1,7 Milliarden aus dem Nirgendwo?

15.11.2017

Rund 1,7 bis zwei Milliarden Euro überschüssiges Honorar sollen deutsche Apotheken pro Jahr bekommen haben. Dieses Gerücht macht in allen Fachmedien die Runde. Wurde hier gepfuscht oder haben sich frühere Minister verkalkuliert?

Seit Ende 2015 arbeitet das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) an einem Projekt, um alle in der Arzneimittelpreisverordnung geregelten Kostenpunkte zu überprüfen. Dazu gehören Apothekenzuschläge für Fertigarzneimittel oder für Zubereitungen. Das Regelwerk hat einen großen Regulierungsvorteil. Per Verordnung kann das Wirtschaftsministerium Änderungen herbeiführen – im Idealfall natürlich Erhöhungen. Dazu ist keine Zustimmung des Bundestages erforderlich. Während Apotheker schon lange fordern, Honorare dynamisch anzupassen, also an den tatsächlichen Betriebsausgaben zu orientieren, wollen Krankenkassen davon nichts hören. Ein Forschungsprojekt am Wirtschaftsministerium sollte die verworrene Materie durchleuchten. 

Warten auf Daten

Schon der Start lief mehr als holprig. „Nur eine ausreichende und gesicherte Datengrundlage kann Ausgangspunkt für die Berechnung sein und zu einer Akzeptanz der Berechnung und deren Ergebnisse führen“, schrieb das Ministerium in einer Stellungnahme. Nach Kontroversen hinsichtlich der Methodik und der Datenbasis entschloss man sich, berufsständische Informationen zu ignorieren und einen externen Partner zu suchen. Wenig überraschend fehlt Expertise in den Reihen des BMWi. 

Als beauftragte Agentur ist 2hm Research + Consulting unterstützend eingesprungen. Das jetzt kolportierte Ergebnis überrascht alle Beteiligten. Pro Jahr sollen Deutschlands Apotheken mindestens 1,7 Milliarden Honorar zu viel bekommen, gemessen an ihren Betriebskosten. Rein rechnerisch wären das 85.000 Euro pro Betriebsstätte und Jahr.

Ob die Inhalte tatsächlich stimmen, bleibt abzuwarten. Was dafür spricht: Das BMWi zögert die Veröffentlichung mit Hinweis auf „interne Abstimmungsprozesse“ weiter hinaus. Vielleicht ist man ratlos, wie es mit der brisanten Botschaft weitergeht. Zwei Möglichkeiten sind denkbar: 

Szenario 1: Gut gepfuscht 

Viele Kollegen zweifeln inhaltlich am Gutachten. Wo sollen die 85.000 Euro denn zu finden sein? Ein möglicher Schwachpunkt könnte die zu pauschale Betrachtung sein. Offerieren Apotheken besondere Dienstleistungen, indem sie beispielsweise Heime oder Krankenhäuser versorgen, müssen derartige Services auch getrennt betrachtet werden. Weitere Besonderheiten sind der Versandhandel in nennenswertem Umfang, aber auch die Anfertigung von Spezialrezepturen.

Erweisen sich die Ergebnisse als falsch, hat das BMWi ein gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem. Dann ist die Strategie, externe Unterstützung einzuholen, grandios gescheitert. Handwerkliche Fehler wären die Chance für Standesvertreter, mit eigenen Vorschlägen um die Ecke zu kommen.

Szenario 2: Ohrfeige für frühere Minister

Sollten sich die Zahlen aber bewahrheiten, droht Apothekern der Kahlschlag. In letzter Zeit haben sowohl Daniel Bahr (FDP) als auch Hermann Gröhe (CDU) als Gesundheitsminister an mehreren Stellen nachgebessert. Dazu zählen der Nacht- und Notdienstfonds, aber auch die Anpassungen bei Rezepturen beziehungsweise Betäubungsmitteln. Diese Maßnahmen wären dann überflüssig und frühere Bundesregierungen hätten sich gründlich verkalkuliert. Und in nächster Zeit bräuchte niemand auch nur an Honorarerhöhungen zu denken.  

Auf dem Holzweg

Jenseits der aktuellen Kontroverse sollte man sich eine ganz andere Frage stellen: Macht es überhaupt Sinn, am bestehenden Modell packungsbezogener Honorare inklusive ergänzender Regelungen festzuhalten?

Diskussion zum schlechtesten Zeitpunkt

So oder so trifft die Kontroverse Apotheker zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Die Sondierungsgespräche der CDU/CSU, Grünen und FDP sind gerade geplatzt – damit auch die Koalitionsforderungen. Die ABDA gab bekannt, sich nicht an Spekulationen über versteckte Milliarden zu beteiligen. Das ist zwar ehrenwert – einen großen Gefallen erweisen Standesvertreter ihren Mitgliedern aber nicht. Politiker aller Parteien mit Affinität zu Gesundheitsthemen informieren sich ebenfalls über branchenspezifische Medien. Jetzt ist der richtige Moment, um sich Gehör zu verschaffen. 

Bildquelle: James Wigger, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.11.2017.

22 Wertungen (3.82 ø)
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Gast
Apothekenpersonal wird in den nächsten Jahren komplett abgeschafft und durch Callcenter in Asien und Amazons Liefersubunternehmer ersetzt. Noch 7 Jahre bis zu Rente hoffentlich geht sich das noch aus.....
#14 am 08.12.2017 von Gast
  0
Gast
Wie süß: pharmazeutische Ideale!? Was soll das sein?
#13 am 05.12.2017 von Gast
  2
Selbst und ständig
als Inhaberin einer kleinen Stadtteilapotheke arbeite ich noch mit pharmazeutischen Idealen und seit Jahren unter Selbstausbeutung, wenn ich meinen Stundenlohn ausrechne. Bei uns wird Beratung groß geschrieben - die ist natürlich gratis samt sämtlicher Serviceleistungen wie Botendienste etc. Woher ich so einen Überbetrag hätte erwirtschaften sollen, ist mir schleierhaft - und meinem Steuerberater auch
#12 am 05.12.2017 von Selbst und ständig (Gast)
  5
Gast
7) stammt von #6? Ein Schelm, wer böses dabei denkt.
#11 am 05.12.2017 von Gast
  0
Gast
Doch ich kann Bilanzen lesen und liebe Apotheken. Was Apotheker noch besser können als Latein? Geld zählen. Wenn Ihnen die Kohle nicht reicht, geben Sie Nachhilfe in Latein.
#10 am 04.12.2017 von Gast
  4
Lieber "Gast", wenn Sie vom Apothekenwesen und seinen Bilanzen keine Ahnung haben, dann verlegen Sie Ihre Kommentare (ohne Adjektiv, hätte mich sonst im Ton vergriffen) doch bitte auf Themen, von denen Sie etwas verstehen. Kleinere Apotheken gehören sicher nicht dazu.
#9 am 04.12.2017 von Dr. rer. nat. Annette Steusloff (Apothekerin)
  6
Gast
Für alle Gäste, die kein Latein können (dafür können Apotheker lateinisch): ad= zu, an, bei
#8 am 04.12.2017 von Gast
  6
Gast
Für die Apotheker, die kein Englisch können @= at nicht ad.
#7 am 04.12.2017 von Gast
  1
Apotheker Manfred L. DIETWALD
7) stammt von
#6 am 03.12.2017 von Apotheker Manfred L. DIETWALD (Gast)
  5
Und wieviel bitte hat diese Agentur an dieser hahnebüchenen Untersuchung verdient? Mal wieder alles über einen Kamm geschoren. ad #2 Gast: Lassen Sie sich doch bitte mal von einem selbständigen Apotheker ( nehmen wir mal einen mit einem Umsatz von ca. 1,2-1,5 m€, so wie eben die meisten, gerne auch weniger) vorrechnen, wie das so aussieht mit der Vergütung. Bitte bei den Kosten aber nicht vergessen: Zeitschriften, Kalender, LAV, LAK, Softwaremiete, ganz aktuell 13. Gehalt ( und Apothekenangestellte sind sicher nicht überbezahlt...), finanziertes Lager, usw...
#5 am 30.11.2017 von Dr. rer. nat. Annette Steusloff (Apothekerin)
  3
#2 : Bei Hilfsmittel völlig normal, leider überhaupt nicht zum Lachen. Und dann noch das Risiko, dass die Krankenkasse wegen eines fehlenden Kommas o.ä. die Zeche prellt.
#4 am 30.11.2017 von Susanne Rüggeberg (Apothekerin)
  1
Wie stets bei Gerüchten: der Inhalt ist erst einmal sekundär. Wichtiger ist wer sie streut und dann zu welchem Zweck. In dieser Richtung ist aber leider bisher keine Erkenntnis, oder? In der Sache aber, ohne diese Summe wären die meisten Apotheken in Deutschland einfach platt!
#3 am 30.11.2017 von Apotheker Hans-Joachim Kippe (Apotheker)
  0
Gast
#1 "zum Selbstkostenpreis": Da bleibt nur ein herzhaftes LOL
#2 am 29.11.2017 von Gast
  7
Gast
ich arbeite in einer eher kleineren Landapotheke und kann beim besten Willen nicht mal 1 Euro finden, der hier zuviel oder ungerechtfertigter weise "erwirtschaftet" wird...eher im Gegenteil. Um mit Versandapotheken mithalten zu können, gehen wir mit unseren Preiskalkulationen an die Grenze des Machbaren; gebrechlichen Menschen fahren wir die Arzneimittel hinterher, manchmal sogar mehrmals, wenn sie daheim doch nicht anzutreffen sind; und so Manches, was auf den Rezepten steht, verlässt zum Selbstkostenpreis die Apotheke. Bei uns auf dem Land sind die Milliarden sicherlich nicht zu suchen und schon gar nicht zu finden.
#1 am 28.11.2017 von Gast
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