch intensiviert eingestellte ältere Typ II Diabetiker mit mittlerweile einer ganz klaren vasculären Demenz. Die können keine Dreierreihe mehr und erkennen ihre Hyposymptome auch nicht mehr! Das ist lebensgefährlich. Bei dieser Klientel muss man erstmal klare Diagnostik machen bzgl. der Abstraktionsfähigkeit/Kognition, bevor man die mit intensivierter Einstellung alleine rumwurschteln lässt. Es ist lebensgefährlich, bei kognitiven Einschränkungen intensiviert einzustellen, außer der Patient lebt im Pflegeheim. Und selbst da kann es wegen der nicht immer planbaren Abläufe in der Pflege mal eng werden nach dem Spritzen, wenn warum auch immer das Essen nicht sofort auf dem Tisch steht oder der Pat nicht sofort zu Tisch kommt. Bitte Vorsicht!
#10 vor 16 Tagen von Gast
  2
Ich denke auch, dass manche Dinge einfach schicksalhaft sind und zum Lebensrisiko gehören. Es ist traurig, aber nachvollziehbar, dass die Apothekenmitarbeiter/in nicht nachgefragt hat.
#9 vor 16 Tagen von Antje Schaefer (Gesundheits- und Krankenpfleger)
  1
Gast
Ich meinte die Autorin selbstverständlich stellvertretend für das Apothekenpersonal im geschilderten Fall.
#8 vor 16 Tagen von Gast
  0
Gast
Ich würde die Apotheke hier von jeglicher Schuld freisprechen (auch wenn es der Autorin leider nicht hilft, wenn das Gewissen sie plagt). Es handelt sich einfach um einen tragischen, sehr traurigen Unfall. Da es sich bei Diabetespatienten doch auch häufig um ältere Menschen handelt, und auch sonst nach meiner Erfahrung nicht jeder jeden Inhaltsstoff auf der Verpackung (Zuckeraustausch oder Ersatzstoffe) interpretieren kann oder sie auch nur liest, tue ich persönlich auch mit Schuldzuweisungen an den Patienten sehr schwer. Hustenbonbons werden auch bei Aldi verkauft und dort findet auch keine Beratung statt. Was denke ich hier ausschließlich hilft, ist gute Aufklärung der Patienten, sie auf das Gefahrenpotential hinzuweisen, und anzuleiten welches Produkt tatsächlich Zucker enthält ("Kaufen sie Traubenzuckertäfelchen, da sind sie auf der sicheren Seite). Das besonders bei älteren Patienten mit schlechten Augen, oder die dem Hausarzt etwas tattrig erscheinen.
#7 vor 16 Tagen von Gast
  0
Meiner Meinung nach sollten in einer Apotheke Medikamente verkauft werden oder meinetwegen auch selbst hergestellte Phytotherapeutika. Aber Bonbons (=Süßigkeiten!) oder auch Kosmetika haben da nichts zu suchen. Apotheken, die von derlei überteuerten, wirkungslosen Präparaten überquellen sollte man meiden
#6 vor 16 Tagen von Silke Becker (Hebamme)
  74
Gast
Ein unaufgeregter Artikel mit einem klaren Appell - und ohne Schuldzuweisungen (im gegensatz zu einigen Kommentaren).
#5 vor 16 Tagen von Gast
  3
Gast
Ihr seid doch alle von der Pharma(ma) bestochen!
#4 vor 23 Tagen von Gast
  46
Gast
#2: sehe ich genau so!!!
#3 vor 23 Tagen von Gast
  31
Gast
Pharmama ist die Beste
#2 vor 23 Tagen von Gast
  33
Ärztin
Am Schluss hat jeder Patient auch Eigenverantwortung. Dafür gibt es ja die Schulung für Diabetiker. Der Patient hat in diesem Fall die Eigenverantwortung darauf zu achten dass er geeignete Kohenhydrate für seine Hypo hat (und wenn er so häufig unter Hypos leidet, hätte man ja auch mal die Basistherapie anpassen müssen) Apotheker trifft in diesem Fall keine Schuld. Es ist gut wenn bei OTCs nochmal auf Wirkung/nebenwirkung/Tagesdosis eingegangen wird, aber bei Hustenbonbons? das wäre dann wirklich zu viel des guten.
#1 vor 27 Tagen von Ärztin (Gast)
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