Im Notfall keine Ahnung

12.01.2018
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Hypoglykämischer Schock. Eine Diabetikerin steht kurz vor der Bewusstlosigkeit. Ich bin hier diejenige mit dem größten medizinischen Wissen. Alle erwarten, dass ich das Richtige tue. Sofort. Dabei hab ich noch nicht mal verarbeitet, wie schnell es zu dem Notfall kam.

Vorgestern habe ich von einer etwas fehlgeleiteten Ersthilfe erzählt und meiner Freundin, die im Skilager ohnmächtig geworden ist. Ich denke, ich erinnere mich deshalb so gut an den Vorfall, weil ich ihn zum Anlass genommen habe, mich danach zum Nothelfer auszubilden. Seitdem konnte ich das Wissen schon häufig anbringen. Nicht jeder erlebt so ein prägendes Erlebnis. An der Uni hatten wir aber einen Professor, der alle Studenten vor folgendes Szenario gestellt hat.

Tu etwas!

Und dafür bin ich ihm wirklich dankbar:

Er hat die Klasse gefragt: „Also, was würdet ihr machen, wenn eine Patientin, die gerade ihr neues Dauerrezept für Lantus bringt, plötzlich sagt, dass sie sich schwach fühlt?“

Erst hatte niemand in der Klasse den Mumm zu antworten – es könnte ja die falsche Antwort sein.

Da hat der Professor das Ganze vorgespielt, indem er die Patientin verkörperte. Er lief direkt zu einer Studentin in der ersten Reihe und sagte: „Schnell, ich werde gleich ohnmächtig! Tu etwas!“

Und als die schockstarre Studentin nicht reagierte, lief er zu einem anderen Studenten und wiederholte es. Der Student sagte: „Ich rufe den Rettungsdienst!"

Das hörte sich nach einer guten Antwort an.

Professor: „Nein, ich bin Diabetiker, verflixt! Sie sollten das wissen, weil Sie gerade mein neues Rezept für Insulin bekommen haben.“

Andere Studentin: „Äh, ihr das Insulin verabreichen?“

Professor: „Oh nein, jetzt haben Sie mich in ein Koma versetzt!“

„Haben Sie denn Traubenzucker in der Apotheke, wo sie das Praktikum machen?“

Alle nicken. Natürlich haben wir das.

„Okay, das Problem der Patientin ist, dass ihr Blutzucker zu niedrig ist. Sie wird demnächst bewusstlos. Aber solange sie das nicht ist, gebt ihr das Traubenzucker, um den Blutzucker wieder hoch zu bekommen.“

Kollektives Versagen im Notfall

Na klar! Aber da es für viele von uns wohl das erste Mal war, dass wir mit der Geschwindigkeit, mit dem sich ein richtiger Notfall direkt vor unseren Augen entwickeln kann, konfrontiert wurden. Etwas, das man nicht aus Büchern lernen kann … In dieser Situation haben wir versagt.

Der „Schock“ dieser Lektion hat uns das bewusst gemacht. Wir konnten noch nicht richtig reagieren, auch aus Angst, das Falsche zu tun.

Und Situationen wie diese kommen im richtigen Leben vor und sind auch schon vorgekommen: in meiner Apotheke, während der Arbeit.

Ich habe da schon Herzinfarkte gesehen, Schrittmacher die nicht mehr richtig funktionierten, akute Asthmaanfälle, epileptische Anfälle und auch einen hypoglykämischen Shock, wie sie der Prof so anschaulich zeigte.

Genau in diesen Fällen muss man reagieren können.

Ich würdevorschlagen, dass im Pharmaziestudium mehr zum Thema  „Richtiges Reagieren im Notfall“ gelehrt wird. Es ist ziemlich erschreckend, wenn in einem akuten Fall auf einmal alle auf einen schauen, weil man die Person mit dem größten medizinischen Verständnis im Raum ist. Aber es ist ein Unterschied, ob man die Theorie über die Vorgänge im Körper nur kennt oder auch weiß, wie man in so einer Situation richtig handelt.

Den Rettungsdienst zu rufen war eine gute Antwort. Aber noch besser ist es, etwas zu tun, während man auf ihn wartet.

Bildquelle: Leo Leung, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.01.2018.

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Pharmazie
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Ich bin durch meinem Beruf als Tierarzt mit dem Problem Diabetis Typ 2 bei Hunden und Katzen mehr als 30 Jahren beschäftigt . Da die Symptome bei Tieren , wenn einen hypoglycämischen Zustand in Anmasch ist , sehr schlecht ermitteln lässt , rate ich die Tierbesiter dazu GLUCAGON ( ein Proteinhormon was Glucose aus der Leber freisetzt ) , ein Injektabile was i.m. im Notfall verabreicht wird . Die Wirkung tritt nach 60-80 Sekunden sofort ein . So stelle i standardmäßig ein „Diabetikerpaket „ für die Patienten bestehend aus Blutzuckermessgerät , Perkutionsgerät für die Ohrvenen ,Lantus ( alternativ Insulatard ) , Glucagonamppullen , Traubenzucker und Honig zusammen .
#10 am 28.01.2018 von Dr. med.vet. Öistein Gaarden (Tierarzt)
  0
Felix M.
Es gibt einen renomierten Unfallforscher, der kein gutes Haar an den Ersthelferausbildungen lässt. Profit steht dort klar im Fordergrund, dafür müssen die Kurse auch entsprechend Zeitfüllend sein. Anstatt innerhalb von 30 Minuten die absoluten Basics zu vermitteln, werden komplizierte Abläufe erklärt und das Grundverständnis nicht geschult.
#9 am 27.01.2018 von Felix M. (Gast)
  4
Gast
Gast #7, mir ist auch schon aufgefallen, dass hier immer wieder Beiträge verschwinden. Ich habe es daran gemerkt, dass die Reaktionen mit Nummer-Nennungen nicht mehr passen, die werden dann nämlich nicht angepasst. Aus meiner Sicht handelt es sich aber nicht um Zensur. Wenn jemand, der eine Zeitung oder ein online-Forum betreibt, Beiträge löscht, dann ist das Auswahl und nicht Zensur. Zensur wäre, von jemand anderem (einer Behörde o. ä.) dazu gebracht zu werden, Beiträge zu löschen. Aber als Chefredakteur o. ä. hat man immer das Recht und die Pflicht der Auswahl. Als Beitragender kann man sich dann ja das Veröffentlichungsmedium aussuchen, wenn man nicht ganz rausfallen will. Oder sich adäquat benehmen ;-)
#8 am 26.01.2018 von Gast
  9
Gast
Wieso wurde der unqualifizierte Kommentar von Dr. med. Baumann - schwach und schwächer, typisch Apotheker - sowie die erste Anmerkung eines Lesers dazu gelöscht ? ( Zensur ? )
#7 am 26.01.2018 von Gast
  5
Als Arzt im Notarztdienst kenne ich das Oben beschriebene. Jetzt nicht lachen, seit dem man bei mir eine verschleppte Diabetes festgestellt hat, schleppe ich an den Unmöglichsten Stellen, Traubenzucker mit mir herum. Auch eine Infusionsflasche mit Glukose gehört zu meiner persönlichen Ausrüstung. In meinen PKW habe ich neben Wasserflaschen, immer ein zwei Dosen oder Flaschen Cola deponiert. Aber auch das Blutzucker-Messgerät gehört zu meiner privaten Standartausrüstung. Selbst ich bin schon in eine Unterzuckerung gekommen. Diese ist zum Glück für mich, harmlos verlaufen. Ich bin bis heute am Rätseln, was an dem Tag anders war.
#6 am 26.01.2018 von Manfred Heinrich (Medizinjournalist)
  2
Gast
Arrogant und arroganter, typisch Arzt (Dr.med. Bernd Baumann... )
#5 am 26.01.2018 von Gast
  14
Tja, wenn man sonst nur Werbebroschüren von Pharmaunternehmen vorliest ...
#4 am 26.01.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  61
Gast
Selbst schon erlebt! Wir wußten, daß der Betroffene Diabetiker ist und haben trotzdem erstmal an ein "koronares Ereignis" gedacht. Und dann taten es ein paar Würfel Zucker ... !
#3 am 26.01.2018 von Gast
  0
Bin selber EH-Ausbilder und kann nur jeden ermutigen, regelmäßig einen EH-Kurs zu machen! Auch oder gerade diejenigen, die im medizinischen Sektor arbeiten, aber nicht regelmäßig mit Notfällen konfrontiert werden. Leider ist meine Erfahrung aus dem Rettungsdienst, dass auch Ärzte oft überfordert sind, wenn sie plötzlich vor einem reanimationspflichtigen Patienten stehen - einfach, weil die letzte praktische Übung nun mal über fünf Jahre her ist und man keine Routine mehr hat. Und genau dafür ist ein EH-Auffrischungskurs da - um sich eigentlich Bekanntes neu ins Gedächtnis zu rufen, um es in einer Stresssituation schnell abrufen zu können. Übrigens: Die Unfallkassen und Berufsgenossenschaften sind sehr großzügig was das Bezahlen von EH-Ausbildungen im Rahmen Betrieblicher Ersthelfer angeht, oft muss also weder der Arbeitgeber noch man selbst den Kurs bezahlen. Einfach mal nachfragen!
#2 am 26.01.2018 von Josua Rehra (Rettungssanitäter)
  1
Gast
Wäre für viele Berufsgruppen eine gute Idee... zum Beispiel dass der erste-hilfe-Kurs häufiger mal aufgefrischt werden muss. (eventuell mit entsprechenden Belohnungen wenn man es tut.. kostet ja alles Geld, da braucht es noch andere Anreize) Sonst sehr richtig.
#1 am 15.01.2018 von Gast
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