Ejaculatio praecox: Falsche Vorbilder

08.11.2017
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… den bestraft das Sexualleben. Aber wann hat Mann eigentlich eine Ejaculatio praecox? Untertitel: falsche Vorbilder.

„Ich hab da ein Problem.“

Dem jungen Mann (19 J.) , der vor mir in unserer andrologischen Sprechstunde sitzt, ist das Thema sichtlich peinlich. Gleichzeitig merkt man, dass ein enormer Leidensdruck auf ihm lastet. Er rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

„Was kann ich für Sie tun?“, frage ich und versuche möglichst viel Empathie in meine Stimme zu legen.

„Naja, ich komme immer zu früh“, gesteht er schließlich.

Die Ejaculatio praecox, also der vorzeitige Samenerguss, ist die häufigste Sexualstörung des Mannes und wird als Unfähigkeit definiert, den Zeitpunkt des Samenergusses so zu steuern, dass auch die Partnerin zum Orgasmus kommt. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Zeit von der Penetration bis zum Samenerguss als zu kurz wahrgenommen wird und dadurch ein erheblicher Leidensdruck entsteht, der durch Angst, Frustration, Probleme in der Partnerschaft oder den Verzicht auf Sex hervorgerufen wird. In der Regel kommt es innerhalb einer Minute nach Eindringen des Penis in die Vagina zur Ejakulation.

Abhilfe mit Nebenwirkungen

Bis zu 30 % aller Männer sollen irgendwann im Laufe ihres Lebens davon betroffen sein, was einer Pathologisierung des männliches Orgasmus nahe kommt. Und seit ein paar Jahren gibt es tatsächlich ein speziell für diese Indikation zugelassenes Medikament: der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Priligy® mit dem Wirkstoff Dapoxetinals Bedarfsmedikation. Eine der häufigsten Nebenwirkungen laut Fachinformation: Übelkeit. Wenn man gemein wäre, könnte man sagen: Ich könnte länger, wenn mir nicht so schlecht wäre.

In den Zulassungsstudien steigt die Zeitdauer bis zur Ejakulation im Mittel von eingangs 0,9 Minuten auf 1,8 Minuten unter Placebo und nach Einnahme von 30 mg bzw. 60 mg Dapoxetin auf 2,8 Minuten, respektive 3,3 Minuten an. Als Dauermedikation eingenommene niedrig dosierte Antidepressiva wie Clomipramin sind im indirekten Vergleich wirksamer, Paroxetin auch im direkten Vergleich. Beide sind jedoch bei vorzeitiger Ejakulation nicht zugelassen. Die Abbruchrate in den Dapoxetin-Studien war mit bis zu 47 %, überwiegend aus unklaren Gründen, extrem hoch.

Weiter nachgeforscht

Ich forsche weiter nach: „Wie lange dauert es denn bei Ihnen bis zum Samenerguss?“

„Nun, wenn ich besonders erregt bin, kann es schon nach fünf Minuten sein. Manchmal aber auch nach zehn oder fünfzehn.“

„Mit oder ohne Vorspiel?“

„Ohne“, präzisiert er.

Klingt irgendwie normal.

„Schaffen Sie es denn, Ihre Freundin zu befriedigen.“

„Nicht immer. Meist nur, wenn sie auf mir sitzt. Dann halte ich auch länger durch. Ganz schlimm ist es bei Doggy Style. Oder, äh, wenn ich mir einen runterhole.“

Klingt immer noch normal.

„Hmmm. Hat sich Ihre Freundin denn deswegen schon einmal beklagt?“, will ich wissen. „Ist es für die auch ein Problem?“

„Nein“, gibt er zu. „Aber wahrscheinlich will sie mich nur nicht verletzen.“

Ist doch nett, denke ich und frage: „Haben Sie denn das Thema angesprochen?“

„Nö, war mir zu peinlich. Außerdem hatte ich Angst vor der Antwort.“

„Was veranlasst Sie denn, zu glauben, Sie hätten einen vorzeitigen Samererguss?“

Der junge Mann läuft rot an. „Äh, manchmal, wenn meine Freundin nicht da ist, gucke ich gelegentlich Pornos.“

„Und?“, mir schwant Arges.

„Die Typen darin können alle länger als ich. Bis zu einer halben Stunde mit jeder Menge Stellungswechseln und so.“

„Und Sie denken, das ist die Norm.“

„Nicht?“

Ich hole tief Luft. „Glauben Sie eigentlich, die drehen so eine Szene an einem Stück?“

„Was sonst?“, er schaut mich erstaunt an.

„Na, zum Beispiel in mehreren Einstellungen mit Unterbrechungen. Allein schon zum Ausleuchten und so. Über mehrere Stunden verteilt, wenn nicht sogar einen ganzen Tag. Außerdem benutzen die Hilfsmittel.“

„Sie meinen echt, die schummeln beim Porno?“

„Wenn Sie so wollen, ja“, bekräftige ich. „Was sonst!“

„Und bei mir ist alles normal.“

„Klar.“

Der junge Mann atmet sicht- und hörbar auf. Er grinst.

„Danke, Herr Doktor.“

„Gern geschehen.“

Eine weitere Heldentat der Liebe.

 

Literatur:

Dapoxetine for the treatment of premature ejaculation: results from a randomized, double-blind, placebo-controlled phase 3 trial in 22 countries.
J Buvat et al; Eur Urol, doi: 10.1016/j.eururo.2009.01.025; 2009.

Efficacy and tolerability of dapoxetine in treatment of premature ejaculation: an integrated analysis of two double-blind, randomised controlled trials.
Rosen RC et al; Lancet, doi: 10.1016/S0140-6736(06)69373-2; 2006.

 

Bildquelle: Tom Adams, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 09.11.2017.

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Medizin, Urologie
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Gast
Danke, guter Artikel!
#2 vor 37 Tagen von Gast
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Ich bin nicht sicher was dieser Artikel aussagen soll. Natürlich gibt es genug Männer wie Ihr Patient die keine Ejakulatio präcox haben. Aber bei Patienten mit dauerhafter IELT (Zeit in der Partnerin) unter 1 Minute oder Kinderlosigkeit wg. Ejakulation „ante portas“ ist dies eine ernstzunehmende andrologische Erkrankung bei der auch priligy eine Behandlungsoption sein kann. Solche Patienten sehe ich in meiner Sprechstunde sehr regelmäßig.
#1 vor 37 Tagen von Dr. med. Marc Birkhahn (Arzt)
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