Die Schlaghosen der Medizin

14.11.2017
Teilen

Früher in der Schule war das so: Der coole Stefan hatte neue Schuhe von Reebok. Und wir waren allen Ernstes der Meinung, dass Stefan deswegen und nur deswegen auf dem Schulhof nun quasi unbesiegbar schnell laufen konnte.

Neue Schuhe von Puma? Ging so. Adidas? Bisschen spießig, aber wenigstens ’ne Marke. Asics, Deichmann und Co. – wurden nicht erwähnt. Aber diese Superpantoffeln von Reebok, wenn man die hätte, dann wäre man quasi unbesiegbar. Es kam dann wie so oft, nach Stefan hatten Nico, Nils und Karsten auch Schuhe von Reebok.

Und die gleichen Schuhe die gerade noch als Knüller der Woche gehyped wurden, waren auf einmal nur noch so Mittelmaß. Es gab jetzt welche mit Luft inne Sohle! Nike. Die musst du haben. Zumindest so lange bis der nächste Trend kommt. Buffalos, Dr. Martens, Chucks. Das Neue ist eben immer nur solange faszinierend und begeisternd, bis es irgendwann auch nur noch normal ist. Das Unbekannte muss am besten ein Alleinstellungsmerkmal aufweisen.

Modetrends auf dem Medizinlaufsteg

Das ist in der Medizin nicht anders. Wenn man mal ein paar Jahre in der Medizin dabei ist, erlebt man mit schöner Regelmäßigkeit, wie ständig neue Medikamente, Techniken und Prozeduren durchs Dorf getrieben werden.

Es ist dann auf einmal total en vogue, beispielsweise ein bestimmtes Spurenelement bei einer Sepsiszu geben. Dann heißt es „Ultimadol* – neu in der Therapie der Sepsis, senkt die Mortalität um 67 %!“. Und dieses Vorgehen wird dann auf allen Kongressen gepredigt, alle singen das Loblied auf den neuen Heilsbringer und die Chefs tragen die frohe Kunde von den wichtigen Kongressen dieser Welt in die Grundversorgerkrankenhäuser dieses Landes. Ab sofort müssen 3.000 mg davon in den ersten zwei Stunden infundiert sein, danach Erhaltungsdosen, es gibt Charts, Algorithmen und Verfahrensanweisungen.

Ziemlich genau dann, wenn der letzte Praktikant gerafft hat, dass man bei diesem Krankheitsbild jenes Medikament geben soll, kommt eine neue Studie heraus, die auf anderen Kongressen vorgestellt wird und die ziemlich genau besagt, dass das eben noch hochgelobte Präparat so großartig nicht ist. Denn man wisse nicht genau, ob und eigentlich ist der Effekt auch eher nicht so ausschlaggebend und wenn man das so macht, gibt es zwar nach drei Monaten weniger, aber nach 6 Monaten mehr Tote. Oder so ähnlich.

In, out, mega out – vielleicht doch ganz interessant?

Wehe der gottverlassenen Dorfklitsche, die diesen Punkt verpasst und wehe den Laienmedizinern, die dort arbeiten und die jenes Medikament bei diesem Krankheitsbild immer noch geben. Wie sehr kann man denn bitte von vorgestern sein?

Und dann gehen manchmal zehn bis zwanzig Jahre ins Land und plötzlich stellt irgendjemand fest, dass dieses Medikament bei jenem Krankheitsbild damals™ zwar keinen so tollen Nutzen hatte, aber jetzt bei einem anderen Krankheitsbild ganz wunderbar funktioniert. Da wurde wohl der Endpunkt für die Studie falsch gewählt. In der Summe findet man das Präparat dann doch ganz gut, es reichen allerdings auch 100 mg statt 3.000 mg und es ist auch nicht so wichtig, dass es in den ersten Stunden drin ist, hauptsache man macht es.

Ein Kollege nannte sowas „Schlaghosen der Medizin“. Sie sind irgendwann in, werden von allen getragen, sind dann out – weil Mainstream – und werden nach zwanzig Jahren wieder ausgekramt und als doch ganz passabel angesehen. Wirklich revolutionäre Entwicklungen sind in der Medizin, wie auch in der Mode, doch eher rar geworden. Das ist ja auch eigentlich ganz verständlich und letztlich nur logisch.

Therapiedurchbrüche wollen wir alle

Die Zeiten, in denen ein Medizinstudent durch Forschung ein Mittel zur Behandlung von Diabetes entdeckt, sind seit 100 Jahren vorbei. Ich glaube, es ist der innige Wunsch, unseren Patienten noch besser helfen zu können, der dafür sorgt, dass solche Therapieoptionen, Prozeduren und Medikamente einen temporären Hype erleben. Nicht akzeptieren zu können, dass ein gewisser Anteil der Patienten an der Erkrankung nun mal verstirbt, ist ein ureigener Antrieb für Forschung und Lehre. Und genau so muss es auch sein.

Vielleicht ist die entsprechende Euphorie in diesem Kontext gerade auch deshalb verständlich. Mit der Zeit habe ist mein Optimismus bezüglich neuer Therapien aber einer gewissen Ernüchterung gewichen. Ich lasse die Sau erstmal ein paar Runden durchs Dorf drehen. Wenn ich dann nachmittags auf einen Kaffee zum Marktplatz gehe und das Thema ist immer noch in aller Munde, dann bin ich auch gerne bereit, mir die Sache mal genauer anzugucken.

 

*Ultimadol gibt es nicht. Noch nicht. Vielleicht.

Bildquelle: Pocoy Calvento, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.11.2017.

41 Wertungen (4.8 ø)
5603 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
@9: Hydrocortison in der Sepsis-Therapie. Im Wechsel ca. alle 10Jahre mal in dann wieder out. Momentan gerade als Therapieversuch bei katecholaminrefraktärer hämodynamischer Instabilität empfohlen ... oder schon wieder nicht mehr? ;-)
#10 vor 2 Tagen von Dr. med. Ulrich Klar (Arzt)
  0
Gast
Spannend! Als Medizinstudent habe ich zumindest erfahren, dass sich in 3 Jahren viel ändert ... um die im Artikel beschriebene zyklische Wiederkehr mitzuerleben, bin ich wohl noch nicht lange genug dabei. Was wären denn konkrete Beispiele?
#9 vor 4 Tagen von Gast
  0
Gast
Die Journaille muss doch etwas schreiben. So wurde die Osteoporose erst als Erfindung der bösen Pharmaindustrie zur Umsatzsteigerung verteufelt und wenig später als von den bösen Ärzten unterschätzte Volkskrankheit angeprangert. Mit beidem wurde Zeilengeld verdient.
#8 vor 8 Tagen von Gast
  2
Kann auch sein, dass das Neue nicht hält, was es verspricht. Erinnere moch noch gut an den Hype um bestimmte atypische Neuroleptika "der dritten Generation" , erst Aripiprazol , dann Paliperidon (letzteres von den KK inzwischen als me-too-Präparat eingestuft). Mittlerweile weiss man, EPS und metabolisches Syndrom machen sie auch. Gerade ist das EKT wieder im Kommen, nachdem es ca. 25 Jahre aus dem Rennen war.
#7 vor 8 Tagen von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  1
P.S. Ich fühle mich durch die Namensnennung im Text gemobbt :) Der "coole Stefan mit Reeboks" muss ein anderer gewesen sein. Wir haben uns noch drei Streifen auf die Fußballschuhe geklebt, um "auf adidas" zu machen :)
#6 vor 8 Tagen von Dr. rer.nat. Stefan Graf (Biologe)
  0
Ist ja nicht nur bei Medikamenten so - man denke an OP-Indikationen ewa im Bereich von Vereltzungen am Bewegungsapparat und besonders an die zahllosen "ultimativen" Ernährungstrends.
#5 vor 8 Tagen von Dr. rer.nat. Stefan Graf (Biologe)
  1
Sehr bereichernd zusammengefasst. Danke.
#4 vor 8 Tagen von Tamara Flum (Kinderkrankenschwester)
  3
Gast
Wahrscheinlich braucht das Gehirn immer Neue Reize und Abwechslung ansonsten schaltet es auf Langeweile- oder Depressions-Modus
#3 vor 8 Tagen von Gast
  1
Gast
Die Placebowirkung des Neuen hilft ja vielleicht dem einen oder anderen Patienten... Am Schluß ist es wie bei einem Update einer App: Die Knöpfe sind eckig statt rund ( oder umgekehrt) und man hat den siebzehnten Wecker auf dem gleichen Smartphone, aber Haupsache "neu"!
#2 vor 9 Tagen von Gast
  1
Gast
momentan en vogue ist Cannabis in der Medizin... eine weitere sehr wahrscheinlich vorrübergehende Erscheinung...
#1 vor 9 Tagen von Gast
  11
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Es war kaltes Wasser und tief war es auch. Rückblickend muss ich sagen, hatte ich überhaupt keinen Plan. Wie gerne mehr...
Bei erster Inspektion bot sich mir eine offene Unterschenkelfraktur beidseits dar, die Beine waren wohl unter die mehr...
Die Fragen, die ich im letzten Blog-Beitrag gestellt habe, wurden äußerst zahlreich und vielschichtig beantwortet, mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: