Heute mal ernst

21.10.2017
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Nachdem in anderen Medizinblogs immer wieder der eine oder andere coole und außerdem dramatische Reanimationsbericht erzählt wird, bei denen ich dann beeindruckt und zustimmend nicke, wollte ich auch mal so einen Bericht verfassen.

Also: Es war Nacht und eine ruhige Nacht außerdem. Gerade erzählte ich Herrn Bo-Mimikri, dass sein Ohr auch durch dieses Otoskop total normal aussähe. Da rief der Notarzt an. Er habe gerade einen Patienten mit schwerem Herzinfarkt eingesammelt. Plonk, landete das Notarzt-EKG in unserem In-Faxfach.

„Jaja, ein schwerer Herzinfarkt“, stimmte ich zu und orderte von der Pforte einen Kardiologen mitsamt Herzkatheter-Team. Alles lief super. Kardiologe und Herzkatheterschwester fielen unverzüglich aus ihren Betten. Knapp eine Viertelstunde später kam der Rettungsdienst auch schon blinkend die Klinikeinfahrt herein.

Wir winkten die Besatzung sofort zum Herzkatheter durch. Notarztübergabe, Umlagern des Patienten: Herr Blaum, 50 Jahre. Der Kardiologe klärte den Patienten kurz auf, die Katheterschwester deckte alles steril ab.

Im Vorraum des Katheterraums füllte ich schon mal die Aufnahmepapiere aus und meldete Herrn Blaum gleich auf der Intensivstation an. Auf den zahlreichen rumstehenden Computermonitoren sah ich, wie der erfahrene Kardiologe in kürzerster Zeit jenes Blutgefäß lokalisierte, das am schlimmsten verschlossene war und es wieder eröffnete. Es saß der Stent zum Offenhalten des Gefäßes, da überlegte ich, ob diese Blutdruckmessung gerade falsch maß oder ob der Patient wirklich so einen niedrigen Blutdruck hatte.

„Frau Zorgcooperations, können Sie mal eine Röntgenschürze anziehen und reinkommen?“

Noch während ich mir die schweren Röntgenschürze irgendeines abwesendes Kardiologen auslieh, löste der Kardiologe den Renanimationsnotruf aus. Ich stolperte röntgengeschützt in den Raum, um dann live mitanzusehen, wie sich Herr Blaums Pulsschlag auf 5 pro Minute verlangsamte und dann in eine Nulllinie überging.

Schnell einen Schemel an den hohen Kathetertisch und wir begannen zu reanimieren. Schwester Monika drückte, ich besorgte einen Ambu-Beutel zum beatmen. Jetzt ging auch auf allen meinen Telefonen der Notruf ein, der über die Zentrale ausgelöst worden war. Im wilden Piepsen erreichte uns nun der Rest des Notfallteams: Der Anästhesist und sein Komplize, der Anästhesiepfleger.

Übergabe. Ich brachte alle Telefone zum Schweigen und übernahm das Drücken. Der Reanimationsschemel war zu hoch, aber ohne ist der Tisch zu hoch. Die Röntgenschürze war sauschwer, schützte aber meine Eierstöcke zum Wohle potenzieller Kinder. Der Röntgenbogen an sich war sowieso allen im Weg, konnte aber nicht auf die Seite, weil der Kardiologe Bilder brauchte, um den Stent zu überprüfen.

Der Anästhesie wickelt sich am Röntgenbogen vorbei. Ein besserer Beatmungszugang sollte her. Sein Komplize reichte an, der Patient erbrach jetzt Blut. Die anästhesiologische Fraktion fluchte unkontrolliert, der Kardiologe auch und wenn ich nicht so nach Atem gerungen hätte, hätte ich auch geflucht.

Egal, der Tubus saß nun endlich. Der Anästhesist beschloss, dass er noch einen venösen Zugang brauchte, aber an einem kreislaufinsuffizienten Patienten bekommt man sowas nicht so einfach hin. Der Kardiologe wiederum hörte uns gar nicht zu und röntgte in unseren Beatmungspausen, um zu sehen, ob noch was am Stent zu optimieren sei.

Der Anästhesie knallte jetzt eine große Kanüle in eine Halsvene. „MAN, wir haben doch schon einen zentralen Zugang über die Schleuße an der Leiste“, schrie Schwester Monika, die das irgendwie unauffällig organisiert hatte.

Naja, jetzt hatte der Patient halt drei Zugänge. Der Anästhesist war nun frustriert. Der Kardiologe auch. „Hören Sie mal kurz auf zu drücken!“, schrie er nun, weil er sonst kein unverwackeltes Bild bekam. Der ganze Reanimationsalgorithmus war irgendwie am Arsch. Der Anästhesie-Komplize löste mich beim Drücken ab.

Inzwischen hatte sich unser Defibrillator diskonnektiert. Auch wenn wir gerade nicht defibrillierten, vielleicht wollten wir das ja in Kürze. Folglich kroch ich wild zwischen Personen, Untersuchungstisch und Röntgenbogen umher und zerrte an den beteiligten Kabel. Irgendwie ging die Übertragung des EKGs dann wieder. Der Kardiologe trat nun frustriert vom Tisch weg. Der Stent saß, mehr konnte er nicht tun. Aber die Herzkranzgefäße waren in einem insgesamt schlechten Zustand. Den Rest musste Herr Blaums Herz nun selber schaffen.

Wir taten weiter, was wir konnten. Röntgenbogen beiseite, mehr Adrenalin. Drücken. Eine Dreiviertelstunde vergeht. Wir gingen alle Gründe durch, die noch zum Kreislaufstillstand beitragen könnten. Aber da gab es nichts. Wir hörten nach einer Stunde auf. Herr Blaum war tot.

Der Kardiologe würde persönlich zu den Angehörigen gehen, die draußen warteten und die schlechte Nachricht überbringen. Ich warf alle meine Aufnahmepapiere und Pläne weg. Die Nachschwester half mir, ein Bett für Herrn Blaum zu besorgen und ein ruhiges Plätzchen im Verabschiedungsraum.

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Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 25.10.2017.

69 Wertungen (4.88 ø)
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@2,@5,@6 besser kann man es nicht kommentieren, fühle mich in alte Zeiten versetzt... trotz bester Aktion und Bemühen mit allen guten Teams den Kampf ums Überleben leider nicht erreicht. Der Bericht ist super geschrieben, fast plastisch, vielen Dank!
#9 vor 29 Tagen von Heidrun Fieber (Heilpraktikerin)
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Gast
(Ich sehe gerade ich habe einen Fehler im ersten Satz gemacht: Wir bitte wollen wir denn etwas verbessen wenn wir nicht erkennen dass Probleme wie solche existieren. Das Nicht hat sich da wohl rein gemogelt.)
#8 vor 29 Tagen von Gast
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Gast
@3 NEIN! Wir BRAUCHEN Berichte wie diese! Wie bitte wollen wir denn etwas verbessern wenn wir nicht erkennen dass Probleme wie solche nicht existieren? Was wenn einem von uns so etwas passiert, er oder sie aber nur von Berichten von "erfolgreichen, gut durchorganisierten" Reas umringt ist? Dann zweifelt man an sich selbst aber nicht an allgemeinen Missständen... oder kommt nie zur erkenntnis dass der Idealfall eben ein solcher ist: ein idealer Fall der mit der Realität kaum etwas gemein hat. Notfallmedizin und Reanimationen haben immer einen gewissen Unschärfe-Faktor und umso besser ist es wenn wir uns über die Sachen unterhalten die schief gehen oder eben nicht ideal waren oder unter Umständen stattfanden die eben alles stark verkomplizieren: ungewöhnliche Orte, fehlendes Material, kollidierende Prioritäten... wir lernen aus solchen Fällen für die Zukunft. Wenn wir verschweigen lernen wir und vor allem andere aber eben nichts. Auf dass all ihre Fälle nach Lehrbuch laufen, Kollege.
#7 vor 29 Tagen von Gast
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@3 wenn sie jemals in einem Herzkathetereingriffsraum reanimiert hätten, hätten sie niemals diesen unsachlichen Kommentar abgegeben. Man kann zur Reanimation nun mal nicht die Röntgenanlage abbauen um die Raumenge zu beseitigen. Und die Reanimation muss tatsächlich immer wieder unterbrochen werden DAMIT der Cardiologe die Chance hat zu Kathetern, damit die Reanimation überhaupt erfolgreich ausgehen kann. Also bitte: bevor unqualifizierte Kommentare abgegeben werden ERST Informieren. Der Beitrag ist klasse! Wie der ganze Blog auch! Lob!
#6 vor 30 Tagen von Dorothee Urbanke (Ärztin)
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2341 Aufrufe --> Respekt!!! Super beschrieben - man spürt die Hektik und den Stress förmlich beim Lesen. Alle geben ihr bestes - und trotzdem reicht es leider manchmal nicht aus. Schade! Ihre Einleitung/Motivation für diesen Bericht fand ich cool. An#3: Darf nur über "Heldentaten" mit gutem Ende geschrieben werden???
#5 vor 30 Tagen von Schwester Annette Latka (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Gast
Eine traurig ausgehende Geschichte, die aber auch die andere Seite in einer Klinik zeigt. Es ist eben nicht alles lustig und amüsant in einer Notaufnahme/ Station/ ... obwohl auch in dieser Geschichte blitzt an der einen oder anderen Stelle das Komische durch. Danke auch dafür. Ich lese gerne ihre Geschichten aus dem Krankenhaus rechts von Beteigeuze. Auch diese, die einmal nicht die ganz absurden Situationen in unseren Notaufnahmen und Stationen landauf - landab zeigen. Was mir an dieser Geschichte auch gefällt ist die Beschreibung der intensiven Arbeit zwischen Medizinern und Fachpflegekräften. Ich freue mich auf den nächsten Beitrag von Ihnen. Mal sehen was als nächstes in der Klinik rechts von Beteigeuze passiert ...
#4 vor 30 Tagen von Gast
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Oh, bitte sowas nicht ins Netz stellen ! Stress, Raumenge, Organisationsprobleme, alles kommt vor, ist zuweilen unvermeidbar. Besser werden, dran arbeiten aber nicht hinausposaunen wäre angemessener.
#3 vor 30 Tagen von Dr. med. Ludger Böhlen (Arzt)
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Unfallchirurg
Realistische Schilderung .. trotz schnellem und entschlossenem Agieren des Teams mit frustrierendem Ende ... leider Schockraum-Alltag!
#2 vor 30 Tagen von Unfallchirurg (Gast)
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Gast
Traurig ... furchtbar ... Realität ...
#1 vor 34 Tagen von Gast
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