„Sie hat nur einen Bluterguss, sonst nichts“

09.01.2018
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„In Raum B“, sagt die Krankenschwester. „Bluterguss am Auge, ist wohl gestern gestürzt. Sagen die Eltern.“ Sie zeigt den Gang runter und zuckt mit den Schultern. „Was Eltern so sagen.“ Die Schwestern hier haben schon alles gesehen und ihr Verdacht bestätigt sich meist.

Ich habe einen der weniger kritischen Dienste an Weihnachten erwischt, den Samstag vor Heiligabend, der große Ansturm ist bisher ausgeblieben. Gerade sitzen nur vier oder fünf Eltern mit Kindern, ich hätte wohl ein wenig Zeit.

Im Zimmer ein junges Mädchen, vielleicht dreizehn, auf der Untersuchungsliege, dick verpackt mit schwarzer Daunenjacke, umhalst vom Schal.

„Die haben gestern Handstand geübt, im Kinderzimmer“, erklärt die Mutter. „Maike ist ausgerutscht und mit dem Kopf an das Eisengitter vom Bett gehauen.“ Sie zeigt mit den Händen, wie das passiert ist. „Die Brille ist ans Auge gedrückt, hier, so.“ Sie steht bei der Tochter und drückt ihr die Brille aufs Gesicht.

Die Brille ist intakt, die Gläser ganz, nichts ist verbogen. Ich nicke und schaue mir die Verletzung an. Ein Hämatom auf dem Os zygomaticum links, etwas unterhalb der Orbita.

„Na, wie hast du das denn gemacht?“, frage ich Maike.

Sie zuckt mit den Schultern. „Gestürzt.“

„Ich hab’s ja schon erklärt“, sagt wieder die Mutter. „Sie stand vor dem Bett …“

„Alles klar.“ Ich nicke, unterbreche ihre Erklärung. Ich taste das Jochbein ab, keine Verschwellung, nur das Hämatom, taste den Kiefer ab und betaste die Ohrmuschel, wende mich der anderen Seite des Kopfes zu, wieder Stirn, Jochbein, Kiefer. Ein zweites Hämatom, am Unterkiefer, schwach zu sehen.

„Und das hier?“, frage ich das Mädchen.

„Keine Ahnung, auch so“, sagt sie. Sie lächelt und schlägt dann die Augen nieder.

„Ist dabei passiert“, sagt der Vater. Er steht im Hintergrund.

Ich halte die Brille in der Hand. „Die ist wohl heil geblieben?“, frage ich in die Runde.

„Ja, witzig, oder?“, sagt die Mutter.

„Ja, vielleicht.“ Ich nehme das Ophthalmoskop und sehe mir die Augen genauer an. Auf der linken Seite sieht man unter dem Unterlid ein blutunterlaufene Stelle. Von der Brille? Die Pupillen reagieren prompt. Im Ohr ist nichts zu sehen, die Zähne sehen schlecht gepflegt aus, aber unverletzt.

„Das müssen wir genauer anschauen“, sage ich und zeige auf das Auge.

Der Vater nickt. „Okay. Machen Sie jetzt, oder?“

„Mal sehen. Kann sein, dass ich einen Augenarzt dafür brauche.“

Die Tochter und die Eltern wechseln Blicke. Es schwingt was durch den Raum, die Luft lädt sich auf. Das tut nicht gut.

„Keine Angst, wir sind ja hier, um uns das anzusehen, oder?“ sage ich. Und zu dem Mädchen gewandt: „Wir helfen dir, damit es dir besser geht.“

Sie nickt, schaut mich aber nicht an.

„Ich möchte noch, dass du mal deine Jacke ausziehst und den Schal. Hier ist es sowieso viel zu warm.“

Sie beginnt, die Kleider auszuziehen. Die Mutter hilft ihr.

„Sie sagten, die haben Handstand geübt“, frage ich. „War sie alleine oder noch jemand dabei?“

„Ihr Bruder.“

„Wie alt ist dein Bruder?“

„Siebzehn.“

Inzwischen hat Maike die Jacke und den Schal ausgezogen. Sie trägt nur ein dünnes Top und darunter einen BH. Und Jogginghose. Ich nehme ihre Hand und helfe ihr von der Untersuchungsliege herunter. Stelle sie vor mich hin und schaue.

Beide Oberarme sind mit Blutergüßen übersät. Dorsal sind Handabdrücke zu erkennen, dunklere Male, wo die Fingerspitzen greifen, hellere, wo die Handflächen aufliegen. Die Ellenbogen sind frei, die Unterarme zeigen kleinere kreisförmige Hämatome. Am unteren Rand des Halses sind feine Blutgerinnsel zu sehen. Alles gut verdeckt durch Schal und Jacke.

Die Entscheidung ist gefallen. Das Mädchen darf nicht wieder nach Hause. Ich werde hier und jetzt nicht weiterfragen, denn dafür brauche ich Zeit. Später. Die Eltern sehen, dass ich die Oberarme sehe, sie sehen, dass ich sie begutachte, sie sehen, dass ich mir Gedanken mache. Nur jetzt keine Vorhaltungen meinerseits, keinen Grund für eine Verteidigungshaltung. Die Eltern haben Maike vorgestellt, weil sie sich Sorgen machen, dass der Bluterguss im Gesicht irgendwelche Folgen haben könnte. Dass das Auge verletzt ist. Das ist die Eintrittskarte.

„Wir müssen das hier in der Klinik genauer untersuchen“, sage ich zu den Eltern. „Vor allem das Auge. Nicht dass es hier schwerere Verletzungen gibt.“

Sie wechseln Blicke, entspannen sich aber. Keine Ahnung, ob sie das Ahnungslosigkeitsspiel mitspielen, denken, ich würde keinen Verdacht schöpfen, nicht ahnen, dass es hier um Misshandlung geht. Mir ist das egal. Oberste Priorität ist es, das Kind hierzubehalten.

Ich spreche meine üblichen Formalien aus, dass sich eine Schwester kümmern wird, dass ein aufnehmender Arzt hinzukommen wird. Kein Wort von Sozialdienst, Jugendamt, Polizei.

Später wird der Oberarzt der Klinik einen Ultraschall vom Abdomen machen und zum Glück nichts finden. Die Verletzungen werden dokumentiert werden, fotografiert. Die Arztkollegin wird das Mädchen nochmal befragen, ohne Eltern. Sie oder der Oberarzt werden die Eltern fragen, immer mal wieder, getrennt, gemeinsam, immer auf der Suche nach Plausibilität der Aussagen, Erklärungen, nach dem Bruder fragen. Der Sozialdienst hat eine Bereitsschaftsnummer, die die Klinik immer erreichen kann. Da kommt noch viel Arbeit auf das Team zu. Samstagabend. Der Abend vor Weihnachten.

„Vielen Dank“, sagt der Vater, als ich ihm die Hand gebe und das Zimmer erst einmal verlasse. Vielleicht meint er es wirklich so.

 

Hilfetelefone:

Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016

Kinderschutz für Familien: 0800 1110550

Nummer gegen Kummer (für Kinder und Jugendliche): 0800 1110333

Bildquelle: Fernando de Sousa, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 18.01.2018.

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Schließe mich der Meinung von Dr. Michael Brill - zu wenig Suvärenitat von Seite der Jugendämter und Ämter generell. Kein Hilfe für die schutzlosen ,oft noch sehr kleine Kinder.Dadurch Unterstützung der Täter!!! Klare MITSCHULD!!!!ERBÄRMLICHE ZUSTÄNDE IN Detschland.Ein Extrem.Das andere Extrem ist England- wo man Kinder den Eltern nur auf Vermutung und aus sogenannter Fürsorge sofort nach der Geburt wegnimmt??!Beides kranke Zustände auf Kosten der schutzlosen ,armen Kinder die uns anvertraut sind uns Vertrauen schenken und unsere Liebe verdienen.
#14 vor 3 Tagen von Dr. med. Gabriela Smieja (Ärztin)
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Ob das Kind gerettet ist, wie einige Kommentatoren hoffen, ist mehr als fraglich. Während in fortschrittlichen Ländern die Ärzte eine Pflicht zur Anzeige haben, schützt in Deutschland eine fragliche Schweigepflicht die Täter und schaffen in einer schwierigen Situation keine wirkliche Rechtssicherheit. Jugendämter sind immer weniger in der Lage, ihre Arbeit zu bewältigen und lassen teils haarsträubende Zustände zu. Der Kreis schließt sich mit den Gerichten, die auch in offensichtlichen Fällen misshandelte Kinder immer wieder ihren gewalttätigen Eltern oder Erziehungsberechtigten ausliefern. Kinder haben in Deutschland ganz schlechte Karten...
#13 vor 4 Tagen von Dr. med. Michael Brill (Arzt)
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Gast
#11 Frauenrechtlerinnen haben da gute Arbeit geleistet. Und es reicht noch nicht ganz-
#12 vor 7 Tagen von Gast
  12
Gast
jedes 4. Kind erleidet Gewalt - mit einem Gespräch ist es wohl nicht getang - Gewalt - Systeme, in denen Frauen, Menschen 2. er Klasse sind gibt es auch im Ehemaligen Ostblock u. nicht nur im Orient ...Gedankt seis Alice Schwarzer u Simone de Bevoir (Feministinen)
#11 vor 7 Tagen von Gast
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Iris Lau, Heilpraktikerin
Sehr sensibel reagiert und wahrscheinlich die Rettung für das Kind. So viele Kinder,die nicht das Glück haben auf handlungsfähige und aufmerksame Menschen zu treffen.
#10 vor 7 Tagen von Iris Lau, Heilpraktikerin (Gast)
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Ja, wirklich mal zugehört, zugeschaut und alles richtig gemacht! Ich bin so froh, daß es auch noch solche Ärzt/innen gibt! Würde auch mich sehr interessieren, wie es ausging.
#9 vor 7 Tagen von Caroline Santo (Physiotherapeutin)
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Dr.hc.Schwinb
Gut gemacht sowas ist immer schwer, kenne das selbst. Aus der Geschichte lese ich auch, dass es vielleicht um Misshandlungen seitens des Bruders oder aus dem Schulischen Umkreis handeln könnte. Wäre schön wenn man im Nachtrag erfahren würde wie es ausging! VG
#8 vor 7 Tagen von Dr.hc.Schwinb (Gast)
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Gast
und wie weiter?
#7 vor 7 Tagen von Gast
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Sie haben dem Mädel das Leben gerettet, im übertragenen Sinn und eventuell wortwörtlich. Mir kommen die Tränen, wenn ich so etwas lese - danke !
#6 vor 7 Tagen von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast X
Super Bericht. Dankeschön. Diese Strategie lässt sich auch gut auf andere heikle Situationen übertragen. In der Notaufnahme erstmal deeskalieren, Vertrauen schaffen, nicht zuviele Fässer aufmachen, erstmal in Ruhe aber mit Nachdruck die stationäre Aufnahme regeln. Das hilft auch Berufsanfängern weiter... warum es ausgerechnet meistens die unerfahrenen Berufsanfänger sind die Nachts und am Wochenende allein in der Notaufnahme damit klarkommen müssen darüber reden wir dann ein andermal.
#5 vor 7 Tagen von Gast X (Gast)
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ich finde es ein gute Reaktion, dem Kindeswohl entsprechend - es wird so erst einmal aus dem Konflikt herausgenommen und die Situation deeskaliert. Danach kann in Ruhe sich um die Patientin und die Ursache gekümmert werden
#4 vor 7 Tagen von Dipl.-Ing. Katrin Andohr-Freitag (Heilpraktikerin)
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In einer früheren Fortbildungsveranstaltung hatte ich die Leiterin der Greifswalder Rechtsmedizin Frau Prof. Dr. Britta Bockholdt als Referentin eingeladen. Ihr Thema, Verhaltensstrategien bei Kindesmisshandlung-Möglichkeiten und Grenzen. Ein herausragender Vortrag und eine sehr engagierte Rechtsmedizinerin. Nur zu empfehlen!
#3 vor 7 Tagen von Angela Winterhager (Mitarbeiterin Industrie)
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Gast
Guter Bericht. Danke!
#2 vor 7 Tagen von Gast
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In manchen Situationen weiß ich manchmal nicht gleich weiter. Dieser Bericht ist hierbei für mich eine große Hilfe. Danke für diesen Bericht.
#1 vor 8 Tagen von Alfred Geißler (Arzt)
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