Extremsport Pilates

11.01.2018

Während einer Pilatesübung spürt eine 42-jährige Frau einen aufploppenden, linksseitigen Schmerz im Nacken. Er lässt schnell nach, doch eine Stunde später entwickelt sie einen massiven Kopfschmerz. Ihr Arzt vermutet eine Verletzung des Musculus trapezius - doch Physiotherapie und Analgesie führen zu keiner Besserung.

Der Kopfschmerz nimmt kontinuierlich zu und ist allein durch Ruhe zu mildern. Ihr Hausarzt vermutet als Ursache eine Verletzung des Musculus trapezius und verschreibt physiotherapeutische Behandlungen. Die Patientin nimmt diese in den folgenden 4 Wochen regelmäßig wahr, doch die Schmerzen schränken sie im Alltag massiv ein. Einfache wie opioide Analgetika zeigen keine Wirkung, weshalb sie verschiedene Ärzte aufsucht. Eine Kopf- oder Wirbelsäulenverletzung, Migräne oder Meningitis werden als Ursachen ausgeschlossen. Bei der neurologischen Untersuchung ist der Hirnnervenstatus regelrecht und es ergeben sich keine Auffälligkeiten des peripheren Nervensystems.

Bildgebung verschafft Klarheit

In der Neurologie des Kings College Hospitals wird schließlich ein CT durchgeführt, das bilateral subdurale Flüssigkeitsansammlungen sowie eine Kaudalverlagerung des Kleinhirns zeigt. Die Ursache hierfür findet sich in MRT-Aufnahmen ihres Spinalkanals. Dort ist eine massive extradurale Ansammlung von Liquorflüssigkeit sichtbar. Die Pilatesübung hatte scheinbar zu einem Riss der harten Hirnhaut geführt, wodurch eine spontane intrakranielle Hypotension (SIH) entstand. Typische Symptome sind Kopfschmerzen, die in Flachlagerung abnehmen, sowie Diplopie, Hörverlust, Schwindel und Meningismus. Typische Zeichen im MRT sind pachymeningeale Anreicherungen, eine kaudale Hirnverlagerung und subdurale Flüssigkeitsansammlungen.

Kaffee gegen den Schmerz

Die Ärzte behandeln die Patientin zunächst konservativ mit Bettruhe und koffeinhaltigen Getränken, damit sich das Duraleck selbstständig schließen kann. Das Koffein wird eingesetzt, um die Erweiterung der Gehirngefäße wieder rückgängig zu machen und den Kopfschmerz zu lindern. Sie spricht darauf gut an, was die alternative Therapie mit einem epiduralen Blut-Patch überflüssig macht. Dabei wird aus einer Armvene entnommenes Blut in den Epiduralraum rund um das Liquorleck injiziert, um es durch Hämatom-Bildung abzudichten. Zwei Wochen später wird sie beschwerdefrei entlassen.

 

Quelle:

Spontaneous cerebrospinal fluid leak following a pilates class: a case report. Davis et al., Journal of Medical Case Reports, doi: 10.1186/1752-1947-8-456

Artikel von Maren Böcker

 

Bildquelle: Davis et al. / Journal of Medical Case Reports

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.01.2018.

42 Wertungen (4.9 ø)
11004 Aufrufe
Um zu kommentieren, musst du dich einloggen. Einloggen
Gast
Ich bin etwas verwirrt, dass so mancher hier den Fokus auf Pilates legt und sich so richtig den Kopf zerbricht welche blöde Übung so eine Verletzung verursachen könnte....hallo?! Tickt noch alles richtig bei euch?! Es geht doch hier um die beschriebenen Symptome und der doch einfache und schnelle Weg (wenn man sich nicht zu sehr auf Pilates, Yoga und Co einschießt) durch das Veranlassen eines MRTs und der dadurch abgeleiteten Diagnose. Hauptsache seinen Senf dazu beitragen...
#11 am 31.01.2018 von Gast
  5
Gast
Ich denke auch, dass es da eine Vorerkrankung gegeben haben muss. Mir fällt wirklich keine Pilates -Übung ein, die so eine Verletzung hervorrufen könnte.
#10 am 26.01.2018 von Gast
  2
Gast
Vielen Dank, dass sie darüber berichten. Je mehr Mediziner solche Artikel lesen, desto eher wird der spontane Liquorunterdruck in Zukunft erkannt. Das wäre ein Segen für alle Betroffenen. Studien aus den USA belegen, dass 0,0%!!! der Fälle in der Notaufnahme richtig diagnostiziert werden. Der Neurologe, auf den ich damals in der Notaufnahme traf, hat diese Zahlen für Deutschland auf jeden Fall widerlegt und ihm gilt mein ewiger Dank! Es gibt so viele Betroffene, die jahre-oder lebenslang leiden, denn leider ist der Ausgang nicht immer so gut, wie bei der Pilates-Patientin. Sicherlich auch aufgrund falscher und verzögerter Diagnosen.
#9 am 24.01.2018 von Gast
  1
Gast
Nach mehr als vier Wochen erst an eine Schnittbilddiagnostik zu denken, finde ich nicht in Ordnung. Bei der Anamnese.
#8 am 24.01.2018 von Gast
  1
Ich hatte neulich eine Patientin, die bei einer ähnlichen Übung im Pilates Training durch eine "Hilfestellung" von einer Trainerin eine Wirbelfraktur in der LWS bekommen hat. Häufig werden diese Gymnastiksysteme als gesundheitsfördernd und therapeutisch wirksam verkauft. Pilates wurde entwickelt als eine gymnastische Übung für Tänzer/Innen und hat da auch sicherlich seine Berechtigung. An den Kursen nehmen aber eher Menschen Teil, die keine Tänzerische Vorbildung und entsprechende Muskulatur und Beweglichkeit haben. Wie wäre es denn mit einer "normalen" Wirbelsäulengymnastik, möglichst von einer /einem Physiotherapeuten/In angeleitet. Die Verletzungsgefahr würde sich da eher im Rahmen halten. ...ist halt nicht so "sexy"...
#7 am 24.01.2018 von Wolfgang Gellert (Physiotherapeut)
  5
Es gab vor einigen Jahren einen Artikel in der Zeitschrift Manuelle Therapie in dem von einer Frau berichtet wurde, die nach einer Yoga-Übung, bei der man die im Kniegelenk gestreckten Beine in Rückenlage über den Rumpf bog, um mit den Füssen den Boden zu erreichen ("der Pflug") sich eine Plexuxschädigung zugezogen hatte. So etwas ähnliches wird wohl dieser armen Dame passiert sein.
#6 am 24.01.2018 von Wolfgang Gellert (Physiotherapeut)
  3
Liquorunterdrücker
Dies ist zwar eine schöne Geschichte, aber das Bildmaterial passt nicht zum Text. Auf dem linken Bild lässt sich zwar auf Höhe des blauen Pfeils eine Kaudalverlagerung des Kleinhirns, aber auf Höhe des roten Pfeils definitiv keine "massive extradurale Ansammlung von Liquorflüssigkeit" sichtbar ebensowenig im rechten Bild, wo - wenn überhaupt eine diskrete Abhebung des hinteren Längsbandes zu sehen ist. die sicher nicht mit der postulieren Liquoransammlung im HWS- Bereich in Verbindung stehen kann. Außerdem ist die Methode der Wahl zur Detektion eines Liquorlecks nicht die T2- sondern die STIR- Wichtung, die ausschlkießen kann, dass es sich bei der dargestellten Signalauffälligkeit um Fettgewebe handelt. Dies sollte vom renommierten Kings College Hospital eigentlich zu erwarten sein. Insgesamt bezüglich der Bildgebung nicht überzeugend,
#5 am 24.01.2018 von Liquorunterdrücker (Gast)
  4
Pilates reißerisch als Extremsport zu bezeichnen ist einfach nur falsch.
#4 am 24.01.2018 von Eva Kindhäuser (Physiotherapeutin)
  12
Hier ist überhaupt nicht zu erkennen, um welche Übung es sich gehandelt haben soll! Pilates ist ein hervorragendes Rumpftraining. Ich denke, da müssen Vorerkrankungen oder Anomalien dazu beigetragen haben.
#3 am 24.01.2018 von Eva Kindhäuser (Physiotherapeutin)
  9
So wenig wie Power-Yoga mit Yoga zu tun hat, so wenig hat das ursprüngliche Pilates, welches ein System zur Behandlung von Rückenproblemen ist, mit dem heute in Fitnessstudios angebotenen Pilates zu tun. Ich hatte auch schon Patienten in der Praxis, die nach solchen Pilatesübungen massive Probleme bekamen. Wer kontrolliert eigentlich diese Angebote in Fitnessstudios und Volkshochschulen?
#2 am 24.01.2018 von Robert Wagner (Heilpraktiker)
  3
Man sollt an solch ein Verletzungsart denken und es nicht wie so oft als Bagatelle abtuen.
#1 am 24.01.2018 von Dr. Michael Sangmeister (Arzt)
  2
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Eine Frau blutet plötzlich ohne erkennbare Ursache aus der Nase. Zwar verschwindet die Epistaxis wieder von selbst, mehr...
Ein 81-jähriger Mann ist zur stationären Behandlung einer Lungenentzündung in der Klinik. Er klagt über starke mehr...
Einer Frau fällt unterhalb des linken Auges ein kleiner Knoten auf. Sie hält diesen für einen Pickel und macht mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: