Ein Fall für die Kriminalpolizei (die keine Lust hat)

26.11.2017

Am Abend verließ Frau Heimbitt nach einem Krankenbesuch das Klinikum Beteigeuze. Doch noch während sie im Foyer auf die aktuellen Nachtsterne draußen blickte wurde ihr wohl irgendwie komisch, sodass sie sich hinsetzte. „Ist alles in Ordnung?“, fragte die Pfortendame und löste den Reanimationsalarm aus. Denn Frau Heimbitt antwortete nicht mehr.

Das Reanimationsteam rauschte herbei. Frau Heimbitt konnte aber trotz großer Mühen nicht erfolgreich wiederbelebt werden. Das Reanimationsteam ging wieder weg. Zurück blieb ich, denn irgendwie fühlte sich nun niemand mehr zuständig und die goldene Regel des Klinikums Beteigeuze lautete: „Wenn sich keiner zuständig fühlt, dann ist es auf jeden Fall ein internistisches Problem.“ Der Internist, das war mal wieder ich.

Mit Hilfe der Pfortendame fand ich schnell heraus, wen Frau Heimbitt besucht hatte. Die erschrockene Freundin erklärte, Frau Heimbitt wäre es gerade eben noch gut gegangen, engere Verwandte gäbe es wohl nicht. Ich hatte Glück und erreichte den Hausarzt, der eine Abendsprechstunde hatte. Nein, Frau Heimbitt hätte außer etwas Bluthochdruck keinerlei Erkrankungen gehabt. Nichts, was ihr plötzliches Ableben erklären konnte.

Da man nun aber von mir erwartete, irgendetwas in den Totenschein zu schreiben, fragte ich meinen Oberarzt, was immer eine beliebte Strategie internistischer Assistenzärzte ist. Dieser eilte gerade in seinen ersehnten Feierabend und murmelte: „Da müssen Sie „ungeklärte Todesart“* ankreuzen.“

Dies hatte ich noch nie getan, jetzt aber schon. Dann rief ich die Polizei an, da das Formular diese Maßnahme verlangte. Zehn Minuten später stand eine Polizeisteife vor der Tür, die missverständlicherweise glaubte, jemand wäre gerade umgebracht worden. Enttäuscht rief der Alpha-Polizist nun seinen Vorgesetzten an, während der Beta-Teil seines Teams, der anscheinend noch nie eine verstorbene Person gesehen hatte, blass in der Ecke stand. Ich stand auch dumm in der Gegend rum.

Dann rief die Kriminalpolizei an und ein ärgerlicher Kriminalpolizist fragte, ob ich denn wirklich die ungeklärte Todesart ankreuzen wolle. Es folgte nun eine längere Diskussion, in der der Kriminalpolizist rief, er hätte „natürliche Todesursache“ angekreuzt und ich sagte, Frau Heimbitt hätte überhaupt keine Erkrankung, die dieses plötzliche Versterben rechtfertigen würden.

Ob ich diese Entscheidung denn überhaupt mit meinem Hintergrund abgesprochen hätte?!

Ja, natürlich, eine oberarztgestütze Ankreuzung sei das, entgegnete ich.

Na gut, dann würden sie eben eine Dreiviertelstunde lang herfahren, sagte der Polizist.

Zwei Stunden später rief mich die Pforte an, die Kriminalpolizei sei nun da und würde auf mich warten. Super. Inzwischen fühlte ich mich, als hätte ich persönlich die arme Dame in der Lobby ermordet. Die Kriminalpolizei hatte wohl außerdem länger im Stau gestanden und hielt mir nun einen Vortrag, dass in dieser Klinik viel zu viele dieser Ärzte angeben würden, dass eine ungeklärte Todesart vorläge.

Ich konnte mich zwar an keinen einzigen internistisch getriggerten Fall erinnern, nickte aber freundlich und die Beamten waren im Anschluss auch erstaunlich nett. Man fertigte nun ein offizielles Vernehmungsprotokoll an, machte Fotos von Frau Heimbitt und dann ging ich schnell nach Hause.

Frau Heimbitts Tod wurde später wohl auf eine undefinierte Herzrhythmusstörungen geschoben.

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Zum Blog.

*„ungeklärte Todesart“ : Es gibt zwar keine Hinweise auf eine Einwirkung von außen, die den Tod verursacht haben könnte, aber trotz sorgfältiger Recherchen kann keine körperliche Erkrankung benannt werden, die den Tod verursacht haben könnte.

 

Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 29.11.2017.

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Medizin, Innere Medizin
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Liebes
Genau so haben es uns die Rechtsmediziner auch geschildert ... zum Glück ist unser Rückgrat nicht verbeamtet ^^
#22 am 05.04.2018 (editiert) von Liebes (Gast)
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....leider nicht ungewöhnlich, eher der Standard! Eigentlich sollten alle .....
#21 am 14.12.2017 von Dr. Thomas Thiele (Arzt)
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Habe ich ähnlich auch schon erlebt, als erstes wurde ein abgegriffener Zettel präsentiert, auf dem gelb angemarkert war, wann was angekreuzelt werden soll. Nicht einschüchtern lassen! Wir sind letztlich dafür veranwortlich, ob die Diagnose gesichert ist oder nicht.
#20 am 11.12.2017 von Dr. med. Birgit Wilski (Ärztin)
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Das Sie alles richtig gemacht haben wurde ja schon geschrieben. Man könnte die Kriminaler ja auch fragen was sie denn zu einer ärztlichen Diagnose über das Telefon befähigt. Wenn dann immer noch lamentiert wird und man streßresistent ist einfach mal daran erinnern das Kriminaler auch Vorgesetzte haben und der Staatsanwaltschaft die Nachtruhe der Beamten nicht ganz so wichtig ist wie das nichtaufklären eines eventuell vorliegenden Straftatbestandes.
#19 am 01.12.2017 von Klaus Samer (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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ad 15) Danke Frau Kollegin Aresin, dass Sie mich auch an diese Zusammenhänge erinnert haben. War etwas in Vergessenheit geraten.
#18 am 01.12.2017 von Alfred Geißler (Arzt)
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Aha!
#15 Danke! Werde darauf Acht nehmen! Ein berechtigter Anspruch soll den Angehörigen nicht abgeschlagen werden :)
#17 am 30.11.2017 von Aha! (Gast)
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Gästin
Ich dachte beim Lesen:" Welch schöner Tod".......
#16 am 30.11.2017 von Gästin (Gast)
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Auch schon erlebt: Wenn der Patient eine berufsgenossenschaftlich anerkannte Erkrankung hat (z.B. Silikose) und an verstirbt an den Spätfolgen davon (z.B. Rechtsherzüberlastung, Ateminsuffizienz) muss auch unnatürliche Ursache angekreuzt werden. Sonst ist die Witwe die BG-Rente los. Also im Zweifel lieber erst mal nicht 'natürlich' ankreuzen!
#15 am 30.11.2017 von Dr. med. Christine Aresin (Ärztin)
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Gast
Ich hab bisher noch keine Polizei erlebt die da gemurrt hat (zum Glück) aber durchaus Pflegekräfte und Oberärzte die gestöhnt haben und mich angehalten haben "ja nicht so einen Wind" zu machen wenn jemand im Haus verstirbt. Glücklicherweise ist in meinem Dienst nur selten jemand verstorben und dann wirklich mit gut dokumentierter Kausalkette so dass ich noch nie gegen Widerstand arbeiten musste. Ich hab mich nur unbeliebt gemacht als ich zur Leichenschau ins Zimmer kam wo die Schwester den verstorbenen bereits liebevoll "zurecht" gemacht hatte inklusive Rosenkranz. Dass das alles ab und weg musste damit ich auch den Toten von allen Seiten und halt richtig untersuchen konnte stieß da auf wenig Gegenliebe... aber von dem Fall bei dem das Messer dann doch noch gefunden wurde haben wir alle ja gehört... Und kein Totenschein ohne richtige Untersuchung. Weit geworfener Blick von außen gilt nicht.
#14 am 30.11.2017 von Gast
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Gast
Eisenmenger hat einst sinngemäß gesagt: wenn auf dem Friedhof auf jedem Grab, in dem ein nicht natürlichen Todes gestorbener Mensch liegt, eine Laterne brennen würde, wären die Friedhöfe hell erleuchtet.
#13 am 30.11.2017 von Gast
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Gast
Genau richtig gemacht.
#12 am 29.11.2017 von Gast
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HausarztNord
Ich sage da auch, alles wurde richtig gemacht. Mir wurde von der Kripo mal vorgeworfen: " Aber Herr Doktor, am Sonntag sowas?" Meine Antwort: "Mir macht es auch keinen Spass, am Sonntag Leichen zu untersuchen, aber ich habe nun mal Dienst." Wenn ich als Arzt keine Kausalkette zum Ableben des Menschen schließen kann, tja, dann muss halt behördlich ermittelt werden. Und diese Behörde ist die Polizei/Staatsanwaltschaft vertreten durch den Kriminaldauerdienst. Und liebe Kollegen, lasst sie ausrücken! Unsere Mitkollegen von der Rechtsmedizin appellieren jedes Jahr an die Ärzteschaft, dass zu viele unerkannte Verbrechen durch falsche Kreuze gedeckt werden. Allerdings muss angemerkt werden, dass die Kripo berechtigt ist, eine Leichenschauuntersuchung in Ihrem Beisein zu wiederholen. Eine Weigerung des Arztes hierauf kann bitter sanktioniert werden. ( Stichwort: Beweisaufnahme verhindert ) Liebe Grüße aus dem Norden
#11 am 29.11.2017 von HausarztNord (Gast)
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110 (2/2)
Bis dahin gilt der Leichnam als Beweismittel und ist beschlagnahmt. Sofern die Staatsanwaltschaft auf eine Straftat erkennt, wird der Leichnam durch das ordentlich bestellte gerichtsmedizinische Institut obduziert, ansonsten für den (von den Angehörigen) beauftragten privatwirtschaftlichen Bestatter freigegeben.
#10 am 29.11.2017 von 110 (2/2) (Gast)
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110 (1/2)
Aus der polizeilichen Praxis (Grossstadt) kann ich berichten, dass mir ein derartiger Fall noch NIE untergekommen ist und irgendein Polizeibeamter irgendeine am Ereignis beteiligte Person zu realtivierenden Angaben hier natürliche Todesursache) gedrängt hat. Im Gegenteil, ein Leichnam an einem Tatort (und nichts anderes ist es erst einmal kriminalistisch, denn runterstufen kann man immernoch) und ein dem Verstorbenen völlig fremder Arzt, der auf natürliche Todesursache erkennt, sollte eher misstrauisch, wenigstens aber kritisch hinterfragen lassen. Auch das Ende des Erlebnisberichts ist ein wenig verkürzt und lässt den unbedarften Leser vielleicht denken, die vermeintlich mäßig interessierten Ordnungshüter hätten dann doch den weniger aufwendigen Weg gewählt. Sobald durch durch den Arzt im Totenschein auf ungeklärte Todesursache erkannt wird, handelt es sich um ein Ermittlungsverfahren und die Staatsanwaltschaft entscheidet über Folge(eingriffs)maßnahmen, hier z.B. Obduktion.
#9 am 29.11.2017 von 110 (1/2) (Gast)
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Wenn eine ungeklärte Todesart vorliegt und jeder Arzt dann stets dies so ankreuzt, werden über kurz oder lang jene, die für die Personalausstattung und -verteilung der Polizei zuständig sind, informiert werden, dass die Personalkapazitäten für die Todesart-Ermittlungen nicht ausreichen. Und nur so kann alles seinen bürokratischen Gang gehen. Gut, dass Sie hier nicht klein beigegeben haben!
#8 am 29.11.2017 von Dipl.-Pharm. Andreas Patrick Schenkel (Apotheker)
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Mitarbeiter Industrie
Tja, in Deutschland dürften vermutlich sehr viele Fälle von Mord und evtl. auch Tötung auf Verlangen ungeklärt bleiben, eben weil es Joseph II hier halt nicht gab. Wie war das noch? Die Rentenkasse kriegt 'nen Schreck - schon wieder ist ein Rentner weg...
#7 am 29.11.2017 von Mitarbeiter Industrie (Gast)
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Gast
Alles richtig gemacht
#6 am 29.11.2017 von Gast
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Das habe ich auch schon erlebt, als ich als Assistenzarzt Samstag abends im ambulanten ärztlichen Notdienst tätig war: Ein älterer Mann lag tot in der Wohnung. Eine Todesursache war nicht ersichtlich; auffallend war etwas der Geruch aus dem Mund. Die daher gerufene Polizei fragte auch, warum ich keinen natürlichen Tod bescheinige, und war wegen des nun für sie folgenden Aufwandes genervt. Allerdings: Nach einigen Tagen rief die Polizei an, und entschuldigte sich - ich hätte recht gehabt, es lag gemäß Sektion eine E 605-Vergiftung vor.
#5 am 29.11.2017 von Prof. Dr. med. Michael Gaab (Arzt)
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Arzt vom Land
Liebe Frau Kollegin Zorgcooperations (puh, langer Name), es ist immer wieder köstlich, wie sie den nervigen Alltag humorvoll beschreiben können. Dieses Problem mit der ungeklärten Todesursache wird es wohl immer geben. Denn wie soll ein Arzt mitten in der Nacht ohne Krankenunterlagen, ohne Kontakt mit Hausarzt und ohne sonstige Vorinfos bei einer Leiche anders verfahren, wenn nicht gerade irgendwo ein Messer drinsteckt (auch schon erlebt!)? Wo soll ich hier in unserer kleinen Stadt einen Gerichtsmediziner herbekommen? Eine Mitternachtsobduktion bei Mondenschein? - Meine erste ungeklärte Todesursache brachte auch mir Streit mit der Kripo ein, zur "Strafe" musste ich dann bei der Obduktion am frühen Morgen assistieren, und es stellte sich heraus, dass die Erben dieses Toten nicht mehr länger warten wollten und einem sozialverträglichen Frühableben nachgeholfen hatten.
#4 am 29.11.2017 von Arzt vom Land (Gast)
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Gast
Das Kreuz wurde völlig korrekt gesetzt. Die Polizisten sollen sich nicht so anstellen, das ist schließlich ihr Job. Wenn ich bei vollbelegter Notaufnahme und überfülltem Wartezimmer auch noch ständig von meinen Patienten weggeholt werde um mal wieder eine Blutentnahme bei einem mutmaßlich alkoholisierten Autofahrer durchführen zu dürfen beschwere ich mich ja auch nicht.
#3 am 28.11.2017 von Gast
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Gast
Im Studium bekommt man eingetrichtert dass wenn man nicht 100% (!!!!) sagen kann dass es natürlich war, da das Kreuz bei "ungeklärte Todesart" zu machen ist. Ich kann verstehen warum viel Widerstand dagegen herrscht, macht ja alles Arbeit. Aber am schluss ist der Arzt der es unterschreibt für verantwortlich. Nicht die Pflegekraft die tief seufzend fragt "ob man das dem verstorbenen antun" will, nicht die Angehörigen die fragen "ob denn das alles nötig ist" und nicht der Polizist der "extra wegen sowas" jetzt "ankommen" muss. In diesem Falle wurde richtig gehandelt: Nachtfrage Oberarzt, Kreuz korrekt gesetzt und nicht einschüchtern lassen wenn es Gemurre gibt.
#2 am 27.11.2017 von Gast
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Gast
Schon wieder über 15 Jahre her, aber, scheint es, immer noch aktuell: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/tote-haben-keine-lobby-freie-bahn-fuer-meuchelmoerder-a-110567.html - in dem (nurmehr im modernen Antiquariat erhältlichen Buch) wird sehr schön beschrieben, was passiert, wenn man blöderweise "ungeklärt" im T-Schein ankreuzt - nämlich genau das, was Frau Zorgccoperations beschreibt. Tu felix Austria - die Nachbarn im Süden haben seit Joseph II. ein vernünftiges Sektionswesen. Das ist in Deutschland halt zu teuer und eben auch etwas unsexy (da kann Prof. Tsokos seinen Namen für so viele Bücher hergeben, wie er will).
#1 am 26.11.2017 von Gast
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