Alte Damen, schwer integrierbar

12.11.2017
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Frau Maiermie lebte in einem hübschen Pflegeheim, das gegen den Uhrzeigersinn um Beteigeuze kreiste. Oder so ähnlich. Eines Tages fiel Frau Maiermie aus dem Bett. Hierbei brach sie sich einen Arm und erlitt eine mittelschwere Gehirnerschütterung.

Die Unfallchirurgen legten Frau Maiermie in ein bequemes Krankenhausbett, stellten aber schnell fest, dass sich Frau Maiermies hochgradige, hyperaktive und leicht aggressive Demenz nur schwer mit dem Stationsalltag vereinbaren ließ. Deswegen entließ man die Dame schnell wieder ins Heim. Getriggert durch den Krankenhausaufenthalt, war Frau Maiermie jedoch auch dort nicht mehr zu bändigen, woraufhin sie in die nächste Psychiatrie eingewiesen wurde.

Dort stellten die Psychiater alarmiert fest, dass die Patientin etwas Fieber hatte und Blut im Urin. Sofort wurde Frau Maiermie zurückverlegt, diesmal in urologische Betreuung.
 Frau Maiermie, über das ganze Hin- und Her wenig erfreut, war auch hier nicht in den Stationsalltag integrierbar, sodass der Stationsarzt schon nach wenigen Stunden beschloss, mit dieser Unruhe und dem Infekt wäre die Patientin auf einer Normalstation einfach schlecht versorgt und müsse am besten ja wohin jetzt … äh, auf die Intensivstation.

Superidee. Gedacht, getan. Frau Maiermie wurde relokalisiert. Angekommen auf der Intensivstation begab sich nun auch ein urologischer Oberarzt zum Ort des Geschehens und sagte schließlich resolut: „Die Patientin hat doch überhaupt kein Blut im Urin. Folglich hat sie auch kein urologisches Problem!“

Dann kickte der urologische Oberarzt, die Patientin aus dem urologischen Fachbereich. Jetzt hatte die Intensivstation also eine Patientin, ohne dass jemand zuständig war und die goldene Regel hier lautet: „Wenn sich keiner zuständig fühlt, dann muss es ein internistisches Problem werden.“

Daraufhin rief man den internistischen Dienstarzt an und teilte ihm mit, er hätte jetzt eine neue Patientin auf der Intensivstation. Verwirrt begab ich, die dummerweise den Dienstarzt darstellte, mich zur Intensivstation. Nach Besichtigung von Frau Maiermies Unterlagen, stellte ich dann fest, dass diese zwar sicherlich einen Infekt hatte, aber ganz sicher keinen, den man auf einer Intensivstation behandeln musste. Ganz davon abgesehen, dass man sich bei hochgradig dementen Personen eine intensivmedizinische Behandlung gut überlegen sollte.

Nun denn, ich setzte also ein Antibiotikum an, denn daran hatte in der ganzen Rumschieberei auch keiner gedacht, telefonierte mit den Psychiatern, um der deliranten Frau Maiermie zumindest eine medikamenteninduzierte ruhige Nacht und nicht ganz so aufregende folgende Tage zu ermöglichen. Und um Frau Maiermie nicht durch eine erneute Verlegung auf eine internistische Normalstation weiter zu stressen, durfte sie über Nacht auf der Intensivstation schlafen.

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Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.11.2017.

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Medizin, Innere Medizin
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Gast
Ich kann nur für meine Angehörigen und mich wünschen und hoffen, eines Tages ohne einen langen Durchgang durch dieses empathiebefreite und menschenverachtende System diese gefühlskalte Welt verlassen zu müssen. Es ist nicht nur das Geld, dass in einem der reichsten Länder der Welt komischerweise immer fehlt und als Grund herhalten muss, sondern auch die immer schneller drehende Abwärtsspirale im Arzt-Patienten-Verhältnis. Vor allem solchen Patienten gegenüber, die sich dagegen nicht mehr wehren können.
#13 am 24.11.2017 von Gast
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Gast
Ich erinnere mich vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Pflegepraktikant war... ja unser Krankenhaus war auch gleich neben dem Altersheim. Und unsere Gastroentrologische Station war immer zu 80% aus jenem Altersheim begelegt. Unklare Oberbauchbeschwerden. Alle bekamen ein Sono, eine Gastro und eine Kolo. Die Hälfte von denen war stockdement. Ganz nette Leute aber halt wirklich nicht mehr gut beieinander was abführen zur reinen Qual machte (vor allem für mich weil die Putzfrau kam nur 1x am Tag: 7 Uhr morgens) Wenn man diese aber fragte was ihnen fehle, sagten die meisten nur freudestrahlend "Nur ein gutes Essen". Auffällig war dass besonders viele zur Urlaubszeit kamen oder wenn verlängertes Wochenende war... man hatte nämlich das Personal im Altersheim stark reduziert. Ist halt leider keine neue Entwicklung.
#12 am 20.11.2017 von Gast
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Max Schlommski
Wenn Gesundheit zu einer Frage der Rendite wird....
#11 am 16.11.2017 von Max Schlommski (Gast)
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Gast
Beim Lesen schweiften meine Gedanken auch sofort nach "House of God" - Aber das ist doch ein Buch, sowas gibts doch in der Wirklichkeit nicht... Oder etwa doch? Kann man nur hoffen, niemals in eine solche Situation zu geraten? Das hat NIEMAND verdient.
#10 am 16.11.2017 von Gast
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Gast
In dem legendären Buch "House of God" (Pflichtlektüre für angehende Mediziner!) heißt das Patienten "turfen" ("buff and turf"), genau wie hier besschrieben: unangenehme Patienten erhalten an den Haaren herbeigezogene Verdachtsdiagnosen, um sie in ein anderes Fachgebiet abzuschieben. Ich nehme aber mal an, hier wurde nicht nur das Fieber antibiotisch behandelt, sondern ein bakterieller Infekt? Und ist eine Intensivstation nicht der Ort im Krankenhaus, wo man als (nichtbeatmeter) Patient am wenigsten Ruhe findet?
#9 am 16.11.2017 von Gast
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Gast
@ Gast 7: Sie haben es auf den Punkt gebracht. Genau da liegt das Problem. Das Geld ist das Problem. Es wird an allen Ecken gespart. Es ist nicht genug Personal da. Keine der genannten Abteilungen verfügt über die Möglichkeit die Patientin ausreichend zu betreuen. Früher hatten wir noch die Möglichkeit eine Sitzwache für solche Patienten anzufordern. Das ist vorbei. Allein die Tatsache dass eine Verlegung auf Intensiv (oder Psychiatrie) erfolgen muss um ihr die nötige Aufmerksamkeit und Zuwendung zuteil werden zu lassen spricht Bände und ist ein Armutszeugnis, aber das muss man heutzutage eben so lösen, andere Möglichkeiten gibt es nicht mehr. Hat man mit dem teuren Intensivplatz wirklich Geld gespart? Wohl kaum. Hat man die arme Frau dadurch angemessen versorgt? Sicher nicht! Täglich Brot in jeder Klinik.
#8 am 16.11.2017 von Gast
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Gast
In der Akutpsychiatrie bekamen wir öfter alte Menschen aus der Häuslichkeit, da die Gerontopsychiatrie besonders in der Weihnachtszeit und Urlaubszeit danach überfüllt war (90er Jahre). Ich erinnere mich, dass wir zu den alten Leutchen immer besonders nett waren und es immer ambivalent war, da wir die teilweise überforderten Angehörigen auch bedauerten. Kurzzeitpflegeplätze sind auch heute noch nicht immer verfügbar, und wir konnten bei den oft exsikkierten und nicht gut medikamentös eingestellten Patienten immerhin doch noch einiges verbessern, so dass der Aufenthalt berechtigt war. Die Zeiten scheinen aber vorbei zu sein, da die Gründe für eine längere Verweildauer heutzutage minutiös belegt werden müssen, was die Hin- und Her-Schieberei erklärt.
#7 am 15.11.2017 von Gast
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Gast
Herr, lass Hirn regnen! Und bewahre mich davor, im Alter Opfer überlasteter und von supranasaler Oligosynapsie betroffenen Kollegen zu werden.
#6 am 15.11.2017 von Gast
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Das erinnert mich doch sehr an „Passierschein A38 - Das Haus das Verrückte macht“ aus dem Film „Asterix erobert Rom“. Wer es nicht kennt -> Youtube. Jedenfalls lustiger als die(se) Realität.
#5 am 15.11.2017 von Heinrich Heintzmann (Heilpraktiker)
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Mit solchen Diagnosen bekommt man auch Patienten in der Urlaubszeit oft in die Klinik. Geschickt vom halbierten Personal des Pflegeheims mit ominösen, vaginalen Blutungen. Bis dann alle Ursachen bis hin zur doch sehr unwahrscheinlichen Schwangerschaft bei der Seniorin ausgeschlossen wurden , ist die erste Ferienhälfte schon wieder rum...
#4 am 15.11.2017 von Alexandra Arnold (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Gast
Aggressiv? Wozu wurden die Benzodiazepine entwickelt?
#3 am 15.11.2017 von Gast
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Typischer Durchlauf im Krankenhaus! Die an Demenz Erkranken werden immer verrückter gemacht, bis a) endlich einer ein Einsehen hat und sie mit der nötigen Unterstützung nach Hause lässt oder b) sie psychiatrisch werden und in den Genuss unzähliger Psychopharmaka kommen, die sie sehr ruhig werden lassen. Schön sind bei solchen Patienten auch immer noch die Anordnungen "24 Std. EKG und Blutdruck " Super! Da weiß man doch, dass das sicher 1a klappt!!!! Ich warte darauf, dass auch Ärzte mal ein klein wenig Empathie für Demenzerkrankte entwickeln! (soll jetzt nicht verallgemeinern! Aus dem Frust heraus gesprochen!)
#2 am 15.11.2017 von Katja Bartsch (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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der Herr möge mich vor einem langen Leben in leicht aggressiver Demenz und einem Harnwegsinfekt bewahren!!
#1 am 15.11.2017 von Angelika Wurster (Heilpraktikerin)
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