Vom Wachstumsschmerz bis zur Sportverletzung

18.10.2017
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Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Vielmehr ergeben sich auf Grund des Wachstums spezifische Krankheitsbilder und deren Fragestellungen. Auch ist kein einziges Behandlungs- und Osteosyntheseverfahren exklusiv für Kinder entwickelt worden.

Ein sechsjähriges Kind schreit am Abend vor Schmerzen in seinem Knie. Die Mutter massiert das Bein und die Kniekehle. Am nächsten Morgen tollt das Kind wieder im Garten herum, als wäre nichts gewesen. Die Eltern sind beunruhigt. Solche Szenarien kommen häufig bei Kindern mit Wachstumsschmerzen vor.  

Dieses Phänomen führen Kinder sehr häufig in der Arztpraxis. Dort kann eine organische Ursache selten ermittelt werden. „Diese haben keine organisch fassbare Ursache“, sagt Professor Dr. Alexander Beck, Kongresspräsident für den Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) und Chefarzt der Abteilung für Orthopädie, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie am Juliusspital in Würzburg. „Wir müssen allerdings sehr genau prüfen, dass es keine anderen Ursachen für den Schmerz gibt“. Das Entscheidende ist der Ausschluss einer ernsthaften Erkrankung oder Verletzung. „Wachstumsschmerzen sind eine Ausschlussdiagnose“, so Beck weiter.

In einer sorgfältigen Differenzialdiagnostik müsse festgestellt werden, ob sich hinter den Schmerzen eine versteckte Fraktur, eine Entzündung, ggf. Knochentumore, kindliches Rheuma,  eine angeborene und noch unentdeckte Erkrankung der Hüfte, des Knies, des Unterschenkels oder Fußes sowie Fehlstellungen verbirgt. „Die Abklärung dieser Ursachen gehört in die Hand eines Spezialisten“, sagt Professor Beck, „weil es keine Krankheitsbilder sind, die zu den gängigen Diagnosen in einer Kinderarzt- oder Hausarztpraxis gehören.“

Typische Wachstumsschmerzen treten stets beidseitig auf. Sie erzeugen ein schmerzhaftes und klopfendes Gefühl, die in der Nacht das Kind aus dem Schlaf reißt. Wachstumsschmerzen sind keine Gelenkschmerzen. Der Schmerz tritt an den Waden auf, den Schienbeinen, den Kniekehlen und den Vorderseiten der Oberschenkel. Für die Ursachen des Wachstumsschmerzes gibt es bis heute keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse, nur Theorien. Eine dieser Theorie geht davon aus, dass die Weichteile langsamer wachsen als die Knochen. Die Knochenhaut entwickelt in dieser Zeit erhöhte Spannung, die zu schmerzen führt. Eine weitere Theorie besagt, dass der junge Knochen bei dem starken Wachstumsschub ermüdet und es so zu Schmerzen kommt. Eine dritte Theorie besagt, dass die Kinder Konflikte mit den Eltern und dem Umfeld mit Schmerzen verarbeiten. Den Wachstumsschmerz kennt man schon sehr lange. Der Begriff wurde 1832 von dem französischen Arzt Marcel Duchamp geprägt. „In Anbetracht der Tatsache, dass die Diagnose Wachstumsschmerz außerordentlich häufig ist, ist die internationale Literatur dazu sehr dürftig.“ sagt Professor Beck

Knochenbrüche im Kindes- und Jugendalter erfordern spezielle Kenntnisse, da die Knochen gegenüber Erwachsenen durchaus schneller zusammen wachsen, aber durch die enorme Dynamik sich rascher umbilden. „Man muss diese Dynamik und deren Wirkung auf das kindliche Skelett kennen, um Knochenbrüche bei Kindern und Jugendlichen gut versorgen zu können“, sagt Professor Beck. „Erschwerend kommt hinzu, dass kein modernes Behandlungsverfahren exklusiv für Kinder und Jugendliche entwickelt worden ist.“

Bei der Behandlung von Frakturen im Kindes- und Jugendalter gibt es Vor- und Nachteile. Ein Vorteil ist, dass die Frakturen durch das schnelle Wachstum zusammen wachsen. Es gibt häufig eine Korrektur der Beinachsen. Nachteil ist, dass Wachstumsstörungen auftreten können. Dieses kann zu Beindifferenzen führen.  

Die meisten Kinder und Jugendlichen verletzen sich beim Sport. Oft ist dieses auf ein falsches Training, zu geringe Aufwärmzeit und Dehnungsübungen sowie falsche Übungen zurückzuführen. „Wir müssen den Kindern und Jugendlichen schon frühzeitig vermitteln, dass man beim Sport auch einiges falsch machen kann und dass nur ein gutes Training vor Verletzungen und Überlastungen schützt“, sagt Professor Beck, der seit 2012 Verbandsarzt der Freiwasserschwimmer im Deutschen Schwimmverband ist. „Nur so sorgen wir dafür, dass den Kindern der Spaß an der Bewegung erhalten bleibt, dass sie sicher und verletzungsfrei trainieren. Damit sammeln sie positive Erfahrungen im gemeinsamen Sport und bei den Wettkämpfen und wachsen an diesen Erfahrungen.“

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.10.2017.

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