Fatale Entscheidung

06.11.2017
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Eine Frau stürzt bei hoher Geschwindigkeit vom Fahrrad auf ihr Gesicht. Die Ärzte stellen bei ihren Untersuchungen lediglich eine Unterkieferfraktur fest und entscheiden sich für eine weitere Überwachung auf der Intensivstation. Stunden später verschlechtert sich ihr Zustand rapide.

Eine 41-jährige Patientin wird nach einem Fahrradunfall in die Notaufnahme eingeliefert. Bei ihrer Ankunft ist sie bei Bewusstsein und berichtet, dass sie bei hoher Geschwindigkeit über den Lenker ihres Fahrrads hinweg auf ihr Kinn gefallen sei. Sie trug dabei einen Helm.

Die Trauma-Untersuchung bleibt ohne Befund, im CT wird allerdings eine dreifache Fraktur ihres Unterkiefers festgestellt. Da es keine Anhaltspunkte für weitere Verletzungen gibt, wird die Operation für den nächsten Morgen geplant und die Patientin auf der Intensivstation überwacht. 

Zunehmende Verschlechterung ihres Zustandes

Die Patientin wirkt zwei Stunden nach ihrer Einlieferung zunehmend verwirrt. Sie kann zwar auf Fragen antworten, aber keinen Anweisungen folgen. Zehn Stunden nach dem Unfall sinkt ihr GCS-Score innerhalb kürzester Zeit von 15 auf 7. In einem erneuten CT-Scan sind weiterhin keine Anzeichen für eine Hirnblutung erkennbar. Erst als sie am nächsten Morgen, 17 Stunden nach Aufnahme, eine rechtsseitige Hemiparese und eine Pupillen-Anisokorie aufweist, wird sie intubiert und ein MRT mit Magnetresonanzangiografie (MRA) durchgeführt.

Dort ist die Ursache der neurologischen Ausfälle gut sichtbar: ein embolischer Verschluss der linken Arteria cerebri media. Zudem liegen beidseits Dissektionen der Arteriae carotides internae vor. Diese wurden durch Risse in der Tunica intima verursacht, die aus dem stumpfen Trauma beim Sturz resultieren. Die Risse selbst fördern das Entstehen von Thromben, die hier zu dem embolischen Hirninfarkt führten. Zusätzlich wurde bei der Patientin durch die Carotisdissektion das Lumen der Arterien selbst rechts um 40 Prozent verengt, linksseitig sogar vollständig verschlossen.

Angiographie zu spät durchgeführt

Obwohl umgehend eine dekompressive Kraniektomie durchgeführt wird und die Frau Thrombozytenaggregationshemmer erhält, weist sie auch zwei Monate nach dem Unfall noch eine starke Aphasie und Lähmung der rechten Körperhälfte auf. Die behandelnden Ärzte betonen daher in ihrem Bericht, frühzeitig an die Möglichkeit einer stumpfen zerebrovaskulären Verletzung („blunt cerebrovascular injury, BCI“) zu denken. Retrospektiv räumen sie ein, die Angiografie sei schon früher notwendig gewesen.

 

Quelle:

Dissection of the internal carotid artery and stroke after mandibular fractures: a case report and review of the literature.
Ingrid Tveita et al., Journal of Medical Case Reports, doi: 10.1186/s13256-017-1316-1; 201

 

Bildquelle: Ingrid Tveita et al. / US National Library of Medicine National Institutes of Health

Artikel letztmalig aktualisiert am 09.11.2017.

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