Patient sein schlaucht

16.10.2017
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Herr L. ist Dauergast bei uns. Manchmal bin ich mir kurz nicht sicher, ob er noch immer oder schon wieder Patient bei uns ist. Er ist mittelalt und krank. Angefangen hatte es mit einer Transplantation.

Dann Transplantversagen, Sepsis, Teilresektion des Organes, Galleleckage, wieder Fieber … ein absoluter Albtraum. Doch er ist tapfer. Erholt sich von allen Rückschlägen, langsam, aber stetig. Und dann stehe ich am Wochenende bei ihm am Bett, zur Visite.

Herr L.: „Ich möchte, dass Sie einmal in der Position sind, in der ich mich jetzt befinde.“

Ähm … nein danke?

Er blickt auf all die Schläuche, die an ihm hängen.

Zu Hause habe ich noch einmal Zeit, über das Gesagte nachzudenken. Es ist ja nicht so, dass wir Patienten absichtlich so verkabeln. Weils so lustig ist. Oder uns langweilig. Und dennoch: Alleine bei Vorstellung, wochen- oder monatelang im Krankenhaus zu liegen, gruselt es mir.

Zweier- oder Viererzimmer, dauernd das Husten, Schnarchen und Stöhnen der Zimmerkollegen. Piepsende Perfusoren, mehrmals tägliches Blutdruckmessen, 20 Tabletten am Tag schlucken. Dazu kommt ein zentraler Venenkatheter, der aus dem Hals ragt. Eine PDA und der obligatorische Blasenkatheter. Überlappend zur parenteralen Ernährung eine Nasojejunale Sonde mit Sondenkost. Ein VAC-Verband. Zwei Abdominaldrainagen. Eine Thoraxdrainage. Acht Schläuche, an denen man hängt.

Ja, krank sein ist nicht lustig und ein Krankenhaus kein Wellnesshotel. Trotzdem werde ich die Notwendigkeit eines Katheters, einer Drainage oder eines Medikamentes von nun an noch genauer evaluieren.

Bildquelle: continentcontinent.cc, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 17.10.2017.

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Gast
Sehr eindrücklicher Bericht. Empathisch Entscheidungen treffen ohne das medizinisch notwendige zu vernachlässigen - das ist genau so, wie ich es mir als Patientin wünschen würde. Weiter so.
#4 am 19.10.2017 von Gast
  0
Gast, der sonst erkannt wird
Wirklich einmal am anderen Ende liegen ist eindrucksvoller als jede Vorstellungskraft. Angefangen von Ärzten, die einen für einen Simulanten halten, dann gehetzte und genervte Krankenschwestern, überall die Kabel, man kann sich nicht beim Schlafen drehen, der Krankenhaustag dauert gefühlte 50 Stunden, der Nachtschlaf 2 Stunden, der einzige Rhythmus ist Frühstück, Mittagessen und Abendbrot, die Schmerzen, die nicht weggehen. Der ChA, der sich schlichtweg weigert, einen abweichenden Laborwert als Zeichen für eine Diagnose zu werten, die ich dann schließlich selber gestellt habe und die dann auch die Lösung war. - Wohlgemerkt: Das ist alles keine Kritik, das sind keine Vorwürfe. Aber auf der Patientenseite möchte ich nicht wieder landen.
#3 am 19.10.2017 von Gast, der sonst erkannt wird (Gast)
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Wenn wir Zeit dazu haben, sind wir das auch. Aber das ist leider auf der Intensivstation selten so.
#2 am 17.10.2017 von Lydia Wolf (Ärztin)
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Das sollte jeder, der in Medizin am Patienten tätig ist- mal wirklich paar Minuten sich als Patienten vorstellen. Wir würden geduldiger werden.
#1 am 17.10.2017 von Gerda Cencipere (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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