5 neue Kategorien der Depression

21.12.2017
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Wenn ich die Akten von Neuanmeldungen für unsere psychosomatische Klinik screene, so haben die allermeisten Patienten "Depressionen". Aber so unterschiedlich dick die Akten und damit die Vorbefunden, so individuell sind natürlich auch die Patienten und die damit verbundenen Probleme. Nicht zuletzt aber sollte daraus auch eine differenziertere Behandlungsplanung resultieren.

In einer Studie der Harvard Universität versuchte man, zu einer besseren Differenzierung der Depressionen aufgrund von neueren biologischen Erkenntnissen zu gelangen.

Depression – unendliche Möglichkeiten

Im Augenblick fällt ein reines Sammelsurium an Kategorisierungen auf. Es reicht von der „Neurasthenie“ (F48.0 laut ICD-Schlüssel) als Ausdruck einer angeblich „unzureichenden“ Belastungsfähigkeit über eine Anpassungsstörung bis zu Depressionen (F32.x) bzw. wiederkehrenden depressiven Störungen (F33.x) bzw. der Dysthymia (F34.x). Mal isoliert, seltener dann als „Double Depression“, wenn Dysthyme Störung und Depressive Episode zusammen auftreten sollen. Dann haben wir natürlich noch gar nicht die zusätzlich häufig diagnostizierten Belastungsstörungen oder gar Posttraumatische Belastungsstörungen erwähnt. Und oder Angststörungen. Naja, vollständig ist die Liste schon ganz und gar nicht, da es ja auch auch noch die Zyklothymen Störungen gibt. Oder die Bipolaren.

Ehrlich gesagt: Selbst ich blicke da selten durch. Und hilfreich ist diese Klassifikation ja auch nicht wirkich für die Therapie, sondern es ist eine reine statistische Kommunikationshilfe. Also für unsere Verwaltungsleute gedacht, die dann mit den Kostenträgern per Datenleitungen kommunizieren.

5 neue Gruppen von Depressionen und Angst

Diese also meist ziemlich beliebige Einteilung bzw. die Überlappung der verschiedenen Symptome hat ziemlich wenig mit der neurobiologischen Entstehung bzw. Darstellung im Gehirn zu tun.

Eine neue Studie von Leanne Williams und Team der Universitätsklinik für Psychiatrie in Stanford, versucht nun anhand funktioneller Bildgebung des Gehirns eine Differenzierung von Depressionen und Angst in 5 Kategorien zu definieren.

Die Autoren diffferenzieren dabei:

Die 5 Kategorien sind jeweils mehr oder weniger spezifische Symptome, die dann aber auch jeweils bestimmten Bereichen der Hirnaktivierung bzw. „Hemmung“ von neuronalen Netzwerken zugeordnet werden. Zielsetzung ist, dann eine besser differenzierte Behandlung anbieten zu können, da eben derzeit jeder Patient mit Depressionen quasi gleich behandelt wird. Oft mit sehr mäßigem Erfolg, wenn man ehrlich ist.

„Tension“ ganz oben auf der Liste

Für die Studie wurden bestimmte neuropsychologische Tests und eben eine Bildgebung bei 420 Teilnehmern (Gesunde und Patienten mit Angst und Depression) durchgeführt und dann über bestimmte Algorithmen versucht, gemeinsame Merkmale herauszufinden.

Danach kamen die Autoren zu dem Ergebnis, dass 19 Prozent in die Gruppe der hohen Anspannung („Tension“) fielen, 13 Prozent eine ängstliche Überregung aufwiesen, 9 Prozent der Gruppe der Melancholie zuzuordnen waren, weitere 9 Prozent in der Subgruppe „generalisierte Angst“ eingeteilt wurden und die restlichen 7 Prozent unter Anhedonie, also dem generellen Verlust von Lebensfreude, litten.

Es bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen sich aus solchen Untersuchungen wirklich ergeben. Interessant ist es allemal, wenn man sich etwas genauer Gedanken um die Differenzierung der Depressionen macht.

 

Bildquelle: Martin Fisch, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.01.2018.

41 Wertungen (4.41 ø)
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Gast
WAS IMMERZU VERKANNT UND ALSO NICHTERKANNT WURDE. Das ist derStress:dieser chronische Stress setzt einem Menschen derart massiv zu, dass er schließlich-psychosomatisch- eben den Herzinfarkt erleiden wird.Dieser Stress allerdings deprimiert sehr stark- aus welchen Konditionen auch immer.-sehr stark.Unerkannt-verkannt:Bis der Herzinfarkt erfolgt eben.Diese chronische Deperession führt schließlich zu schweren körperlichen Schädigungen .Wer wir vorsorgen?
#19 am 04.01.2018 von Gast
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Gast
Der Begriff "Depressionen" (warum eigentlich der Plural: reicht eine nicht?) wird inzwischen so inflationär verwendet, insbesondere bei sozialmedizinischen, oft Versorgungsanliegen, dass er total verwässert wird. Frustration und soziale Benachteiligungen werden pathologisiert und münden nicht in adäquate Maßnahmen. Oft stecken soziale Verlusterlebnisse dahinter, Folgen der mangelnden Konkurrenzfähigkeit in der Gesellschaft, wenn Fähigkeiten und Bildung nicht ausreichen.
#18 am 04.01.2018 von Gast
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Gast
#9: Hier , wenn ein Therapeut, sich wagt, ins innerste personale Zentrum eines Patienten vorzudringen sich erlauben zu können vermeint:Dann ist hier die äußerste Vorsicht geboten:Wer da unberechtigterweise einzudringen versucht, wissen Sie: Das ist oder kann sein für den Patienten schlimmer, als wenn Sie des Nachts von Einbrechern in der Wohnung in der Dunkelheit überrascht werden.Hier ist extremste Sorgfalt vonnöten:Wer kein Feingefühl hat, lasse besser die Finger weg davon.
#17 am 03.01.2018 von Gast
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Kapitalismusgegner
Hallo, als ich gelesen habe: " 5 neue Kategorien der Depression", dachte ich erst: "Endlich!", war aber überrascht davon , dass eigentlich nur Leitsymptome auseinandergebröselt werden. Sinnvoller wäre doch zu unterscheiden, ob es sich um eine reaktive Depression handelt, ob eine starke genetische Komponente vorliegt , ob der Patient in einer bedrückenden Situation ist . Wenn jemand einen neuen Job findet, und seine durch die Arbeitslosigkeit verursachten Depressionen gehen weg, war der Mann dann im medizinischen Sinne krank? Dennoch bekommt jeder die gleichen Psychopillen. (anstatt eine Arbeit, ein funktionierendes Umfeld, Freiheit von Druck, Mobbing und Existenzängsten etc.)
#16 am 03.01.2018 von Kapitalismusgegner (Gast)
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Gast
Was ist pathologisch? Nicht das vermeintlicvh chronische Erscheinungsbild: Wenn eine Witwe ein Jahr lang-und das war so immer schon üblich- schwarzes Trauergewand trägt, so ist das , auch wenn es langwährend ist, keineswegs pathologisch: Eine Witwe lief früher ein Jahr lang schwarzbekleidet in Trauer herum.Das ist keine pathologische Indikation.Das ist normal und natürlich und nicht pathologisch.Und ebenso analog sollten die Urteile dementsprechend vernünftig-besonnen ausfallen.Nur einen Horror gibt es für mich: Und das ist die Gefahr eines Suizides. Und das ist das absolute Extrem.Ab da hören sanfte Diagnosen auf:Ab da wird es knallhart gefährlich.
#15 am 03.01.2018 von Gast
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Gast
Einfach zuallererst 20.000 iE D3-Tagesdosen für ein paar Wochen (das wirkt schon nach ein paar Tagen super), dann ist davon schon 9/10 dieser Patienten wieder munter und frisch im Kopf, 3.000 mg Magnesium dazu täglich nicht vergessen!
#14 am 03.01.2018 von Gast
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Gast
#11#4#12 Ganz einfach schon durch unser Dasein-vor allem, wenn wir älter, hiermit aber auch reifer werden,(wi´r leben nicht immerzu im Paradies unserer Kindheit- und auch darinnen war das Paradiesische immerzu mit Transzendieren-Können verbunden-:Schon deswegen, weil wir im endlichen Da sind, leben, leiden wir:"Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen", lautete ein prägnanter Ausspruch eines Kirchenvaters:So erkennen wir, dass Beglückseligungen Akten der transzendentalen Überwindung des Daseinsschmerzes entspringen.Sonst käme echte bleibende Freude im und am Licht nicht hoch.Also von Natur auswird der gereifte Mensch erkennen, dassm er Glückseligkeit dem transzendierenden Akte verdankt.Pathologisch ist nicht jede depressiv genannte, auch schwerere Verstimmung, die ihren Grund fand: Etwa Trennung von einem geliebten Partner etc..Falls es psychopharmazeutische Abhilfe auch da geben sollte, die nicht wirklich schadet: Warum sollte sie abgelehnt werden?
#13 am 03.01.2018 von Gast
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#11 Ich denke, der Beitrag #4 war anders gemeint. Seit einigen Jahren häufen sich in Studien belastbare Hinweise, daß ein gestörtes intestinales Mikrobiom zur Entstehung einiger häufiger Erkrankungen inkl. Depression beiträgt und daß eine Veränderung der Zusammensetzung des intestinalen Mikrobioms aktiv zur Heilung dieser Erkrankungen beitragen kann.
#12 am 03.01.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Gast
#4 Ja, ja, das stimmt:"Die Inder und Chinesen haben in der Hinsicht schon seit vielen Jahren verstanden, dass im Darm die Gesundheit "sitzt".".Ich füge gerne hinzu: Auch im Magen. Denn wenn der Magen, etwa durch gute Küchengewürze, sich wohlfühlt, fühlt sich leibseelisch der ganze Mensch wohl.Nicht umsonst gibt es in jedem Krankenhaus wohltuende Kräuterrtees. Dabei aber haben wir es leider noch bei weitem nicht mit ernsthaft schweren Depressionen, die bis zum Extrem des Suizids reichen, zu tun.Also gut mit Arzneigewürzdrogen(Küchengewürzkräutern)gewürzt zu haben, dient dem leibseelischen Wohlbefinden sehr!Vom Magen-: Und eben Darm auch-her.
#11 am 03.01.2018 von Gast
  5
#3 Stimme ihnen völlig zu. Wir sollten der Neuro-Immunbiilogie mehr Raum (und Geld) geben, um weniger Selbsteinschätzungs-Fragebögen, dafür aber mehr objektivierbare (Blut)parameter zu implementieren. Vielleicht zerfällt dann die Diagnose Depression in nomenklatorisch neue Begriffe. Aber die begründete Hoffnung auf eine rationale Therapie und weniger Therapie-Versager steigt. Andreas Ross, Tierarzt und Psychoonkologe
#10 am 03.01.2018 von Dr. med.vet. Andreas Ross (Tierarzt)
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Gast
#7 GEFAHR EINER SCHLIMMEN VERKENNUNG EINER ERNSTHAFTEN DEPRESSIONSERKRANKUNG Es kann sein, dass eine schwerwiegende Depression immer nur heruntergespielt wird, dass da doch gar nichts sei:Bis wir dann plötzlich nur noch eine Leich aufgrund von Suizid fanden.Die Krankheit ist sehr ernst zu nehmen.Als Therapie sehe ich nur die Einwirkung ins innerste personale Zentrum, und das ist das Gewissen.Davon hängt alles ab.
#9 am 03.01.2018 von Gast
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Die beschriebenen Kategorien sind meiner Meinung nach am ehesten als Stadien einer depressiven Entwicklung zu verstehen...ganz häufig kommen die Patienten wegen des hohen Leidensdruckes erst relativ spät zum Facharzt und haben dann eben "alle"Merkmale in sich vereinigt. Ausserdem ist eine Depression eine sehr individuelle und multfaktoriell bestimmte Hirn(fehl)Leistung.
#8 am 03.01.2018 von DM Sigbert Scholz (Arzt)
  1
Gast
Als seinerzeit in Amerika, vor wenigen Jahren, die neue Nomenklatur für pschische Erkrankungen herausgegeben wurde, sagte einer der bedeutendsten Psychiater, dass dies "der traurigste Tag seines Lebens" sei. So sehr etwa der Zusammenhang zwischen schwerer Depression und Suizid wirklich extrem ernst zu nehmen ist etc. , ebenso sehr sehe ich die Gefahr eines neuen kollektiven Massen-Psychowahns aufkommen. Hier wird sehr gut zu differenzieren sein. Leicht ist das nicht immer sofort.Nicht jede Verstimmung ist krankhaft-sondern , sage ich mal eben, sondern einfach natürlich.
#7 am 03.01.2018 von Gast
  5
Gast
Ganz im ernst: Das ist Murks. Was auch immer die da gemacht haben, die Interpretation der Ergebnisse paßt nicht zu den klinischen Erscheinungen, weil bei Patienten mit Depression meist alle fünf Symptomkategorien auftreten, oder zumindest mehrere, aber selten nur eine der Kategorien alleine. Wenn nur eine der Kategorien auftritt, wäre dies vielmehr ein Anlaß, die Diagnose Depression infrage zu stellen und differentialdiagnostisch weiterzuarbeiten.
#6 am 03.01.2018 (editiert) von Gast
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Dr. G. Bretschneider
Nur ein neuer Versuch der Kategorisierung und sehr einseitig. Ich kenne Patienten - mit einer mittelgr. Depression, die alle diese Symptome aufweisen. Letztlich sind die Ursachen der Depression multifaktoriell und eine Therapie sollte immer einen multimodalen Ansatz haben und ueber einen längeren Zueitraum gehen, um alltagserprobt werden zu können, wenn sie nachhaltig sein soll.
#5 am 02.01.2018 von Dr. G. Bretschneider (Gast)
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Gast
Es viel zu einfach sich auf Psychopharmaka "auszuruhen". Was ist mit dem aktuell viel diskutiertem und auch mit Depression/Angststörungen zusammenhängendes Thema Darm und Darmbakterien? Die Inder und Chinesen haben in der Hinsicht schon seit vielen Jahren verstanden, dass im Darm die Gesundheit "sitzt".
#4 am 02.01.2018 von Gast
  5
Gast
Die Psychiatrie hat leider jahrelang versäumt, eine vernünftige Forschung und Studienlandschaft aufzubauen. Sie sollte sich an dem Wissenschafts/Studientrieb der Hämatoonkologen messen, der v. a. im Bereich der Hämatologie seit über 10 Jahren Früchte trägt. Weg von den psychologischen Faktoren hin zur Neurobiologie. Gene expression profiling, Immunologie (Zytokine?), funkt. Bildgebung. Dann könnte die vernünftige Therapie dieser fürchterlichen Erkrankung irgendwann auch mal klappen...
#3 am 02.01.2018 von Gast
  2
Gast
Meines Wissens gehen die meisten (zumindest schweren) Depressionen, die in einer Klinik (Psychiatrie nicht psychosomatische Klinik) behandelt werden mit all den genannten Symptomen einher. Innere Anspannung, Konzentrationsstörungen, sozialer Rückzug, Freudlosigkeit, Grübeln. Zählt man die prozentualen Angaben der 5 genannten Gruppen zusammen kommt man auf lediglich 57 Prozent. Somit steht nicht "Tension" ganz oben auf der Liste sondern die 43% der nicht weiter differenzierten Kranken. Nur 7 Prozent sollen an Freudlosigkeit/ Anhedonie leiden??
#2 am 02.01.2018 von Gast
  0
Gast
ICD und DSM sind sowieso politisch beeinflusst, oder glaubt irgend jemand, dass in den anonymen Hinterzimmern der eher anonymen Expertenkommissionen zu ICD und DSM alles nach rein objektiven Kriterien entschieden wird?
#1 am 02.01.2018 von Gast
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