Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenschmuck

20.01.2018

Die Ausbildung zum Arzt ist doch eigentlich sehr umfangreich. Und trotzdem: Neulich habe ich erst wieder festgestellt, dass ich viel zu wenig weiß. Es ging um Ohrlöcher. Oder bin ich in diesem Fall vielleicht gar nicht zuständig?

Auf meinem wunderbaren drehbaren und höhenverstellbaren Untersuchunsgstuhl sitzt ein junges Mädchen. Sie ist 15 Jahre alt und ist zum ersten Mal bei mir. Ich wähle bei der Beschreibung ihres Äußeren meine Worte nun sehr bedacht, um keinen Anstoß zur Kritik zu geben: Sie ist in einem außergewöhnlichen Maße an der Veränderung ihres wohl einst natürlichen äußeren Erscheinungsbildes interessiert.

Das äußert sich in einer aufwendig gesteckten und geflochtenen Frisur, an – soweit ich das beurteilen kann – hochmodernen und angesagten Designer-Kleidungsstücken, diversen Accessoires an den Extremitäten inklusive einer teuren Handtasche, einem XXL-Smartphone in goldglänzender Hülle beinahe mit der linken Hand verwachsen, an perfekt aufgetragenen Produkten der gegenüber liegenden Drogerie im gesamten Gesichtsbereich und an einer meine Nase und Sinne umschmeichelnden Duftnote, die meine Raumabluft wohl noch länger beschäftigen wird. Sie scheint gerade einem Modemagazin entsprungen zu sein.

Mutter und Tochter im Einklang

Muss ich wirklich noch ihre Mutter beschreiben, die sich hinter ihr aufstellt? Auf Anhieb zähle ich allein 25 sichtbare Gegenstände aus Kleidung und Schmuck an ihr. Wenn ich meine Socken und Schuhe einzeln rechne, habe ich neben Hose, Hemd und nicht sichtbarer Wäsche sieben Kleidungsstücke am Körper. Ach ja: mit dem Gürtel 8. Ein Mann hat es vielleicht einfacher.

Bevor ich dem gelungenen und geschmeidigen Auftritt der Damen eine Begrüßung folgen lasse, stelle ich noch fest, dass diese beiden individuellen Inszenierungen visuell und olfaktorisch harmonieren. Perfekt.

Während mir noch Gedanken über diesen Auftritt durch den Kopf schwirren, nehme ich die ersten verzweifelten Sätze der Mutter wie eine Stimme aus dem Off wahr. Ihre Tochter scheint ein massives Problem zu haben. Mein erster Gedanke ist, dass hoffentlich keine Träne dieses aufwendig aufgetragene Gesichtsbild zerstören möge. Oder ist die Schminke wasserfest? Wahrscheinlich.

So betonen Sie das Ohrläppchen richtig

Wie schaffen es die beiden Damen, traurig auszusehen, ohne auch nur einen Gesichtsmuskel, der eine Faltenbildung verursachen könnte, zu bewegen? Was ein leicht gesenkter Blick mit etwas mehr geöffnete Augen doch ausmachen kann? Weniger ist manchmal mehr.

So, jetzt atmen und konzentrieren! Die Stimme der Mutter wird in meinem Kopf klarer und sie zeigt mit ihrem perfekten Fingernagel auf das linke Ohr ihrer Tochter, nachdem sie das glänzende Haar etwas zur Seite gelegt hat.

Mein Blick fällt sofort auf das Ohrläppchen. Deutlich vergrößert, gerötet und fast glänzender und auffälliger als der Ohrstecker selbst. Nach kurzer Untersuchung zählt die Mutter rasch auf, welche Stecker ihre Tochter aus welchen Legierungen schon versucht hätte, ohne bleibenden Erfolg. Was könne man denn nun neben der akuten Erkrankung langfristig tun, um derartiges auszuschließen, fragt sie. Schließlich sei ich ein Ohrenarzt. Bei dem Wort „Ohren“, das sie besonders deutlich artikuliert, weisen ihre Finger aus einer harmonischen Bewegung heraus auf die Problemzone.

Bin ich Experte für Körperschmuck?

Wie gerne wäre ich jetzt ein Experte der Metallurgie. Die akute Therapie ist relativ simpel. Für die beiden kommt der generelle Verzicht auf einen Ohrstecker natürlich nicht in Frage. Schließlich habe man einen Ruf zu verlieren. Ob ich nicht ein Rezept über einen antibiotischen und antiallergischen Stecker ausstellen könne, möchten sie wissen.

Neben der Behandlung der aktuellen Entzündung empfehle ich als Kompromiss die Verwendung eines Kunststoffsteckers bis zur Abheilung und der Abklärung von möglichen Allergien beim Dermatologen/Allergologen. Beim Kauf von Schmuck empfehle ich, auf das Material zu achten. Generell würde ich auf jeden Fall auf Körperschmuck im Bereich der Atemwege und Stecker durch Knorpelgewebe verzichten.

Deutlich enttäuscht verlassen die beiden Damen die Praxis. Ich selbst steche keine Ohrlöcher. Damit bin ich auch kein Spezialist für Komplikationen. Mit Fremdmaterial in Form von Paukenröhrchen und Mittelohrprothesen kenne ich mich aus, aber wer weiß, welche Legierungen wirklich in diesen Steckern sind!

Bildquelle: Franck Mahon, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 22.01.2018.

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Je aufwendiger der äussere Schmuck und das vornehme Getue,desto weniger ist in dem Menschen.Das geht konform mit Statussymbolen Uniformen und Orden und Titeln.Aber Vorsicht,das nicht zu achten erschafft bösartige Feinde.Da ich nur Leistung achtete, habe ich darunter sehr gelitten.Späte Einsicht von mir.
#16 am 26.01.2018 von Michael Dr.Sciuk (Arzt)
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Ja das klingt ganz nach nickelhaltigem Ohrschmuck. Auslachen sollte man die beidne Personen nicht, denn sie wissen es nicht besser und holen sich daher ärztlichen Rat. Mir tun sie nur leid. Verständnis habe ich für sie auch nicht aber ich verurteile sie auch nicht. Eine vernünftige AUfklärung, daß es keinen Ohrschmuck auf Rezept gibt, kommt dann vielleicht an, wer weiß. Lustige Geschichte auf jeden Fall!
#15 am 23.01.2018 von Andrea Schultz (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
Ich hab genug Freunde und bekannte die öfters mal zu mir kamen mit "Du bist doch Arzt..." und zufällig hatte ich mehrere solche Fälle: In den meisten Fällen übernimmt das Studio das die Stecker sticht die Nachsorge. Es gibt spezielle Medizinische Stecker, je nach dem welches Körperteil es nun betrifft. Sollte sich aber so eine heftige Entzündung wie hier zeigen oder gar eiter fließen ist der richtige Weg zum Chirurgen oder HNO-Arzt der auch Abszess-Spaltungen macht. Dann gilt Gesundheit über Schönheit. Das beste ist natürlich immer erst mal Stecker raus, heilen lassen, später mal neu probieren. Ansonsten war das Handlen im Artikel richtig: Aufklären, Optionen zeigen, dermatologisch weiter empfehlen und generell empfehlen sich nichts durch Knorpel zu stechen. Ach ja, Entzündungen nach Piercings können lange dauern. Ein Jahr kann das mal locker einnehmen. (Da sollten Interessierte sich das vorher gut überlegen und sich ein seriöses Studio aussuchen... auch für ein paar Euro mehr)
#14 am 23.01.2018 von Gast
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Gast vom Land
#4: Ob ein Wechsel in die Visceralchirurgie wirklich Sinn macht? Wenn ich so an den Bericht über die Initialen eines englischen Chirurgen in der Leber nachdenke, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es bald Leber-, Nieren- und Milzpiercings gibt. ;-))
#13 am 23.01.2018 von Gast vom Land (Gast)
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Pflegepädagogin
Solche "Patienten" sollten meiner Meinung nach privat berechnet werden und das nicht zu knapp- langsam geht`s los.
#12 am 23.01.2018 von Pflegepädagogin (Gast)
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Gast
Nach eingehenden Studien der Anatomie des menschlichen Körpers kann ich sehr selbstbewusst behaupten, dass ich die Anzahl der natürlich angelegten Körperöffnungen für vollkommen ausreichend erachte.
#11 am 23.01.2018 von Gast
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Ärztin
Es gibt Alkohol-, Medikamenten- und sonstwas-abhängige oder wie ich übergewichtige Diabetes melltitus Typ 2- Ärzte/Ärztinnen. Warum sollten unsere Patienten vernünftiger sein als wir?
#10 am 23.01.2018 von Ärztin (Gast)
  1
Gast
Der Nagellack enthält aber auch ein Haufen Mist.Das hilft vielleicht kurzfristig aber auf die Dauer gesehen, sollte sie das ganze lieber weglassen.
#9 am 22.01.2018 von Gast
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Also, Praxistipp für die Zukunft: Den metallischen Ohr- oder wasauchimmer-Stecker mit farblosem Nagellack einpinseln und trocknen lassen. Danach sollte das Problem vorläufig nicht mehr auftauchen - es sei denn, das Frollein knibbelt den Lack wieder ab oder sppielt zu viel am Stecker herum, so dass der Lack abplatzt.
#8 am 22.01.2018 von Juergen Schnitzler (Heilpraktiker)
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Gast
Diese Damen sollten mal ein Buch über Störfelddiagnostik lesen und dann wiederkommen.
#7 am 22.01.2018 von Gast
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Wunderbar! Danke
#6 am 22.01.2018 von Dr. med. Rudolf Becker (Arzt)
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Gast
Mal eine andere Geschichte aus dem Alltag! Schön erzählt, vielen Dank. Sowas lese ich gerne in einem Ärzte- Blog.
#5 am 22.01.2018 von Gast
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Gast
Sehen Sie es pragmatisch: eine Abrechnung war möglich, die Krankenkasse bezahlt die Konsultation...;-))
#4 am 22.01.2018 von Gast
  7
Gast
Ich hatte neulich eine sehr junge Dame mit reichlich Metall am und im Körper. und eine entsetzliche Angst vor meiner Kanüle. Dabei wollte ich doch nur ein wenig Blut abnehmen...
#3 am 22.01.2018 von Gast
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Das ist doch etwas,was uns unseren tristen Alltag bereichert.So werde ich des öfteren mit schickem leider komplikationsträchtigem Intimschmuck behelligt.Selbst unter Androhung des Verlustes des tragenden Teiles ist man..n nicht bereit,den Widerhaken oder wie immer man es bezeichnet,abzunehmen.Besonders reizend sind auch Nasenringe,wie man sie hin und wieder bei Ochsen findet.
#2 am 22.01.2018 von dr.med eva-susanne koitschka-maus (Ärztin)
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Gast
Made my day
#1 am 22.01.2018 von Gast
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