Das Ende einer Aura – Teil 1

11.10.2017
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Angefangen hat es, als sie gerade 20 geworden war. Sie stand am Busbahnhof und sah plötzlich die Zeiger der Bahnhofsuhr verschwommen. Je angestrengter sie schaute, desto mehr wurde ihr bewusst, dass das Bild flimmerte und die Größe des flimmernden Zackenkranzes vor ihren Augen stetig zunahm.

Gleichwohl konnte sie die Uhrzeit lesen, aber es kostete Kraft, und eine Panik vor dem Unbekannten stieg in ihr auf. Panik, das Bewusstsein zu verlieren, Panik, auf den Bussteig nieder zu sinken.

Sie arbeitete zu dieser Zeit im Kinderkrankenhaus im Pflegepraktikum, ihre medizinischen Kenntnisse waren begrenzt. Ein zu niedriger Blutdruck oder Blutzuckerspiegel? Eine Multiple Sklerose? Ein Schlaganfall? Nach circa 20-30 Minuten war der Spuk beendet und sie hoffte, es bliebe eine einmalige Angelegenheit.

Genau eine Woche später ging sie mit ihrem Freund ins Kino. Wieder kam es zur gleichen Situation, nur dass sie diesmal entspannt in einem Kinosessel saß und damit Kreislaufprobleme sehr unwahrscheinlich wurden. Mit Beginn des Hauptfilmes bebte ihr Gesichtsfeld in einem Flimmerfinale und verschwand dann so plötzlich, wie es gekommen war. Ein leichter Kopfdruck machte sich breit und blieb den ganzen Film über bestehen: „Nach 5 im Urwald“ mit Franka Potente. Eine deutsche Komödie, sie hatte viel gelacht und ihre Sorgen vergessen.

Der erste Arzttermin

An das dritte Mal, ebenfalls exakt eine Woche später, erinnert sie sich nicht mehr detailliert. Es führte aber dazu, dass sie einen Arzttermin vereinbarte. Da ihr Gesichtsfeld betroffen war und damit ihr Sehvermögen, suchte sie einen Augenarzt auf. Dieser nahm sich viel Zeit mit seiner 20-jährigen Patientin, führte eine Perimetrie (Gesichtsfelduntersuchung) durch, spiegelte ihren Augenhintergrund und teilte sie anschließend mit, hierbei handele es sich um einen normalen degenerativen Prozess. Die Symptome seien Zeichen eines Alterungsprozesses, sie solle sich weiter keine Sorgen machen. Da man sich gemeinhin mit 20 Jahren in der Blüte seines Lebens befindet, schienen ihr seine Worte sehr befremdlich, seine Entwarnung bezüglich ihres Gesundheitszustandes führte jedoch zu einem Jahr Symptomfreiheit.

Migraine sans Migraine

Als es sie wieder ereilte, war sie bereits Medizinstudentin im ersten Semester in einer anderen Stadt und ging abermals zu einer Augenärztin. Diese stellte ad-hoc die richtige Diagnose, veranlasste keine weitere Diagnostik und sagte ihr, da könne man nichts machen: „Migraine sans migraine“, nannte sie es. In den folgenden Jahren nahm die Frequenz peu a peu zu, zunächst dreimal im Jahr, später dreimal im Monat, zuletzt mindestens einmal pro Woche. Nun suchte sie endlich einen Neurologen auf, bekam ein EEG, eine MRT und die Empfehlung eines Betablockers, der ohne Wirkung blieb. Mittlerweile hatte sie gelegentlich auch andere Aura-Phänomene: Negative Skotome (schwarze Flecken), Phosphene (Lichtblitze) und Kribbelparästhesien (Kribbelmissempfindungen), die einmal über die ganze Hand liefen und die Hand anschließend für ein paar Minuten taub, aber nicht gelähmt zurückließen. Doppelbilder traten auf, jeweils nur für wenige Minuten und ein diffuses Schwindelgefühl.

20 Jahre später

Im Verlauf ihrer Assistenzarztzeit besuchte sie in der Hoffnung auf neue wisenschaftliche Erkenntnisse diverse Fortbildungen diverser Kopfschmerzexperten, sie konnte aber keine wesentlichen finden, außer den Eindruck, damit alt werden zu können.

Vor der Medikation mit einem Antiepileptikum war sie immer zurückgeschreckt, vor allem wegen ihres Kinderwunsches. Auch für eine Medikation mit Thrombozytenaggregationshemmer, die man ihr probatorisch vorschlug, reichte der Leidensdruck nicht. Aufgrund einer anderen Erkrankung nimmt die Patientin nun doch passager einen Thrombozytenaggregationshemmer ein. Nach über 20 Jahren hochfrequenter Migräneaura ist sie seit 8 Monaten beschwerdefrei.

 

Bildquelle: Martin Fisch, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.10.2017.

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Flüchtiger Leser
Bei mir (männlich, jetzt 62 Jahre) trat das Flimmerskotom vor 20 Jahren häufiger auf. Ich war Vertreter und es trat während der Autofahrten oder bei Kundengesprächen auf. Es war sehr stressig, da ich sofort Einparken musste. Für 10 Minuten war ich fahruntüchtig. Die Anfälle dauerten 20 -30 min. Auslöser waren Hitze und starker Sonnenschein. Der Hausarzt diagnostizierte "Augenmigräne, da kann man nichts machen". Meine Eigentherapie war 20 min mit Schlafmaske im Auto sitzen. Nach dem Wechsel in den Innendienst bzw Home Office konnte ich die Anfälle besser abwettern. Inzwischen sind sie seltener und eher im Herbst/Winter, wenn ein Raum fußkalt ist, aber die Heizung für einen heißen Kopf sorgt. Leichte Kopfschmerzen traten nur selten auf, ein Druckgefühl schon.
#9 vor 34 Tagen von Flüchtiger Leser (Gast)
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Heilpraktikerin
Auch ich kenne das Flimmerskotom seit ca. 25 Jahren. Litt lange unter einer Migräne bei Beginn der Mens. Das Flimmern trat so gut wie nie in Kombination auf. Erst später konnte ich feststellen, dass das Flimmern in Zusammenhang mit Hypoglykämie stand, die bei mir schnell auftrat (Verdacht Insulinom wurde gestellt). Seitdem habe ich mittels Nahrungsumstellung mit weniger Kohlenhydraten, sehr viel mehr an pflanzlicher Kost (Wildkräuter, Omega 3 Versorgung n. Dr. Budwig usw.) meinen Stoffwechsel "trainieren" können. Migräne habe ich so gut wie gar nicht mehr (allerdings befinde ich mich auch in den Wechseljahren) aber das Flimmern ist komplett verschwunden. Für mich ist klar: Stress, starke Blutzuckerschwankungen (durch Zuviel Kohlenhydratzufuhr) und zuwenig an sek. pflanzenstoffen, Vitaminen u. Mineralien ist Hauptursache. Jetzt bin ich nach einem Wildkräuter Smoothie mit allem so gut versorgt, dass ich sehr lange satt bin (ohne Hunger u Appetit auf Ungesundes) ohne Mahlzeit auskomme und das ohne Unterzuckerung.
#8 vor 38 Tagen von Heilpraktikerin (Gast)
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Der Therapieansatz mit einem Thrombozytenaggregationshemmer klingt sehr interessant. Mich würde die Dosierung interessieren, aber auch die andere Krankheit, weswegen er genommen wird. Vielleicht ist diese ein Co-Faktor für das Flimmern?
#7 vor 38 Tagen von Alfred Geißler (Arzt)
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Gast
Ich habe das Flimmern seit meiner Kindheit. Immer hervorgerufen durch Lichtreflexe der Sonne. Damals mit wahnsinnigen, heute gänzlich ohne Kopfschmerzen und deutlich seltener (1 x pro Jahr und weniger). Meine Frau hat es auch seit ihrer Kindheit und bis heute hin und wieder bei Wetterwechseln und immer mit massiven Kopfschmerzen. Es hilft stets Paracetamol 500 mg oder ASS 500 mg. Da wir alle damals nicht wussten, dass auch ein Insult Ursache hätte sein können, haben wir und unsere Altvorderen das eher unbesorgt verarbeitet. Im Alter des ersten Auftretens wäre m.E. allerdings die Annahme eines ischämischen Insults auch eher abenteuerlich gewesen.
#6 vor 39 Tagen von Gast
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Gast
Ein Flimmerskotom ist keine Diagnose, es ist ein Symptom. Die meisten Ursachen sind vollkommen harmlos aber einige nicht. Es ist wichtig zu wissen dass bei akuten Gesichtsfeldausfällen und/oder ähnlichen Beschwerden der Schlaganfall durchaus eine der möglichen Differentialdiagnosen sein kann, ebenso die Migräne. Wenn sich hinterher herausstellt dass alles in Ordnung ist ist das ja gut und schön aber im Zweifelsfall ist bei akut einsetzenden Beschwerden die Untersuchung und Überwachung auf eine Stroke Unit das richtige Vorgehen, auch ist bei nicht-akuter neu aufgetretener Migräne zeitnah ein cMRT sinnvoll.
#5 vor 40 Tagen von Gast
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Bei mir ging das Flimmern nach etwa einer halben Stunde weg, etwas schneller mit einer Tablette Paracetamol. Einmal hatte ich ein paar Stunden Gedächtnisverlust. Nach Ausschlussuntersuchungen (MRT) kam ich selbst auf die Diagnose: Migräne.
#4 vor 40 Tagen von Dr. rer. nat. Wolfgang Poltz (Biologe)
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Gästin
Ich habe Migräne mit Aura; angefangen hatte es aber mit Aura ohne Kopfschmerzen. Als es das erste Mal flimmerte, dachte meine Nachbarin an eine Netzhautablösung und fuhr mich zum Augenarzt. Der stufte das aber relativ schnell als Migräne- Geschehen ein. Erstmal wurde nichts unternommen, mittlerweile bin ich bei Triptanen. Die Prophylaxe mit Venlafaxin und Pregabalin wurde ausprobiert, hat jedoch die Anfallshäufigkeit nicht verringert. Das nächste Mal werde ich meinen Neurologen nach einem Thrombozytenaggregationshemmer fragen bzw. wie er das einschätzt, danke für den Artikel.
#3 vor 40 Tagen von Gästin (Gast)
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Gast
Plötzliche grelle zackige und farbige flimmernde Muster im Auge verhinderten, das ich überhaupt etwas Lesen konnte. Der konsultierte Augenarzt vermutete einen Schlaganfall und überwies mich in eine Stroke Unit, obwohl die Symptome nach einer knappen Stunde verschwunden waren. Im Krankenhaus hing ich eine Woche am Monitor, ohne dass Auffälligkeiten erkennbar waren. Erst geraume Zeit später hörte ich in der "Sprechstunde" des Deutschlandfunks die richtige Diagnose: Flimmer Skotom. Scheint nicht allen Augenärzten geläufig zu sein. Auftreten ca. einmal pro Jahr.
#2 vor 40 Tagen von Gast
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Sehr interessant. Da interessiert mich doch, welcher Thrombozytenaggregationshemmer das war; vielleicht vervollständigen Sie den Artikel noch diesbezüglich? Herzlichen Dank dafür!
#1 vor 40 Tagen von Heilpraktiker Peter Enslin (Heilpraktiker)
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