Kapsel-Urteil: Rezeptur darf man nicht sagen

11.10.2017
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Wenn man Kapseln herstellt, darf man dies nicht als Rezeptur bezeichnen, so hat das Hamburger Landgericht entschieden. In meinen Augen eine Frechheit. Das Anfertigen von Kapseln erfordert oft mehr Konzentration als das Mischen alltäglicher Rezepturen.

Ein Kapselrezept zur Anfertigung ist in der Rezeptur mit das Aufwendigste, was wir herzustellen haben. Die Vor- und Nachbereitung, Dokumentation und Herstellung dauert mindestens eine gute Stunde, und man ist sich ständig darüber bewusst, dass man das Wohl und Wehe eines Patienten in den Händen hält.

Eine Rezeptur braucht viele Nerven

Wir haben beim Endprodukt nicht wie bei einer Salbe oder einer Lösung direkt vor Augen, ob wir alles richtig verteilt haben. Die Qualität unseres Produktes ist nur dann sichergestellt, wenn wir uns exakt an die Herstellungsvorschrift halten. Hier ist es mehr denn je wichtig, ohne Unterbrechungen, Ablenkungen oder Luftzug zu arbeiten, und bei mir fällt wirklich merklich eine innere Anspannung ab, wenn ich die Kapseln endlich fertig verpackt ablegen kann – im Besonderen wenn es beispielsweise Spironolacton-Kapseln für ein herzkrankes Baby sind.

Weil es so viele Fehlerquellen gibt, prüft das ZL auch regelmäßig bei Ringversuchen, ob in den Apotheken bei der Kapselherstellung korrekt gearbeitet wird. Die ABDA hat hierzu auch ein kleines Informationsvideo erarbeitet in dem die Herstellung sehr gut beschrieben wird.

Freche Entscheidung vom Landgericht Hamburg

Der langen Vorrede kurzer Sinn: Warum schreibe ich das alles? Ganz einfach, das Landgericht Hamburg hat kürzlich festgestellt, dass man eine Kapselherstellung nicht als Rezeptur bezeichnen könne, da ja „nur ein Wirkstoff portioniert“ werde. Einem hessischen Apotheker wurde wegen fahrlässigen Handelns angeklagt und legt nun Berufung ein. Ich bin ehrlich erschüttert über so viel fachfremde Arroganz. Wie kann man offensichtlich ohne über die Kapselherstellung in einer Apotheke Bescheid zu wissen, behaupten, man könne ja auch den „Wirkstoff einfach in ein Joghurt einrühren oder sublingual verabreichen“? Erstens ist unklar, ob diese Begründung (die im Urteil steht) überhaupt so haltbar ist, zweitens ist es eine Frechheit, zu behaupten, eine Herstellung von Kapseln wäre keine Rezeptur.

Werbung? Nein. Rezeptur? Unter Umständen.

In welchem Umfang nun der hessische Apotheker im Vorfeld „Werbung“ für die verschreibungspflichtigen Kapseln gemacht hat, weiß ich nicht – das ist tatsächlich vom Heilmittelwerbegesetz her verboten und strafbar. Was sich mir allerdings noch nicht erschließt, ist die Tatsache, dass wir ja einem Kontrahierungszwang unterliegen, sobald wir ein ärztlich ausgestelltes Rezept von einem Kunden ausgehändigt bekommen. Da kann man doch den Apotheker nicht für die Belieferung desselben bestrafen, oder? Außerdem verstehe ich sehr wohl die Probleme, die die Herstellerfirma damit hat, wenn ein Apotheker die Produkte einfach nachbaut, obwohl sie noch patentgeschützt sind.

Nur werden diese Kapseln wohl nur in der 150-mg-Variante vertrieben – was macht nun ein Arzt, wenn er ein Kind behandeln muss, das nur 30 mg als Tagesdosis verträgt? Alles in allem bleiben mehr Fragen als Antworten nach diesem Prozess offen. Ich hoffe, dass die zweite Instanz sich mit der Materie eingehender auseinandersetzt und da differenzierter urteilt! Werbung um der Herstellerfirma Patienten abzuluchsen – nein! Aber rezepturmäßige Herstellung von individuell auf den (eventuell sehr jungen oder allergischen) Patienten abgestimmten Wirkstoffkapseln – JA!

 

Bildquelle: philm1310, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.10.2017.

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Gast
In meinen Famulaturen haben die Apotheker auch noch ab und zu die Rezeptur gemacht.
#11 am 16.10.2017 von Gast
  1
Manfred L. DIETWALD
Im Bereitschaftsdienst wird wohl mancher Apotheker in Langeweilezeiten auch Kapseln füllen, damit die PTA's in Stoßzeiten entlastet sind.Protokollieren und unterschreiben fällt somit leichter.
#10 am 16.10.2017 von Manfred L. DIETWALD (Gast)
  3
Gast
Der PTAs bitte, nicht der Apotheker ;) Die Zeiten in denen der Apotheker noch persönlich irgendwas angefertigt hat sind endgültig vorbei. Von daher volle Zustimmung für Kommentar 1!
#9 am 16.10.2017 von Gast
  6
sollte doch jeder Apotheke Spaß machen, ist doch exakt die Arbeit der Apotheker
#8 am 15.10.2017 von Ursula Fahrbach (Heilpraktikerin)
  1
Manfred L. DIETWALD
Nachschlagen ist ausser bei Büchern und Ähnlichem eine strafbare Handlung. Ein Richter soll nun verknüpfen, was per Internet leichter geschieht und dann interpretieren, was nur er entscheiden darf, um Recht zu schaffen. Ein(e) PTA oder Apotheker(in) muss recht schaffen, um Kapseln herzustellen mit Hilfs- und Wirkstoffen. Ein Laie kann diese Aufgabe nur noch teurer lösen, so wie Richter, denn sie sind Beamte (ohne Verantwortung für die Wichtigkeit)!
#7 am 14.10.2017 von Manfred L. DIETWALD (Gast)
  8
Mich erschüttert, mit welcher Hybris die Justiz über Ding urteilt, von denen sie nicht den Hauch einer Ahnung hat, ohne sich vorher überhaupt mal mit der Materie beschäftigt zu haben. Wäre ja auch zu einfach, einfach mal den Berufsstand zu fragen, der sich mit ABSTAND am besten damit auskennt! STAND
#6 am 13.10.2017 von Rolf K. Becker (Apotheker)
  3
Heiko Barz
Ich bin mal gespannt, was die ABDA zu sagen hat. Sie wird das in merkelscher Art aussitzen.
#5 am 13.10.2017 von Heiko Barz (Gast)
  2
Gast
Zu 3: Ist das Ihr Ernst? Vergleichen Sie mal den Preis von 100g Betagalen mit 100g Betamethasonvalerat in Basiscreme. Oder die ganzen unsinnigen Nasensalben, wo es eine Tube Emser Nasensalbe auch tun würde. Billiger und wesentlich einfacher ist es, ein FAM zu verordnen als eine Rezeptur.
#4 am 13.10.2017 von Gast
  11
Gast
Hehe, genau, spätestens wenn die Krankenkassen dann den Preis für eine vom Hersteller individuell angefertigte Stärke bezahlen dürfen ist das o.g. Mittel ganz schnell wieder eine Rezeptur die von der Apotheke herzustellen ist. Fast jede Creme die verschreibungspflichtig ist ist durch uns hergestellt billiger als ein FAM gleicher Zusammensetzung, individuelle Stärke vom Hersteller angefertigt, das wird teuer ;) Ein einmaliger Zustand wie ich immer wieder im Bezug auf unsere Allgemeinwohlpflicht Rezeptur finde, Maßanfertigung deutlich billiger als Stangenware, Maßanfertigung vom Stangenwarenhersteller unerschwinglich.
#3 am 13.10.2017 von Gast
  6
Es ist ja hinreichend bekannt, daß Juristen von Haus aus von allem etwas verstehen. Zusätzlich können sie dann auch noch Gesetze und Kommentare zu Rate ziehen. Das scheint hier aber nicht geschehen zu sein, denn der Gesetzgeber hat längst festgelegt, was eine Rezeptur ist. Aber letztendlich sind auch Juristen nur Menschen und damit fehlbar. Wie tröstlich!
#2 am 13.10.2017 von Apotheker Hans-Joachim Kippe (Apotheker)
  1
Gast
Die Herstellung von Kapseln ist wahre pharmazeutische Handwerkskunst und gehört in die Hände fähiger PTAs. Im Zweifelsfall müssen wir alles herstellen können, von Augentropfen bis zum Zäpfchen. Das Urteil ist nicht nachvollziehbar!
#1 am 13.10.2017 von Gast
  4
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