Chirurgie: Schneiden Frauen besser ab?

06.11.2017
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Herr Ludwig ist besorgt. Zum einen, weil er heute operiert wird. Und noch viel mehr zum anderen, weil der Eingriff von mir durchgeführt wird. Der Mann hat gerade erst erfahren, dass es mich gibt. Die Existenz weiblicher Chirurgen sorgt seinerseits für große Überraschung.

Montag morgen, 7.00Uhr. Ich gehe zu Herr Ludwig, 74 Jahre alt. Heute bekommt er eine neue Hüftprothese. Da ich diejenige sein werde, die ihn operiert, habe ich mir seine Krankheitsgeschichte angelesen, ihn untersucht und die Hüfte geplant.

Jetzt gehe ich zu ihm und zeichne mit einem dicken Filzstift ein Kreuz auf die linke Hüfte, damit wir auch die richtige Seite operieren. Doppelte und dreifache Kontrolle. Er ist etwas aufgeregt.

„Können Sie das überhaupt?“

„Kommt eigentlich auch noch der Operateur vor der OP bei mir vorbei? Bisher habe ich nur Sie gesehen.“

„Herr Ludwig, als ich mich Ihnen gestern vorgestellt habe, als Ihre Operateurin, meinte ich das auch so. Ich werde Sie heute operieren. Einer meiner Oberärzte wird Sie selbstverständlich mit mir zusammen operieren.“

„Sie? Aber können Sie das überhaupt? Braucht man dazu nicht sehr viel Kraft? Haben Sie damit überhaupt Erfahrung? Ich wusste nicht, dass das auch Frauen machen.“

„Ja, Herr Ludwig. Ich kann das. Ich habe Ihnen ausführlich erklärt, was wir machen werden und wie es weitergeht. Sie sind in guten Händen.“ Ich sehe, wie es in seinem Kopf arbeitet. Er ist irritiert. 

„Herr Ludwig, ich rufe meinen Oberarzt an. Er wird noch einmal bei Ihnen vorbei kommen und es Ihnen erklären.“

„Ja, ja, gut.“

Oberarzt Super kommt 5 Minuten später vorbei. „Guten Morgen, Herr Ludwig. Ich bin Oberarzt Super. Heute wird Frau Müller zusammen mit mir Ihre neue Hüfte implantieren. Sind Sie vorbereitet?“

„Ja, Herr Oberarzt. Natürlich. Ich wollte nicht, Sie wissen schon. Aber, wissen Sie, das ist doch etwas neu für mich. Dass das auch Frauen machen. Und da … ich wollte wirklich nicht … aber jetzt bin ich beruhigt.“

Ich bin nicht wirklich beleidigt oder sauer. Ich weiß, was ich kann, ich bin vorbereitet. Im Übrigen sind Herr Ludwigs Bedenken unnötig. Denn Frauen sind genau so gute Chirurgen wie ihre männlichen Kollegen – mindestens! 

Männer und Frauen am OP-Tisch: Der Vergleich

So lautet das Ergebnis einer Studie, die im Oktober 2017 im bmj erschien (und nein, die Studiengruppe erhielt keine Gelder von irgendwelchen Frauenvereinen). Dr. Raj Satkunasivam und sein Team wollten wissen, ob es einen Unterschied macht, ob eine Frau oder ein Mann operiert.

Die retrospektive Studie schließt alle Patienten ein, die in Ontario, Kanada, von 2007 bis 2015, operiert wurden. 104.630 Patienten wurden von 3.314 Chirurgen – 2.540 (76,6%) Männer und 774 (23,4%) Frauen – operiert.

Bypässe, Aneurysmareparaturen, Appendektomien, Cholecystektomien, Colonresektionen, Hysterektomien, spinale Dekompressionen, ventrale und dorsale Stabilisierungen, Kraniotomien, Hüft-TEPs, Knie-TEPs, offene Repositionen von Oberschenkelfrakturen, Thyreodektomien, Lungenresektionen, Cystektomien, Prostatektomien, Karpaltunnelspaltungen, Brustverkleinerungen. Quer durch jedes operative Fach. 

Untersucht wurde die Mortalität innerhalb von 30 Tagen, die Wiederaufnahme ins Krankenhaus innerhalb von 30 Tagen und postoperative Komplikationen. 

Alle Patienten waren über 18 Jahre alt und jeder Patient wurde nur einmal während des Zeitraums in die Studie aufgenommen. Von den Patienten wurde das Alter während der Operation, Wohnort, Geschlecht, sozioökonomischer Status und Komorbiditäten erfasst. Chirurgen wurden nach Alter, Geschlecht, Arbeitsjahre, Operationsvolumen (erfasst anhand des letzten Arbeitsjahres) und Fachrichtung eingeteilt. Zudem wurde zwischen elektiven Operationen und Notoperationen unterschieden.

Verglichen wurden alle Operationen von Frauen und Männern, durchgeführt von Frauen und Männern. Natürlich wurden komplizierte Fälle mit komplizierten Fällen und leichte Fälle mit leichten Fällen verglichen, abgestimmt auf das Alter und die Erfahrung der Ärzte.

12,4 % der Patienten wurden von Frauen operiert, 87,6 % von Männern. Jüngere Patienten, die weiblich waren, wurden häufiger von Frauen operiert, als von Männern.

Weibliche Chirurgen waren insgesamt jünger als ihre Kollegen und hatten weniger Operationserfahrung. Sie führten insgesamt weniger Operationen durch als Männer. In den Fachdisziplinen Allgemeinchirurgie, Gynäkologie und Plastische Chirurgie wurden proportional gesehen mehr Operationen von Frauen als von Männern durchgeführt. 

Was bedeutet das für die Vergeichsgruppen? Die inkludierten Patienten waren häufiger weiblich und jünger, wurden häufiger an allgemeinchirurgischen oder gynäkologischen Erkrankungen operiert als an neurochirurgischen oder orthopädischen. Die inkludierten Chirurgen waren häufiger jung und mit wenig Operationserfahrung. 

Die Ergebnisse in Zahlen

Bei 5.810 von 52.315 (11,1 %) der von Frauen operierten Patienten, traten Komplikationen auf oder die Patientin starben oder wurden innerhalb von 30 Tagen wieder ins Krankenhaus aufgenommen. Bei den von Männern operierten Patienten waren es 6.046 von 52.315 (11,6%). 

Dies macht eine absolute Differenz von 0,43 % (Number neated to treat = 230, OR 0,96, p=0,02). 

Bei Notfalloperationen waren mehr Patienten männlich und die Operationen wurden häufiger durch jüngere Chirurgen durchgeführt mit wenig Operationserfahrung. Es wurden gleich viele Notfalloperationen von Frauen wie von Männer durchgeführt. 

Bei Patienten, die elektiv von Frauen operiert wurden (OR 0,94, p<0,0007), traten statistisch signifikant weniger Komplikationen/Tod/Wiederaufnahme innerhalb 30 Tage ein, als bei Patienten, die notfallmäßig von Frauen operiert wurden (OR 1,01, p<0,636). Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Patienten, die elektiv von Frauen operiert wurden, weniger Komplikationen hatten.

Viele Patienten mussten aus der Studie ausgeschlossen werden, weil es keinen passenden Vergleich gab. Einige operative Fächer sind so stark männlich dominiert, dass es keine weiblichen Chirurgen zum Vergleich gibt. Natürlich lässt sich anhand der Aussagen nicht auf einen langjährigen Vorteil für Patienten schließen, die von Frauen operiert wurden. Für die ersten 30 Tage postoperativ, sind die Daten jedoch signifikant.

Operieren Frauen denn wirklich besser oder patientenbezogener? Bereiten Sie sich besser vor? Oder suchen sie sich einfach nur klüger ihre Patienten aus und wählen diejenigen, die weniger Risiko für Komplikationen haben?

Die Studienverantwortlichen versuchen, einen Erklärungsversuch zu finden: In einer männerdominierten Arbeitswelt mit hohem Arbeitsaufkommen, in der man einen Lebensstil führt, der schwer mit Familie vereinbar ist und es mit offener Diskriminierung zu tun hat, muss man sich behaupten. Das gehe nur, wenn man als Frau sehr motiviert ist, hart arbeitet und vielleicht begabter ist als die männlichen Kollegen, so die Vermutung. 

Interessant ist hierzu übrigens auch eine andere Studie bei internistischen Patienten. Die Mortalitätsrate und Wiederaufnahmerate der Patienten in das Krankenhaus sind signifikant geringer (relative risk reduction 4%), wenn sie von Frauen behandelt wurden, als von Männern. Vielleicht sind die Ergebnisse auch nicht unbedingt nur den operativen Fähigkeiten der Frauen zuzuschreiben. Nutzen Frauen vielleicht die vorhandenen Ressourcen besser?

Unnötig, so eine Studie?

Was soll immer dieses Vergleichen? Ein Rückschritt auf dem Weg der Gleichstellung? Sehe ich nicht so. Vielleicht verschafft diese Studie und weitere Studien den Frauen das Gehör, das sie manchmal brauchen. Gerne würde ich sagen, dass es in unserer Welt keine Rolle mehr spielt, ob man eine Frau oder ein Mann ist. Nein. Nicht nur gefühlt, sondern auch statistisch signifikant, operieren Frauen, im selben Ausbildungsstand, weniger, als ihre männlichen Kollegen. Obwohl sie besser wären? 

Übrigens ist es 84 % aller Teilnehmer einer nicht repräsentativen Studie in einem sozialen Netzwerk (Twitter) egal, ob sie von einer Frau oder einem Mann operiert werden. 9 % wünschen sich eine Frau, und 7% einen Mann als Operateur. (160 Teilnehmer, 12.10.17). 

Herr Ludwig, by the way, ist heute sehr zufrieden mit seiner implantierten Hüfte. Vielleicht, weil er von einer Frau operiert wurde.

 

Bildquelle: el cajon yacht club, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.11.2017.

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Kommentar eines (noch recht jungen Patienten - d.h. deutlich unterhalb des Rentenalter) nach ausführlicher Visite incl. Vorstellung mit Namen meinerseits: Nett, was sie so alles machen dürfen, Schwester, aber bekomme ich auch mal einen Arzt in diesem Laden zu Gesicht?
#8 am 21.11.2017 von Dr. Susan Beckmann (Ärztin)
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keineAhnung, ob da alles richtig gelaufen ist Mt statistiken ist das ja so eine Sache. Allerdings ist doch völlig klar, was passieren würde, wenn jemand untersuchen würde, ob Frauen oder Männer die besseren Techniker, Mathematiker, Ingenieure, Anwälte, Daxhdeckere, KFZ-Mechaniker, Maurer etc. sind. Es würde ein Aufschrei aller Frauenbewegten durch die REpublik gehen, wenn einmal die Männer die besseren wären. Das wäre ja undenkbar ! Deswegen gibt es auch niemanden, der sich traut, solch eine Untersuchung überhaupt anzugehen. M.E. auch Unsinn, denn der Schwachsinn des Resultates der o.a. Untersuchung ist offenbar. Vielleicht schneiden Frauen ja statistisch ein wenig besser , aber was soll den die Quintessenz sein ? Männer dürfen keine Chirurgen werden ?
#7 am 20.11.2017 von Rentenberater Johann simon Genten (Weitere medizinische Berufe)
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Gast
Schön, daß Sie stark bleiben und sich nicht einschüchtern lassen. Die alten Herren staunten vor 10 Jahren immer, mich auf schweren Motorrädern zu stehen und wie ich damit fertig wurde. Es ist keine Sache der Kraft, sondern des Gefühls. Wir Frauen sind üblicherweise einfühlsamer. Aber glücklicherweise sind einige Männer auch sehr emphatisch.
#6 am 17.11.2017 von Gast
  8
Gast
Es hat wohl jede Frau in der Medizin solche Erlebnisse! Ich sage nur: „ ... Hallo Schwester, könnte ich eine Blumenvase haben?“ Aber Mädels, da steht wir doch drüber oder? Denn wir wissen um unsere Qualitäten!
#5 am 17.11.2017 von Gast
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Gast
@#3 Das mag schon sein aber bei elektiven Eingriffen wird eher vermieden, dass sie jemand durchführt, der "zu wenig" Erfahrung hat. Mehr Erfahrung der Männer heißt nicht, dass die Frauen unerfahren waren. Theoretisch gibt es Chefärzte, die nur ihre paar Privatpatienten elektiv operieren also quasi Teilzeit und die haben mehr als genug Erfahrung und sicherlich nicht mehr Komplikationen oder Todesfälle als die Fachärzte/OÄ in Vollzeit. Natürlich findet dort eine gewisse Vorselektion der Patienten statt aber der Chefarzt ist oft bei schwierigen Fällen die höchste Instanz der Kompetenz obwohl er nicht jeden Tag operiert. Wenn jemand eine bestimmte OP oft genug gemacht hat und ausgeruht ist dann macht das einen großen Unterschied. Wenn jemand am Stock geht und statt genug OPs 50 mehr auf dem Buckel hat ist die performance wahrscheinlich nicht optimal. Bei der Korrelation weiß ich nicht ob es sich ab einem bestimmten Erfahrungsgrad relativiert.
#4 am 16.11.2017 von Gast
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@#2: Allerdings gibt es auch Studien die eine negative Korrelation zwischen Anzahl an durchgeführten Operationen und der Komplikationsrate zeigen. Wenn man annimmt, dass eine Teilzeitkraft weniger operiert als eine Vollzeitkraft, wäre dies demnach nicht unbedingt förderlich für das OP Ergrbnis. Nur so also zusätzlicher Denkanstoß ;) Ansonsten sehe ich es auch so, dass ein überlasteter Operateur sicherlich kein hervorragender Operateur ist. Das Problem liegt meiner Meinung nach darin, dass Vollzeit bei uns nicht einer 40h Woche entspricht, sondern meist weit darüber liegt.
#3 am 16.11.2017 von Christoph Barthel (Student der Humanmedizin)
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Gast
Weder in dieser, noch in der Studie über Internisten wurde untersucht, wie viele von den männlichen und weiblichen Chirurgen (bzw. Internisten) in Teilzeit arbeiten. In den meisten Berufen sind mehr Frauen als Männer in Teilzeit, was sich deutlich positiv auf deren Stresslevel und damit natürlich auch auf Fehlerquote und Effizienz auswirkt.
#2 am 16.11.2017 von Gast
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Gast
Warum auch sollten Frauen schlechter operieren? Die Zeiten der schweren körperlichen Arbeit im OP sind doch vorbei. Man sollte mal eine Studie über kosmetische Narbenergebnisse machen, da sind Frauen bestimmt viel toller ;-)
#1 am 15.11.2017 von Gast
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