„Häng nicht da wie’n nasser Sack!“

22.11.2017
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Das spätere Grundschulalter mit teils beginnender Pubertät ist von Wachstumsschüben geprägt und eine filigrane Zeit für die Wirbelsäule. Junge Patienten können sich in dieser Lebensphase einiges kaputt machen, wenn sie selbst, die Eltern und letztendlich wir, nicht aufpassen.

Seit wir in den letzten Jahren vermehrt die neuen Vorsorgen U 10 (7/8 Jahre) und U 11 (9/10 Jahre) durchführen, richten wir auch größeres Augenmerk auf die Körperhaltung der Kinder. Früher sahen wir viele unserer Patienten im Grundschulalter seltener als heute, zur Vorsorgeuntersuchung sogar erst wieder im Jugendalter mit der J 1 (12/13 Jahre).

„Haltung“ ist ein unschätzbares Gut

Auch wir Eltern haben das von unseren Eltern oft gehört: „Sitz gerade, halte dich gerade, dein Rücken wird krumm, wie lümmelst du schon wieder rum?!“ und dergleichen. Das hat seine medizinische Berechtigung, auch wenn unsere Eltern vielleicht ein anderes Motiv für ihre Forderungen hatten. Wer rumlümmelt, habe schließlich auch eine schwache Haltung dem Leben gegenüber. Naja.

Bereits Anfang dieses Jahrtausends beschäftigten sich Orthopäden und Pädiater mit dem Einfluss von Medien auf die Haltung der Kinder, da waren Handys noch gar nicht so verbreitet wie jetzt – weitere Studien hierzu werden also nicht lange auf sich warten lassen.

Was auf jeden Fall bei den o.g. Vorsorgeuntersuchungen offensichtlich wird: Wer Sport treibt, hat die deutlich bessere Körperhaltung, egal, ob es sich um eine Fußballerin dreht oder einen Ballettänzer. Meine Patienten frage ich immer: „Was machst Du sonst in Deiner Freizeit? Sport? Musik?“

Schade, wenn dann als Antwort kommt, man habe keine Zeit für so etwas. Diese Kinder und Jugendlichen sind meist nicht nur dicker als andere, sie sind vor allem unbeweglicher, haben einen schlechteren (Einbein-/Zehen-)Stand und versagen in einfachsten Koordinationsübungen (Hampelmann, Seitsprung oder Balancestand). Die Rückenmuskulatur ist schwach ausgebildet, dadurch die Führung der darunterliegenden Wirbelsäule eingeschränkt, kommt nun noch eine wenig beachtete Grundhaltung dazu (bei Hausaufgaben, in der Schule, Tragen einer Schultertasche), entstehen Haltungsschäden, die sich bei J1 in Skoliosen oder Rundrücken zeigen.

Unsicherheit oder schwacher Rücken?

Achtet mal auf eure heranwachsenden Kids, insbesondere beim Übergang ins zweite Lebensjahrzehnt, wenn der erste Wachstumsschub kommt und sich die ersten sekundären Geschlechtsmerkmale zeigen: Viele Jugendliche halten sich dann an sich selbst fest, d.h. sie verschränken die Arme, sie stützen sich mit einer Hand in der Hüfte ab, sie schieben die Hände in die Hosentaschen (vorne oder hinten, oder wie letztens gesehen, eine vorne, eine hinten).

Das mag zunächst wie Schüchternheit wirken, wie Unzufriedenheit oder Unsicherheit mit dem eigenen Körper, vielfach ist es aber eine schwach ausgebildete muskuläre Grundhaltung. Sportler, insbesondere Kampfsportler, aber auch Tänzer und oder Chorsänger stehen ganz anders da, weil ihre Betätigung das so fordert.

Wie bringt man Kindern Haltung bei?

Brust raus, Nase hoch, Schultern ein wenig zurück (ohne gleich ins Hohlkreuz zu verfallen) sind einfache Ausrichtungen, um den Kindern eine gute Körperhaltung zu demonstrieren. Wer sich sonst schwer tut, stellt sich in einen guten Stand, nimmt die Arme gerade nach oben und hält sie dann waagerecht nach rechts und links. Nach einer kurzen Ausrichtung lässt man jetzt die Arme langsam zu beiden Seiten des Körpers herabsinken, ohne die Schultern nach vorne zu verschieben – et voilà, das ist eine gerade Grundhaltung.

Haltung hat natürlich etwas mit persönlicher Haltung zu tun, mit Selbstvertrauen, mit eigener Meinung und eigener Haltung zu den Dingen. Präsenz in einer Gruppe geht mit Körperhaltung einher, nicht mit Hochnäsigkeit, sondern mit Standfestigkeit, mit einem guten sicheren Blick auf die Welt. Als Eltern sollten wir das vorleben, nicht mit verbalen Ermahnungen, nicht so rumzulümmeln, sondern mit einer eigenen Geradlinigkeit und Rückgrat.

Zum Blog geht es hier.

 

Bildquelle: Kārlis Dambrāns, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.11.2017.

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Medizin, Pädiatrie
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Gast
Fahrradfahren mit einem schweren Schulrucksack auf dem Rücken ist auch nicht gerade gesund. Besser ist es, den Rucksack auf dem Fahrrad zu befestigen.
#18 vor 40 Tagen von Gast
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Ich empfehle die von Esther Gokhale (USA) entwickelte Methode, gesunde Körperhaltung zu lernen: beim Sitzen, Stehen, Bücken, Gehen und sogar Liegen. (Sie hat sie Mann und Kindern beigebracht und Tausenden anderen). Zuerst verblüffte mich ihre Wiederentdeckung der J-förmigen Wirbelsäule. http://gokhalemethod.com/videos/public_presentations Es gilt die "primal posture", die ursprünglich Haltung des Homo sapiens wiederherzustellen https://www.youtube.com/watch?v=vkWtO6He7VM&t=24s TED-Konferenz. https://www.youtube.com/watch?v=k1luKAS_Xcg&t=39s "Walk this way". https://www.youtube.com/watch?v=mtQ1VqGGU74&t=80s Buch „Nie wieder Rückenschmerzen: Dauerhafte Besserung in 8 Schritten.“ (Englisch: 8 steps to a pain-free back). Ich habe den Wochenendkurs (6 Lektionen) in England absolviert, der auch in Deutschland angeboten wird. Die inzwischen in vielen Ländern arbeitenden Lehrer treffen sich regelmäßig mit E.G. zur Supervision und Weiterentwicklung der Methode und des Unterrichts.
#17 vor 44 Tagen von Dr. Cornelia Schroeder (Biochemikerin)
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#6: da bin ich nicht ganz Ihrer Meinung Fr. Dr. v. d . Maten, ich halte einen vernünftig gepackten Schulranzen oder einen guten Rucksack im Gegenteil für ausgesprochen hilfreich! Ganz übel sind in meinen Augen schwere Schultaschen, mit denen wir uns später abgeschleppt haben, als Bücher noch zum Alltag gehörten. Das ist ja heutzutage doch etwas erleichtert durch Laptops und Tablets, sofern sie innerhalb der Schulzeit verwendet werden. "Gut gepackt" ist aber ein Schulranzen/Rucksack nur, wenn die Eltern ihren Kindern dabei tatkräftig helfen, von alleine wird das am Anfang nämlich nicht klappen!
#16 vor 45 Tagen von Hebamme Birgit Bauhaus (Hebamme)
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Ff 2; kleiner allgemeiner Tip für eine aufrechte gute Körperhaltung ist es, mit einem dicken Buch auf dem Kopf ohne Zuhilfenahme der Hände durch die vier Wände zu gehen! Alter Model-Trick, den ich mir abgeguckt habe, als ich zum Aufbessern meiner mageren Finanzen während meiner mehreren Ausbildungen als "Mannequin" (so hiess das früher) über den Laufsteg geschwebt bin. Da muss man sich nur den stolzen Gang der Afrikanerinnen und Asiatinnen in den Dörfern anschauen, wenn die mit schweren Lasten auf dem Kopf nach Hause gehen. Denke mal, dass das eine gute Übung ist, da kommt der grade, lange Hals von ganz alleine!
#15 vor 45 Tagen von Hebamme Birgit Bauhaus (Hebamme)
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Interessanter Artikel, vielen Dank auch an die Kommentatoren/innen! Ich selbst hatte als Kind selbst beschriebene Haltungsprobleme durch mein Grössenwachstum, die Jüngste beim Einschulen mit 5 J., und trotzdem schon da die Längste, deshalb gab's, ausser auf Bäume klettern, stundenlang "durch die niederrheinische Pampa ströpen" noch ca. 2 J. Ballett, danach Leichtathletik und im Winter Sportgymnastik und Geräteturnen, neben den üblichen Mannschaftssportarten. Abgesehen davon, dass es ganz sicher auch dem kindlichen Bewegungsdrang gut tut und ADHS-Symptomatiken ausgleichen hilft hab ich mir bis heute (62 J.) eine gute Körpermuskulatur und eine schlanke Figur dadurch behalten. Die Linksskoliose hab ich mir leider durch meinen Beruf geholt, stundenlanges Stehen mit einem meist schweren Frauenbein in der linken Taille war offenbar doch etwas "ungesund"! Allerdings ist ganz allgemein auffällig, dass die Körperhaltung der Allgemeinheit heute tatsächlich "schlapper" ist als früher.
#14 vor 45 Tagen von Hebamme Birgit Bauhaus (Hebamme)
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Gast
Tagesablauf: Morgens mit dem Bus 1h zur Schule. Dann 8h sitzen, (der Sportunterricht fällt fast immer aus) dann wieder mit dem Bus 1h nach Hause. 1h Hausaufgaben 3h Handy/Pc. Schlafen 9h. Viel Zeit für Bewegung bleibt da nicht mehr. Ich denke das die digitalen Medien einen enormen Zuwachs haben werden und Haltungsschäden (Handynacken etc.) in naher Zukunft noch mehr das Gesundheit System belasten werden. Vielleicht könnte man seinem digitalen Zwilling etwas mehr Sport verordnen. Wichtig ist das die Eltern/ Erwachsene ein Vorbild seien sollten.
#13 am 28.11.2017 von Gast
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Gast
Meine Tochter macht Kampfsport, fährt mit dem Fahrrad zur Schule und trotzdem hängen die Schultern nach vorn. Sie trägt eine Zahnspange, wir waren bei der Physiotherapeutin und sie macht Übungen. Problem: Sie ist wahnsinnig schnell gewachsen, seit einem Jahr macht sie eine Wachstumspause und geht trotzdem noch für ein bis zwei Jahr älter durch. Und - zu gegebenermaßen - die Eltern haben auch Haltungsprobleme-
#12 am 28.11.2017 von Gast
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Dr.N.Million Kieferorthopädin
Oft behandeln Orthopäden und Kinderärzten eine Skoliose und übersehen leider, dass das Kind ein unilateraler kreuzbiss haben... Nach der Behebung des kreuzbisses ( Kfo, Spange) verbessert sich die skoliose erheblich. Ein Blick im Mund oder den Kfo fragen, wäre gut!
#11 am 26.11.2017 von Dr.N.Million Kieferorthopädin (Gast)
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Fortsetzung: Mit ein paar ganz einfachen Übungen, die sich prima in den Alltag integrieren lassen, kann man die Stabilisation der Körpermitte aber verbessern: neben Kräftigung mit Theraband und Balanceübungen im Vierfüßlerstand mit dem aufgerichteten Einbeinstand. Wie im Kommentar 4 beschrieben, mit langem Nacken und zusätzlich Richtung LWS gespanntem Bauchnabel gegen das Hohlkreuz. Steigerung durch geschlossene Augen oder wackligen Untergrund (Kissen, gefaltete Isomatte). Wer Sport machen möchte, trifft leider oft auf überfüllte (Kinder-) gruppen, da es zu wenig Menschen gibt, die in ihrer knappen Freizeit als Übungsleiter tätig werden wollen. Aber das ist ein anderes Thema...
#10 am 26.11.2017 von Ulrike Busbach (Physiotherapeutin)
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Danke für den wertvollen Artikel. Als Physiotherapeutin sehe ich so einige schmerzende „Rücken“, meist allerdings PatientInnen jenseits der 30. (Die jüngeren werden eher wegen Skoliosen oder Fehlhaltungen NOCH ohne Schmerzen überwiesen.) Fast allen gemein ist eine Fehlhaltung, meist aufgrund nicht genügend trainierter Rücken-/Bauchmuskulatur. Selbst bei muskelbepackten Fitnessstudionutzern erkennt man oft auf den zweiten Blick eine Schwäche der tiefliegenden, die WS stabilisierenden Muskulatur. Leider gehen die Kinder heute viel weniger raus zum toben, Bäume klettern, Kräfte messen, werden häufiger durch die Gegend kutschiert und haben - auch dank G8-Schullaufbahn - weniger Zeit für Sport. Aber abgesehen davon, bekommen sie es von den Eltern anders vorgelebt? Die wenigsten. Schade.
#9 am 26.11.2017 von Ulrike Busbach (Physiotherapeutin)
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Gast
Also ich bin froh, dass ich auf diesen Brustraus, Schulter zurück, sitz gerade nicht allzusehr gehört habe... Jahrzehnte später habe ich im Ballett gelernt, wie man das richtig macht, ohne sich den Rücken kaputt zu machen. Ich hatte immer diesen Rundrücken ... und habe nie Rückenschmerzen gehabt. Im Gegensatz zu diesen Halt-Dich-Gerade-Fanatikern. Ich habe immer Sport gemacht als Kind und Jugendliche, das hat gereicht. In der Schule mehr Pausen und Bewegung, z.T. bequemere Stühle oder mal ein Wechsel. Das bringt meiner Meinung nach mehr.
#8 am 25.11.2017 von Gast
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Gast X
Obwohl ich als Kind fast täglich Sport getrieben habe (keinen Leistungssport, sondern ausgewogene Bewegung) hatte ich immer eine schlechte Sitzhaltung mit erheblichem Rundrücken. Dass die Lehrerin in der Grundschule meinte sie könne das beheben indem sie uns im Vorbeigehen immer wieder mit dem Lineal über den Rücken klopfte hat nicht geholfen. Jetzt bin ich erwachsen und mein Rücken ist vollkommen gesund und bereitet mir normalerweise keinerlei Probleme, seit ich die Uni verlassen habe, nicht mehr stundenlang sitzen muss und mich täglich sehr viel bewege. Jedoch bemerke auch ich Schmerzen und habe eine Fehlhaltung wenn ich zu lange stehen oder sitzen muss. Mein Fazit: auch gesunde, sportliche Menschen sind nicht für dauerhaftes Sitzen und Stehen gemacht. Wir brauchen Bewegung, Kinder ganz besonders. Anstatt ständig an der Haltung herumzunörgeln wäre es besser den Unterricht ab und zu für kurze Bewegungspausen zu unterbrechen. Eine Ballettstunde nach 7 Stunden Dauersitzen reicht nicht.
#7 am 25.11.2017 von Gast X (Gast)
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Ich bin überzeugt: es ist den Schulranzen. Ab den 6. Jahr mehrmals am tag 4kg oder mehr längere Zeit auf der rücke! Das gibt es nicht in andere Länder, und das merkt Mann später an den Rücken Probleme. Und ja, dann hilft nur noch Sport.
#6 am 24.11.2017 von drs Marian van der Maten (Tierphysiotherapeutin)
  2
Gast
Vielleicht sollte man demnächst bei den Heranwachsenden einfach mal den D3-Spiegel messen und ihnen - zusätzlich zur D3-Supplementierung - noch ein paar Kilo Magnesium geben, dann gibt´s keine Probleme mehr mit der Haltung und Wachstumsschmerzen....
#5 am 24.11.2017 von Gast
  19
Kinderärztin
Besser als Nase hoch ist der lange Nacken. D.h. gefühlt am hinteren oberen Kopf hochgezogen.
#4 am 24.11.2017 von Kinderärztin (Gast)
  1
Gast
Ich fand es selbst trotz sthenischem Sportprogramm mit regelmäßig mehrmals wöchentlichem Rückenschwimmen und allmorgendlicher Gymnastik schon immer so schwer, eine aufrechte Haltung zu bewahren, dass ich es ungerecht fand, meine Tochter dazu zu ermahnen. Ich dachte schon, ich würde bald im Kampf gegen die Kamptokormie erliegen. Seit ich (mit Substitution) einen hohen Vitamin D-Spiegel habe, fällt mir die Haltung viel leichter - und der Sport auch. Gebt auch den Kindern, was sie brauchen! Sie gehen zu wenig am heiligten Tag nach draußen!
#3 am 24.11.2017 von Gast
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Danke, ich habe mit meinen Grundschülern früher so ca. jede halbe Stunde Übungen für die Haltung gemacht. Hilft auch beim Denken.
#2 am 24.11.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  3
Gast
Sehr gut und aeusserst wichtig, fuer Eltern, Lehrer, und alle die, die junge Menschwn ins Leeben begleiten. Vielen Dank fuer all Ihre Beitraege!
#1 am 24.11.2017 von Gast
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