Medizinisches Fundstück der Woche

20.07.2010
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Medizinisches Fundstück der Woche

"Hilfe bei Tierbiss: Seifenlauge und Jod" ???

"Reisenden in Entwicklungsländer, in denen ein hohes Tollwut-Risiko besteht ... sollte

... erklärt werden, wie sie sich nach dem Biss eines Tieres verhalten sollen: Die Wunde

muss sofort mindestens zehn Minuten lang mit Seifenlauge ausgewaschen werden.

Anschließend sollte mit 70-prozentigem Alkohol oder einem Jodpräparat behandelt

werden, um das Kontaminationsrisiko zu mindern. ..." (erschienen in  der Ärzte

Zeitung als Information des "Centrums für Reisemedizin [CRM]" vom 19.7.20

 
 
 
 

Ist dem Centrum für Reisemedizin (CRM) zu heiß geworden?

 

Wenn das kein Griff in die medizinische Mottenkiste ist! Da empfiehlt das

CRM Reisenden in Länder mit hohem Tollwut-Risiko, "wie sie sich nach dem

Biss eines Tieres verhalten sollen: Die Wunde muss sofort mindestens zehn

Minuten lang mit Seifenlauge ausgewaschen werden." Und es kommt noch

schlimmer: "Anschließend sollte mit 70-prozentigemAlkohol oder einem

Jodpräparat behandelt werden, um das Kontaminationsrisiko zu mindern."

Wie ist, bitteschön, der Evidenzgrad von Seifenlaugenwaschungen, gibt es

valide prospektive Vergleichsstudien und wie ist die Compliance der Betrof-

fenen? Das Ganze erinnert doch schwer an den Rat meiner Ende des 19.

Jahrhunderts geborenen Großmutter, bei Vergiftungen reichlich Milch zu

trinken! 70% Alkohol und Jod in reiner Form stehen beide auf einer

Negativliste, 2008 von Kujath und Michelsen, Universität Lübeck, im

Deutschen Ärzteblatt im Rahmen einer hervorragenden Übersicht über

Wundbehandlungen veröffentlicht:

"Negativliste von Präparaten zur Wundbehandlung, die aufgrund fehlen-

der Wirkungsnachweise, Toxizität und hohem Allergiepotenzial nicht

mehr eingesetzt werden sollten*1

...

Quecksilberhaltige Mercurochrom, Sublimat, Oxycyanid

Lösungen

...

Jodoform, ethanolhaltige Jod-Lösung DAB, Kaliumpermanganat,..."

Stattdessen werden ohne mögliche Kontraindikationen empfohlen:

"Empfohlene Antiseptika für alle Wunden*1

 Polyhexanid 0,04 % (z.B. Handelsname Serasept)

erfasst alle relevanten Bakterien und Pilze

ist nicht sporozid/viruzid (CAVE!)Einwirkzeit 10–15 min

relativ gewebsschonend (16)

 Octenidin-2-HCL 0,1%, Phenoxyethanol 2% (z.B. Handelsname Octenisept)

erfasst alle relevanten Erreger nach einer Einwirkzeit von 2 min

farblos

schmerzfrei".

PVP-Jodlösungen sind grundsätzlich auch empfohlen, haben aber als

Kontraindikation Hyperthyreose.

Wundantisepsis mit chemisch aggressiven Substanzen führt

über sekundärinfizierte, oberflächliche Wundzellnekrosen geradewegs

zu der Krankheit,die man zu heilen vorgibt: Die sekundäre Wundinfektion!

Quelle: Dtsch Arztebl 2008; 105(13): 239–48

DOI: 10.3238/arztebl.2008.0239

Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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