Wer saufen kann, kann auch pöbeln

10.10.2017
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Ich hasse diese Diskussionen. Der Rettungswagen hat einen jungen Mann hergebracht, der jetzt vor mir steht bzw. schwankt. Es ist fünf Uhr morgens, er hat ein Monokelhämatom, es sickert Blut aus der Nase. Er ist betrunken und wenig kooperativ. Und ich bin genervt.

Der junge Mann wankt und schwankt und lallt. Leider nicht so betrunken, dass er nur noch liegen kann. Ein ebenso betrunkener Freund begleitet ihn. Die Polizei hat sie am Straßenrand aufgelesen und den Rettungswagen alarmiert.

Es gibt zwei Möglichkeiten

Es gibt keine Fremdanamnese und natürlich kann sich keiner der beiden erinnern, was passiert ist. Der Mann gehört ins CT. Er ist neurologisch nicht beurteilbar, zumindest das Jochbein und die Nase sind gebrochen. Vielleicht noch mehr. Ruhig liegen bleiben ist nicht. Ich erkläre ihm die Situation. Hilft schon mal gar nicht. Sein Freund sitzt mit einem Lachanfall auf dem Boden, er findet alles verdammt komisch. Und ich hasse die Situation noch mehr. Der Freund fliegt aus dem Zimmer in den Wartebereich und ich versuche, es dem jungen Mann noch einmal zu erklären. Für ihn gibt es zwei Möglichkeiten:

Eins, zwei oder Polizei

Nummer 1 kommt für ihn nicht in Frage. Völlig unnötig. Ihm gehe es blendend. Das Blut aus der Nase ist nicht so schlimm. Nummer 2 geht natürlich überhaupt nicht. Er unterschreibt den Wisch selbst, meint er. Mit über zwei Promille wird mich der Richter auslachen. Die dritte Möglichkeit, sich bei uns in ein Bett zu legen, schlage ich erst gar nicht vor. Hier bleibt er nicht.

Als er ärgerlich wird und unruhig, gehe ich selbstverständlich aus dem Weg. Er verlässt die Notaufnahme taumelnd. Fünf Minuten später gebe ich der Polizei Bescheid. Als die ihn findet, liegt er an der Bushaltestelle. Er lässt sich widerstandslos auf die Trage und ins CT schieben. Er hat eine kleine subdurale Blutung und eine Mittelgesichtsfraktur. Auf Intensivstation schläft er seinen Rausch aus. Am nächsten Tag entlässt er sich gegen ärztlichen Rat.

Ein typischer Fall, bei dem ich jedes Mal wieder neu überlegen muss. Sichtlich alkoholisierte, verletzte Patienten, die die ärztliche Behandlung verweigern. Wie geht ihr damit um?

 

Bildquelle: Dimitar Atanasov, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 17.10.2017.

51 Wertungen (4.78 ø)
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Gast
Ganz ehrlich, wenn bei mir einer anfängt zu randalieren werde ich nach folgendem Schema gehen: 1) Eigenschutz, 2) Schutz meiner Mitarbeiter 3) Schutz der anderen Patienten. Wenn der alkoholisierte unbedingt gehen will soll er doch. Ich ruf zwar hinterher die Polizei an und sag der bescheid aber ich stell mich sicher nicht jemanden in den Weg. Glücklicherweise sind die meisten "meiner Alkies" die Sorte gewesen die friedlich ihren Rausch ausschlafen. trotzdem doof weil die somit eine meiner Notfallliegen für die ganze Nacht blockieren.
#16 am 17.10.2017 von Gast
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Gast
Das stimmt leider, trotzdem würde ich es nicht verantworten wollen den Pat gehen zu lassen, wenn er nicht einwilligungsfähig ist. Das muss jeder Arzt eigenverantwortlich selbst entscheiden.
#15 am 15.10.2017 von Gast
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Gast
Das mit der Zwangseinweisung sagt sich immer so leicht... nicht jede Klinik hat eine geschlossene Abteilung, viele Psychiatrien lehnen eine nächtliche Zuverlegung aus anderen Häusern ab und eine Fixierung ist nur mit Monitoring zulässig. Also entweder Verlegung was enorme Kosten verursacht oder Intensivstation was noch mehr Kosten verursacht. Und das nur weil irgendjemand meint zu tief ins Glas schauen zu müssen
#14 am 15.10.2017 von Gast
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Gast
Ist der Patient einwilligungsfähig? Ja/Nein Wenn ja, dann muss er unterschreiben oder im Beisein von mehreren Zeugen die Unterschrift verweigern. Wenn Nein, dann Zwangseinweisung bis Pat wieder einwilligungfähig. Jedes Land hat da andere Gesetze z. B. in Sachsen bis zum Folgetag 10 Uhr. Wenn Pat bis dahin nicht wieder einwilligungsfähig, dann muss der Richter kommen und entscheiden. In der Regel sind die Pat bis dahin wieder ausgenüchtert und wieder einwilligungsfähig.
#13 am 15.10.2017 von Gast
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Traurige Wahrheit, leider. Aber noch schlimmer ist, diese Vorfälle passieren mittlerweile selbst innerhalb der Woche immer häufiger wobei das Publikum immer jünger und zunehmend aggressiver wird. Es gibt manchmal Tage da fragt man sich warum man sich das alles noch antut? Und dann kommt auf einmal wieder einer dieser Einsätze wo Omi Dich mit strahlenden Augen anschaut und leise zu dir "Danke das Ihr da seid" sagt und meine Hand drückt. Und schon weiß ich wieder warum ich diesen Job mache....weil ich diesen Job einfach liebe!
#12 am 12.10.2017 von Michael geb. Gabbert Lähndorf (Rettungsassistent)
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Gast X
Tägliches Brot in jeder Notaufnahme. Allerdings sind es nicht ausschließlich Alkoholiker. Einige Alkoholiker sind oft gut bekannte Dauergäste die immer wieder kommen. Man sieht sich regelmäßig, kennt sich und weiß oft gut wie man miteinander umzugehen hat. Ich schätze etwa die Hälfte der Patienten mit C2-Intox sind Erstvorstellungen, "Opfer" von Festen oder Jugendliche im Zustand nach Komasaufen. Dieser sorglose Umgang mit Alkohol unter (noch-)Nichtalkoholikern ist hochproblematisch. Es werden unnötigerweise Ressourcen und wichtige Intensivbetten verbraten. Sollte man IMHO selbst bezahlen. Nachts angerufene Angehörige weigern sich teilweise zu kommen und die Früchtchen abzuholen ("behaltet ihn für eine Nacht, als Lektion"). Ja klar, wir haben ja sonst nichts besseres zu tun und die Allgemeinheit muss den Spaß auch noch bezahlen nur weil Mami und Papi lieber in Ruhe schlafen wollen als zu Hause die Kotze aufzuwischen...
#11 am 12.10.2017 von Gast X (Gast)
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Gast
Hatte nen Fall gehabt bei dem 5 alkoholisierte Halbstarke auf meinen Notfall geschneit sind die sich zuvor mit ein paar Polizisten geprügelt hatten. Da "mein" Krankenhaus grenznah war sind sie natürlich fix über die Grenze zu mir gekommen. Und ich war allein mit 1 Schwester und wir hatten kein CT oder ähnliches. Phase 1 war erst mal Trennung der Rotte, Phase 2 war mal grobe Untersuchung so weit wie möglich. Waren meist leichte Verletzungen, 1 Kerl war nicht alkoholisiert und konnte vernünftige Aussagen zu machen. 1 Kerl hatte nen übles blaues Auge. Hab die aufgeklärt dass sie eigentlich ins nächst-größere Krankenhaus mit CT verlegt werden müssten, haben die aber abgelehnt. Da der eine Kerl als einziger nicht alkoholisiert war und der Bruders desjenigen war den ich als kritischten einschätzte, unterschrieb er mir auf den Bruder zu achten. Alle 5 bekamen Briefe und Dokumentationen und ein Merkblatt für Commotio. Der eine hatte tatsächlich ein epidurales Hämatom 5 Tage später...
#10 am 12.10.2017 von Gast
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Gästin
Nun ja. Er hat ja eigentlich niht gepübelt - in dem Sinn, dass er das medizinische Personal beleidigt oder bedroht hätte. Er wollte nur nicht bleiben. In dem Fall könnte die Polizei helfen: Erst bei der Untersuchung dabeibleiben und dann mitnehmen in die Ausnüchterungszelle. Mein Mitgefühl gilt den Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten, die tagtäglich mit diesen Leuten zu tun haben, auch wenn diese ja eigentlich alkoholkrank sind und andersweitig therapiert gehören.
#9 am 12.10.2017 von Gästin (Gast)
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Gast
Die Polizei, Dein Freund und Helfer, wenn's um's Fixieren geht. Traurig, aber wahr.
#8 am 11.10.2017 von Gast
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Genauso wie sie gemacht haben. Bei Blutungen kann man diese Leute nicht entlassen. Jeder Pat ernst nehmen. Viel Erfolg
#7 am 11.10.2017 von Mohamed Lamine benghebrid (Arzt)
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2. Er lässt sich von einem Verwandten abholen, der für ihn die Betreuung übernimmt und mir die Entlassung gegen ärztlichen Rat unterschreibt. Das wäre manchmal praktisch, geht aber nicht, da der volltrunkene Patient sicher niemanden bevollmächtigen kann, die Entlassung gegen ärztlichen Rat zu unterschreiben.
#6 am 11.10.2017 von Antonia Hammer (Ärztin)
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Gast
Aus übler Erfahrung an der eigenen Klinik, gottseidank nicht in meiner Verantwortung, bin ich heute bei solchen Dingen maximal sicherheitsorientiert. Heute betreibe ich bei der genannten Konstellation die Zwangseinweisung, internistisch-intensiv mit angeschlossener Psychiatrie, ohne Wenn und Aber. Wir hatten einen sehr betrunkenen Patienten ohne sichtbare Verletzung, der sich selbst, immer noch volltrunken, durch Flucht aus der intensivmedizinischen Überwachung entlassen hat. Polizei fand ihn nicht mehr in der Nacht. Die Hausmeister fanden ihn morgens tot im Gebüsch des Klinikparks. Die Hirnblutung. Es gibt nichts, was es nicht gibt, und der alkoholisierte Patient ist eine üble Herausforderung. Auch wenn man im Moment das Gefühl hat, ziemlich zu übertreiben. Es bergen diese Patienten zu viel Gefahr für sich selbst und für die Berufslaufbahn des verantwortlichen Arztes. Und letztere ist auch wichtig.
#5 am 11.10.2017 von Gast
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Aber um auf die Frage zurückzukommen: Am Anfang meiner ärztlichen Laufbahn hatte ich auch diese Probleme. Im Krankenhaus hatte ich notfalls meinen Chefarzt, der durch sein imposantes Auftreten jeden Patienten überzeugte, in den ersten Notfalldiensten stand ich dann allein da. Bei der ersten schwierigen Situation, Patient total betrunken, Zustand nach Schlägerei, multiple Verletzungen, fast handgreifliche Ablehnung einer ärztlichen Behandlung, holte ich auf Rat eines befreundeten Polizisten die Polizei. In erster Linie eigentlich wegen der Schlägerei und quasi als Zeugen für die Ablehnung. Die Polizisten waren sehr freundlich, sahen überhaupt kein Problem, baten mich um einen Einweisungsschein und brachten ihn mittels Zwangseinweisung im Nervenkrankenhaus unter, das sich glücklicherweise in der gleichen Stadt befand. Aber auch ohne NKH bleibt einem nach 1 oder 2 nur die Polizei, die den Patienten auch gegen seinen Willen festhalten darf. Wir Ärzte dürfen das nicht.
#4 am 11.10.2017 von Alfred Geißler (Arzt)
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Am besten sollte man dann gleich auch einen Jurastudenten danebenstellen, dass auch die Juristen einmal sehen, wie die Umsetzung juristischer Vorgaben in einer solchen Realität aussieht. Patientenaufklärung? Notfall? Behandlung gegen den Willen? - Ein Arzt muss oft genug in Sekundenschnelle entscheiden. Macht er dann einen Fehler, hat der Jurist dann 12 Wochen Zeit, ihm daraus einen Strick zu drehen.
#3 am 11.10.2017 von Alfred Geißler (Arzt)
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Wenn doch offensichtlich eine Eigengefährdung besteht, müßte man diese Fälle doch eigentlich fixieren dürfen, oder? Mit Besoffenen kann man nicht diskutieren, das ist doch klar.
#2 am 11.10.2017 von Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann (Nichtmedizinische Berufe)
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Ich kann nur sagen: Zum Glück muss ich damit nicht mehr "umgehen" - dies hatte ich in der Urologie - in diesem Fall mit alkoholisierten/drogensüchtigen "Harnverhaltungen" - zur Genüge. Es gibt viele Gründe, dem Klinikalltag den Rücken zu kehren. Den diensthabenden Assistenzärzten kann man hier nur die Daumen drücken, dass sie diese Zeit ohne Nervenzusammenbruch, Amoklauf oder juristischen Verfahren überstehen. Das ist leider mal die gesellschaftliche Situation heute - und gedankt wird es weder persönlich noch finanziell. Ich würde jeden Medizinstudium "Aspiranten" 2 Monaten zwangweise in einer zentralen Notaufnahme Dienst tun lassen als Grundvoraussetzung für eine Zulassung zum Studium - damit die gleich mal Bescheid wissen, was nach dem Staatsexamen dann so abgeht.
#1 am 11.10.2017 von Dr. med. Michael Schmiedle (Arzt)
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