Eine gute Note hat noch niemanden geheilt

18.01.2018

In Klausurenphasen gewinnt man manchmal den Eindruck, Kliniker sitzen so hoch auf ihrem Expertenturm, dass sie eine andere Sprache sprechen. Was sie als Selbstverständlichkeiten ansehen, sind für uns Studenten schwierige Details – ein großes Missverhältnis zwischen „uns“ und „denen“.

Was ich mag am Medizinstudium: Es geht um den Menschen. Manchmal etwas mehr um seinen Körper, manchmal etwas zu sehr um einzelne Enzyme, Transmitterüberschuss oder Hormonlevel. Das alles bis ins letzte Detail verstehen und behalten zu können. Dieser Anspruch erscheint mir teilweise unmöglich und ist manchmal frustrierend. Und das mag ich zwischendurch auch mal nicht am Medizinstudium.


Vor lauter Folien den Berufswunsch nicht sehen


Es lohnt sich, sich zwischendurch mal wieder etwas weiter weg zu bewegen von den Vorlesungsfolien und dem Klausurenplan. Und sich bewusst zu machen, worum es wirklich geht: Irgendwann ein Arzt zu werden, der seinen Patienten hilft. Der in seiner Nische Experte ist und trotzdem einen guten Überblick über alles andere hat. Und der daher durchaus auch mal einen Einblick gehabt haben sollte in Details. Und wenn es nur dazu führt, dass später der Gedanke „da war doch was“ aufploppt und an der richtigen Stelle gesucht oder nachgefragt werden kann.


Als Hausarzt geht es darum, die Weichen zu stellen, ernst erkrankte Patienten herauszufiltern und an die richtigen Kollegen zu adressieren; und nicht so ernst erkrankte Patienten zu beruhigen, behandeln, betreuen. Und auch als Spezialist geht es darum, seine Grenzen zu kennen und mögliche Differenzialdiagnosen im Kopf zu haben; und dort, wo das eigene Fachgebiet aufhört, zu wissen, welche anderen dort anfangen.

So sehe ich das zumindest. Und mit so einer Einstellung motiviere ich mich auch durch die letzte Klausurenphase. Ja, ich habe nämlich das zehnte Semester fast abgeschlossen. Und ehrlich gesagt, ist es mir inzwischen egal, ob ich in einer Klausur zwei Fragen nicht wusste, obwohl ich sie hätte wissen können, wenn ich im letzten Moment doch noch mal die Folien durchgeklickt hätte. Vielleicht hätte ich dann statt einer drei eine zwei bekommen. Aber wäre ich deshalb später zu einem besseren Arzt geworden? Nein. Denn im Langzeitgedächtnis hätte ich diese Informationen wohl nicht abgespeichert. Wichtiger ist mir, hoffentlich die großen und wichtigen Dinge verstanden, durchschaut, gelernt zu haben.

Damit möchte ich nicht falsch verstanden werden. Ich wettere nicht gegen das Lernen oder sehr strebsame Kommilitonen. Ich finde nur, dass es wichtig ist, bei allem Druck und Stress nicht zu vergessen, was die persönlichen Ziele sind und warum es genau diese sind. Denn das hilft dabei, etwas entspannter zu sein. Und obendrein hoffentlich trotzdem eine gute Ärztin zu werden.

In der Praxis kaum Kolibris

Was ich noch so über mich weiß inzwischen: Ich lerne gerne praktisch. Das macht Spaß, die Kollegen sind meist nett und es ist viel lebensechter, am Patientenbett zu stehen und abends mal was nachzuschlagen, als sich in der Bib zu verkriechen. Und nach fünf COPD-Patienten und drei Diabetes-Beratungen habe ich das notwendige Wissen im Kopf, ohne mich dafür stundenlang in der Bib gequält zu haben. Beim praktischen Lernen ist es auch viel einfacher, einzuschätzen, was relevant (da besonders häufig) ist, und was interessante Kolibris sind. So nennen unsere Professoren (meist höchst interessiert, teilweise gar liebevoll) seltene Krankheitsbilder. Ich mag Kolibris auch, aber ich finde, es ist in Ordnung, sie nicht alle beim Vornamen zu kennen.

Also gehe ich gerade etwas entspannter durch die Klausuren; habe aber beschlossen, in den Ferien noch einmal zu famulieren, obwohl ich es genau genommen nicht müsste. Denn darauf habe ich Lust. Und für mein späteres Arztdasein ist es obendrein auch gut. Und wer wäre ich, mir dafür gar ein schlechtes Gewissen einzureden?

Medizinstudium, inzwischen habe ich gelernt, wie man dich zu nehmen hat und mag dich. Selbst mitten in der Klausurenphase.

 

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Bildquelle: Karl Baron, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 18.01.2018.

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Gast
Mir wäre viel lieber als Patient wenn in den hausärztlichen Praxen die Labordiagnostik stärker vertreten wäre. Ich habe noch nie erlebt daß bei einem Arztbesuch eine Laborgestützte Diagnose gemacht wird außer da ist Blut im Urin.
#15 am 12.02.2018 von Gast
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Gast
Man sollte aber auch differenzieren wann Klausuren irrsinnig gestellt sind. Einen Funfact, Entstehungsjahr oder irrelevanten Detailscheiss nicht zu wissen, der dem Dozenten wichtig sei aufgrund seiner Forschung oder Weltbild ( die dürfen Klausuren stellen wie sie lustig sind) , macht einen nicht direkt zum schlechten doc. Da darfs auch mal ne 3 sein!
#14 am 03.02.2018 von Gast
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Gast
Seit wann ist man ein allwissender Arzt, wenn man sein Examen bestanden hat? Wissen kommt mit wiederholen durch Erfahrung die man in den ersten Jahren sammelt...und man sollte nie aufhören zu lernen
#13 am 01.02.2018 von Gast
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Gast
Seit wann zählen in Deutschland Noten der Kursabschlussklausuren? Außer für Erasmus?
#12 am 31.01.2018 von Gast
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Gast
Ein guter Arzt sollte neben den medizinischen Fakten vor allem sich selbst genau kennen...
#11 am 28.01.2018 von Gast
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Sich vorwiegend an Praxiserfahrungen zu hängen, kann ich nicht empfehlen, weil man dabei allzuleicht die Fehler übernimmt, die sich in fast jede Routine eingeschlichen haben und seinen Bick auf das verengt, was andere von anderen irgenwann mal so übernommen haben. Krankheitsbilder sind ohnehin nur eine künstliche Ordnung biologischer Zustände, somit dem Zustand als solchem nachgeordnet. Will man nicht bloß Standards abarbeiten, sondern jeden Einzelfall in seiner Gesamtheit verstehen, um eine genau auf diesen Einzelfall zugeschnittene Therapie anbieten zu können, muß man auf Grundlagenwissen zurückgreifen; gleiches gilt für unbekannte Pathologien. Mein Vorgehen basiert daher immer auf einem Nachvollziehen der Pathogenese einer Erkrankung anhand der Befunde, die ich erhebe. Erst danach entscheide ich über das weitere Vorgehen. Ich springe also nicht gleich von den Befunden zur Diagnose inkl. Therapievorgabe, denn das könnte eine Diagnosesoftware genauso gut, wenn nicht besser.
#10 am 19.01.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Ich wünsche dem Schreiber viel Glück. Und viele gute Fortbildungen. Ärzte, die auf dem Stand ihres immensen Studiumwissens bleiben , will nämlich auch niemand.
#9 am 19.01.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
Kompetenz gepaart mit viel Empathie für den Patienten auch wenn das Budget nicht mehr alzuviel hergibt . Man möchte als Patient und Mensch ernstgenommen werden und auch willkommen und sich nicht das Gefühl einschleicht man sei eh nur eine Nummer und Geldquelle
#8 am 19.01.2018 von Gast
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Gast
Ne, aber "Berufung" ist der wichtigste Faktor, der einen guten Arzt ausmacht. Ohne fachliche Kompetenz geht es natürlich auch nicht.
#7 am 19.01.2018 von Gast
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#5: Sie würden sich also auch von jemanden, der sich „berufen“ fühlt, aber fachlich keine Ahnung hat, behandeln lassen?
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Gast
Berufung ist das wichtigste.
#5 am 19.01.2018 von Gast
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Gast
Ich gebe der Studentin völlig recht. Kolibris latent im Hintergrund zu haben, ist gut, und die ploppen auch auf, wenn man von ihnen im Studium mal gehört hat. Aber Details nachlesen zu müssen ,ist keine Schande. Mache ich nach fast 25 Jahren Berufserfahrung auch immer wieder mal.
#4 am 19.01.2018 von Gast
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#2: Das sehe ich nicht so. Im Studium erlernt man wichtige Grundlagen und relevantes Faktenwissen. Auch das ist „wirklich wichtig“.
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Gast
Alles wirklich wichtige lernt man nach dem Studium in der Praxis und mit ständigen Weiterbildungen
#2 am 18.01.2018 von Gast
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Notarztfossil
Leider taucht auch hier wieder die zur Zeit immer häufiger gepostete Aussage auf: Intellektuelle Grundlagen und Faktenwissen seien verzichtbar, um ein "guter Arzt" zu werden / sein. Ich sehe das anders, - um ein guter Mediziner zu werden, benötige ich umfangreiches Faktenwissen und kann eben nicht jeden "Kolibri" links liegen lassen. Und um ein guter Arzt zu werden, sollte ich ein guter Mediziner sein...
#1 am 18.01.2018 von Notarztfossil (Gast)
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Trotzdem - einfach, weil es mir als erstes in den Sinn kommt - gebe ich Frau Mama innerlich einen zugegeben etwas mehr...
Diesen Impuls haben vermutlich auch ihre Eltern, Lehrer, Freunde. Aber natürlich: so einfach ist es leider nicht. mehr...
Denn erfahrungsgemäß könne es doch auch etwas spannend werden, bzw. für Laien brenzlig aussehen, auch wenn das in mehr...

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