Allein unter Zahnspangen – Teil II

15.01.2018

Der Schmetterling hat den Raum nochmal verlassen, um sich umzuziehen. Wir sitzen im Kreis und ein verlegenes Schweigen liegt in der Luft. Das ist offenbar meine neue Seminargruppe. Ich bin neugierig.

Ich merke das erste Mal seit langem wieder, dass auch ich Momente der Verlegenheit habe. In den letzten Jahren war vieles Routine. Ich war relativ erfolgreich in dem, was ich so tat und ich habe ein Alter erreicht, in dem man nicht mehr von jedem skeptisch angeschaut wird. Verlegenheit kam irgendwann einfach nicht mehr vor. Wenn ich mich zurückerinnere, war es nicht immer leicht, der ständigen Annahme ausgesetzt zu sein, dass man automatisch auch weniger Fachwissen, Arbeitsmoral, Grundwerte oder Menschenkenntnis besäße, nur weil man Berufsanfänger war.

Herrlich, wie leicht ich zu triggern bin

Ich denke nicht lange darüber nach. Der Schmetterling ist zurück. Dieses Mal in Zivil. Sein Kostüm, das er wohl jedes Jahr trägt, um die Stimmung aufzulockern, hat er ausgezogen.
Die Angewohnheit des Tutors, sich jedes Jahr zu verkleiden, ist wohl zu seinem Markenzeichen geworden. Wir erhalten den Auftrag, uns mit unserem Nachbarn zu unterhalten und ihn hinterher der Gruppe vorzustellen. Mir wird von meinem Sitznachbarn erzählt, dass er fechtet und Klavier spielt. Ohne Witz. Der erste, mit dem ich mich hier unterhalte, fechtet und spielt Klavier. Ironischerweise erzählt er mir von sich aus ein paar Wochen später auf einer Party, dass man ihn, wenn er von seinen Hobbys spreche, automatisch in eine gewisse Schublade stecke. Ich fühlte mich ertappt, aber auch belustigt. Herrlich, wie leicht ich zu triggern bin.

Als wir uns gegenseitig vorstellen, werden die Rettungsdienstler unter uns qualifikationsunabhängig als „Rettungssanitäter“ vorgestellt. Wir alle springen natürlich – wie immer – darauf an und korrigieren fleißig in Richtung „Rettungsassistent“ oder „Notfallsanitäter“. Schön zu sehen, wie einfach man manchmal funktioniert. Dieses Berufsbezeichnungskarussel ist tatsächlich ein wenig wie das Trauma unseres Berufsstandes.

Nach der Vorstellungsrunde gehen wir zum weniger offiziellen Teil des Tages über. Es gibt Sekt und unverfängliche Gespräche mit den Kommilitonen und unseren Tutoren. Wir stehen vor der Klinik in einem Park und irgendwer fängt an, irgendwelche Chants vorzusprechen („Gebt mir ein U!“). Das Kürzel unserer Uni wird gebildet. Ich bleibe unbeteiligt. Dass sich eine so gebildete und selbstsichere Generation auch noch anfeuern muss, erschließt sich mir nicht.


Kakao für 4 Euro

Von nun an fahre ich jeden Morgen ins Uniklinikviertel. Ich wohne in einem Teil der Stadt, der keinen Einzug in einen Reiseführer finden würde. Morgens begegne ich Kindern auf ihrem Weg zur Schule. Einige von ihnen können keine Schleife binden und lösen das Problem, indem sie ihre Schnürsenkel zusammenknoten. Sie hängen nun links und rechts neben den Schuhen herab, wenn es regnet, saugen sie sich voll und nehmen eine dunkle Farbe an. Die meisten Kinder hier tragen einfache Rucksäcke statt normaler Schultaschen. Sie sind eine Zeit mit mir im Bus, aber spätestens, wenn ich in die U-Bahn steige, gehen wir getrennte Wege. Ich durchquere die halbe Stadt, sehe Handwerker, Geschäftsleute, Studenten.

Wenn ich im Uniklinikviertel aussteige, wird mit einem Mal die Lautstärke der Umgebung heruntergedreht. Auch hier gibt es Unruhe und Hektik, aber 20 Dezibel leiser. Gedämpft. Die Kinder haben ordentlich gebundene Schnürsenkel. Sie tragen Schulranzen und Westen mit Reflexstreifen. Viele werden von ihren Eltern zur Schule begleitet. Sie alle sind gut angezogen. Jedes Mal, wenn ich hier bin, fühle ich mich etwas leichter. Unbeschwerter. Jedes Mal denke ich, dass es so leicht wäre, einfach den doppelten Quadratmeterpreis zu bezahlen und diese Umgebung jeden Tag von früh bis spät genießen zu können.

Auch in meinem Viertel habe ich keine existenziellen Probleme. Mir und meiner Partnerin geht es sogar ausnehmend gut. Wir haben Glück. Aber das hat eben nicht jeder um uns herum. Manchmal, wenn ich später Uni habe, sehe ich Kinder aus einem Starbucks kommen. Sie alle haben sich Kakao gekauft. Den großen für 4 Euro den Becher.
 Eine kleine Unterbrechung der Filterblase, ist die Klinik selbst. Der Campus ist ganz hinten, also muss ich einmal durch einen Ring aus Krankheit und Gebrechen gehen, um ihn zu erreichen. Hier scheinen die Leute, wieder Probleme zu haben. Sie spazieren, trotz der Herbsttemperaturen, in Bademänteln über das Gelände. Infusionsbeutel und Katheterschläuche, Verbände und manchmal auch Narben sind zu sehen und zeugen von ihrer Verletzlichkeit. Dann bin ich auf dem Campus. Hier gibt es wieder Chai Latte und Karamell Macchiato.


Starker Charakter in albernem Kostüm

In den kommenden Wochen sind zahlreiche Aktivitäten durch das Tutorenteam geplant. Ich bin zunehmend beeindruckt von dem, was die wenigen Menschen auf die Beine gestellt haben. Besonders vom Schmetterling bin ich überrascht: Starker Charakter in albernem Kostüm. Und überall dabei, wo es etwas zu gestalten gibt. Ich beginne allmählich, einige meiner bereits gefällten Urteile zu revidieren. Das macht mir fast mehr Spaß als das Rahmenprogramm. So lerne ich zum Beispiel meine erste 1,0-Abiturientin beim Flunkyball kennen. Sie sieht ein wenig so aus, als wäre sie bei den Royals zum Essen eingeladen. Das ist mir gleich sympathisch. Ich trage aus einer gewissen Trotzreaktion heraus ja auch immer noch mein Sakko. Neben dem Outfit und ihrem Abischnitt hat sie eine wirklich hohe Trefferquote, was uns zweimal den Sieg einbringt. Könnte schlechter laufen.


Die aber wohl spannendste Begegnung habe ich mit „1,3“. Ich berichte ihr ganz freimütig von meinen Beobachtungen und wundere mich, dass sie das Ganze so locker nimmt. Sie erzählt, wie sehr ihr dieses ständige Bewertetwerden auf die Nerven geht und wie sie das in den letzten Jahren verändert hat. Sie habe viel Arbeit in ihr Abi gesteckt, sei stolz auf das, was sie erreicht habe, aber die hauptsächlichen Reaktionen ihres Umfeldes waren irgendwann fast ausschließlich Gespräche über genau das Thema: Abi, Noten, Leistungen. Irgendwann hörten die Leute auf, über die kleinen Dinge des Lebens zu sprechen. Was immer mehr verloren ging, waren die Dinge, die man nicht messen kann: Freude, Sorglosigkeit und innere Ruhe. Sie wirkt sehr entschlosen, als sie sagt, dass sie das Studium jetzt durchzieht und dann plant, sich ihr Leben zurückzuholen.



 

 

Dieser Beitrag ist die Fortsetzung von „Allein unter Zahnspangen“.

 

Bildquelle: Zoe, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 17.01.2018.

78 Wertungen (3.21 ø)
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Studium, Humanmedizin
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Gast
Ich finde, dass der Autor einen super guten Text verfasst hat. Jede/r die/der sich angegriffen fühlt, sollte den Text vielleicht einmal bis zum Ende lesen und wird (eventuell) feststellen, dass hier niemand "angegriffen" wird, sondern lediglich von Beobachtungen berichtet wird und diese mit späteren Erfahrungen abgeglichen werden. Super geschrieben!
#12 am 28.01.2018 von Gast
  8
Gast
Unglaublich, wie es dem Autor gelingt, mit mit jeder Zeile unsympathischer zu werden. :D Alles Gute für die nächsten Jahre^^
#11 am 26.01.2018 von Gast
  8
Gast
Ich kann die anfängliche Skepsis des Autors durchaus nachvollziehen. Wie er selbst schreibt, ist es nicht nur die Arroganz des Älteren und Lebenserfahreneren, sondern auch die Angst davor, nicht in die Masse der Eins- Kommas zu passen. Er wird schon merken, dasss man sehr angenehme 6 Jahre zusammen verbringen kann, wenn die "Nummern" erstmal ein Gesicht haben ;-)
#10 am 18.01.2018 von Gast
  1
Gast
...wow hier wird aber ein negatives Bild vom Medizinstudenten gezeichnet. Meine Erfahrung: Alles sehr nette und meist bodenständige Leute, ein paar ausgeflippte Ausnahmen als ausgenommen. Alles Menschen die hart gearbeitet haben, ob nun am Abi 1,0 oder an der Krankenschwesterausbildung vorher. Wir hatten auf unsere 20-er Seminarfachgruppe 5 Leute die über "Umwege" zum Studium gekommen sind, eine hatte schon Kinder. Für gewöhnlich guter Kontakt zwischen den Leuten. Dass am Anfang viel über Abinoten geredet wurde war normal, hat sich aber in den ersten 2 Wochen verloren. Von der beschriebenen Dekadenz keine Spur und auch die Tutoren in "albernen Kostümen" waren halt nett. Medizin ist eine ernste Sache, da darf man auch mal Spaß haben. Der Artikel könnte mehr sein als nur ein Aufseufzen über "die heutigen Studenten". Ist er leider nicht.
#9 am 18.01.2018 von Gast
  0
Gast
Das schlimmste an großen Teilen der Ärzteschaft ist die Arroganz und das Abwerten von Personen, die nicht dem eigenen Habitus samt gänzlich linearer Biographie entsprechen. Nicht alle davon sind so, aber ganz viele gerade der ehemaligen 1, -Abiturienten sind so. Und noch schlimmer ist, dass dieser Teil der Ärzteschaft denjenigen, die nicht ihrem Habitus samt preußisch linearer Biographie entsprechen, die Kompetenz als Arzt absprechen - nicht aufgrund sachlicher Betrachtung der Person insgesamt, sondern allein wegen Ablehnung des Habitus. Aber genau diese arroganten Ärzte mit Dünkel sind nun oft eher oberflächlich bei Diagnostik und stellen die mittlerweile gängigen Beispiele für die Sekundenmedizin. Die Stütze der Ärzteschaft waren immer Personen wie Albert Schweitzer und Herr Sambale, aber eher nicht der kalte Spießer, der heute noch mehr als früher die Ärzteschaft und die medizinischen Fakultäten für sich gepachtet hat.
#8 am 18.01.2018 von Gast
  19
Gast
Bei allem Verständnis für alle Charaktere der Schilderung, aber warum inmmer noch so abwertend gegenüber den Jungen, mit den guten Abi-Schnitten? Die "1,3"-Studentin hat vermutlich gute Voraussetzungen (kognitiv, aber auch was Zielstrebigkeit, Willensstärke, Motivation, Durchhaltevermögen, Organisationstalent etc.. anbelangt), um dieses lange, anstrengende, ja - leider auch manchmal spaßfreie-durststrecken-mäßige Studium durchzuziehen. Und hinterher eine gute Ärztin zu werden. Und glücklich zu sein. Der Autor achtet sehr auf Äußerlichkeiten (Kostüm, Sakko, Schnürsenkel). Warum ist das so wichig?
#7 am 18.01.2018 von Gast
  4
Gast
Die Gesamtheit der Medizinstudierenden heute wie auch der jüngeren Generationen der Ärzteschaft geht sehr in Richtung Hipster und Latte-Macchiato-Bourgoisie. Abstoßend!
#6 am 18.01.2018 von Gast
  28
Oder am Daumen, aber das muss nicht unbedingt sein. Oft ist die Vorstoßkraft der Zunge so stark, dass sie die Frontzähne nach vorn oder sogar auseinander geschoben werden. Auch in Verbindung mit Sigmatismus interdentalis oder addentalis.
#5 am 17.01.2018 von Gudrun Falkenberg (Logopädin)
  0
So, wie es aussieht, hat die "Dame" auch zu lange am Schnuller gelutscht bei dem offen Biß.
#4 am 17.01.2018 von Dr. med. dent. Gerd Kruse (Zahnarzt)
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Gast
Nur so am Rande: Die Zahnspangenträgerin auf dem Bild hat eine falsche Zungenruhelage. Darum die Zahnspange. Sieht auch unschön aus. Wenn die Dame nicht logopädisch behandelt wird, ist die Zahnspange nur für die Zeit nützlich, in der sie die Zähne hält.
#3 am 17.01.2018 von Gast
  1
Lukas
Du musst aufpassen, dass du dich nicht zu Beginn schon vollständig isolierst, sonst werden das ziemlich traurige Jahre. Versuche es doch mal ohne zu werten, kann auch ganz schön sein!
#2 am 17.01.2018 von Lukas (Gast)
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Mo
Ich bin amüsiert, ich hoffe, das war bezweckt. Ein paar kleinere Typos, der Stil wird besser. Bravo.
#1 am 17.01.2018 von Mo (Gast)
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