Gustav, Gerda, Karla, Umut und ich

10.11.2017
Teilen

Meinen Dialekt habe ich mir abtrainiert. In einer deutschen Großstadt hält sich der nicht lange. Zu anstrengend. Man wird nicht verstanden. Und die Patienten halten einen irrtümlicherweise für dümmlich.

Das mit der Kommunikation ist so schon schwierig genug. Patient Gustav hat die Hörgeräte vergessen, Patientin Gerda die Hörgeräte nicht eingeschalten, Patientin Karla will einfach nicht verstehen und Patient Umut versteht weder Dialekt noch Deutsch. 

Übersetzungsservice aus der Kantine

Gustav brülle ich also an, sodass nach 2 Minuten die halbe Notaufnahme erschrocken neben mir steht. Gerdas Hörgeräte schalte ich an und für Karla habe ich leider keine Lösung.

Für Umut stehen mir in unserem Krankenhaus ungefähr 20 Muttersprachler zur Verfügung. Sie stehen alle auf einer Liste eingetragen. Manche meiner Kollegen sprechen 7 Sprachen, flüssig. Unglaublich, das macht mich oft neidisch. Manche werden zur Zeit hauptsächlich als Dolmetscher tätig. Adnan, der eigentlich in unserer Kantine arbeitet, ist praktisch ununterbrochen dafür zuständig, Aufklärungen ins Pakistanische zu übersetzen. Er sollte Geld dafür verlangen. Weiß er, wieviel Geld er damit verdienten könnte? Adnan lacht nur. Er macht das gerne, wie er immer wieder erklärt. 

Schön, aber nicht immer leicht

Irgendwie gefällt mir diese Internationalität in unseren Kliniken. In meiner eigenen Abteilung ist praktisch halb Europa vertreten. Meine Kollegen wundern sich über deutsche Umgangssprache und Verhaltensweisen und erzählen mir davon, wie Medizin in ihren Ländern praktiziert wird. Es ist lehrreich, interessant und gibt mir einen kleinen Einblick in eine andere Welt. Ich muss mal wieder schmunzeln. Die Internisten übergeben gerade ihre Patienten für die Nachtschicht, in ungarisch. Diese Sprache ist unglaublich. 

Leider ist diese internationale Kommunikation nicht immer einfach. Patient Ludwig hat sich heute schriftlich beschwert. Die Ärzte hatten auf Intensivvisite seinen Fall am Patientenbett besprochen. Danach war er auf Normalstation verlegt und nach Hause entlassen worden. Leider war dieses Gespräch auf serbisch, sodass er den Verlauf und die Empfehlung in seinem Entlassbrief nachlesen musste. 

Mein Kollege Jarin versichert mir auf Station, er habe alles im Griff und bejaht sämtliche meiner Fragen, bis sich herausstellt, dass er nur die Hälfte verstanden hat. Ich habe zu schnell gesprochen. Zwei neue Kollegen müssen sich erst noch daran gewöhnen, dass man in Deutschland auch mit der Pflege sprechen muss und in der Hektik der Morgenbesprechung gehen zwei Anweisungen des Chefarztes völlig unter. 

„Lieschen, welche Sprache war das?“

Ich bin dazu übergegangen, mir für die Kommunikation mehr Zeit zu nehmen. Wenn ich mit jemandem spreche, schaue ich ihm in die Augen und frage direkt nach, ob ich verstanden werde. Übrigens nicht nur mit Kollegen, sondern auch mit Patienten. Was im Entlassbrief steht, ist nicht so wichtig. Hauptsache er hat verstanden, was er machen soll. 

In der Visite bespreche ich das Prozedere mit Patientin Lauer. Ich muss häufig lachen. Sie kommt aus meiner Heimat, spricht Dialekt und macht Witze über ihr  operiertes Bein, das sie nun für sechs Wochen nicht belasten darf. 

Jarin schüttelt vor der Türe den Kopf. „Lieschen, ich wusste gar nicht, dass du aus dem Ausland kommst. Welche Sprache war das?“ Ich lache. Meinen Dialekt kann ich wohl doch nicht ganz ausschalten, wenn man mich damit konfrontiert. 

 

Bildquelle: Bob M ~, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.11.2017.

52 Wertungen (4.58 ø)
4935 Aufrufe
Gast
war erst unlängst in einer (auf eigenen Wunsch) antroposophischen Klinik (als PAtientin). Im Zimmer eine sehr betagte alte bettlägerige Dame . Sie sollte für Magenspiegelung Kurznarkose bekommen. die aufklärende sehr junge (neidisch bin) Ärztin im Praktikum, osteuropäischer Herkunft, wollte dass die alte Frau den Aufklärungsbogen ausfüllt. Die hat aber nicht wirklich verstanden um was es geht. Also hat die Ärztin ihr vorgelesen, in einem sehr holprigen Deutsch. Die alte Frau hat so was von nichts verstanden (urschwäbisches Weiblein). ich, nicht ganz so urschwäbisch und deutlich jünger, habe gedolmetscht. Hinterher waren alle zufrieden und der Bogen sauber ausgefüllt. :)
#10 vor 32 Tagen von Gast
  0
auch wenn ein Dolmetscher dabei ist, bleibt die Frage ob das übersetzt wird was ich sage, oder ob durch den Dolmetscher viel gefiltert bzw. interpretiert wird.
#9 vor 32 Tagen von Milan Adler (Arzt)
  1
Gast
An Nr. 8: Ich stimme Ihnen zu. Aber der eilige Blinddarm kommt trotzdem bald auf den Tisch, auch wenn die Aufklärung nur durch den dolmetschenden Angehörigen erfolgen konnte. Bei Elektiven OPs kann man das besser regeln
#8 vor 33 Tagen von Gast
  0
Es gibt auch ab und zu Touristen, die ins Krankenhaus kommen. Es gibt auch deutsche Touristen, die im Ausland ins Krankenhaus gehen. Man hat nicht immer einen Dolmetscher dabei, wenn man dringend Hilfe braucht.. Gut, wenn ein Adnan in der Kantine arbeitet. Ich habe auch schon für Mitpatienten übersetzt, das ist eine nette Ablenkung von den eigenen Beschwerden. Gottseidank bisher nichts Schlimmes; jemanden zu dolmetschen, dass er Krebs hat beispielsweise, damit wäre ich überfordert.
#7 vor 33 Tagen von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Eine gemeinsame Sprache ... haha ... wen sollen wir denn verpflichten ?!? Habe begonnen, mir im erwachsenen Alter eine gaanz fremde Sprache (Türkisch) anzueigenen, keine Verbindung zu den bisher erlernten Mitteleuropäischen, vorwiegend romanischen Sprachen. Das geht nicht mehr so schnell wie damals mit 12 Jahren. Die Vokabeln bleiben nicht so im Kopf und der Satzbau ist doch arg fremd. Nun verstehe ich dass die Muttersprachler (INNEN) mit eh begrenzter Schulbildung wenig Chancen haben, jemals das Deutsche so einigermaßen zu erlernen. Aber mein Job ist es auch nicht, mich in allen Sprachen der Welt einzuarbeiten. Ich hab nun mal was Anderes gelernt (Medizin) und da auch viel Zeit und Herzblut reingesteckt. @ Lieschen: was für einen Dialekt hast Du denn ;-)
#6 vor 33 Tagen von Dr. med. Christine Aresin (Ärztin)
  0
Eine Sprachbariere kann bei der ärztlichen Behandlung weitreichende Folgen haben, die auch nicht zu letzt die Konsequenzen für die Haftpflichtversicherung des Arztes nach sich ziehen können. Es kann immer wieder vorkommen, dass sich der Patient nicht verständig machen kann, in dem Fall darf man und soll man von dem Patient verlangen, dass er selbst für einen kompetenten Dolmetscher sorgt.
#5 vor 33 Tagen von Dr. Valentin Barko (Arzt)
  2
Ernstes Problem. Ich bemühe, wenn nötig, den Google-Übersetzer direkt in der Therapie. Versuche, Alternativfragen zu stellen. Ich hatte eine Patientin mit Recurrensparese, von der ich wusste, dass sie arabisch spricht. Habe ihr den Kehlkopf und Übungen so erklärt, es hat funktioniert. Leider ging es anders herum nicht., d. h., ich konnte ihre Antworten nicht verstehen. Eine gemeinsame Sprache: Das wäre ein Traum. Wohl auch in hundert Jahren nicht realisierbar.
#4 vor 34 Tagen von Gudrun Falkenberg (Logopädin)
  1
Gast
Es muss verpflichtend sein, dass wir eine gemeinsame Sprache sprechen, sonst sind Fehler vorprogrammiert. Anderenfalls können wir uns QM und Fehlerkultur schenken.
#3 vor 34 Tagen von Gast
  5
Gast
Multikulti-Party vs. Amtssprache Deutsch vs. Fachsprache lat. / alt.gr. ... Man wollte es ja so, nun soll man mit dem Ergebnis leben.
#2 vor 34 Tagen von Gast
  6
Gast
Lustiger Alltag. Allerdings ärgert es mich gewaltig, wenn ich mehrere Patienten gleichzeitig in der Notaufnahme nachts habe und es unter Umständen dreifach so langsam läuft, weil Patient und Klinikpersonal auf keine gemeinsame Sprache kommen. Solche Zeitverzögerungen und Zusatzaufgaben sind nicht von der Gesamtplanung und dem Personalschlüssel vorgesehen worden. Armes Deutschland
#1 vor 34 Tagen von Gast
  3
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Paula steht vor mir. Sie ist eine gute Bekannte und hat sich den Radius gebrochen. Sie wurde vor zwei Wochen operiert mehr...
Leider lassen sich die Rahmenbedingungen nicht mehr mit meinen Vorstellungen vereinen. Zehn 24-Stunden-Dienste im mehr...
Sie sind die Leader im Assistententeam, die Guten unter den Oberärzten, die Sympathischen in der Mannschaft. Ihre mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: