Taktische Krankschreibung

05.11.2017
Teilen

Nach 27 Dienstjahren nahm Fräulein Meyer im Alter von 61 Jahren die Abfindung ihrer Bank an als die örtliche Filiale aus Rationalisierungsgründen geschlossen wurde. Mit dem Tag ihrer Kündigung wurde sie krankgeschrieben und depressiv. Oder depressiv und krankgeschrieben...

Zu meinen unliebsamen Aufgaben in der Klinik gehören die Sozialmedizinischen Stellungnahmen. Je älter die Patientin oder der Patient und je schwieriger die berufiche Vermittelbarkeit, desto grösser der Ärger. 

Was ich menschlich sehr gut verstehe.

Aber Fräulein Meyers habe ich halt in der ein oder anderen Form häufiger. Ganz offensichtlich besteht eine Absprache oder stille Erwartung, dass über 78 Wochen Krankschreibung und anschliessenden 2 Jahren Arbeitslosigkeit eine Art vorzeitiger Ruhestand gelöst ist.  Zumindest war das der erklärte Fahrplan von Fräulein Meyer, die sich erstaunlich gut und auf den Tag genau mit den Regelungen auskannte. 

Natürlich gibt es zahlreiche Fräulein Meyers und Mister Rights, die tatsächlich durch eine so fiese späte Kündigung mit 61 oder 62 Jahren in eine existentielle Krise geraten. In diesem Fall aber hat die Patientin halt die Abfindung kassiert und möchte jetzt das beste aus 2 Welten haben.  

Menschlich verständlich. Und tatsächlich hatte sich die Patientin den Übergang in den Ruhestand auch wesentlich positiver vorgestellt. Der Wegfall von sozialen Kontakten und der Tagesstruktur hat nun wirklich zu einer Anpassungsproblematik geführt. Das war nun ganz und gar nicht leicht. Aber auch nicht schwerer als bei anderen Mitbürgern, die nun den Arbeitsplatz verlieren. 

Aber ist dieses "Störung" nun so schwerwiegend, dass sie gar nicht mehr auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt 3 h am Tag oder 15 h in der Woche eine Tätigkeit nachkommen könnte ? 

"In meinem Alter finde ich doch nichts mehr", so Fräulein Meyer im Gespräch. Das mag ja prinzipiell richtig sein. Aber eben technisch gesehen ein Problem der Arbeitslosenversicherung bzw. der Arbeitsagentur. Nicht zwigend der Rentenversicherung oder Krankenkasse. 

Wobei die Arbeitsagentur ja gerne sagt, dass die Vermittelbarkeit bei einer Krankschreibung durch den Arzt nicht gegeben ist...

Wobei sich die Katze wieder in den berühmten Schwanz beisst. 

Formal muss ich Fräulein Meyer also leistungsfähig entlassen. Was ihr Hausarzt nicht verstehen kann. Und sie weiter krankschreibt. Würde Sie das Arbeitslosengeld antasten müssen, würde die Abfindung angerechnet werden. Und sie müsste die schicke 70 qm Wohnung möglicherweise opfern, wenn sie denn unglücklicherweise in Hartz IV rutschen würde. Spätestens dann, wäre sie ja wieder depressiv.

Also wird sie nach allen Regeln der Kunst weiter streiten und dann solange Übergangsgeld bekommen, bis sich das Problem irgendwie ausgesessen hat. 


Mich würde interessieren, wie andere Kollegen diese Krankschreibungen regeln bzw. welche Gedanken dahinter stehen. Vielleicht bin ich ja auf dem berühmten Holzweg....

Artikel letztmalig aktualisiert am 05.11.2017.

3 Wertungen (3.67 ø)
247 Aufrufe
Medizin, Psychiatrie
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Nur zur Klarstellung #4 : Ich verfremde natürlich die Geschichten. Fräulein Meyer ist daher auch nicht unbedingt ein Fräulein. Aber ich habe tatsächlich 2 Patientinnen, die sehr viel Wert auf das "Fräulein" legen. Wenn schon, denn schon.
#5 vor 2 Tagen von Dr Martin Winkler (Arzt)
  0
Gast
Es ist heute nicht mehr üblich eine weibliche Person als "Fräulein" zu bezeichnen. Das ist herabsetzend und erniedrigend. Es ist seltsam, dass ein Psychosomatiker sich so ausdrückt, es ist kaum zu glauben. Das sie in eine Krise kommt ist doch vollkommen nach zu empfinden. Sie verliert ihren sozialen Raum, strauchelt, traut sich neues nicht mehr zu. Findet am AA keine unterstützenden Berater. In der Psychosomatik muß man mit viel Zurückweisung und Diskriminierung rechnen, besonders als Frau, alleinstehend, immer noch ein Dorn im Auge der Gesellschaft. Aber sollte man in einem psychosomatischen Rahmen nicht mit ein wenig Anteilnahme rechnen können? Nein, die Erfahrungen zeigen: Hier geschieht Ausgrenzung hoch zehn, besonders gegenüber Frauen.
#4 vor 7 Tagen von Gast
  5
Gast
Ich finde, in dem Artikel ist sogar eine ganze Menge Empathie und Verständnis zu spüren. Und eben keine „Sozialpolitik im Kleinen“. Als Arzt hat man eben (auch) den Status quo festzustellen (hier Leistungsfähigkeit unter oder ab 3 Stunden täglich) und nicht die Feststellung so hinzubiegen, dass die Konsequenz der Feststellung nachher passt - ob nun in die eine oder andere Richtung. Ärzten wird wahrscheinlich derzeit nicht so schnell gekündigt, aber sie können auch schwer krank werden. Und dann verlieren sie auch das von #2 angeführte warme Nest, wenn die eigene Absicherung nicht greift oder nicht vorhanden ist. Sie fallen dann wie alle anderen ins soziale Netz. Das ist ein Auffangnetz - kein staatliches Halteseil, das von oben den erreichten Status absichert.
#3 vor 7 Tagen von Gast
  0
Gast
Ziemlich erschreckend dieser Bericht des Herren Doktor. Da ist wenig Empathie zu spüren,. ja wenn man im warmen Nest sitzt, ist so ein Schicksal unverständlich. Sollte man als Arzt aber haben, aber dieser Herr ist sowieso recht merkwürdig.
#2 vor 13 Tagen von Gast
  4
Denker
Nach 27 Jahren gekündigt ohne reale Chance auf eine neue Arbeit... Das steckt keiner weg. Und wenn dann so ein jung dynamischer Arzt glaubt das die betreffende Person doch zurecht in Hartz 4 absteigen soll, das sie alles ersparte für den aktuellem Lebensunterhalt ausgeben soll um die unsoziale Entlassung zu bezahlen, dann wird sie unter Garantie in eine massive Depression getrieben... Stellt sich für mich die Frage ob sich ein Arzt ein Erfüllungsgehilfe für Neo-liberale unsozialpolitik machen sollte. Manchmal ist Sozial und Gerecht nicht das was in den Gestztbüchern steht. Soll ein Arzt sich am Buchtaben des Gesetzes oder sein Gewissen orientieren?
#1 vor 13 Tagen von Denker (Gast)
  3
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Eigentlich ist es ja ganz einfach : Positive Zuwendung hilft die therapeutische Beziehung zu entwickeln und wird mehr...
http://www.zentrales-adhs-netz.de/fileadmin/ADHS/%C3%9Cber_das_Netz/Taetigkeit/Stellungnahmen/STN_ADHS_Cannabis.pdf mehr...
Der Einweisungsgrund war eine Somatoforme Schmerzstörung(F45.41) mit langjährigen Krankschreibungen und einem mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: