Nummer 412 bitte in Raum 3

19.01.2018
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Wo stehen wir eigentlich in dieser Gesellschaft in Theorie und Praxis zum Thema Datenschutz. Natürlich möchte niemand, dass empfindliche Daten für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Niemand sollte die PIN meiner EC- Karte kennen und auch nicht der Nachbar den Grund für den Besuch beim Hautarzt. Aber wie kann man das in der kleinen HNO- Praxis umsetzen?

Herr Brandau empörte sich noch vor der Begrüßung darüber, dass ja vorne am Empfang all seine persönlichen Daten für alle anderen hörbar waren. Wo bliebe denn da der Datenschutz?

Das stimmt natürlich in einem gewissen Umfang. Wir begrüßen den Patienten möglichst persönlich mit Namen, fragen ihn nach seiner Telefonnummer, eventuellen Allergien und nach einigen anderen Daten auch nach dem Grund für seine Vorstellung bei uns. Dann können gegebenenfalls schon einige Voruntersuchungen stattfinden, bevor er in mein Sprechzimmer kommt.

Das ist nicht die Theke einer Bar

Ich versprach dem Patienten, mich mit meinen Helferinnen darum zu kümmern. Musste aber später erfahren, dass Herr Brandau beim "Armabstützen" auf dem Highboard vor der Anmeldung beinahe hinübergefallen wäre und versuchte auf den Bildschirm zu sehen, der ihm eigentlich komplett abgwandt war.

Der Bürgermeister und der Schauspieler aus der Vorabendserie waren da übrigens nicht so empfindlich. Naja, beim HNO- Arzt gibt es auch eher selten delikate Geheimnisse.

Der Wecker klingelt

So früh aufstehen! Daran werde ich mich nie gewöhnen. Routine- Ablauf am Morgen und los. Schnell das Fahrrad angeschlossen und über das lange enge Treppenhaus in den zweiten Stock.

Ich betrete einen Vorraum. An den Seiten sind kleine Pulte aufgestellt, abgeschirmt wie in einem Wahllokal. Dort werden Fragebögen ausgefüllt, die persönliche Daten erheben. Nein, kein Papier, sondern alles auf einem Tablet. Dort bekommt man auch eine Patientennummer zugewiesen. Nicht vergessen. Links geht eine Tür in einen Zwischen-Warteraum. Die schmale Tür vor mir bekomme ich mit meinem Funkschlüssel auf.

Wie sieht meine Anmeldung jetzt aus?

Wo vorher noch ein großzügiger Tresen war, ist der Raum nun in kleine schalldichte Kabinen unterteilt. Dort sitzen die Patienten und gleichen die Daten noch mit meinen Helferinnen ab. Die beiden Telefone sind in weiteren schalldichten Glaskästen und zwei weitere junge Damen im Office- Dress vergeben Termine. Wer sind die drei? Kenne ich gar nicht. Bin ich hier richtig?

Ich erhasche ein Zuzwinkern meiner ersten Karft, indem ich über den milchig getrübt blickdichten Streifen der Glaswände spähe. Es gibt kein gemeinsames Wartezimmer mehr sondern ca. 10 kleine Warteräume, aus denen die Patienten mit der vergeben Nummer aufgerufen werden. Auf dem Flur begegnet man sich nicht, damit man über den speziellen Untersuchungsraum nicht auf die Beschwerden des anderen schließen kann. Allein sechs Untersuchungsräume gehen vom Korridor ab, Hörkabinen, Schwindeltests, Hirnströme, Allergologie etc.

Ich öffen die Tür zu meinem Sprechzimmer und die Stapel Post kommen gefährlich ins Schwanken, als der Luftzug durch den Raum geht. Ich trete ein und setze mich vor meinem PC.

Ein Zettel:

"Moin Dr. Fora! Schönen Urlaub gehabt?

Ihr Kennwort für den Bildschirm ist Foraminologie. Bitte noch ändern!"

Ich gebe den Code ein und vernichte die Nachricht in einem Aktenvernichter. Ich habe noch etwas Zeit vor dem ersten Patienten und wundere mich, dass der Bildschirm vom Behandlungsstuhl abgewandt ist. Das wird ja umständlich, mal schnell etwas zu dokumentieren. Ich rufe die Wartezimmerliste im Programm auf. Dort stehen untereinander einige willkürliche dreistellige Zahlen und die Einbestellzeit. Kein Name, kein Alter, kein Geschlecht. Keine offensichtlichen Unterschiede in Person, Versicherung und ggf. Herkunft. Ich bin zu müde, um mich zu wundern und rufe über die Sprechanlage die Nummer 412 in Raum 3.

Gegen Eingabe eines weiteren Codes öffnet sich die elektronische Patientenakte: Herr Brandau ist die Nummer 412! Er tritt zeitgleich ein und grinst mich triumphierend an. Sein hönische Lachen hallt mit zunehmenden Echos und hüllt mich ein.

Aufgeschreckt

Wie von Blitz getroffen schrecke ich auf. Es war kein Gelächter sondern Weinen. Vor mir steht meine Tochter. Ihr Backenzahn hat sich wieder mal gemeldet, weil es ihm schwer fällt, den alten festsitzenden Milchzahn zu verdrängen. Halb vier mitten in der Nacht! Ich nehme sie in den Arm und tröste sie.

Morgen ist dann ihr Albtraum vorbei, wenn Dr. Molar den Zahn gezogen hat. Mein Albtraum einer komplett digitalen und unpersönlichen Praxis ist es zum Glück auch. In meinen Armen schläft die Kleine wieder ein und ich denke noch lange nach, wie meine Praxis eine Begehung zum Thema Datenschutz überstehen würde ohne kompletter Umbauten und einer Atmosphäre wie im Einwohnermeldeamt.

Artikel letztmalig aktualisiert am 04.02.2018.

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