HIV-Prophylaxe: Ein unmoralisches Angebot?

16.10.2017
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Jahrelang hat der Kölner Apotheker Erik Tenberken daran gearbeitet, ein günstiges Medikament zur HIV-Prophylaxe auf den Markt zu bringen. Jetzt gelang der Deal mit Hexal: Eine Monatsdosis ist nun für 50 Euro statt bislang 600 Euro zu haben. Weiß er, dass das auch riskant werden könnte?

Es wird zum Teil medial gefeiert, als hätte die Welt darauf gewartet. Erik Tenberken, ein Apotheker aus Köln, hat mit HEXAL einen Deal gemacht und verkauft künftig deren HIV Medikament, das eigentlich für die Therapie gedacht war, umgepackt als HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Das Generikum kostet nur etwa 50€ statt für 600€ pro Monat. Er (und 6 weitere Apotheker) kaufen die Tabletten beim Hersteller als Bulkware ein und lassen sie dann à 28 Stück für den Verkauf blistern.

Die Apotheken verdienen daran laut Aussage von Herrn Tenberken nichts mehr. Man mache das aus Überzeugung. Ich glaube ihm das sogar, aber bei diesen Preisen kann man sich in etwa vorstellen, wie viel der Hersteller eigentlich an den HIV-Medikamenten verdient und wie wenig die Tabletten in der Produktion kosten müssen. Das klingt schon fast unmoralisch, wenn man sich das mal durch den Kopf gehen lässt. Kein Wunder, dass nicht unter Hochdruck überall versucht wird, ein Heilmittel für HIV zu finden. Wozu denn, wenn man die Krankenkassen für die Infizierten so schön melken kann.

Alles andere als neu

Ist das jetzt böse oder nur realistisch? Sei es drum. Eigentlich wollte ich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des ganzen Projektes an sich stellen. Auch wenn es mir keiner glauben mag: Es gab sie bereits vorher, diese HIV PrEP! Und billiger war sie auch! Und sie hat auch noch gegen andere sexuell übertragbare Krankheiten geholfen! Das nannte sich „Kondom“ und war in meinen Augen verdammt noch mal sinnvoller, als einen gesunden (!) Menschen den zahlreichen Nebenwirkungen dieses Medikamentes auszusetzen. Mal davon abgesehen, dass es auch noch Hepatitis B, Hepatitis C, Syphilis, Herpesviren, Tripper, Chlamydien, Zytomegalie und diverse andere Erkrankungen gibt, gegen die ein Kondom ebenfalls helfen würde. Die verbreiten sich dann nämlich fröhlich weiter, wenn jetzt wieder „unten ohne“ gefeiert wird.

Der Druck steigt

Auch die Sexarbeiterinnen dürften unter einem erhöhten Druck stehen, auch wieder tütenlos unterwegs zu sein – der Freier ist ja vielleicht schon geschützt. Und auf die Damen und Herren des horizontalen Gewerbes nimmt man wohl zuletzt Rücksicht. Zunächst wird das Programm wohl nur von ausgewählten Ärzten und Apothekern unterstützt. Es ist nämlich noch nicht ganz klar wer genau die Therapiekosten zahlt. Die Tabletten wird der Patient wohl selbst übernehmen, aber wer trägt die Arztkosten? Die Krankenkassen?

Alles in allem scheint das Projekt noch nicht zu Ende gedacht zu sein, aber vielleicht erschließt sich mir der tiefere Sinn dahinter einfach nicht. Für Paare bei denen nur einer von beiden HIV positiv ist wäre es ja auch nicht sinnvoll. Die Virenlast bei unter Therapie stehenden Infizierten liegt ja in den meisten Fällen unter der Nachweisgrenze, somit ist der Einsatz von derart nebenwirkungsintensiven Medikamente für den gesunden Partner nicht angezeigt. Ich für meinen Teil glaube, auch wenn man nicht viel Geld braucht, um sich die neue Prävention leisten zu können ist der Preis den man vielleicht irgendwann dafür zahlt einfach zu hoch!

Bildquelle: Kevin Dooley / flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 17.10.2017.

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Gast
@17 Es gibt Fälle. Und klar merken das die betroffenen aber manchmal ist es dann zu spät. Sicherlich ist das kein Massenphänomen aber es gibt viele Berichte von dieser Art von Täuschung, besonders wenn die entsprechende Frau jung und unerfahren ist. (Übrigens, ich bin auch weiblich. Und nein, nicht jede Frau kann das sofort fühlen.)
#18 vor 30 Tagen von Gast
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Gast
#10 Ist das Ihr Ernst oder war das Satire? 1. Frauen sind keine per se intelligenzgeminderten Menschen, die eines besonderen und entmündigenden Schutzes bedürfen. Die können auch einfach selbst kontrollieren, ob das Kondom da ist, wo es hin soll. 2. Ich (weiblich) unterstelle, dass jede halbwegs erfahrene Frau jenseits des 14. Lebensjahres den Unterschied zwischen mit und ohne sehr gut bemerkt.
#17 vor 33 Tagen von Gast
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Die passende Literatur dazu? Das Deutsche Ärzteblatt berichtet dazu aktuell unter https://m.aerzteblatt.de/news/82972.htm "Die Präexpositionsprophylaxe, die weithin als effektive Methode zur Eindämmung der HIV-Epidemie in der MSM-Risikogruppe angesehen wird, könnte sich nach einer Berechnung in Lancet Infectious Diseases (2017; doi: 10.1016/S1473-3099(17)30540-6) nach etwa 40 Jahren als kosteneffektiv erweisen. Sollten die Kosten der Medikamente nach Ende des Patentschutzes um 80 Prozent sinken, könnte der Zeitpunkt bereits nach 20 Jahren erreicht werden." Mein Kommentar: dr.med.thomas.g.schaetzler am Freitag, 20. Oktober 2017, 10:33 "Dr. Seltsam - oder wie ich lernte die HIV-Zeitbombe zu lieben?" - Wenn der DÄ-Titel lautet: "Präexpositions­prophylaxe bei MSM könnte schon nach 20 Jahren Kosten einsparen", es aber im Fließtext des Deutschen Ärzteblattes (DÄ) dann heißt: "Die Präexpositionsprophylaxe, die weithin als effektive Methode zur Eindämmung der HIV-Epidemie in der MSM-Risikogruppe angesehen wird, könnte sich nach einer Berechnung in Lancet Infectious Diseases (2017; doi: 10.1016/S1473-3099(17)30540-6)
#16 vor 34 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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nach etwa 40 Jahren [unter Berücksichtigung eines absurd-fiktiven Einsparpotenzials von 80 Prozent schon nach 20 Jahren]...als kosteneffektiv erweisen"...kann man(n) schon ob dieser widersprüchlichen Angaben ins Grübeln kommen. Wenn es dann noch in "Cost-effectiveness of pre-exposure prophylaxis for HIV prevention in men who have sex with men in the UK: a modelling study and health economic evaluation" von Valentina Cambiano et al. lautet: "...the underlying trend in condomless sex" fragt man(n) sich schon, ob hier der Kondom-freie Sex in HIV-Hochrisikogruppen eher gefördert oder gleich akzeptiert werden soll? Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
#15 vor 34 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Es geht PTAchen ja auch nicht um den "Moralischen", sondern um eine Risikoeinschätzung. Sonst hätte sie wahrscheinlich ein Hohelied auf die geschlechtliche Enthaltsamkeit verfaßt (man verzeihe mir diesen Kalauer).
#14 vor 36 Tagen von Gast
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Gast
#13 vor 36 Tagen von Gast
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Gast
Die gleiche "Zielgruppe", die sich mit HIV infiziert ist doch auch Hepatitis C gefährdet, oder? Wiegt man diese mit einer HIV PrEP nicht in der falschen Sicherheit, dass ungeschützter Sex ungefährlich ist? Mal ganz ohne moralischen Zeigefinger?
#12 vor 36 Tagen von Gast
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Sieht man PrEP nicht durch die Moral-Brille, ist es eine effektive Möglichkeit im Kampf gegen HIV. Hier werden Zielgruppen erreicht, die gute Ratschläge und Aufklärung nicht erreichen und auf Dauer dem Gesundheitswesen hohe Kosten erspart. http://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(17)30540-6/fulltext
#11 vor 36 Tagen von Oliver Dubben (Apotheker)
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Gast
Ich finde das Projekt jetzt nicht SO schlecht. Sexueller Kontakt ist schließlich nicht die einzige Möglichkeit sich mit HIV an zu stecken. Und es ist immer gut ein Medikament in der Hinterhand dafür zu haben. An einem Punkt nur stimme ich dem Artikel zu: Ein HIV Medikament ist kein Ersatz für das Kondom. Da muss halt Aufklärung, Aufklärung und noch mehr Aufklärung dazu. (Außerdem wäre es gut wenn Sachen wie Täuschung der Frau im Bezug auf Kondombenutzung strafbar wird. Man glaubt es kaum aber es gibt genug Männer die die Tüte "rascheln" lassen und dann doch ungeschützt "Weil es besser ist" die Sache an zu gehen... ungeachtet der Risiken für beide Parteien dabei.)
#10 vor 36 Tagen von Gast
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Gast
#8: da gäbe es dann das Äquivalent zur "Pille danach" - die Postexpositionsprophylaxe, oder?
#9 vor 36 Tagen von Gast
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Gästin
Frau Seibel: es ist doch das gleiche wie mit der Verhütung. Wenn man S** haben will schaltet das Hirn aus, besonders die Männer lehnen Kondome ab und die Frauen lassen sich das gefallen... und hinterher muss es dann die „Pille-danach“ sein. Bei HIV denkt auch keiner mit, „ohne Gummi fühlt es sich besser an“. Na toll. Da kann es noch so schreckliche tödliche Konsequenzen geben diese Dummheit stirbt nie aus.
#8 vor 36 Tagen von Gästin (Gast)
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Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand nur deswegen auf Kondome verzichtet, weil er zuhause Tabletten im Schrank hat, die er regelmäßig nehmen muss, und die starke Nebenwirkungen haben!
#7 vor 36 Tagen von Alice Seibel (Apothekerin)
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Gast
Es gibt einfach zuviel Menschen die so oder so ohne Kondom Sex haben werden, egal was die Risiken sind. Da braucht man sich normal in Berlin umzugucken! Dort kann dann wenigstens die weitere Infektion und Streuung der Krankheit entgegnet werden.
#6 vor 36 Tagen von Gast
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Fragender
Auch mir erschließt sich der Sinn nicht, selbst nach dem durchlesen der Zielgruppe dieses Medikamente und anderen Informationen durch die Aidshilfe: https://www.aidshilfe.de/anwendung-hiv-prep#tab-2 Vielleicht mögen Sie uns aufklären, Herr Dubben?
#5 vor 37 Tagen von Fragender (Gast)
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Sie sagen es. Der Sinn der PrEP erschließt sich Ihnen nicht. Dann wäre es allerdings besser, sich VOR dem Verfassen eines Artikels zum Thema mit der Materie zu befassen.
#4 vor 37 Tagen von Oliver Dubben (Apotheker)
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Margret
Es gibt sicherlich individuelle Gründe, eine medikamentöse Prophylaxe gegen HIV-Infektionen durchzuführen. Wer gefährdet ist und sich damit wohler fühlt, sollte Zugang dazu haben - immerhin auf eigene Kosten! Truvada kann aber kein Kondom ersetzten! Es wäre allerdings sehr wünscheswert, wenn nicht nur wir in der reichen "1. Welt" uns die Pillen zur Prophylaxe leisten können sondern dass auch die Betroffenen / Infizierten Zugang zur sicheren HIV-Therapie hätten, die diese zurzeit oft nicht finanzieren können - und oft noch durch Arzneimittelfälschungen abgezockt werden. Eine andere Frage fällt mir auch noch ein: Ist die Bulkware ein im deutschen Markt verkehrsfähiges Arzneimittel? Bulkware z.B. für die maschinelle Verblisterung ist entsprechend geprüft und zugelassen. Gilt das für Truvada-Bulkware? Und zur Verblisterung von Truvada fallen wir noch viele Fragen z.B. Crosskontamination in der Maschine, Reinigungsvalidierung etc. ein. Wie stehts damit? Ganz so simpel, wie es dargestellt wird, ist diese Angelegenheit nicht. Im Sinne derer, die dieses Medikament wirklich brauchen, hoffe ich, dass der Sicherheit genüge getan wird.
#3 vor 37 Tagen von Margret (Gast)
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Gast
Nach solchen Berichten: http://www.netz-trends.de/id/5306/Gilead-Sciences-Nettogewinn-2015-von-18-Mrd-Dollar---49/ und der Tatsache, dass sich Truvada seit über 10 Jahren auf dem Markt befindet ist die Autorin wohl davon ausgegangen, dass sich das Produkt inzwischen mehr als amortisiert hat. Somit kann ich nichts "initial unterirdisches" am Bericht finden.
#2 vor 37 Tagen von Gast
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Gast
Das Thema ist eigentlich zu wichtig, um es derart sachlich dünn zu verunglimpfen. Bei allem Respekt, liebe Autorin. Am Ende wird es im Artikel interessant, initial unterirdisch! Als PTA sollten Sie wissen, was Forschung, Entwicklung und Zulassung eines neuen Medikaments kosten. Da hat man schnell eine Zahl mit 8-9 Nullen! Diese Investition muss auch wieder eingespielt werden, deshalb die hohen Preise zu Beginn. Wenn Sie es unmoralisch finden, an der Krankheiten der Menschen Geld zu verdienen, sind Sie definitiv im falschen Job. Auch der Arzt und Sie verdienen daran. So ist das System. Und ja, Herr Apothekenhasser, die Versandapotheke verdient auch daran! Jetzt verteidige ich schon die Pharmaindustrie!
#1 vor 37 Tagen von Gast
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Kürzlich erreichte mich eine Frage, über die ich erst einmal nachdenken musste: Wie groß ist die Gefahr für mehr...
Immer wieder spreche ich ja das Thema der langweiligen Apothekenschaufenster an – eine englische Apothekerin hat mehr...
Ich teile einfach diesen Sinn für Humor nicht und finde ihn in einer Apotheke schlicht unangebacht. Klosterfrau mehr...

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