Rehkitze gibt es genug

17.10.2017
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Kollegin Frischling ist ein entzückendes Rehkitz. Wissbegierig, neugierig, ambitioniert, motiviert. Die helfende Hand im Team. Das unsichtbare, intelligente, kleine Wesen, das irgendwie immer da ist. Überall herum tollt und alles in sich auf saugt wie ein Schwamm.

Das Reh springt von der Notaufnahme auf Station, in den OP, zurück in die Notaufnahme, zur Sekretärin und verweilt dann bis spät abends vor dem PC, um die übrig gebliebenen Arztbriefe zu diktieren. Den Kollegen Mc Sexy, Oberfeldwebel und Co. fällt sie nicht weiter auf. Außer, dass die wegen ihm weniger unangenehme Arbeit erledigen müssen.

Die Viggos sind am Nachmittag alle schon gelegt, die Aufklärungen erledigt und am frühen Morgen die liegen gelassenen Arztbriefe wie von Geisterhand geschrieben. Das Reh nimmt auch keinen Urlaub. Dass die Urlaubspläne für das Jahr schon fertig sind, fällt ihm erst im August ein. Wenn es heiß wird, und die Freunde Bilder vom Strand schicken.

Die Antwort „Nein“ gibt es im Wortschatz des Rehs nicht.

„Ja, selbstverständlich bleibe ich noch etwas länger, Herr Oberarzt.“

„Natürlich kann ich den Wochenenddienst übernehmen, Kollege.“

Das Reh wird allerdings immer schwächer und dünner. Die Haare werden dünn und die Knochen unter den Scrubs sichtbar. Ohne Schlaf und ohne regelmäßiges Essen gibt es keine Regeneration. Irgendwann wird auch das strebsamste Reh müde. Und dann kommt die Stunde der Wahrheit. Wird das Rehkitz nun zur Hirschkuh oder nicht. Natürlich muss es diese Entscheidung selbst fällen.

Aber da gibt es ja glücklicherweise noch einige Hirsche im Feld, die immer ein Auge auf die heranwachsenden Zöglinge haben. Die im OP irgendwann die Haken halten und dem Rehkitz das Skalpell übergeben. „So, Frau Frischling. Dies ist ihre OP. Ich bin ihr Assistent. Legen Sie los.“ Und sollte ein Problem auftreten, dem Rehkitz einen kleinen Stups geben. „Ja, ich sehe, dass die Reposition geschlossen nicht geht. Was machen Sie jetzt? Entscheiden Sie sich. Ich bin nur ihr Assistent.“

Die Hirsche, die sich im Schockraum hinter das Rehkitz stellen und ihr das Wort überlassen. Weil sie wissen, dass man nur so besser in seinem Job wird. Kollegin Frischling ist diese Woche zur Hirschkuh geworden. „Nein, Kollege Oberfeldwebel. Ich kann morgen nicht die Station übernehmen. Ich stehe mit Oberarzt Hirsch den ganzen Tag im OP. Da muss jemand anderes die Stationsarbeit erledigen.“ Es sollte mehr solcher Hirsche im Feld geben. Rehkitze gibt es genug.

 

Bildquelle: Yos C. Wiranata, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.10.2017.

58 Wertungen (4.48 ø)
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Gast
1)Unfallchirurgin und Mutter wollte sicher keine Dissertation über Terminologie im Tierreich schreiben, all Ihr Besserwisser. 2) nicht umsonst heißt es die "Kollegin" Frischling; ohne diese Kolleginnen würde manch operativer "Laden" kollabieren - nur mit Kollegen "McSexies" und "Feldwebel"(die natürlich Superoperateure sind) kann eine chirurgische/orthopädische/urologische etc. Abteilung nicht funktionieren. Das große Missverständnis: eine Chefarztfigur/Abteilung sollte nicht eine"Ausbildungsberechtigung", sondern eine "Ausbildungsverpflichtung" haben! Was natürlich auch impliziert, dass gelegentlich vielleicht ein wohlwollender(!) Rat zum Wechsel der Disziplin gegeben werden muss.
#12 am 22.10.2017 von Gast
  4
Das Festbeißen an der Wildbiologie ist m.W. keine ärztliche Tätigkeit. Das kann man getrost den Wildbiologen überlassen ;-)
#11 am 21.10.2017 von Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast (Biologe)
  7
Gast
Man lernt nicht aus - wie man hier feststellen kann... ;-)
#10 am 21.10.2017 von Gast
  0
Sehr geehrter Kollege Schätzler, Vater Hirsch ist einfach nur "Hirsch", ohne "Bock", Böcke gibt´s bei den Rehen - und anderswo.
#9 am 21.10.2017 von Heinz-Jürgen Mäckler (Arzt)
  1
Gästin
Biologie beiseite - voll lieb der Artikel .
#8 am 21.10.2017 von Gästin (Gast)
  4
Gast
Mit diesem Artikel sprechen Sie mir ganz und gar aus dem Herzen! Besten Dank dafür!
#7 am 21.10.2017 von Gast
  1
Genau. Und Bambi ist als Rehkitz ein Kind von Hirscheltern, weil die Reheltern Disney zu mickrig waren ;-)
#6 am 21.10.2017 von Sylvia Robinson (Ärztin)
  3
Frischling ist das Kind von Mutter Wildschwein-Sau und Vater Wildschwein-Eber. Ferkel ist das Kind von Mutter Hausschwein-Sau und Vater Hausschwein-Eber. Rehkitz ist das Kind von Mutter Reh-Kuh und Vater Reh-Bock. Hirschkalb ist das Kind von Mutter Hirsch-Kuh und Vater Hirsch-Bock. Und Seekühe heißen immer See-Kühe, egal ob Kind, Mutter oder Vater. ;-)
#5 am 21.10.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  16
Gast X
Wie wahr wie wahr... Leider gibt es immer noch Häuser in denen Rehkitze niemals zu Kühen oder Hirschen werden sondern einfach so lange ausgebeutet werden bis sie entweder eingehen oder gehen. Liebe Kitze, sucht Euch eine Waldlichtung wie diese wo man Euch nicht nur fordert sondern auch fördert, wo ihr artgerecht behandelt werdet und nicht wie nachwachsender Rohstoff. Solche Kliniken gibt es auch, die Suche lohnt sich.
#4 am 20.10.2017 von Gast X (Gast)
  1
Werner Wöhrle
Frischlinge sind die Jungtiere von der Wildsau. Wildsäue bräuchte es dringend mehr im Arbeitsleben... ...anders ist es bei den Sklaventreibern....ähhhh....Arbeitgebern oft nicht auszuhalten...
#3 am 20.10.2017 von Werner Wöhrle (Gast)
  9
Gast
#1 Frischlinge sind auch keine Jungtiere vom Hirsch - aber ich glaube, darum geht es hier gar nicht. Oder? :-)
#2 am 20.10.2017 von Gast
  1
Rehkitze sind nicht die Jungtiere vom Hirsch.
#1 am 20.10.2017 von Nadine Stein (Tierärztin)
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