Drogenrausch inklusive Verstopfung

09.11.2017

Benzodiazepine und Z-Substanzen sind Klassiker unter den missbrauchten Medikamenten. Die Drogenszene ist allerdings äußert kreativ, was die Neuentdeckung berauschender Substanzen und deren Mischungen angeht. Neu im Verdacht etwas, das ich nie erwartet hätte: Omeprazol.

Medikamente werden häufig und gerne missbraucht. Das hat verschiedene Ursachen. Angefangen dabei, dass es bei vielen Leuten Kopfsache ist: Es ist ja ein Medikament, also sicher nicht so ungesund wie die Droge von der Straße, denken viele. Das mag in dem Punkt stimmen, dass die Qualität des Medikaments kontrolliert wird und sich darin nicht so Zeugs wie zum Beispiel Wurmmittel zum Strecken findet (alles schon von Kunden gehört, die nebenbei noch Drogen konsumieren). Aber das bedeutet nicht, dass es anders wirken würde (im positiven wie im negativen Sinne) als Drogen vom Dealer auf der Straße.

Während wir in der Apotheke bei vielen Medikamenten wissen, dass sie missbraucht werden (Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine und Z-Substanzen stehen da ganz oben auf der Liste, gefolgt von starken Schmerzmitteln), steht andere Wirkstoffe noch nicht so im Fokus.

Sedierendes Antepileptikum

Wusstet ihr zum Beispiel, dass Pregabalinin der Szene ganz groß im Kommen ist? In den USA ist es demnächst so weit, dass das Arzneimittel unter die Gesetzgebung der Betäubungsmittel genommen wird.

Auch in unserer Apotheke wurden wir kürzlich wieder Zeugen eines offensichtlichen Falls von Medikamentenmissbrauch. Zuletzt war da diese Frau, mit der wir schon ein Wort hatten wegen ihres Stilnox-Konsums. Jetzt hat sie auf ihr Dauerrezept in den letzten zwei Monaten zwei Mal Packungen zu 168 Stück bezogen. Obwohl die letzte Dosierungsanweisung, die ich hatte, bei 2 Kapseln pro Tag liegt. Der bezogenen Menge nach nimmt sie aber eher 5-6 Kapseln täglich. Zeit für ein Gespräch jedenfalls und je nach Ausgang des Gespräches für einen Kontakt mit dem verschreibenden Arzt.

Sowas überrascht mich wenig, immerhin fällt das auch unter „Schmerzmittel“ sogar mit „angstlösender Wirkung“. Anderes dann schon mehr:

Loperamid zum Beispiel. Habt ihr schon davon gehört, dass man das missbrauchen kann? Das Mittel gegen Durchfall – besser bekannt als Imodium ist strukturell sehr nahe verwandt mit den Opioiden. Man nützt dabei eine von deren Nebenwirkungen aus: Opioide wirken im Darm stark hemmend und führen zu Verstopfung. Weil Loperamid aber im Gegensatz zu den Opioiden (Schmerzmitteln) die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden kann (und das, was es doch schafft, aktiv wieder nach draußen befördert wird), wirkt es nicht euphorisierend oder schmerzstillend und hat damit kein Abhängigkeitspotential. Ganz ehrlich: Wer nimmt ein dermaßen stopfendes Mittel (es legt die Darmtätigkeit praktisch flach) auch freiwillig – und kann dann tagelang nicht mehr auf die Toilette?

Wie dem auch sei, offenbar gibt es Leute, die das auf sich nehmen. Ich bin darauf gekommen, nachdem das ein Kunde mit ausgesprochen schlechten Zähnen (häufig ein Hinweis auf ein Leben mit Drogen) regelmäßig abends bei uns holte. Zu häufig, als dass er das gegen Durchfall nehmen würde, die Tagesdosis liegt ja bei 8 Kapseln. Weil ich neugierig bin, habe ich mich dann hingesetzt und etwas nachgeforscht. Und bin auf Erstaunliches gestoßen. Nicht nur wird Imodium gerne hochdosiert genommen, um Entzugssymptome zu mildern. In der richtigen Kombination mit einem Enzymhemmer schafft es den Sprung über die Blut-Hirn-Schranke und wirkt dann doch opioidartig. Interessierte lesen hier nach. Dies ist im übrigen nicht als Anleitung zum Missbrauch gedacht – umso mehr als eine Warnung.

Auch verdächtig: Opremazol

Neu im Verdacht habe ich etwas, das ich nie erwartet hätte: Omeprazol. Innerhalb einer Woche hatte ich die zweite Anfrage von eher zwielichtigen Gestalten. Beide Männer fragten nach den „Kapseln im Döschen für die Magenschleimhaut“ – und waren enttäuscht, dass ich nur Tabletten da hatte (Pantoprazol oder Omeprazol). Es müssen unbedingt die Kapseln sein? Und irgendwie habe ich das starke Gefühl, dass sie das nicht als Magenschutz brauchen, wie angegeben. Aber für was dann? In den einschlägigen Foren finde ich wenig. Aber ich glaube, dass es mit Folgendem zusammenhängt:

Es gibt ja Leute, für die es nicht unbedingt eine unerwünschte Wirkung ist, wenn das Benzodiazepin stärker/ länger wirkt, weil das Omeprazol dessen Abbau behindert und die Konzentration im Blut anhebt. So steht dann in einem englischen Drogenforum: Anscheinend hat man die Wirkung bei Valium (Diazepam), Temazepam und Haldol, eventuell aber auch bei weiteren und auch bei Methadon.

Das sind nun teilweise Vermutungen. Aber vielleicht ist es nicht schlecht, wenn man in der Apotheke ein Auge auf die richtige Anwendung auch so „unverdächtiger“ Substanzen hat. Hattet Ihr denn auch schon so Anfragen? Oder für andere Medikamente, bei denen man nicht denken würde, dass sie missbraucht werden?

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.11.2017.

26 Wertungen (2.81 ø)
4194 Aufrufe
Pharmazie
Um zu kommentieren, musst du dich einloggen. Einloggen
Gast
@Apotheker92: Ich habe es so verstanden, dass es bei der 168er Packung um das zuvor genannte Pregabalin geht, Indikation z.B. neuropathische Schmerzen. Und dass der Stilnox-Text als erläuternder Einschub gedacht ist, um zu verdeutlichen, dass die Kundin schon vorher diesen Wirkstoff missbraucht hat.
#2 am 10.11.2017 von Gast
  0
Apotheker92
Bei diesem Artikel tun sich so einige Fragen auf: - Stilnox (Zolpidem) gibt es nur in Packungen à 10 und 20 Stück. Selbst die Klinikpackung hätte nur 150 Stück. Eine Packung à 168 Stück ist nicht im Handel. Auch warum Zolpidem unter Schmerzmittel fallen soll ist mir schleierhaft. - Loperamid ist nicht nur strukturell sehr nahe verwandt mit den Opioiden, es IST ein Opioid. Das Missbrauchspotential ist seit langem bekannt. Nicht zuletzt deshalb wurde Lipmtar (Chinin) der Verschreibungspflicht unterstellt. - Omeprazol überrascht tatsächlich. Die Theorie, dass sich die CYP-Hemmung zu nutze gemacht wird scheint mir sinnvoll. Allerdings bleibt dann die Frage: Warum müssen es die Kapseln sein? Für die Enzymhemmung ist das egal. Dass auf Kapseln bestanden wird spricht für mich für eine i.v. Anwendung, denn Kapselfüllungen enthalten häufig deutlich weniger Hilfsstoffe als Tabletten. (Auch wenn das bei den "Kapseln im Döschen" tatsächlich nicht der Fall ist.)
#1 am 10.11.2017 von Apotheker92 (Gast)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Ich bin Mitglied verschiedener Apothekergruppen auf Facebook – so erstaunt es vielleicht nicht, wenn ich als mehr...
Ich habe ein Arzt-Problem. Was … ungewöhnlich ist. Tatsächlich komme ich mit den meisten Ärzten in der Umgebung mehr...
Ein Aufruf an meine Leser – nicht nur die in Deutschland. Bitte unterstützt die Vor-Ort Apotheke indem ihr an mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: