Kontaktaufnahme mit Herrn Gnüller

30.12.2017

Einmal da schickte der besorgte Hausarzt Müller einen seiner Patienten, den Herrn Gnüller. Einen rosa Einweisungsschein bekam der mit auf dem alle möglichen grässlichen Dinge standen, die Herr Gnüller so haben könnte.

Zwei Punkte waren auf dem rosa Schein notiert:

1. Eine Lungenembolie (das hätte Herr Gnüller schon mal gehabt und es bestände nun eine akute neue Luftnot.)

2. Vielleicht auch einen Herzinfarkt (Das hatte Herr Gnüller zwar noch nie gehabt, es beständen aber Schmerzen im Brustkorb.)

Zur Untermauerung dieser Behauptungen hatte der Hausarzt gleich mehrere Schnelltests performt, 1. auf ein D-Dimer und 2. auf ein Troponin. Beides war positiv, was sowohl auf eine Lungenembolie als auch den Herzinfarkt hindeuten konnte.

Nun kommen wir also zum spannenden Teil. Was genau hat Herr Gnüller?
Da mit Dingen wir Lungenembolien und Herzinfarkten nicht zu spaßen war, bekam Herr Gnüller von der Notaufnahme des nahegelegenen Klinikums sofort ein ausführliches EKG und eine ebenso ausführliche Analyse der Vitalparameter. Auch besorgte man sich einen diensthabenden Kardiologen, der einen gelangweilten Kardiologenblick über das EKG schweifen ließ und sagte, dies wäre superunauffällig, man solle bitte erst mal die Blutwerte abwarten und, ganz wichtig, einen eigenen Test auf Troponin und D-Dimere machen, denn alles, was man nicht selber gemacht hat, ist bestimmt ein großer Mist. Und dann, noch wichtiger, sollte sich der Aufnahmearzt mit dem Problem beschäftigen, um es dann möglichst komprimiert in ca. 1 Minute ihm, den Kardiologen vorzutragen. Auf diese Weise könne er jetzt nämlich erst mal random eine kardiologische aber gesprächsarme Untersuchung an einem sonstigen Patienten durchführen.

Tada. Das Labor hatte einen der seltenen Tage, an welchen es den Arzt extraschnell mit 50 rot gefärbten und fertig analysierten Blutwerten blendete und das in nur einer halben Stunde. Begeistert drückte mir die Schwester den Bogen in die Hand und erläuterte des Kardiologen Plan, während sie mit dem unauffälligen EKG des Patienten herumwedelte.

Auch unsere Laborwerte zeigten ein positives Ergebnis für das Troponin und D-Dimer. Allerdings zeigten sie auch eine Niereninsuffizienz, was beide Werte grundsätzlich erst mal verfälscht und positiv werden lässt. Ganz egal, ob jetzt ein Infarkt oder ein Blutgerinnsel vorliegt. Naja, dachte ich, da werde ich mal persönlich mit Herr Gnüller sprechen.

„Hallo Herr Gnüller, der Hausarzt macht sich ja ziemlich Sorgen“, sagte ich und starrte auf den Einweisungszettel, „Warum erzählen Sie nicht kurz von ihren Beschwerden.“

„Also“, sagte Herr Gnüller und löste alle unsere Probleme, „mir hört einfach keiner zu! Wissen Sie, heute kam unsere neue Waschmaschine. Und es musste doch jemand da sein, um die in Empfang zu nehmen! Auf jeden Fall war ich dann spät dran für meinen Termin beim Hausarzt. Der wollte heute die Blutdruckwerte kontrollieren. Weil ich so spät dran war, bin ich eben schnell gelaufen und war dann außer Atem, als ich angekommen bin. Aber pünktlich! Da hat die Arzthelferin gleich gesagt: Warum atmen sie so schwer Herr Gnüller, der Hausarzt hat gleich ein EKG gemacht und keiner hat mir zugehört! Jetzt haben sie mich zu Ihnen geschickt.“

„Oh hm. Hier steht, Sie hätten auch Schmerzen in der Brust?“

„Ah, das stimmt gar nicht. Das sind meine Rückenschmerzen von der Arthrose. Die habe ich schon seit Jahren und gehe da immer zum Orthopäden hier im Krankenhaus in die Sprechstunde. Können Sie nachlesen.“

Wir untersuchten Herr Gnüller zur Sicherheit nochmals gründlich. Die Niereninsuffizienz war ebenso wie die Wirbelsäulenproblematik schon lange bekannt. Nachdem auch die Blutwerte nicht schlechter wurden und Herr Gnüller überhaupt keine Luftnot hatte, schickten wir den supererfreuten Patienten wieder heim. Die Waschmaschine warte auf die weitere Installation.

Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 03.01.2018.

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Medizin, Innere Medizin
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Lieber ein Hausarzt der bei bekannter Vorgeschichte so reagiert...!
#8 am 05.01.2018 von annette reinecke (Heilpraktikerin)
  1
Gast
@HamburgerDeern: tja, wenn ihre Hausärztin sich nicht die Mühe machen will sich auf eine eigene Verdachtsdiagnose festzulegen kann das auch Nachteile haben. Vor allem für Sie. Wer einfach gar nichts oder mit anderen Worten „reduzierter AZ“ auf die Einweisung schreibt wirkt auf mich jedenfalls nicht sehr vertrauenerweckend... das wirft ein schlechtes Licht auf die eigene Arbeit... und auf die kollegiale Zusammenarbeit. Zum Glück verhalten sich die Hausärzte in unserem Einzugsgebiet nicht so. In dringenden Fällen rufen sie den Dienstarzt sogar an, das stört zwar manchmal aber hilft durchaus oft.
#7 am 04.01.2018 von Gast
  3
Soo schön geschrieben, dass es ganz viel Spaß macht zu lesen. :-) Ich liebe diesen locker-flockigen, amüsanten Schreibstil immer wieder aufs Neue - und wer Rechtschreibfehler findet, der möge sie einfach behalten. ;-)
#6 am 03.01.2018 von P. mettenmeyer (Medizinisch-Technische Assistentin)
  0
Hamburger Deern
Meine Hausärztin schreibt nie etwas auf die Überweisung, sie meint, ich solle dem Facharzt einfach meine Symptome schildern.....
#5 am 03.01.2018 von Hamburger Deern (Gast)
  20
Ich als Kardiologe hätte nicht lange gefackelt und gleich mal einen schönen Katheder reingeschoben, für alle Fälle, und Beatmung wäre sicher auch nicht schlecht gewesen. Der Pat. hat Glück gehabt. Wer weiß, auf welche Ideen manfrau gekommen wäre...
#4 am 03.01.2018 von Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann (Nichtmedizinische Berufe)
  29
J. J. Kaminski
Danke für dieses Fallbeispiel. Mit dem Patienten wurde erst über eine halbe Stunde nach Aufnahme gesprochen? Erstaunlich. Situationen wie die hier beschriebene zeigen, wie wichtig die (fokussierte) Anamnese ist - ein Klassiker. Labor- und Bildgebung sind oft genug nur in Kombinationen mit dem ganzen Menschen sinnvoll, der da vor uns sitzt. Wenn er noch reden kann, dann sollten wir dies auch mit ihm tun. Zum Text: Hier haben sich einige Zeichensetzungs- und Schreibfehler eingeschlichen. Vielleicht da nochmal rübergucken.
#3 am 03.01.2018 von J. J. Kaminski (Gast)
  20
Gast
Und hier zeigt sich wieder der Leitsatz meines alten Professors: "Wir behandeln Menschen, keine Laborwerte." Obwohl mein letzter Chef (Kardiologe) darauf bestanden hatte dass selbst bei unauffälligem EKG aber positiven Troponin trotzdem eine Cardio gemacht werden musste. Über Sinn und Unsinn lässt sich da streiten.
#2 am 02.01.2018 von Gast
  7
Gast
Nu, scheint sich mal wieder zu bestätigen, daß es sich gelegentlich lohnt, zum äußersten zu schreiten und den Patienten zu befragen...
#1 am 30.12.2017 von Gast
  0
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